MM_Descartes
Zu den Kommentaren
19. März 2007, 19:13 Uhr, Geschrieben von Miriam Meckel

Versammelte Stille

Seit Tagen liege ich faul am Strand. Ich liebe es zu lesen oder einfach aufs Meer zu schauen. Und ich genieße es, manchmal über Stunden nicht sprechen zu müssen. Manchmal frage ich mich dann, was wir mit all den Worten eigentlich machen, die in die Welt gesetzt werden, wer all dies Gesprochene eigentlich hören, replizieren, verarbeiten oder wissen will.

Nicht dass wir uns falsch verstehen. Sprechen ist etwas Wunderbares. Dann, wenn es etwas zu sagen gibt. Oder auch wenn es gar nicht viel zu sagen gibt, aber Menschen, die einander nahe sind, sich darüber einander vergewissern. Dann entsteht ein zauberhafter Gleichklang von Lebenswelten.

Die meisten Worte aber gelten der Vergewisserung von anderem, von Status und Bedeutung, Wissen und Macht. So entsteht ein Wortmüll, der – einmal in der Welt – kaum mehr entsorgt werden kann.

Eine schöne Satire von Heinrich Böll beschreibt Doktor Murke, Kulturredakteur beim Hörfunk, der – obschon dem Hörenden verpflichtet – Schweigen sammelt. Aus jeder Aufzeichnung schneidet er die Stellen heraus, an denen auf Band geschwiegen wird und montiert sie zu einem neuen Band gesammelten Schweigens, das er sich abends zuhause anhört.

Die Stille ist so kostbar und selten, dass man sie sammeln muss.

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89 Reaktionen

  1. 25. März 2007, 18:32 Uhr, von Fabian
    051
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  2. 25. März 2007, 19:36 Uhr, von Walter
    052

    Das gesammelte Schweigen- Wenn Worte beliebig, Glauben und Überzeugungen austauschbar sind wie Bandschnipsel, als Überzeugungen und tiefste Wahrheiten verkleidete Reden und Interviews dem Zeitdiktat angepasst und damit beliebig werden, dann bleibt nur noch das Schweigen übrig.- Schweigen, zu sperrig, zu lang, herausgeschnittene Denkpausen, Zögern, Zweifel.
    Wenn die Worte so offensichtlich täuschen, blenden, hohl sind, dann bleibt allein das Schweigen übrig als verschwiegene Wahrheit. Und die Phantasie, die dieses Schweigen mit neuen, anderen Worten füllt. -Eigentlich eine gute Übung: hinter den glatten blendenden Worten nach dem Verschwiegenen zu suchen, dem Sinn…“jenes höhere Wesen, das wir verehren“?

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  3. 25. März 2007, 22:09 Uhr, von Cate
    053

    Ein schweigender Klassiker des Sportfernsehens.

    Mir ist übrigens nicht entgangen, dass ich mir selbst widerspreche: „…keine Abos…“ – „…Abo – Süddeutsche vor der Tür…“
    Ach wat soll`s, is nur Gelaber. Lest Anne Seghers! :o)

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  4. 25. März 2007, 22:10 Uhr, von Cate
    054

    AnnA! ;o)

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  5. 26. März 2007, 9:10 Uhr, von Andrea
    055

    Wie lebendig Stille doch sein kann.
    Auch genießen will gelernt sein ;-)

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  6. 26. März 2007, 11:12 Uhr, von Walter
    056

    Zu den Bandschnipseln– ein Link in die Berliner Philharmonie- leider ohne Freikarte…
    Im digitalen Zeitalter ist doch das Schnipseln und Ummontieren erst so richtig in Mode gekommen. Mit und können wir alles überall einsetzen und tun es auch. Copy und Paste sind systematisierte Beliebigkeit made by Microsoft. Umso wichtiger für uns ist es, zu wissen was wir wollen, achtsam zu sein und nicht jeden Link und jeden Begriff irgendwie passend zu machen.

