MM_Churchill
Zu den Kommentaren
28. Oktober 2005, 11:10 Uhr, Geschrieben von Miriam Meckel

Im Jahre 2015

Kurz vor seinem Tod traf sich der Soziologe Niklas Luhmann mit einem Kollegen in Berlin am Bahnhof Zoo. Die beiden redeten lange miteinander. Kurz vor der Verabschiedung fragte Luhmann: „Gibt es eigentlich den Berliner Zoo noch?“ Sein Kollege antwortete nicht, ahnte er doch, dass sich hinter der Frage keine einfache Antwort, sondern etwas viel Größeres versteckte.

Luhmann wollte gar nicht wissen, ob es den Zoo noch gibt. Er wollte hinweisen auf die Beobachtung, dass diese Frage sich eigentlich gar nicht mehr stellt. Der Zoo hat an Bedeutung als Bezugsgröße verloren. Geblieben ist ein Ort, an dem Menschen von Ost nach West und Nord nach Süd transportiert werden. So geht es manchmal, wenn die Wirklichkeitskonstruktionen einer Gesellschaft die Bezüge zwischen dem Bezeichneten und dem Bezeichnenden verlieren. Wenn in Berlin einer am Zoo vom „Zoo“ spricht, versteht der andere in der Regel „Bahnhof“.

In der Politik ist es derzeit ähnlich: Auf dem Verschiebebahnhof der Macht werden soviele Posten, Personen und Koalitionskonstellationen hin und her bewegt, dass einem schwindelig werden kann. Politiker und Journalisten sind ständig in Rotation. „Rasender Stillstand“ hat Paul Virilio diesen Zustand beschrieben, wenn die Beschleunigung uns aus einem Schwerefeld hinauskatapultiert, aber die Bewegung in ewiger Trägheit endet. Die Demokratie ist ein solches Schwerefeld. Sie zieht viele magisch an, aber jeder von ihnen braucht all seine Gleichgewichtssinne, um in ihm nicht vom Weg abzukommen und im Graben zu landen.

Eine große Koalition scheint besonders anfällig dafür, sich inmitten dieses Schwerefelds einzurichten – umgeben von Bewegungswirbeln, aber nahezu eingefroren in ihrem Innersten. So sagen diejenigen, die einer großen Koalition von jeher skeptisch gegenüber stehen. Ich glaube, die große Koalition hat eine gute Chance, uns alle wieder auf Trab zu bringen. Indem sie die Themen aufgreift, die längst gut vorbereitet sind und doch noch immer wie Zementblöcke vor den Türen liegen, hinter denen sich viele kleine Chancen auf Veränderung verbergen. Sie kann die Reform des Föderalismus, die Sanierung des Staatshaushalts und den Abbau von Subventionen anpacken – das wäre viel und es wäre wirkungsvoll. Und vielleicht lenkte es das Augenmerk manch eines Beteiligten wieder mehr auf die politischen Inhalte und weniger auf die Ränkespiele.

Stellen wir uns doch vor: Im Jahre 2015 trifft Bundespräsidentin Angela Merkel Franz Müntefering am Bahnhof Zoo. Müntefering fragt: „Sag mal, Angela, gibt es eigentlich den Stoiber noch?“ Angela Merkel schweigt und lächelt, ahnt sie doch, dass sich hinter dieser Frage keine einfache Antwort, sondern etwas viel Größeres verbirgt.

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30 Reaktionen

  1. 28. Oktober 2005, 23:46 Uhr, von Peter Hogenkamp
    01

    Liebe Frau Meckel,
    willkommen in St. Gallen. Und sehe ich das richtig, Sie haben just heute Morgen das erste Posting in Ihrem Blog ver?ffentlicht? Dann nicht minder herzlich willkommen in der „Blogosphere“.
    „Mediapolis“ ?brigens heisst eine schweizweit bekannte PR- und Lobbying-Firma mit einigen T?chtern, auch mit Sitz in St. Gallen, gegr?ndet und gef?hrt vom FDP-Nationalrat Peter Weigelt. Das war sicher Zufall, oder? Vielleicht wollen Sie den Namen Ihres Blogs noch etwas finetunen, um Verwechslungen auszuschliessen.
    Guten Start an der HSG!

