MM_Lagarde
Zu den Kommentaren
26. Mai 2007, 6:34 Uhr, Geschrieben von Miriam Meckel

Writers on the Web

Sorry für die Verzögerung, manchmal ist es nicht ganz leicht, alles unter einen Hut zu bringen, was gerade so ansteht. Der Frühsommer ist die Konferenzzeit und da bleibt die Beförderung von neuen Gedanken ins Web manchmal hinter der Beförderung des eigenen Körpers (idealerweise in Begleitung des eigenen Geistes) von Konferenz zu Konferenz zurück.

Derzeit weile ich in San Franisco auf der Jahrestagung der International Communication Association und hatte heute morgen das Vergnügen, Jay Rosen als Respondent auf einem Panel zu „Quality, Credibility and Morality in Journalistic Genres Online“ zu hören. Ein Randkommentar von ihm hat mich am meisten beschäftigt. Gefragt nach seiner Prognose, was in drei bis fünf Jahren sein werde, sagte er: „We will all be writers on the Web. Everybody will be a blogger.“

Ich bin nicht so sicher, ob Rosen da nicht irrt. Natürlich ist es faszinierend zu sehen, wie die Blogosphäre einen Kontrapunkt zu den traditionellen Medien setzt, Vertrauen gewinnt und sich Schritt für Schritt institutionalisiert. Aber wird sie noch das sein, was sie ist, wenn sie der Normalfall wird? Ich glaube nicht. Ich glaube auch nicht, dass es jeden Menschen treibt, ein „writer on the web“ zu werden.

Meine These lautet: die „Monokultur“ der journalistischen Weltsicht wird durch die Blogger durchpflügt werden. Und an vielen Stellen fällt ein Samen aus dem virtuellen Netz auf fruchtbaren Boden. Vor allem aber hat jeder heute die Chance, sich einer Gegenöffentlichkeit zu versichern, die im Web längst geschaffen ist. Dass jeder von uns daran mitwirken wird, das bleibt wohl ein Traum, der so schön klingt wie einst die Radiotheorie Bertolt Brechts. Die hat in der wirklichen Welt aber auch nie so recht geklappt.

Be Sociable, Share!

50 Reaktionen

  1. 26. Mai 2007, 9:50 Uhr, von Tiffy
    01

    Dazu mal eine bewusst naiv gestellte Frage: Was sind eigentlich die Kontrapunkte zu den traditionellen Medien? Wie ist das mit der Monokultur, wird sie tatsächlich durchpflügt oder werden lediglich ein paar Sandkörnchen an der Oberfläche umgruppiert? Wie bilden sich denn die verbreiteten Meinungen der Blogger, nicht durch den Konsum der traditionellen Medien? Dabei sollen gewissen online Angebote dieser Medien nicht ausgeschlossen werden. Mag sein, dass es durch das Web eine gewisse „Gegenöffentlichkeit“ gibt, ich glaube aber, ihre Dimensionen sind kleiner als von vielen Bloggern erhofft. Bezogen auf die Masse werden bestimmt viel mehr Meinungen von Individuen veröffentlicht, aber über ihr Zustandekommen weiß man doch wenig und die Qualität ist allzu häufig fraglich.

    Antworten
  2. 26. Mai 2007, 12:32 Uhr, von Walter
    02

    Zunächst habe ich mich über die Uhrzeit (6:05) gewundert, beim Lesen des Textes war es dann klar- spät, nicht früh.
    Keine Aussage ist verloren. Ideen und Ansichten entstehen in den Köpfen aus einer Dialog- oder Problemsituation heraus, werden mitgeteilt, über Medien verbreitet. Das Internet verbindet Menschen und verbreitet Ideen. So kommt es primär nicht darauf an, wie eine Website, ein Blog im Ranking steht (@Fabian), sondern die Verknüpfung, Vernetzung des Mediums sorgt für eine schnelle und weite Verbreitung- durch uns.
    Da wir heute kommunikationstechnisch viel weiter sind als zu Zeiten Bertolt Brechts, hätte so eine ‚Internettheorie um 2007‘ wesentlich bessere Aussichten auf Realisierung. BB wäre wohl begeistert über das Internet und würde es nutzen. Amerikanisch- euphorisch hat sich David Weinberger zum Thema geäußert- Small Pieces Loosely Joint-, er ist uns ja über das Cluetrain Manifesto bekannt.
    Wir haben das Projekt der Huffington Post schon mal andiskutiert, ganz am Ende von ‚Was vom Tage übrig bleibt‘. In Deutschland gibt es so etwas noch nicht…
    Ein neues Projekt von Arianna Huffington und Jay Rosen setzt sich mit dem US- amerikanischen Präsidentschaftswahlkampf auseinander- OffTheBus.Net.

    Eine gute Zeit in San Francisco, auch in Chinatown! Dort geht jetzt die Sonne auf.