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  7. 26. März 2007, 11:18 Uhr, von Walter
    057

    Sorry, beim Hochladen sind Strg c und Strg p verschwunden, weil ich sie in spitze Klammern verpackt hatte- soviel zur verdeckten Kommunikation mit Maschinen und Programmen- ein fremder Code, die Welt zwischen 0 und 1.

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  8. 26. März 2007, 11:57 Uhr, von Fabian
    058

    Worum geht es eigentlich? Stille und Schweigen ist das eine, nur, wer das dauerhaft für sich in Anspruch nehmen will, sollte in ein Kloster gehen.

    Schweigen im Sinne von Bedachtsamkeit, gut! Stille im Sinne von Nachdenken und zuhören auch gut. Aber Schweigen um des Schweigens willen, ich weiß nicht …

    Nun zum Wortmüll. Wer will bemessen, was wichtig und bedeutsam ist und was weniger? Ich finde das nach wie vor schwierig. Irgendwie ist doch alles bedeutsam, selbst, wenn man den Eindruck hat, es sei Bullshit, steckt dahinter eine Bedeutung – sonst hätte es schließlich keinen Stoff für ein gleichnamiges Buch gegeben. Oder man könnte sagen: Busshit on Bullshit?! Hitlers Worte fanden auch großen Widerhall und selbst Intellektuelle maßen jenen Bedeutung bei, es war schwachsinniges Zeug, trotzdem hatte auch dieser Schwachsinn Bedeutung. M.E. kann man Dinge nicht einfach so abtun.

    Bei Herrn Murke geht es doch eher um die „Perversion“ von Inhalten durch die Technik (auch bemerkenswert, dass gerade „Gott“ herausgeschnitten wird), um den Mangel an Authentizität und um eine gewisse Beliebigkeit der Aussagen – habe das Buch allerdings nicht gelesen.

    Außerdem geht es Herrn Murke nicht um „aktives Schweigen“, wie bei Roger Willemsen oder bei MM, sondern er sammelt unabsichtliches Schweigen, Sprechpausen sozusagen. Wozu das nun wieder? Weil Stille kostbar ist? Dann könnte Herr Murke genauso gut Ohropax tragen. Nun gut, es wird im böllschen Sinne eine Bedeutung haben.

    Wer im übrigen außer Urlaub ein Stille-Experiment wagen möchte, sollte in die Kunstsammlung NRW gehen, dort läuft noch bis zum 15. Juli die Ausstellung „Weiße Folter“ von Gregor Schneider. Stille kann auch etwas sehr Beklemmendes haben.

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  9. 26. März 2007, 12:23 Uhr, von Walter
    059

    Musikalische Bandschnipsel, nach Fabians und Jannas Meinung auch zum Schweigen geeignet(?)

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  10. 26. März 2007, 13:25 Uhr, von Janna
    060

    @Fabian, da gebe ich dir Recht. Es sollte jeder für sich selbst interpretieren, wie wichtig Stille und Schweigen sind, und auch wann sie wichtig sind.
    Interessant wird es dann, wenn Fernsehmacher versuchen, ihre Programme mit Schweigen/Stille zu kombinieren.
    Naturgemäß gibt es da nur wenige Ausnahmen (vielleicht „die schönsten Eisenbahnstrecken der Welt“), die ohne Gespräch oder Entertainment auskommen.
    Und da wäre ja noch eine von mir immer wieder gern gesehene Sendung, die Donnerstag nachts auf 3Sat läuft. „Silent Cooking“, der Name ist Programm. Ein Typ, der aussieht als hätte man ihn auf der nächsten Skaterampe aufgegriffen, kommt, kocht und geht wieder. Ohne ein Wort zu sprechen, ohne die ewigen Plattitüden (ich hab hier mal was vorbereitet), die in fast jeder Kochsendung auftauchen. Im Hintergrund etwas Musik, das war’s. Eigenartig, aber dennoch entspannend.
    Und etwas für die Nischengruppe, die das Schweigen schätzt, sich bei totaler Stille aber unwohl fühlt.