    Antworten
  2. 28. Oktober 2005, 23:48 Uhr, von Peter Hogenkamp
    02

    Umlaute sollte er schone ganz gern koennen, der Blog, auch in den Kommentaren. Da muss der/die Programmierer/in nochmal ran. Dabei kann er/sie auch gleich das Kommentar-Eingabe-Textfeld etwas gr?sser machen.

    Antworten
  3. 31. Oktober 2005, 11:12 Uhr, von Sascha Kempe
    03

    öäü. Kommentare jetzt auch mit Umlauten. ;-)

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  4. 31. Oktober 2005, 18:29 Uhr, von Peter Hogenkamp
    04

    Immerhin, man schreibt hier Kommentare nicht ins Nirwana. Erster Teil des Blogtests bestanden.
    Gruss, Peter
    PS. Die Schreibweise ist „Revanche“ (beim Pong). Sonst sehr cool. :-)

    Antworten
  5. 1. November 2005, 11:57 Uhr, von A. Senz
    05

    Die große Koalition könnte eine gute Chance haben, da stimme ich Ihnen zu.
    Aber was geschieht, wenn ein Teil der Koalition bereits im Vorfeld auseinanderbröckelt?

    Antworten
  6. 1. November 2005, 12:41 Uhr, von Miriam Meckel
    06

    Tja, jetzt geht alles wieder zurück auf Fragezeichen. Ich wundere mich ein bisschen, dass alle sich wundern, was in der SPD gestern geschehen ist. Ich glaube nämlich, man hätte die Zeichen lesen können. In einer großen Koalition kommt es noch mehr darauf an, dass die SPD mal wieder zu einer programmatischen Form zurückfindet, in der sich nicht alle ohne Murren, aber als Ergebnis eines Meinungsbildungs- und Diskursprozesses wiederfinden können. Die Personalfrage Generalsekretär/in steht dafür: Wird sich die SPD(führung) darum bemühen oder nicht? Müntefering hat sich verkalkuliert. Man kann Unterstützung nicht verwalten, man muss sie durch oft schwierige inhaltliche Auseinandersetzungen herbeiFÜHREN.

    Antworten
  7. 1. November 2005, 14:40 Uhr, von Siegmund Natschke
    07

    Die SPD befindet sich in der Zwickmühle zwischen angestrebter Großer Koalition und potentieller Bedrohung durch die Linkspartei. Das Machtvakuum innerhalb der SPD-Führung hätte Lafontaine für sich nutzen können, wenn er denn in der SPD geblieben wäre.
    Es stimmt, in der Personalfrage selbst hätte Müntefering mehr Fingerspitzengefühl zeigen können. Und jetzt? Neue Wahl, neues Glück. Vielleicht.

    Antworten
  8. 1. November 2005, 14:41 Uhr, von A.Senz
    08

    Hm. Hat sich Müntefering wirklich verkalkuliert?
    Aus den eigenen Reihen erklingen Stimmen, wenn man den Ausgang bzw. die Konsequenz erahnt hätte, hätte man sein Votum überdacht und sicherlich anders gewählt.
    Dies dann offensichtlich auch ohne inhaltliche Auseinandersetzung Münteferings.
    Wie sollte man unter den o.g. Aspekten diese Wahl deuten? Wie lautet hier die Interpretation des Wählerverhaltens?
    Vielleicht sollten wir keine Fragen stellen, sondern uns lediglich darüber freuen, dass Herr Stoiber im schönen Bayern bleibt.

    Antworten
  9. 1. November 2005, 23:44 Uhr, von Aron
    09

    Lustig, dass jetzt auch schon ProfessorInnen der „Corporate Communication“ (was für ein netter Name) die Blogosphäre entdecken. Willkommen !!! Bin gespannt, was ich hier zu lesen kriege.

    Antworten
  10. 2. November 2005, 19:58 Uhr, von Freya
    010

    völlig OT und auch auch gar kein Kommentar zu der „Zukunftsvision“…

    Hallo Frau Meckel,
    vielen Dank für die Pipifax Site, soviel Zeit muß sein!

    Ansonsten bin ich auch durchaus voller Erwartung was hier in nächster Zeit noch zu lesen sein wird!

