MM_Dickinson
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11. Dezember 2005, 22:39 Uhr, Geschrieben von Miriam Meckel

Ein moralisches Angebot

Irgendwie muss hier ein Missverständnis vorliegen. Iran hat die TV-Übertragung der WM-Auslosung in Leipzig zensiert und die Szenen mit Heidi Klum herausgeschnitten, weil ihr Kleid „unmoralisch“ war. Nun gut. Es saß nicht, und Seide trägt um die Hüften auf, das weiß doch jedes Kind. Aber „unmoralisch“? Die einzigen offenen Momente des Auslosungsabends waren die, in denen das Décolleté Heidi Klums zu sehen war. Alles andere war deutsche Fernsehunterhaltung aus der geschlossenen Anstalt – bieder, uninspiriert und langweilig (mit Ausnahme des gewandten Medienchefs der FIFA, der die Auslosung unfallfrei gemanagt hat).

Für die Menschen in Iran muss es am schlimmsten gewesen sein. Denn sie konnten ja nun nie Heidi Klum oder wenigstens auch Heidi Klum sehen. Sie sahen immer nur Reinhold Beckmann (der hatte kein Décolleté). Stefan Niggemeier schreibt dazu in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung: „Liebe ausländische Fernsehzuschauer! Ich möchte mich für Reinhold Beckmann entschuldigen. Wir Deutsche sind nicht so. Wir mögen den auch nicht alle. Es gibt bei uns auch Fernsehmoderatoren, die bei so einer Gelegenheit … nicht das Kunststück versuchen, sich dadurch größer zu machen, dass sie sich vor jedem Gast so in den Staub werfen, als seien sie nur Gewürm, das es nicht verdient hätte, überhaupt auf demselben Planeten zu leben.“

Es gibt solche Moderatoren in Deutschland, nur waren sie leider am Freitag in Leipzig nicht im Einsatz. Statt dessen hat man einige live auf dem Schirm üben lassen, und das dann gleich mit der Bundeskanzlerin, die „uns jetzt vorliegt“ (Gerhard Delling).

Es gab einen Augenblick, da habe ich die Iraner beneidet. Dann nämlich als die beiden (man fasst es kaum), gemeinsam das Tanzbein schwangen. Als wäre zuvor nicht schon beim Reden deutlich geworden, dass hier so gut wie nichts harmoniert. Ich habe in Deutschland geguckt und nicht in Iran – das käme aufgrund der verirrten politischen Situation auch gar nicht in Frage. Ich musste also an dieser Stelle der deutschen Übertragung mal kurz wegschalten. Hätte ich in Iran geguckt, hätte ich an subversive Kräfte in Heidi Klum geglaubt. Sie hat ihr Décolleté beim Tanzen so nahe an Reinhold Beckmanns Gesicht herangeschoben, dass das kurzzeitig auch aus der Übertragung verschwand.

Aus der Sicht des einfachen Fernsehzuschauers war das der moralischste Moment des ganzen Abends.

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