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  11. 26. März 2007, 14:39 Uhr, von Walter
    061

    Ein Beitrag zum Schweigen: das Wandern durch die Dimensionen. Auch ohne es sich vorstellen zu können, ist es denkbar, dass sich ‚Welt‘ in höheren Dimensionen ereignet, einem anderen Verständnis und Bewusstsein erschließt und die Dinge unseres Lebens dort direkt in Beziehung treten. Vielleicht liegen dort unsere wahren Wurzeln, wirkt dort Gott?
    Jedenfalls scheint auch Angela Merkels Problem der ‚Kugelmachung des Würfels‘- eine Dimension über der Quadratur des Kreises- lösbar zu sein. (@Anne)- Und auch die Anwendung auf die Stringtheorie scheint möglich. (@Cate)

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  12. 26. März 2007, 14:47 Uhr, von Walter
    062

    Auch als Mandala zum schweigenden Meditieren geeignet.

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  13. 26. März 2007, 16:47 Uhr, von Fabian
    063

    @ Walter: *kicher* und *aha* ja! (eigentlich wollte ich noch mehr dazu schreiben, tu ich aber nicht :-))

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  14. 26. März 2007, 16:55 Uhr, von Fabian
    064

    Hat eigentlich mal jemand von Euch längere Zeit geschwiegen? Meditativ? Oder in völliger Stille und Abgeschiedenheit gelebt? Sozusagen als Emerit? (Sagt mal bin ich jetzt meschugge und schreibe das Wort total falsch, oder gibt es das bei Wikipedia tatsächlich nicht???)

    Interessieren würde mich das schon mal wie es ist, wenn man sich eine Woche in Klausur begibt, ohne überhaupt mit jemandem Kontakt zu haben. Mich würde interessieren, was das möglicherweise bei einem auslöst. (auf der anderen Seite gruselt mich die Vorstellung auch, ehrlich gesagt …)

    Es ist möglicherweise auch was anderes, ob man gemeinsam oder einsam schweigt. Oder bewusst oder weil man gezwungen wird.

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  15. 26. März 2007, 17:22 Uhr, von Janna
    065

    kommt auf die Definition „länger“ an. Ich arbeite manchmal tagelang, ohne einem Menschen zu begegnen oder ein Telefon/Faxgeräusch zu hören.
    Der Rekord war 1 Woche vor Ort in einem mir völlig fremden, winzigen Kaff, keinen Menschen getroffen und abends ein Hotel ohne Radio/TV im Funkloch. Es war sozusagen eine erzwungene Stille, erst etwas merkwürdig, aber ich hatte mich später dran gewöhnt.
    Das war einer der Momente, wo ich innerlich viel gesungen habe
    Wobei das in der Tat was anderes ist, als sich bewußt in ein Kloster o.ä. zum Meditieren zu begeben

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  16. 26. März 2007, 18:18 Uhr, von Fabian
    066

    hm, ich kann mich nicht entsinnen, mal in so einer Situation gewesen zu sein. Auch komisch – ah, doch, ja, jetzt fällt es mir ein, und es war ein schönes Erlebnis, viel gelesen und viel nachgedacht an einem zauberhaften Ort, ganz oben auf einer alten Burg im Herbst, das war herrlich. Aber leben wollte ich da auch nicht.