    Antworten
  11. 2. November 2005, 21:44 Uhr, von Cate Drinkorn
    011

    Was eine eventuelle Neuwahl betrifft glaube ich nicht, daß die dann für „neues Glück“ stehen würde, da das derzeitige Szenarium auch für Nichtpolitologen einen ziemlich enttarnenden Charakter hat… Vielleicht sollte man es einsehen: politische Vorgänge sollten nicht unbedingt das Maß des eigenen „Lebensglücks“ sein. Zwar muß eine gewisse Aufmerksamkeit dafür sorgen, daß humanitäre und soziale Grenzen nicht überschritten werden, schlußendlich aber bleibt von der Politik der da „oben“ auf dem Weg in mein Leben nicht wirlich sehr viel übrig…
    Die Medien verfehlen diesen Gedanken meines Erachtens momentan und suggerieren seit längerem, daß die Bundespolitik und das Leben eines einzelnen 1 zu 1 nebeneinander bestehen.
    Darauf habe ich aber, ehrlich gesagt, keinen sogenannten „Bock“ mehr…

    Gruß und Dank für die neue Seite.

    P.S. : Viele Touristen fragen mich des öfteren immernoch nach dem „Bahnhof Zoo“… – Was sagt uns das? ;o)

    Antworten
  12. 3. November 2005, 11:27 Uhr, von A.Senz
    012

    Und somit haben wir eine schöne Überleitung zur vielbestaunten Werbekampagne „Du bist Deutschland“.
    Herbert Grönemeyer würde sagen:“Was soll das…“?
    Soll hier ein Patriotismus oder vielmehr ein Pseudopatriotismus geschürt werden, der bei vielen Menschen nicht oder nicht mehr vorhanden ist?
    Ich bin kein Schmetterling, nicht der Baum und auch nicht Deutschland.
    Vielleicht sollten wir es besser mit Wahlsprüchen der Aufklärung halten. Sapere aude, habe Mut dich deines eigenen Verstandes zu bedienen.

    Antworten
  13. 3. November 2005, 18:51 Uhr, von Miriam Meckel
    013

    Zu meiner grossen Freude hängt mein persönliches Lebensglück auch nicht von der Politik ab, aber spannend finde ich das Ganze schon. Und es kann ja auch ein gutes Gefühl sein, gut regiert zu werden. Mal sehen, ob und wann dieses Gefühl eintritt.
    Apropos Gefühl: Manchmal habe ich den Eindruck, wir Deutschen sind damit oft ein bisschen überfordert. Stichwort: Du bist Deutschland. Natürlich kann man an der Kampagne einiges kritisieren. Aber die ganze Kritik daran macht andererseits auch deutlich, wie nötig eine solche Kampagne ist. Ob sie unter diesen Voraussetzungen funktionieren kann, ist eine andere Frage.

    Antworten
  14. 4. November 2005, 2:12 Uhr, von Aron
    014

    Also, bei mir ist die „Du bist Deutschland“-Kampagne eher als Aufruf angekommen, mal das Jammern über und die oft leider vorhandene Anspruchshaltung gegenüber Vater Staat sein zu lassen und statt dessen, sein eigens Schicksal selber mehr in die Hand zu nehmen. Sich zu engagieren und nicht passiv da zu sitzen und nichts zu tun, weil die Welt ja so schlimm ist…
    Prinzipiell würde ich dem voll und ganz zustimmen, denn man kann ein Land auch schlechter reden als es ist. Und Kritik ala „Ich bin mit der Gesamtsituation unzufrieden“ ist mir persönlich zu pauschal. Ich hätte da gerne konkrete Meinungen und Verbesserungsvorschläge.
    Die Tatsache allerdings, dass wir dafür eine Medien-Kampagne brauchen, um uns scheinbar wach zu rütteln (und selbst die nicht so ganz zu funktionieren scheint), stimmt mich doch ein wenig bedenktlich, was den „Zustand“ unseres Landes oder besser der Menschen unseres Landes angeht. Es wirkt (mit Verlaub) ein wenig krampfhaft und hilflos.

