MM_Einstein
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14. Januar 2006, 0:30 Uhr, Geschrieben von Miriam Meckel

Das existenzielle Funkloch

In Zukunft werde jeder Mensch für 15 Minuten berühmt sein – hat Popartist Andy Warhol schon vor vielen Jahren vorhergesagt. Wie die medial Zuwendung aussehen kann, die einen dann ereilt, können wir derzeit wieder einmal beobachten. Die Medien brauchen immer mehr Futter für die immer kürzeren und schnelllebigeren „Star“konstruktionen . Deshalb kann jeder kurzfristig zum Helden der Mediengesellschaft werden – oder auch zur Antiheldin.

Susanne Osthoff wurde zur Antiheldin, weil sie die Kernregeln nicht befolgt hat, die den medialen Aufputschprozess üblicherweise bestimmen. Nun wird sie nicht nach ihrer Arbeit im Irak bewertet, nach der Wichtigkeit des archäologischen Projekts, das sie mit finanzieller Hilfe der Bundesregierung dort betreut. Vielmehr werden ihre familiären Verhältnissen, ihre privaten Probleme, der vermeintlich mangelnde Kontakt zu ihrer Tochter zum Thema gemacht. Damit kommen wir an einen wirklich fragwürdigen Punkt der medialen Bewertung. Zugespitzt formuliert: Auch derjenige, der nicht dem klassischen Familienbild in Deutschland entspricht oder dieses nicht in aller Öffentlichkeit auswalzen will, hat das Recht, aus Entführerhand gerettet zu werden.

Wir können auch nicht von jedem Menschen erwarten, dass er den professionellen Kriterien gerecht wird, die in der heutigen medialen Inszenierungswelt verlangt werden. Es gibt eben Menschen, deren beste oder höchste Ausdrucksform nicht das Fernsehinterview ist und daran ist auch nichts zu kritisieren. Und: Wenn diese Menschen sich im Fernsehen erklären sollen und dann von den Journalisten nicht verantwortungsvoll geführt werden, gibt es die Probleme, die Susanne Osthoff gerade erlebt.

Nun sieht sie sich offenbar gezwungen, eine Medienkampagne für sich selbst zu führen, um ihren Ruf in Deutschland zu retten, weil der in der medialen Inszenierung gelitten hat. Ein Unterfangen, das vermutlich zum Scheitern verurteilt ist. Es sind einfach zu viele Faktoren im Spiel, die unkontrollierbar sind. Wer Opfer einer Entführung war, ist ein veränderter Mensch, der eher psychologische Betreuung braucht als mediale.

Niemand beherrscht seine eigene Medien-Biografie, weder ein Topstar noch ein so genannter Normalbürger. An einer Medien-Biografie arbeiten sehr viele Menschen mit. Hier sind mediale Konstruktionsprozesse im Gang, die sehr komplex sind und daher auch schnell aus dem Ruder laufen können

Beispiele ergeben sich immer dann, wenn Menschen zu vermeintlichen Medienstars werden, die zuvor nie mit den Medien zu tun hatten. Monica Lewinsky zum Beispiel, die durch ihre Affäre mit Bill Clinton berühmt wurde und dann erfahren musste, was das alles bedeuten kann. Oder die vielen medialen Glühwürmchen aus dem „Big Brother“-Container.

Durch das Internet haben wir längst eine weltweite Plattform zur Verfügung, die unabhängig von Zeit und Ort jede Selbstveröffentlichung und Selbstinszenierung zulässt, und zwar ohne Selektion oder Kontrolle. Über Homepages, Blogs und Vlogs können wir alles veröffentlichen, was wir wollen (so wie ich hier übrigens auch).