    Antworten
  3. 26. Mai 2007, 18:41 Uhr, von Walter
    03

    Dieser Kongress ist dem Programm nach ja wohl ein Mammut- Unternehmen. Mit den Worten von Ronald E. Rice, Präsident der University of California, Santa Barbara:
    ‚In den vergangenen Jahrzehnten ist das Gebiet der Kommunikationsforschung in der ganzen Welt rasend schnell gewachsen. Dieses Wachstum rührt von einem steigenden Bedürfnis, Lösungen für dringende soziale Probleme zu finden, die mit Kommunikation zusammenhängen wie z.B. Gesundheit, Ungleichheit, digitale Klüfte, Interaktion am Arbeitsplatz, Entwicklung und Bewahrung von Kultur, Respekt gegenüber Verschiedenheit und Beziehungen zwischen Nationen.
    …Als eine internationale Fachgesellschaft bietet die ICA ihre Erkenntnisse und Kenntnisse jedem in allen Gebieten der Welt an, in denen die Grundsätze von persönlicher Freiheit und Demokratie vorherrschen.
    …Außerdem veranstaltet die ICA eine jährliche Konferenz bei der sich fast 2.000 Wissenschaftler aus aller Welt treffen und mehrere hundert Vorträge gehalten werden (die nächste Konferenz findet im Mai 2007 in San Francisco, USA statt).‘

    Das ist angewandte Globalisierung:

    ‚Media and communication studies are in the process of transformation. Global or international communication delivered through satellite and Internet redefine conventional concepts of ‚media,‘ of the ‚mass‘ audience, of ‚gatekeeping‘ and ‚agenda setting,‘ of ‚power‘ and of ‚communication‘ itself. It is timely to address issues of research in this increasingly worldwide context. Given the relevance and impact of comparative research, it is crucial to debate and critically reflect methodologies. This preconference will provide a broad platform for the discussion of new emerging paradigms and approaches relevant to today’s globalized research context.‘

    Eine Herausforderung liegt in der Demokratisierung der Erkenntnisse, das heißt ihrer Verbreitung und Erklärung.- Da seid auch ihr Kommunikationwissenschaftler gefordert, Eure Erkenntnisse und neuen Entwicklungen in weitgehend verständlicher Form zu verbreiten; nicht nur über das Internet, sondern auch über Zeitungen und die Informationskanäle von Radio und Fernsehen.
    Es nützt nicht so sehr viel, wenn neues Wissen das Wissen von wenigen bleibt, auch wenn die ICA 3500 Mitglieder hat. Das ist gerade mal die Bevölkerung eines mittleren Dorfes- global village…

    Antworten
  4. 26. Mai 2007, 20:43 Uhr, von Cate
    04

    Ich habe das so beobachtet: Jedes Medium beginnt als reiner „Lieferant“ (so formulierte es doch Bertold Brecht so schön). Der „Belieferte“ fühlt sich angesprochen und beginnt mitzudenken, weiterzudenken, selber zu denken. Dann entwickelt er irgendwann eigene Ideen und hat persönliche Vorstellungen. Diese will er mit in das Medium einbringen. Das Medium erkennt dieses Mittelungsbedürfnis und greift es auf. Soweit so gut. Dann jedoch, so scheint mir, tritt folgende Regel ein:
    Durch einen starken Zuwachs an Mitteilungsbedürftigen und Gestaltern sowie ihrer Vielfältigkeit (vielleicht auch aufgrund von auftretenden Problemen und Störfaktoren) formiert sich eine Schnittstelle zwischen den feedbackhungrigen „Lieferanten“ und den mitteillungsbedürftigen „Belieferten“. Sie versucht die Kommunikation zwischen beiden zu ordnen und statistisch festzuhalten. Sowas nennt man vielleicht Marktforschung oder so… ;o) Der statistische Aspekt ist dann gewissermaßen der springende Punkt: Es wird sortiert. Es werden Sparten geschaffen und Märkte geboren. Dadurch verliert der „Belieferte“ dann ein für alle mal seine Chance, selbst zum Lieferanten zu werden. Er ist durch die unsichtbare Schnittstelle vom Lieferantentum getrennt.
    Zusätzlich schafft die neue Struktur der geliefterten „Ware“ immer weniger Anreize zur eigenen Teilnahme, weil sie durch die statistisch bedingten Einflüsse an reizvoller Vielfalt verlieren. Es bleibt eben ein als Markt agierendes Medium, das sich dessen Gesetzen zu beugen hat.
    Und wenn ich mich nicht komplett verkalkuliert habe oder einen wichtigen Aspekt, Unterschied oder Einwand vergaß, so sieht sich jedes neue Medium irgendwann dieser Entwicklung gegenüber. Oder in ihr oder wie auch immer… ;o)

    Antworten
  5. 26. Mai 2007, 20:53 Uhr, von Cate
    05

    Ach ja, und dann wollte ich ja noch das schreiben:
    Writers on the Web….. Writers on the Web……. Into this Net were born…… Into this World were thrown…. Like a Dog without a (Black)Bone…. An Actor out on Loan (oder Lan)… Writers on the Web…… Yeeaahhh… :o)