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  17. 26. März 2007, 18:20 Uhr, von Fabian
    067

    @ Walter: Dein Mandala macht mich ganz kirre …

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  18. 26. März 2007, 20:51 Uhr, von Walter
    068

    @Fabian: das ist nicht das Ziel- kirre machen. Staunen wäre besser und schweigen. Ich finde es großartig, dass es Menschen gibt, die sich gemeinsam an Herausforderungen heranwagen, vor denen ein einzelner kapitulieren müsste:
    http://aimath.org/E8/images/aimgroup04.jpg

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  19. 26. März 2007, 21:06 Uhr, von Fabian
    069

    jep! In diesem Sinne …

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  20. 26. März 2007, 21:37 Uhr, von Walter
    070

    Ist das nicht etwas paradox- übers Schweigen zu reden? Beredtes Schweigen, sozusagen…

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  21. 26. März 2007, 22:18 Uhr, von Cate
    071

    Wer sich Gedanken darüber macht, dass „Genießen gelernt sein will“, der denkt sonst nicht viel. Was man wie genießt, kann ja jeder selbst entscheiden. Für mein Empfinden entzieht sich die Auslegung, nach der hier aufgrund des Postingthemas keine Lebendigkeit herrschen darf, soll, kann… der Eigenlogik dieses Ortes, dieses Postings, dieser ganzen Situation. Vielleicht mal locker machen…

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  22. 27. März 2007, 7:09 Uhr, von Walter
    072

    Stimme Dir zu Cate, hier ist ein Blog. Das interessante an dem Thema liegt für mich auch darin, uns über zu viele hohle Worte und den Wert, Sinn des Schweigens Gedanken zu machen. Wie es gelegentlich oben heißt: etwas Kurz- Gesagtes kann die Frucht und Ernte von vielem Lang- Gedachten sein (F. Nietzsche)- Wir gedenken der Pausen und dessen, was darin geschieht- siehe Dr. Murke.

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  23. 27. März 2007, 8:04 Uhr, von Walter
    073

    Nachtrag: Wichtige Pausen- Zuhören können, ausreden lassen, erst nachdenken, dann antworten- eigentlich Zeichen von Respekt und Redlichkeit (das Wort ist aus der Mode). Das Fehlen dieser Pausen irritiert mich, wirkt aggressiv, aufgeregt, unüberlegt. Die Worte, die dann folgen verlieren auch an Glaubwürdigkeit. Beispiel- Daniel Cohn- Bendit, der rote Dany, vorgestern bei Sabine Christiansen.

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  24. 27. März 2007, 19:55 Uhr, von Cate
    074

    Nochmal nachträglich @Janna: Fernsehen mit eingebautem Schweigen – z.B. die tollen Gespräche von Prof. Dr. Lesch und seinen Gästen (Philosophen, Pfarrer…) in seiner Sendung Alpha Cetauri (bei Space Night – auch 3Sat) zu Themen, wie außerirdischem Leben oder der Auferstehung. Da wurde viel gesxchwiegen und es war herrlich. Aber genauso herrlich (vielleicht auch noch besser) war das Gesagte. Sehr zu empfehlen! Lesch überhaupt grandios in seiner Sendung (auch ohne Gäste): „Der Jupiter ist der Schäferhund des Asteroidengürtels.“ Genial und ohne nervige Umlaufbahnberechungen und Kraftfelderschwulitäten. ;o)

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  25. 27. März 2007, 22:03 Uhr, von Janna
    075

    wußte garnicht das die Space-Night auch auf 3Sat läuft, dachte nur im BR bzw. auf Bayern alpha, aber danke für den Tip !
    P.S. Demnächst lautet da das Thema „was sind eigentlich Wurmlöcher“? Eine Frage, die mich schon immer beschäftigt hat, ich harre gespannt auf die Antwort!