Menschen haben auch früher Tagebücher geführt, Erlebnisse im Schreiben be- und vielleicht auch verarbeitet. Aber eins ist nun anders: Heute veröffentlichen manche nahezu alles, was ihnen geschieht, sogar die privatesten Dinge: Sex, Leiden, Tod – in Text und Bild. Offenbar haben viele Menschen das Gefühl, sie werden nur noch über diese öffentlichen Plattformen wahrgenommen. Wenn man nicht durch andere erkannt wird, erkennt man sich selbst auch nicht. Anders gesagt: Wer nicht permanent an dieser öffentlichen Selbstinszenierung teilnimmt, fällt in ein existenzielles Funkloch.

Und immer wieder glauben manche Menschen, sie könnten den Grad medialer Aufmerksamkeit nicht nur selbst bestimmen, sondern auch langfristig halten oder gar steigern. Wer mit Andy Warhol einmal 15 Minuten berühmt war, weiß dass das ziemlich kurz ist.

Inspiration: Tagesspiegel v. 14.01.06

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269 Reaktionen

  1. 28. Januar 2006, 14:31 Uhr, von der Blonde Guillotine
    0251

    Ich bin also nicht wirklich dumm nur gemein und niederträchtig besonders gegen Frau Bundeskanzlerin Angela Merkel.

    Schöne wochende von Edmund Stoiber.

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  2. 28. Januar 2006, 15:01 Uhr, von flummi
    0252

    @cate: ich habe nicht geschrieben, dass stoiber dumm ist. das würde ich mir gar nicht anmaßen. wie hat professorin meckel oben so schön geschrieben:

    Es gibt eben Menschen, deren beste oder höchste Ausdrucksform nicht das Fernsehinterview ist und daran ist auch nichts zu kritisieren.

    könnte auch für stoiber gelten…

    aber wenn ich den satz mal umschreiben darf…

    es gibt eben menschen, deren beste oder höchste ausdrucksform nicht (immer) die öffentliche rede ist und daran ist auch nichts zu kritisieren.

    aber lachen darf man doch mal, oder?

    @in aus bayern: das stimmt. mich würde auch mal interessieren woher das kommt. die faz kennt auch keine weiblichen vornamen – und nicht nur den von unserer Bundeskanzlerin. da heißt es beispielsweise heute: „frau merkel reist an diesem sonntag […].“

    die männlichen vornamen verwendet die faz aber auch nur sehr spärlich. vielleicht hat es bei den frauen etwas mit höflichkeit zu tun – auch wenn einem das nicht direkt bewusst wird. sonst steht da immer „schröder sagt, brüllt, tobt etc.“ und bei frauen steht dann eben noch „frau“ vor dem Nachnamen. aber, das ist alles nur spekulation. ich habe ehrlich gesagt keinen blassen schimmer.

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  3. 28. Januar 2006, 15:16 Uhr, von Walter
    0253

    @In: ein Beispiel. Aber liegt es nicht auch daran, dass Angela Merkel, die Frau Bundeskanzlerin, im Gespräch viel näher, ruhiger, gelassener und ‚menschlicher‘ ist, als die Kanzler vor ihr. Sie bläht sich nicht so auf, identifiziert sich nicht so sehr mit Gewicht und Brimborium, das je nach subjektiver Wahrnehmung mit einem solchen Amt verbunden sein mag.
    Daher ist es vielleicht nur naheliegend, sie mit Frau Merkel anzureden- wobei bei dem Beispiel vielleicht doch Absicht dahinter steckt- Frau Merkel.

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  4. 28. Januar 2006, 15:25 Uhr, von flummi
    0254

    ach der herr leyendecker…

    ich komme mal wieder zu einem der themenschwerpunkte des ausgangsbeitrages zurück.

    in der sz schreibt hans leyendecker heute über „Die flambierende Frau“ Osthoff. Es schreibt ein netter hirsch über „sesselfurzer“ hirsche und ein verwildertes Reh.

    wahnsinn!

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  5. 28. Januar 2006, 15:52 Uhr, von Condoleeza Rice
    0255

    [Blogredaktion: Auf Wunsch des Kommentators haben wir diesen Beitrag gelöscht.]

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  6. 28. Januar 2006, 16:54 Uhr, von Anne-Sophie Mutter
    0256

    [Blogredaktion: Auf Wunsch des Kommentators haben wir diesen Beitrag gelöscht.]