    Antworten
  6. 26. Mai 2007, 20:57 Uhr, von Walter
    06

    Genau, Riders on the storm- das fehlt noch:

    ‚Theres a killer on the road
    His brain is squirmin like a toad
    Take a long holiday
    Let your children play
    If ya give this man a ride
    Sweet memory will die
    Killer on the road, yeah

    Girl ya gotta love your man
    Girl ya gotta love your man
    Take him by the hand
    Make him understand
    The world on you depends
    Our life will never end
    Gotta love your man, yeah

    Wow!‘ ;-)

    Antworten
  7. 28. Mai 2007, 1:16 Uhr, von Na ich
    07

    Wie soll Wissen / Information demokratisch verbreitet werden, gerade hinsichtlich jüngster Entwicklungen im eigenen Lande – wenn wir doch mittlerweile dieses (Verbreiten) eigentlich gar nicht mehr in Freiheit können?

    „Informationelle Fremdbestimmung….“ – Online Durchsuchungen des PC, welche weiteres Durchsuchen andernorts ermöglichen? Ist Herr Brecht (hinsichtlich des INets) nicht derzeit mehr gefragt als je zuvor?:

    »Meiner Ansicht nach sollten Sie aus dem Radio eine wirklich demokratische Sache zu machen versuchen. […] Sie müssen an wichtige Reichstagssitzungen und vor allem auch an große Prozesse herankommen. Da dies einen großen Fortschritt bedeuten würde, wird es sicherlich eine Reihe von Gesetzen geben, die dies zu verhindern versuchen. Sie müssen sich an die Öffentlichkeit wenden, um diese Gesetze zu beseitigen. Die Furcht der Abgeordneten, im ganzen Reiche gehört zu werden, darf, da sie sehr berechtigt ist, nicht unterschätzt werden, aber sie müssen sie ebenso besiegen wie die Furcht, die, wie ich glaube, verschiedene Gerichte äußern würden, ihre Entscheidungen vor dem gesamten Volke treffen zu müssen.«

    Bertold Brecht, Vorschläge für den Intendanten des Rundfunks, Dezember 1927; in: Bertold Brecht, a.a.O. Seite 56f

    Wenngleich seine Theorie ein Traum war: Aus einer Vision kann Realität werden. Und sicherlich trägt das Internet – Gesetze hin, Gesetze her – dazu bei, eine Gegenöffentlichkeit zu schaffen. Was sinnvoll sein kann, aber nicht sein muss.

    Does everybody (necessarily) have to be a blogger?

    Manche sind der Meinung, der Blog solle für Menschen da sein, die etwas zu sagen haben. Eine These: Manchmal ist das auch besser so…

    Mal was anderes:
    Ich frage mich nun aber: Ist die Blog-Kultur heiß oder kühl? Gehört der Blog zu den heißen oder kalten Medien? Wie ist die Internet-Kultur beschaffen?

    Antworten
  8. 28. Mai 2007, 10:19 Uhr, von Walter
    08

    Wie wäre es mit einem kurzen Zwischenbericht von der Westküste? Ich denke, wir sind doch auch neugierig.
    Nach meinem Eindruck ist die Kluft zwischen online- Journalismus in den USA und Deutschland ziemlich tief. Vielleicht sollten wir für unsere Verhältnisse zu den drei bis fünf Jahren von Jay Rosen hier in Deutschland noch einmal fünf bis zehn Jahre dazu rechnen? Wenn wir jemals soweit kommen.
    Die Zeitungen bemühen sich auch bei uns, aber ein gemeinsames Ideal, die Vision einer besseren Gesellschaft, die sich in den Ideen der US- Intellektuellen widerspiegeln stößt bei uns auf historische Skepsis und fordert schon durch ihre Formulierung die Gegenposition heraus. So wird es letztlich wohl auf das Beispiel ankommen…

    Antworten
  9. 28. Mai 2007, 12:40 Uhr, von Janna
    09

    vor allem würde mich interessieren, was bei Tagungen dieser Größenordnung wirklich herauskommt. Ist es möglich, die erarbeiteten Thesen und Ideen auch tatsächlich umzusetzen oder geht es dabei eher um einen allgemeinen Meinungsaustausch ? Mich erschrecken Mammut-Tagungen immer etwas, weil ich es oft auch äußerst anstrengend finde, wenn die Teilnehmerzahl eine bestimmte Größenordnung überschreitet.
    Zu den Zukunftsvisionen von Jay Rosen: Ich denke auch nicht unbedingt, das jeder in naher Zukunft ein Blogger sein wird. Auch dieses Medium wird irgendwann durch etwas Neues, Innovativeres ersetzt werden. Und wenn die Anzahl der Blog’s weiter steigt, wird das einige Menschen auch eher abschrecken, weil es dann einfach sehr mühsam ist, die Spreu vom Weizen zu trennen

    Antworten
  10. 28. Mai 2007, 19:52 Uhr, von Walter
    010

    Europa macht sich Gedanken um seine Medienindustrie. Spätestens mit Beginn von YouTube ist potenziell Jeder sein eigener Produzent (und Darsteller), zu niedrigen Kosten auf einer globalen Plattform- welcher Fernsehsender hat eine solche Verbreitung?