    Antworten
  15. 4. November 2005, 8:43 Uhr, von Yvonne Herzmann
    015

    Dem kann ich nur zustimmen, spannend ist es in jedem Fall. Aber was heisst es, “gut regiert zu werden?? Ich denke, uns gehen manchmal ein wenig die Relationen verloren (wobei ich mich diesbezueglich definitiv nicht ausschliesse). Alles, was funktioniert, wird als selbstverstaendlich hingenommen, sich ueber den Rest zu beschweren faellt leicht. Kritik kann allerdings auch konstruktiv sein, vielleicht sollten wir uns dessen mal wieder ein wenig besinnen…

    Hoffen wir, dass sich nach all dem Machtgerangel in Berlin die Politiker herauskristallisiert haben, die eben ueber ihren eigenen Gartenzaun hinausdenken. Wir alle sind Deutschland ;)

    PS: Bemerkenswerte Metamorphose Ihrer Website – es ist wirklich ein Vergnuegen, vorbeizuschauen.

    Antworten
  16. 4. November 2005, 13:20 Uhr, von Cate
    016

    Harald Schmidt gestern abend in seiner Sendung: „Edmund Stoiber muß sich nun keine Gedanken mehr darüber machen, ob die Ostdeutschen die Wahl entscheiden… Nein, denn sie haben die Wahl gewonnen!!“ Haha (der Schelm…)
    Aber im Ernst, die momentanen Personalkonstellationen kommen Angela Merkel schon eher entgegen und birgen in der Tat Chancen… Aus meiner Sicht ist die Entwicklung eine überraschende Wendung in die richtige Richtung…
    Allerdings parallel dazu: Die Koalitionsverhandlungen, bei denen all die „üblichen Verdächtigen“ noch an einem Tisch sitzen… *grübel*
    Die Deutschland-Kampagne, ja… Ich halte sie durchaus nicht für schlecht und auch hat es etwas ironisches: Was ist die Antwort auf eine Kampagne gegen Meckern in Deutschland? Richtig: Meckern in Deutschland! Der Zeitpunkt ist wohl (ungewollt) wirklich schlecht gewählt… Schade.

    Antworten
  17. 4. November 2005, 21:12 Uhr, von Heike Scholten
    017

    Liebe Miriam, ja, der Peter Hogenkamp hat Recht. Und wenn Du dir ein genaueres Bild von NR Weigelts politischem Profil machen möchtest, kannst Du bei Gelegenheit mal hier reinschauen: http://sotomo.geo.unizh.ch/spider/frakt/R.html… LG, Heike

    (Es ist ja wirklich komisch, dass ich den Peter ausgerechnet „hier“ wiedertreffe)

    Antworten
  18. 5. November 2005, 10:07 Uhr, von Siegmund Natschke
    018

    Die „Du bist Deutschland“-Kampagne ist von der Idee her nicht schlecht, aber die Umsetzung hätte besser sein können. Insbesondere was die Bilder anbetrifft. Marcel Reich-Ranicki und Walter Kempowski sieht man „natürlich“ vor einer Bücherwand. Oliver Kahn natürlich auf dem Fußballplatz, Anne Will natürlich in Hamburg und wo befindet sich der Chirurg? Natürlich im OP. Ungewollt wird so gerade nicht vermittelt, etwas „Neues“ zu wagen. Viel spannender wäre es z.B. gewesen Oliver Kahn beim Bücherlesen zu zeigen oder Marcel Reich-Ranicki beim Fußballspielen.
    Der Text ist etwas metaphorisch, was grundsätzlich nicht schlecht ist. Aber „Du bist der Baum“ ist des Guten dann doch etwas zuviel.

    Antworten
  19. 5. November 2005, 12:53 Uhr, von EVO
    019

    Marcel Reich-Ranicki hat sich übrigens neulich an einem für ihn sehr typischen Aufenthaltsort, auf der Frankfurter Buchmesse, deutlich von der Kampagne distanziert. Das wirkte so nach „älterer Herr von Drückerkolonne ’reingelegt“. Behauptete er doch nicht genau gewusst zu haben, worum es da eigentlich geht.

    Die Kampagne kann nicht funktionieren, wenn nicht alle Beteiligten dahinter stehen oder wenigsten den Eindruck machen. Soviel Gespür haben „wir Deutschen“ vielleicht dann doch noch.

    Und wer ist im Jahr 2015 Bundeskanzlerin?