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  26. 27. März 2007, 22:06 Uhr, von Janna
    076

    ..also irgendwie bin ich in ner anderen Galaxie, meine Uhr am PC zeigt 23.01 und die Absendezeit der vorliegenden Nachricht 22.03h.
    Hm, es war wohl nicht gut, gestern Nacht im ZDF diese abgedrehte Weltraumserie in Eigenproduktion anzusehen, von der ich noch nicht so ganz weiß, was ich davon halten soll

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  27. 27. März 2007, 22:20 Uhr, von Cate
    077

    Hmm, du hast recht. BR. 3Sat war Quatsch… Nur nicht foppen lassen. ;o)
    Weltraumserie – abgdreht – ZDF? Das is ja ne Kombination.. ;o)
    Die Blogzeit ist noch im Winterschlaf…

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  28. 28. März 2007, 9:56 Uhr, von Walter
    078

    ‚Manchmal frage ich mich dann, was wir mit all den Worten eigentlich machen, die in die Welt gesetzt werden, wer all dies Gesprochene eigentlich hören, replizieren, verarbeiten oder wissen will.‘
    – Ja- worin liegt das Problem- in der Menge an Worten, inflationär, in den Medien reproduziert, früher hieß das abgeschrieben, Plagiat- oder im Sinn der Worte?
    Viele Worte, die ihren Sinn in sich tragen und auch in der formulierten Zusammenstellung dem Gedanken treu bleiben sind anstrengend, da sie uns auf eine innere Reise mitnehmen in die Gedankenwelt der anderen. Solche Worte können uns verbinden oder trennen, sie fordern zur Stellungnahme heraus, machen einen Unterschied, bedeuten Informationsgewinn. (Gregory Bateson: ‚a difference which makes a difference‘ )
    Viele Worte ohne Sinn, austauschbar, beliebig zusammengestellt (copy and paste), Masse statt Klasse, ergeben keinen Sinn, sind Nonsens, ihre Botschaft lautet: ‚glaubt uns nicht!‘. Solche Worte bringen keinen wirklichen Informationsgewinn, machen keinen Unterschied zu den unzähligen davor. Solche Worte sollten wir vermeiden. Im Zeitalter des Produktionszwangs und der Massenmedien, die auch Nonsens in hoher Auflage verbreiten ist dies eine echte Aufgabe.
    Mit den drei Sieben, die Sokrates noch zur Beurteilung von Sinnhaftigkeit einfordern konnte, kommen wir heute nicht mehr weit. Wahrheit, Güte und Notwendigkeit sind keine Erfolgskriterien der öffentlichen Kommunikation. Was uns bleibt sind Selbstkritik, eine Menge an Wissen, das, wenn wir uns darum kümmern im Laufe der Zeit stetig wächst und ein Ziel, Ideal, dem sich gelingende Kommunikation annähern kann.
    J. W. Goethe weihte sein Tun dem Wahren, Schönen und Guten in der Kunst als Werte an sich, seine persönliche Interpretation des antiken Humanismus, eines Lebensstils und Lebensziels. Vor 200 Jahren wurde eine solche Aussage als selbstverständlich akzeptiert und über den Portalen von Opernhäusern und Theatern eingemeißelt. Mittlerweile ist nichts mehr selbstverständlich, muss alles lang und breit, mit vielen Worten erklärt werden. Wie viele Worte brauchen wir überhaupt, um erst einmal unseren Standpunkt, unsere Weltsicht und Interpretation verständlich zu machen? In einer Zeit , in der nichts mehr selbstverständlich ist, ist es auch sehr schwierig, etwas zu verstehen. Vielleicht bedarf es auch deswegen so vieler Worte…

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  29. 28. März 2007, 14:44 Uhr, von Cate
    079