    Antworten
  11. 29. Mai 2007, 10:36 Uhr, von Elli
    011

    Ein Problem ist meiner Meinung nach, dass die Richtigkeit der verbreiteten Informationen kaum noch geprüft werden kann. Betrachtet man was z.B. über diesen oder jenen Prominenten alles verfasst wird, ist Privatsphäre schwer zu schützen.
    Am Beispiel des Bild-Leserreporters wird bereits deutlich, dass viele Menschen, die eine aufregende Story suchen, auch gezielt in Kauf nehemen, Grenzen zu überschreiten.

    Antworten
  12. 29. Mai 2007, 14:08 Uhr, von Cate
    012

    @Elli: Man kann die Ursache nicht stoppen, aber ihre Auswirkungen (mein Gott, das klingt wie aus einem Anti-Aging-Werbespot… ;o). Es gilt das Bewusstsein der Abnehmer zu erreichen. Wie sie mit den Informationen umgehen, so werden diese auch an Bedeutung gewinnen oder verlieren. Mommentan sieht es sehr schlecht aus. Wir leben in einer Zeit, in der persönliche Bestätigung und individuelle Entfaltung vielen existenziellen Problemen gegenüberstehen. Jeder versucht sich irgendwie zu profilieren. Die Qualität der Informationen spielt eine immer unwichtigere Rolle. Es muss eine Gegenbewegung geben. Man muss vermitteln, dass Qualität zwangsläufig viel befriedigender sein wird, als Quantität. Es muss das Bewusstsein geweckt werden, dass das Gefühl, gut und vor allem zuverlässig und glaubwürdig informiert zu werden, auf Dauer mehr wert ist, als unhaltbarer Klatsch und Tratsch. Ich weiß im Moment nicht wie, aber vielleicht bietet sich auch hier das Internet an. Oder gerade nicht, weil es unter Umständen mit zur Misere beigetragen hat. Ich denke da an zahlreiche Foren… ;o/

    Antworten
  13. 29. Mai 2007, 14:17 Uhr, von Cate
    013

    Ich meinte: „…in der DER DRANG NACH persönlicheR Bestätigung und individuelleR Entfaltung…“

    Antworten
  14. 29. Mai 2007, 18:38 Uhr, von Walter
    014

    Menschliche Kommunikation beinhaltet weniger den Austausch von Richtigkeiten und objektiver Wahrheit- die für uns möglicherweise auch gar nicht zugänglich ist- sondern Austausch von Meinungen und persönlichen Einstellungen.
    Ein Ziel dabei ist die Stiftung von Gemeinschaft und, in einer komplexen, vernetzten, ‚globalisierten‘ Welt die Versicherung seiner, unserer selbst im Dialog. Das versuchen wir zum Beispiel hier auch. Wir erkennen auch uns selbst ein wenig im Gegenüber, den Reaktionen auf unsere Mitteilungen, Meinungen.
    Bidirektionale Medien- Sprache, Telefon, SMS, Email, Web2.0 sind somit näher an menschlicher Kommunikation als unidirektionale (Massen-) Medien, die ja letztlich auch keine Wahrheiten verkünden, sondern Ereignisse und deren Interpretation.
    Daher ist ‚Richtigkeit‘ von Information eher nicht das entscheidende Kriterium für gelingende Kommunikation. Außerdem wollen wir ja gelegentlich auch gar nicht ‚die Wahrheit‘ wissen, sondern unsere Meinung bestätigt bekommen. Die Politik und die sie begleitenden und interpretierenden Medien leben davon…
    Eine Frage ist: Wie entsteht Dialog, wie entwickelt sich gemeinsames Interesse, Neugier an und auf die Meinung anderer?
    Die Antwort hängt vielleicht von den Themen ab- menschliche, situative, berufsbezogene. Die Herausforderung für interaktive Medien und damit auch das Web 2.0 ist die Herausarbeitung von Themen und die Konstruktion von Kommunikationsplattformen, die nach allgemein akzeptablen Regeln funktionieren. Über solche Regeln haben wir uns ja auch schon unterhalten.
    Der Vergleich mit den USA zeigt, dass Interesse und Beteiligung dort wachsen, wo ernsthaft, konsequent und respektvoll diskutiert wird. Immer mal wieder wird in diesem Zusammenhang die Diskussions- und Debattenkultur Abraham Lincolns zitiert, die ihm den Spitznamen Honest Abe einbrachte. Dazu bedarf es einer ausgebildeten medialen literacy, was mit Lesekompetenz unzureichend und mit Medienkompetenz sehr unscharf wiedergegeben ist. Auch darum bemüht man sich bei der EU…