    Antworten
  20. 5. November 2005, 14:03 Uhr, von Aron
    020

    Marcel Reich-Ranicki beim Fussballspielen hätte vermutlich einen höheren Unterhaltungswert gehabt, als ihn vor einem Bücherregal zu zeigen, das ist schon wahr, aber es ging doch wohl auch drum zu zeigen, dass wir einen Haufen gute Leute haben, die eben in ihren Bereichen spitzenklasse sind. Und in diesem Zusammenhang macht es wenig Sinn sie bei was völlig anderem zu zeigen. Ich finde das schon okay. Was den Baum und den Schmetterling angeht, das war mir allerdings auch zu viel, da stimme ich zu.

    Antworten
  21. 5. November 2005, 18:37 Uhr, von Cate
    021

    Offensichtlich eine Disziplin, die wenige Menschen beherrschen: Bei emotionalen Themen nicht in Richtung Kitsch und Sentimentalitäten abzudriften, dennoch das Medium „Gefühl“ zu nutzen, um Botschaften zu transportieren… Das ist aber kein rein deutsches Problem. Es gibt sogar andere Länder, die sehr viel bekannter dafür sind, daß es da schnell mal peinlich wird… *räusper*
    Ein anderes durchaus rein deutsches Problem ist der Umgang mit einem gewissen Nationalgefühl. Da wird viel zu schnell gleich die Notbremse gezogen und so mancher Vorwurf entpuppt sich als eigentlicher Hinweis auf eine offensichtliche Identitätskrise derer, die da gleich den Totalboykott ausrufen. Bestes Beispiel: Der Song „Was es ist“ der Berliner Band MIA. Worum es in diesem Lied eigentlich geht ist die Neuentdeckung eines ungefähren, noch nicht einmal klar definierten Nationalgefühls und dem von Hoffnung geprägten Blick in die Zukunft, wobei hier beides miteinander einher geht (also wie in der „Du bist Deutschland“ – Kampagne). Völlig unverständlich ist mir, wieso die Band unfassbare Anschuldigungen und Kritik einstecken mußte, als hätten sie zum Kollektivmarsch aufgerufen… Meine Güte! Aber schönes Hobby: Auf der permanenten Suche nach den vermeintlichen Fehlern anderer…

    Antworten
  22. 8. November 2005, 10:55 Uhr, von A.Senz
    022

    Das Nationalgefühl ist bei vielen Menschen an Unsicherheiten gekoppelt. Wie weit darf man gehen und wo sind die Grenzen?
    Den Blick auf unsere Geschichte und den damit verbundenen bitteren Beigeschmack, sollten wir nie vergessen. Gleichzeitig darf es aber auch nicht zur Hemmung der nötigen Entwicklungsprozesse des Landes führen. Diesen Mittelweg zu finden, scheint nicht immer leicht zu sein.
    Vielleicht war es einfach die Formulierung der Kampagne, die zu Unsicherheiten geführt hat. Es soll ja Signalworte aus unserer Vergangenheit geben, die zu einer kurzen Paralyse führen können. Letzlich hat die Kampagne viele erreicht, egal welch unterschiedliche Meinungen gebildet wurden.Diese Tatsache halte ich für sehr entscheident für unsere Zukunft. So zeigt sich doch, dass eine gewisse Gleichgültigkeit noch nicht manifestiert ist und es somit noch Hoffnung für die Entwicklung unseres Landes gibt.

    Antworten
  23. 8. November 2005, 17:13 Uhr, von Aron
    023

    Dem kann ich nur zustimmen. Und was das Nationalgefühl angeht ist es mir persönlich (mit besonderem Blick auf Deutschlands Vergangenheit) lieber, wir haben ein bißchen zu wenig davon, als zu viel. Im übrigen hat man sowas eben auch gar nicht nötig, wenn man gut ist ;-).

    Antworten
  24. 9. November 2005, 22:15 Uhr, von Miriam Meckel
    024

    Ich mache gerade die interessante Erfahrung eines „Umfeldwechsels“ von Deutschland in die Schweiz. Es ist wirklich spannend, wenn man das eigene Land von außern betrachtet (manchmal auch nicht so spannend, dafür etwas peinlich). So verfolge ich gerade intensiv die Berichterstattung der Neuen Zürcher Zeitung über die Koalitionsverhandlungen in Deutschland. Das Kopfschütteln über manchen Schach- oder Rückzug ist da noch ein bisschen größer … Und ich merke: die eigene Sicht der Dinge ist immer nur eine unter vielen möglichen.