    Walter, in einer Gesellschaft, die nach dem Prinzip „Besser zuviel, als zuwenig“ funktioniert, ist eine solche Fragestellung fast schon zu global, um sie überhaupt nur in ihrer ganzen Bedeutung zu erfassen. Alles muss im Überfluss vorhanden sein (diesen Satz habe ich von Tocotronic geklaut ;o), denn es könnte ja mal irgendwo eine Ausnahme eintreten, die das halbe Glas Wasser, welches wir jedesmal über unsere Schulter kippen, nachdem wir die andere Hälfte ausgetrunken haben, notwendig macht. Aber diese Ausnahme tritt nie ein. Nicht bei uns. Woanders schon, nur um daran zu denken, müssten wir uns aus unserer Scheinsicherheit lösen. Wir müssten unser Leben so leben, wie es natürlich vorgesehen war. Das können wir aber nicht. Durch Jahrtausende lange Selektion sind wir nur noch ein Schatten unserer Urvorfahren und um das zu vertuschen, plustern wir uns zu riesigen Gebilden unserer mediengeschwängerten Wunschvorstellung auf. Kommunikation ist ein erheblicher Bestandteil dieser Aufplusterung. Ihre Regeln sind mittlerweile zu scheinethischen Gesetzen geworden und regulieren einen Großteil der Bewertung unserer Mitmenschen durch uns.
    Wer will hier mit erhobenem Zeigefinger Wortmüll deklarieren oder Stille einfordern? Er käme jedenfalls einige tausende Jahre zu spät, würde ich sagen…

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  30. 28. März 2007, 17:41 Uhr, von Walter
    080

    Aber Stille existiert noch, nicht nur als Pausen, sondern bewusst erlebt. Es liegt an uns allein, ob wir sie suchen, zulassen, erleben. In uns sind viele Möglichkeiten, gibt es ein Maß von Freiheit, wenn vielleicht auch nur gering- immerhin. Ich finde das Posting gut und sinnvoll, durchaus glaubwürdig und notwendig- somit wäre auch Sokrates einverstanden. ;-)

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  31. 28. März 2007, 17:53 Uhr, von Cate
    081

    Das war garnicht gegen das Posting, Walter. ;o) Nur gegen die Auslegung… Ich denke, dass der Sinn dieses Postings vielmehr emotional gemeint ist, als alles andere. Solche Empfindungen und Gedanken hat jeder ab und an (naja, fast jeder) und ich finde es bemerkenswert, vielleicht auch etwas gewöhnungsbedürftig, dass Frau Prof. Dr. Meckel ihre mit uns teilt. Aber wie wir sehen, kann es der Beginn eines LEBENDIGEN Blogplausches sein. Vielleicht sollte an auch mal privat mt seinen Mitmenschen dieses zum Thema machen. Und vielleicht wäre das ja dann so ein Anfang, wie du ihn dir wünschst, Walter… :o)

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  32. 28. März 2007, 19:47 Uhr, von Roman
    082

    schweigen ist groß. nicht jeder beherrscht es, oder besser, zu wenige beherrschen es. mir fällt dazu meine siebenstündige zugfahrt nach frankreich ein, zu beginn der neunziger jahre. in einem abteil mit lauter fremden habe ich die kompletten sieben stunden geschwiegen. als ich dann in paris zum ersten mal wieder etwas sagte (auf dem bahnsteig, zu meiner damaligen freundin), erschrak ich im ersten moment ein wenig, als ich meine eigene stimme hörte. aber diese sieben schweigenden stunden waren eine unglaubliche erfahrung. es geht – man muss nur wollen!

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  33. 28. März 2007, 22:34 Uhr, von Walter
    083

    Vielleicht liegt es ja auch am Urlaub und am Strand, am Abstand vom Alltagsstress und an einer gewissen Selbstbesinnung? Ich kenne so etwas von mir. Mich würde interessieren, wie es jetzt aussieht, Miriam, wo der Urlaub wohl wieder vorbei ist und die Termine und Ansprüche der Umwelt wieder zuschlagen?
    Ich wünsche mir jedenfalls jetzt auch Urlaub und will versuchen, vor Ostern noch zu etwas mehr Ruhe zu kommen. Es ist schon spannend und interessant, wenn viel los ist, aber irgendwann wird es zuviel. Aber zunächst mal für alle die kleine Ruhe: eine gute Nacht.