    Antworten
  15. 31. Mai 2007, 11:31 Uhr, von Walter
    015

    Ein Zitat aus Media-Blog (siehe oben bei MM):
    ‚Es gibt so viele wirkliche Probleme, über die es zu bloggen lohnt und so viele wichtige Anliegen (z. B. politischer Natur), dass man eigentlich vor Scham erröten müsste, wenn man sagt, man sei Blogger.
    Doch wir leisten uns den Luxus völlig sinnloser Diskussionen, während viele andere Nationen das enorme Potenzial der Blogs in medialer, politischer und ökonomischer Hinsicht begriffen haben und aktiv umsetzen. Das meine ich, wenn ich Beispiele aus den USA und Frankreich nenne.‘

    – Das ist wohl richtig. Was unterscheidet uns Deutsche aber von den Menschen in anderen westlich- zivilisierten Ländern: Interesse, Wir- Gefühl, Konstruktivität, Verantwortung, Zivilcourage, Optimismus?
    Im Meckern (da gibt es viele- nicht nur das dort erwähnte- Blogbeispiele) sind wir jedenfalls gut…

    Antworten
  16. 31. Mai 2007, 11:49 Uhr, von Fabian
    016

    Wir Deutschen sind – und ich bleibe dabei – im Grunde ziemlich strukturkonservativ – anscheinend auch in der Mediennutzung bzw. in der Mediennutzzeit. Im Hinblick auf die Dynamik und das enorme Innovationspotenzial (auch und gerade für Unternehmen), das in Blogs liegen kann finde ich das schade, im Hinblick auf die Zeit, die man im „normalen Leben“ abseits von Web 2.0 und den Medien verbringt, finde ich das im Grunde gut.

    Wobei ich mich immer frage, wie funktioniert die Transformation der Bloginhalte in die Realität. Diskutieren um des Diskutierens Willen??? Ach nö, da könnte man die Zeit in der Tat besser anders verbringen. (siehe hier, sorry, aber manchmal empfinde ich es leider so, wobei ich schon versuche, einige Inhalte, die ich hier erfahre, umzusetzen – siehe Corporate Blogging u.a., aber ansonsten??? Ich meine wozu betreit MM dieses Blog, wenn sie sich selber nicht an der Diskussion beteiligt? Bringt das hier überhaupt und in irgendeiner Form was???)

    Zweiter Gedanke dazu: Es mag aber auch daran liegen, dass eine gewisse – in angelsächsischen Ländern aus meiner Sicht stärker ausgeprägte – Form der Diskussionskultur in Deutschland fehlt. Schön, wenn Blogs dazu beitrügen dies zu ändern, das sehe ich nur nicht – nicht mal in Ansätzen.

    Außerdem kreist die deutsche Bloggerszene zu sehr um sich selbst und die Journalisten gehen auf Distanz zu diesem „neumodischen Kram“ – na toll! Technik die begeistert. Schubladendenken rules!

    Antworten
  17. 31. Mai 2007, 13:06 Uhr, von Janna
    017

    Das ist schon alles richtig, aber es bringt ja nichts plötzlich zu sagen: „so, und jetzt wird nur noch ernsthaft und ergebnisorientiert gebloggt.“ Zumal die Themenauswahl durch den Blog-Betreiber oft ja auch Tendenzen erkennen läßt, in welche Richtung eine Diskussion erwünscht ist.
    Und letztendlich müssen wir doch Informationen aller Art filtern, ob ich nun Zeitung lese, fernsehe, Radio höre oder mit anderen Menschen diskutiere. Ich bin ständig damit beschäftigt, nicht nur die Themen selbst auf ihren Inhalt hin kritisch zu hinterfragen sondern auch die Art und Weise, wie die Information aufbereitet bzw. weitergegeben wird. Das gilt ebenso für’s bloggen.
    Und zum Thema Diskussion: das hat für mich viel mit agieren und reagieren zu tun. Will heißen: wenn ich in einer Diskussionsrunde sofort eine Antwort geben muß, kommt immer etwas anderes dabei heraus als eine These zuhause in Ruhe durchzulesen, eigene Gedanken zu bilden und eine passende Antwort zu formulieren. Deshalb würde ich Bloggen auch nicht automatisch mit diskutieren gleichsetzen, es ist eher eine Art Gedanken sammeln. Abgesehen davon regen Diskussionsrunden (vor allem im TV) momentan nicht wirklich zum ernsthaften Gedankenaustausch an. Was auf der einen Seite zwar eine gewisse Diskussionsmüdigkeit erklären würde, auf der anderen aber unverständlich ist, weil es doch auch irgendwie anregt, sich nicht auf das vorgelebt Niveau zu begeben sondern es selbst besser zu machen (man nannte mich in der Schule auch die Verfechterin der Schachtelsätze…).