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  7. 28. Januar 2006, 17:42 Uhr, von Walter
    0257

    Zweimal good will. Man könnte eine Geschichte dazu erfinden…

    Antworten
  8. 28. Januar 2006, 20:07 Uhr, von Cate
    0258

    @Flummi:
    Natürlich darf man lachen, soll man sogar! Ich lache auch gern und viel, vor allem über Politiker… ;o)
    Manche Dinge bekommen aber irgendwann etwas dogmatisches, wie der Anti-Amerikanismus oder eben das Herumreiten auf den Schwächen von Politikern.
    Politisch halte ich auch nicht sehr viel von Edmund Stoiber und dass all diese Wiesn-Machos, einschließlich Edi, sich unmöglich verhalten haben gegenüber Angela Merkel auf ihrem Weg zur Bundeskanzlerinnenschaft, das steht ohnehin fest.
    Nur darf daraus kein Kanon werden, den dann alle mitsingen, auch die, die es garnicht wissen. Das passiert aber immer sehr schnell. Jeder sollte daher bestimmte Standpunkte immer mal wieder hinterfragen.

    Ich wünsche mir jetzt wirklich mal ein neues Thema, bevor sich hier auch noch deutsche Regierungspolitiker zu Wort melden… ;o)

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  9. 28. Januar 2006, 23:40 Uhr, von Walter
    0259

    Eine letzte Frage für heute: Was ist community, Gemeinschaft in Zeiten des Internet? Mit Kommunismus hat das wohl nichts, mit Solidarität gelegentlich sehr viel und mit Phantasie eine Menge zu tun. Unser Zusammenleben, unser Austausch hat sich für einen- sogenannten- priviligierten Teil der Menschheit erheblich, für alle anderen Menschen garnicht verändert.
    Die Kluft wird größer. Unser Thema bezieht sich in seinen Beispielen auf unseren ‚Kulturraum‘. Der ist in Zeiten von Fernsehen und Internet nur auf den ersten Blick größer, in Wirklichkeit oft viel kleiner geworden. Viele igeln sich im eigenen sehr überschaubaren Gedanken- und Wertekreis vor Fernseh- und/oder Computerbildschirm ein und betreiben Selbstbestätigung– kann in diesem Blog auch schon mal vorgekommen sein- kritische Bemerkungen gab es jedenfalls schon. Es bleibt unsere Aufgabe- im Rahmen der Vereinzelung vor Bildschirm und Tastatur noch mehr als zuvor- unsere Gesellschaft, ihre Substanz und ihren Zusammenhalt zu gestalten, gemeinsam zu verantworten und auch zu verteidigen. Ein moralischer Auftrag.
    – Von Fabian ?
    PS: bin kein Pfarrer

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  10. 29. Januar 2006, 0:30 Uhr, von Walter
    0260

    Selbstinszenierung: ob Herr Öttinger seinen Fragebogen zu unser aller Zufriedenheit ausfüllen könnte? Ich glaube nicht

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  11. 29. Januar 2006, 2:44 Uhr, von ina
    0261

    @flummi & walter
    danke für eure meinungen. in diesem fall erscheint mir die „frau“ als höflichkeitsformel doch etwas suspekt.. gute nacht

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  12. 29. Januar 2006, 15:00 Uhr, von Walter
    0262

    @Ina:Die Anrede von Angela Merkel stellt einige Journalisten vielleicht nur vor ein noch nicht ‚öffentlich‘ diskutiertes, ungelöstes Problem. Angela Merkel als Frau und Bundeskanzlerin passt noch nicht ins Bild.
    Ich habe kurz mit Jürgen Leinemann darüber gesprochen, der Angela Merkel seit 16 Jahren relativ gut kennt. Er ist ihr als Bundeskanzlerin noch nicht begegnet und überlegt sich noch, wie er sie anreden wird. Anschreiben würde er sie wohl ‚Liebe Frau Merkel, sehr geehrte Frau Bundeskanzlerin‘- aber ansprechen?
    Lesenswert seine Bemerkungen zum Thema Sucht bei Politikern.