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  34. 29. März 2007, 9:04 Uhr, von Janna
    084

    Es ist erstaunlich, wie zeitlos Karl Valentin ist. Der sagte schließlich mal: „Es ist alles schon gesagt. Nur nicht von allen!“
    Und das beherzigen heutzutage doch noch ziemlich viele Leute…

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  35. 29. März 2007, 9:50 Uhr, von Walter
    085

    Es geht halt nichts über die persönliche Erfahrung. ;-)

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  36. 29. März 2007, 11:51 Uhr, von Walter
    086

    ‚Wir können uns einen Lebensweg aber auch wie ein Netzwerk aus Interessen, Fähigkeiten und Kontakten vorstellen, dessen Knotenpunkte sich immer wieder verändern, weil sie für denjenigen, der an dem Netzwerk knüpft, zu verschiedenen Zeiten eine jeweils unterschiedliche Bedeutung haben.‘

    Schön gesagt, beschrieben- die Veränderung von Beziehungen, Lebenszuständen. Was als Zentrum und Ruhepunkt bleibt ist die Selbstbeziehung. Gedanken dazu hat sich unter anderen Wilhelm Schmid gemacht. Er redet als sich von ‚Wir‘- Einige der Gedanken, die hier schon geäußert wurden, sind mir kürzlich auch bei ihm begegnet. Sein Projekt ist eine Philosophie der Lebenskunst, dabei kein Selbstzweck. Auch Stille und Schweigen spielen ihre Rollen.

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  37. 29. März 2007, 12:21 Uhr, von Anja
    087

    Stille und Schweigen lösen oftmals mehr Emotionen oder Reaktionen aus als Worte es jemals bewirken könnten und sind sie noch so gut gewählt. Nicht umsonst fehlen einem ja in größten Glücksmomenten oder auch bei Schicksalsschlägen die Worte. Vermutlich möchte man diese Augenblicke nicht mit irgendwelchen Worten beschmutzen, die man schon für soviel anderes, unwichtiges oder sogar falsches verwendet hat. Schweigt man z.B. zu zweit in besonders schönen Momenten, drückt dies doch eine große Nähe aus. Das kann auch manchmal nur ein gemeinsamer Blick in den Sternenhimmel sein. (oder halt ein Blick aufs Meer). So prägen sich diese Situationen, weil sie ganz ohne Worte und Buchstaben auskommen, natürlich auch viel länger in unser Gedächtnis ein und wir können uns in hektischen Augenblicken daran erinnern und davon zehren.

    Als zum Beispiel vor 2 Jahren der Papst starb, war ich gerade auf den Strassen von Köln unterwegs. Als plötzlich im Kölner Dom der „Dicke Pitter“ läutete war es für einige Minuten in dieser Stadt ganz still und ruhig. Unfassbar für diese Stadt. Das wirkte so gewaltig, dass es heute noch Gänsehaut auslöst, wenn ich daran denke.
    Kurze Zeit später war es damit natürlich vorbei, man eilte aus den angrenzenden Brauhäusern zum Dom und versuchte noch mit seinem Kölsch-Stängchen in der Hand vor laufender Kamera die Gefühle in Worte zu fassen. Na ja, klappte nicht wirklich…aber umso mehr wirkt die Stille zuvor

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  38. 29. März 2007, 19:40 Uhr, von Cate
    088

    Plötzlich eintretende Stille, die wie von Zauberhand jeden einzelnen in der Umgebung beschleicht ist wahrhaftig atemberaubend. Das erinnert mich ans Sigur Ros – Konzert. In einer unverhofften Pause mitten in einem Stück waren 3000 Menschen mucksmäuschenstill. Das war für mich der ergreifendste Moment, obwohl es doch die Musik war, die mich dazu bewegt hatte, das Konzert zu besuchen… ;o) So kannet jehn..

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  39. 14. April 2007, 11:00 Uhr, von Walter
    089

    Als passende Ergänzung- Angela Merkel über das Schweigen- in der Wochendbeilage der Süddeutschen Zeitung vom 14. April, ein Gespräch mit Anne Will.

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