    Antworten
  18. 31. Mai 2007, 14:37 Uhr, von Cate
    018

    Das blödeste ist doch wohl eher, wenn man sich zuviele Gedanken darüber macht… ;o)

    Antworten
  19. 31. Mai 2007, 15:18 Uhr, von Siegmund
    019

    Was m. E. nach zuwenig beachtet wird: Irgendwann kommt es auch zu einer Übersättigung. Jedem Anfang wohnt ein Zauber inne (Hermann Hesse) – das gilt auch für die Blog- und Forenkultur. Doch bei einer immer weiter quantitativen Ausbreitung zeigt sich, dass oft Qualität auf der Strecke bleibt. Und so liest man dann zum x.mal, welche Hobbies in Deutschland am weitesten verbreitet sind oder welche Computer-News es gibt, die man schon Jahre zuvor in Printmagazinen gelesen hatte.
    Blogs, die nicht mehr gepflegt werden, sind ein Anzeichen dafür, dass zwar die Technik an sich einen gewissen Reiz hat, aber nicht jeder diese ständig für sich nutzen will.
    Es gibt auch eine Grenze, die eine Medienintensität den Menschen fordern kann. Einem potentiellen „media overkill“ entgeht der User durch Rückzug. Im Internet wird es zu einem Ausleseprozess kommen, in dem nur diejenigen Angebote bestehen bleiben, die einen erkennbaren Nutz- oder Unterhaltungswert haben.

    Antworten
  20. 31. Mai 2007, 15:20 Uhr, von Walter
    020

    Bloggen ist Kommunikation, elementares zwischenmenschliches Handeln- mit technischen Mitteln. Mehr Psychologie als Microsoft, mehr Neigung als Programmierkenntnis.
    Die Motive unseres Handelns kommen nicht so sehr aus der Ratio, sondern eher aus dem ‚Gefühl‘, dem Interesse, nach Sigmund Freud sogar aus dem Eros- nichts unanständiges!
    Die Antworten auf die oben gestellten Fragen liegen auf der menschlich- kulturellen Ebene. Hier unterscheiden wir uns auch von unseren Nachbarn. – Bloß wie sehr?

    Antworten
  21. 31. Mai 2007, 16:24 Uhr, von Fabian
    021

    Im Prinzip habe ich mir ja selber widersprochen, ich wünschte mir eine Diskussionskultur, die ich nicht sehe, aber an der ich mich gerade beteilige :-)

    Zum Thema „Everyone is blogging“ nur: „Why not?“ und ob und wo Susi Grundmann heute ihren Hund heute spazieren geführt hat, mag ja bei ihren Freunden durchaus auf Interesse stoßen.

    Problematisch sehe ich alelrdings das „Sich-Verlieren“ in den „schönen neuen Medienwelten“ durch die selbstverliebte Inszenierung auf den ganzen Plattformen und die Interaktion mit anderen bzw. das „Suggerieren“ von Freundschaften. Die virtuelle Parallelexistenz – egal in welcher Form (Blogs, MySpace, StudiVZ, SecondLife etc.) wird uns noch ganz schön zu schaffen machen. Stichwort Mediensucht.

    Monokultur, hier wird eins ins andere greifen. Gute Blogger werden früher oder später in den Qualitätsjournalismus wechseln, der Qualitätsjournalismus wäre ziemlich blöd, wenn er nicht die innovativen Ansätze aus dem Web 2.0 für sich nutzen würde – tut er ja vielfach schon (die Zeit verfolgt z.B. mit Zuender etc. da ein gutes Konzept).

    Insofern: Die großen Marken werden bleiben – zwar abgeschwächt, sie werden aber dennoch immer zuverlässige Orientierung geben (müssen).

    Blogs sind für mich derzeit eher ein unterhaltsames und bisweilen auch informatives Supplement zu den klassischen Medien.

    Jetzt mal ein gedankliches Experiment:

    Wie informiert wären wir, wenn es keine anderen Medien außer die deutschen „Top-Blogs“ gäbe???

    1. Bildblog,
    2. Basic Thinking,
    3. Spreeblick,
    4. Law Blog,
    5. BLOGS!,
    6. Dr. Weblog,
    7. Netzpolitik (immerhin!),
    8. Ehrensenf,
    9. Nerdcore,
    10. Der Shopblogger

    Quelle: Deutscheblogcharts.de

    Na ja, über Relevanz lässt sich trefflich streiten

    Antworten
  22. 31. Mai 2007, 19:25 Uhr, von Fabian
    022

    @ Walter: Nochmal ein paar Gedanken zur Diskussionskultur. Vielleicht ist die angelsächsische Diskussionskultur deshalb so ausgeprägt, weil die a) eine längere demokratische Kultur haben, weil die b) immer schon liberaler dachten bzw. denken durften

    Deutschland hinkte da immer hinterher – ob und wie das aber nun mit der spezifischen Mentalität der Deutschen (Obrigkeitsdenken etc.) zusammen hängt – keine Ahnung, wir Deutschen sind als Volk vielleicht zu romantisch und „rückwärts gewandt“ veranlagt und deshalb im Grunde doch konservativ und traditionsbewusst – ich weiß es nicht.