    Antworten
  25. 10. November 2005, 10:04 Uhr, von Aron
    025

    Ja, sowas liebe ich sowieso…. mal alles aus einem anderen Blickwinkel betrachten, erweitert den eigenen Horizont ungemein!!! Etwas off-topic, aber im Prinzip ähnlich: ich gehe z.B. im Urlaub in anderen Ländern sehr gerne in Buchläden, greife mir einen Reiseführer über Deutschland und lese mal, was man im Land XY so über uns denkt. Sehr, sehr interessant!! Und um wieder zum Thema zurückzukehren: wie wäre es mit einem Posting (nicht nur einem Kommentar ;-)) über die Schweizer Sicht der deutschen Koalitionsverhandlungen…??

    Antworten
  26. 10. November 2005, 11:08 Uhr, von Aron
    026

    Trackbacks fehlen hier leider noch. Sonst könnte ich jetzt einen setzen.

    Antworten
  27. 10. November 2005, 14:34 Uhr, von Yvonne Herzmann
    027

    Ihre Auslandserfahung kann ich aus dem mehr oder weniger fernen Osteuropa (oder vielleicht hoeflicher ausgedrueckt aus dem Zentrum Europas) voll und ganz bestaetigen. Es ist tatsaechlich manchmal peinlich – aber die geografische Distanz macht es einem teilweise auch leichter, sich von der Sache zu distanzieren bzw. selbige distanzierter zu betrachten:)

    Antworten
  28. 10. November 2005, 14:52 Uhr, von Yvonne Herzmann
    028

    Gestern habe ich mir im Rahmen einer Diskussionsveranstaltung Leni Riefenstahls Film „Triumph des Willens“ angesehen. Es ist merkwuerdig, sich einen derartigen Film im Ausland anzuschauen. Ehrlich gesagt lies mich die Anrede Hitlers auf dem Parteitag in Nuernberg – Sie sind Deutschland! – nach der hier stattfindenden Diskussion ueber die „Du bist Deutschland“ Kampagne doch zusammenzucken.

    Wir gehen sehr vorsichtig mit unserer Geschichte und dem Gefuehl des Patriotismus um. Hier jedoch registrieren die Menschen erst jetzt, wie sehr uns unserer Vergangenheit diesbezueglich praegt und es erstaunt sie teilweise richtiggehend. Es war sehr interessant, dies aus Gespraechen zu erfahren und es zeigt, uns wird weniger nachgetragen, als wir es teilweise selbst empfinden.

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  29. 10. November 2005, 17:30 Uhr, von Cate
    029

    Ja, es ist wichtig, dass das auch mal gesagt wurde, denn die permanente Angst davor, im Ausland könnte man einem noch persönlich die Deutsche Geschichte nachtragen führt unter Umständen sogar zu Missverständnissen. Als ich in jungen Jahren (bin ich aber auch immernoch, hahaha) mal in West – Frankreich war arrangierte meine Gastfamilie einen Besuch in der Gedenkstätte von Oradour sur Glane (Ich glaub, der Ort hieß so… Jedenfalls haben die Nazis da ein furchtbares Massaker verübt, quasi das ganze Dorf ausgelöscht.) Natürlich hat mich das sehr berührt und im gleichen Moment fühlte ich mich von der französischen Familie angegriffen, war verletzt.
    Als ich zu einem späteren Zeitpunkt meine Austauschschülerin darauf ansprach war sie völlig entsetzt und erwiderte energisch, man habe mich in keinster Weise angreifen wollen sondern lediglich gedacht, es wäre vielleicht eine interessante kulturelle Unternehmung, mehr nicht. Tja, da war ich ganz schön baff… und hab schnell gemerkt, dass viele Konflikte im Zusammenhang mit unserer Geschichte in uns selbst ihren Ursprung haben…
    Gut, dass es diese Erlebnisse gibt, denn man lernt viel aus ihnen.
    In diesem Sinne.

    Antworten
  30. 20. November 2005, 14:50 Uhr, von sosviktoria@yahoo.de
    030

    Applaus! Formidable, formidable!
    Das zu lesen war fast besser als das neue Film von Jodie Foster!

    Weiterschreiben!
    Viktoria

    Antworten


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