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  13. 29. Januar 2006, 15:15 Uhr, von Walter
    0263

    PS: Auch Herr Leinemann ist von Angela Merkel überzeugt: «Merkel durchschaut alle»

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  14. 29. Januar 2006, 19:11 Uhr, von Angela Merkel
    0264

    Vielen dank Herr Leinemann

    Antworten
  15. 29. Januar 2006, 19:39 Uhr, von Frank
    0265

    @ Walter, danke für den SZ-Link!!! What more can I say??? „Anwanzend Vampirhaftes“ – herrlich!!!

    Bin im übrigen von Deinem schier unerschöpflichen Linkarchiv mehr als beeindruckt …

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  16. 29. Januar 2006, 20:30 Uhr, von Lara
    0266

    @ Walter: Zusammenhalt ist natürlich auch immer interessensgeleitet und die Interessen diversifizieren sich – u.a. eben auch und sehr rasant – durch die neuen medialen Möglichkeiten immer mehr (bzw. was diversifiziert sich eigentlich? Die Medien aufgrund der Interessen oder die Interessen aufgrund der Medien – Henne Ei, Ei Henne …) und eigentlich finde ich das im Grunde ja ganz gut so.

    Umso wichtiger wird allerdings ein übergeordneter gemeinsamer (christlicher) Wertekonsens und das Bewußtsein dafür – was im übrigen auch für den Umgang miteinander in Bloggs nicht schaden könnte ;-)

    Und ja, angesichts der zunehmenden Diversifikation brauchen wir umso mehr zusammenschweißende kulturelle Merkmale. Ich sag‘ es an dieser Stelle ungeniert und frei heraus: „Leitkultur, Leitkultur, Leitkultur“

    Sagt mal, geht Euch dieses Merkel-Angebiedere von allen Seiten nicht auch etwas auf den Keks? Ich mein, die Frau ist gut, ich hab‘ sie gewählt (ha! geoutet!), aber mir scheint, dass plötzlich jeder sie gewählt hat, unsere „Kanzlerin der Herzen“.

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  17. 29. Januar 2006, 22:31 Uhr, von Aron
    0267

    @Lara: Ich kann dich beruhigen. Ich habe sie nicht gewählt und meine „Kanzlerin der Herzen“ ist sie auch nicht. Ich finde es gut, dass diesen Job auch mal ne Frau hat, aber politisch bin ich trotz allem eher von nem anderen Lager.

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  18. 30. Januar 2006, 0:39 Uhr, von Walter
    0268

    @Lara: Ob wir sie gewählt haben oder nicht- immerhin hat sie eine knappe Mehrheit. Und sie hat es bis jetzt geschafft Sympathien auch von sogenannten politischen Gegnern zu gewinnen. Männer und Frauen (!), die sich im ‚politischen Geschäft‘ schon länger tummeln hoffen auf sie. Mitglieder des Kabinetts- auch von der SPD- loben ihre Sachlichkeit, ihr Interesse und ihre menschliche Anteilnahme. Das ist eine neue Dimension in der bundesdeutschen Politik. Vielleicht haben viele eine solche Führungspersönlichkeit herbeigewünscht; vielleicht wird diese Hoffnung ja auch noch enttäuscht… Aber wünschen würde ich mir das nicht. Und auch Herr Leinemann meint, Angela Merkel sei der SPD näher als manchem in der CDU… Es bleibt erstaunlich wenig an Selbstinszenierung- oder ist das die Inszenierung?
    Aber sie mit Lady Di zu vergleichen…
    Dafür ist sie wohl doch zu sehr Realistin.

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  19. 30. Januar 2006, 21:51 Uhr, von Lara
    0269

    Wait and see …

    Vielleicht komponiert Bono ja noch einen Schmusesong für Angie … lieb scheinen sich die beiden ja schon zu haben … siehe SZ-Fotos ;-)

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