    Fichte, Hegel, Kant oder Deutscher Michel hilf!

    Antworten
  23. 31. Mai 2007, 19:27 Uhr, von Fabian
    023

    @ Walter: Nochmal ein paar Gedanken zur Diskussionskultur. Vielleicht ist die angelsächsische Diskussionskultur deshalb so ausgeprägt, weil die a) eine längere demokratische Kultur haben, weil die b) immer schon liberaler dachten bzw. denken durften. (siehe Stichwort Liberalismus bei Wikipedia)

    Deutschland hinkte da immer hinterher – das wurde uns ja schließich auch zum Verhängnis.

    Ob und wie das aber nun mit der spezifischen Mentalität der Deutschen (Obrigkeitsdenken etc.) zusammen hängt – keine Ahnung, wir Deutschen sind als Volk vielleicht zu romantisch verklärend und „rückwärts gewandt“ veranlagt und deshalb im Grunde doch konservativ und traditionsbewusst – ich weiß es nicht. Ich finde auch, dass wir Deutschen bisweilen sehr zur Hysterie neigen, aber das ist meine ganz persönliche Meinung :-)

    Ich weiß nicht weiter: Fichte, Hegel, Kant oder Deutscher Michel hilf!

    Antworten
  24. 31. Mai 2007, 19:28 Uhr, von Fabian
    024

    Vielleicht findet sich unter diesem Stichwort was: Mentalitätsgeschichte.

    Antworten
  25. 31. Mai 2007, 19:37 Uhr, von Fabian
    025

    Sorry, nochmal ich (bin grad in Fahrt :-)). Noch ein gedankliches Experiment: Angenommen Spreeblick oder Basic Thinking hätte die Siemens-Affäre als erstes gebracht … hmmmmmm … woran liegt’s?

    Antworten
  26. 31. Mai 2007, 20:59 Uhr, von Cate
    026

    Spreeblick hat die SPON-Geschichte als erstes gebracht. Ein Online-Thema. Kein Politikum, aber immerhin…

    Antworten
  27. 31. Mai 2007, 21:00 Uhr, von Cate
    027

    Also, ich meinte die Geschichte mit WORD PRESS… War ja nicht nur SPON.

    Antworten
  28. 31. Mai 2007, 21:10 Uhr, von Cate
    028

    Und das kam nur von den Blogs. Stellt sich also die andere Frage: Wie informiert wären wir heute ohne Blogs? Vielleicht findet eine Aufteilung statt. Es gab ja online auch schon viele Beschwerden über unzulängliche Informationen rund ums Internet in den „realen“ Medien…

    Antworten
  29. 31. Mai 2007, 21:30 Uhr, von Walter
    029

    Ein Punkt, der sich vielleicht zu betrachten lohnt, ist das Verhältnis zwischen Gesellschaft und Individuum, das sich im Begriff der Identität ausdrückt. Unsere Identität als Deutsche ist zwiespältig und historisch bedingt schwach. Wo sie stark ist ist sie meist ‚rechts‘. Andere Europäer tun sich mit ihrer nationalen Identität leichter, haben deswegen vielleicht mehr ‚Gemeinsamkeit‘, eine leichtere Verständigung auf ein gemeinsames soziales Projekt? Wenn Bloggen anders als Fernsehen auf der Voraussetzung eines gemeinsamen, mit der eigenen Identität verknüpften Gesellschaftsbildes beruht, könnte dessen Schwäche, Unschärfe oder weitgehendes Fehlen unsere besondere Situation in Deutschland mit erklären: Ein Übermaß an Kritik bei zu wenig Bejahung und Unterstützung- das Fehlen einer gemeinsamen Utopie. Die politischen Parteien, die aus dieser Schwäche Nutzen zogen- von Franz Josef Strauß bis Willy Brandt- sind in eine Legitimationsfalle geraten, haben ihre Visionen der Realpolitik geopfert, vom Kosovo über die Globalisierung bis weit hinter Afghanistan.
    Jetzt kommt die Stunde der Linken Partei, die auch wieder dagegen ist…
    Interessante Gedanken über Identität und Individuum finden sich bei Norbert Elias und Manuel Castells, der sich besonders auch für die Auswirkungen der Internetgalaxie und der mobilen Kommunikation auf die Gesellschaft interessiert.

    Antworten
  30. 31. Mai 2007, 21:51 Uhr, von Walter
    030

    Zum Thema investigativer Journalismus- siehe auch die Themen vom letzten November- Es sind nicht viele Journalisten, die konsequent recherchieren- nicht weil so wenige wollen, sondern wohl eher weil so wenige können. Außerdem verschafft für einige die Kungelei mit der Macht erbliche Annehmlichkeit und Prestigegewinn- ganz schön schlimm die Eitelkeit.
    Das Netzwerk Recherche, dessen Protagonisten ja auch bei Siemens nachgeforscht haben, ist ja auch nicht wenig stolz auf sich. Der Vorsitzende hat mittlerweile vielleicht sogar eine bessere Meinung über Blogger.
    Und mal wieder im gemischten Doppel exemplarisch: die Süddeutsche und DeutschlandRadio.- Ein Gespräch im Deutschlandfunk vom 15.5.2007:
    ‚Leyendecker: Journalisten müssen Zipfel der Wahrheit suchen
    Moderation: Oliver Heckmann
    Hans Leyendecker bekommt heute den renommierten „Wächterpreis der Tagespresse“. Obwohl investigativer Journalismus normales Handwerk sei, habe es diese Art der Recherche in Deutschland schwer beklagt der Redakteur der „Süddeutschen Zeitung“. Wenige Medien könnten sich diese oftmals teure Form der Meinungsbildung leisten und auch von Seiten der Politik drohten weitere Erschwernisse beispielsweise in Form von Online-Durchsuchungen.‘
    Die Mengen der Blogger und die der Journalisten haben eine Schnittmenge. Richtig interessant sind aber vielleicht doch die anderen(?!)

    Antworten
  31. 1. Juni 2007, 6:09 Uhr, von Fabian
    031

    @ Walter: Das mit der Identität finde ich persönlich etwas weit hergeholt. M.E. geht es dabei eher um ein gesellschaftlich-politisches Klima, das von Offenheit und Toleranz geprägt ist.

    Träger neuer politischer Ideen waren in Deutschland hauptsächlich die Studenten (s. Hambacher Fest).

    Das Bürgertum in Deutschland spielte politisch ja eher eine wenig herausragende Rolle und sein Selbstverständnis war im politischen Sinne sicherlich nie vergleichbar mit dem des französischen Citoyen, der sich als aktiven Staatsbürger versteht, der in der Tradition und im Geist der Aufklärung aktiv und eigenverantwortlich am öffentlichen Leben teilnimmt und dessen Selbstverständnis historisch auf den Werten der Französischen Revolution von Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit basiert.

    Eine solche Einstellung fand man nur in einem Teil des Bürgertums, das ja im Grunde sehr heterogen war. Kleinbürgertum, Bildungsbürger, Groß- bzw. Wirtschaftsbürgertum (Bourgois)

    Ein durchschlagendes emanzipiertes Bürgertum gabe es in Deutschland ja kaum. Schhon früh – nämlich mit den Karlsbader Beschlüssen von 1819 trat die Reaktion wieder auf den Plan und erstickte liberale Tendenzen bereits im Keim. Es folgte die Zeit des Biedermeiers – auch typisch deutsch. Das Bürgertum befasste sich lieber mit Idyll und Hausmusik als mit Politik.

    Die deutsche Kleinstaaterei tat ihr übriges ein einheitliches nationales Identitätsbewusstsein lange zu verhindern.

    Wie gesagt, die Entwicklungen haben in anderen Ländern eine ganz andere – auch parlamentarische – Tradition.

    Ich glaube es liegt schon an einer gewissen „Politisierung“ im Bewusstsein des Staatsbürgers, ich denke, die Einstellung zur Politik ist in anderen Ländern möglicherweise eine andere, bzw. die politische Tradition – vielleicht, weil die Demokratie sich bei uns weniger aus einer demokratischen Tradition – also gewissermaßen von der Basis – entwickelt hat, sondern im Prinzip zweimal aus den Situationen verlorener Kriege und Kriegsschuld als Staatsform eher „aufgestülpt“ wurde?!

    Antworten
  32. 1. Juni 2007, 6:20 Uhr, von Fabian
    032

    Vielleicht eher politisch-nationale Identität als nur nationale Identität. In Deutschland hat nationale Identität auch m.E. recht wenig mit Politik zu tun, da denkt man doch zuerst an unsere kulturelle Vergangenheit, oder?

    Antworten
  33. 1. Juni 2007, 6:24 Uhr, von Fabian
    033

    @ Cate: Ja, die Blogger haben schon so manches aufgedeckt, siehe Jamba. Die Macht der Blogs liegt eben in der Vernetzung. Aber als besonders glaubwürdige Quelle werden sie nicht gerade gesehen. Es ist erst ein Politikum bzw. Thema, wenn es die klassischen Medien aufgreifen und darüber berichten.

    Ein gutes Beispiel dagegen aus den USA: The Huffington Post

    Antworten
  34. 1. Juni 2007, 9:37 Uhr, von Janna
    034

    @Walter
    wenn Bloggen auf einem Gesellschaftsbild beruht das mit der eigenen Identität verknüpft ist, müssten dann nicht gerade wir als oft zweifelnde bzw. zwiespältige Nation mit weniger ausgeprägtem Ego die interessanteren und vielfältigeren Blogs innehaben ? Wo mehr Bedenken ist, da sind doch auch mehr Ansätze für Diskussionen

    Antworten
  35. 1. Juni 2007, 12:07 Uhr, von theresa
    035

    @janna
    ich glaub, das wurde schon vorher mal geannt;
    wir, die eigentlich diskutierfreudig sind u. viel bloggen müssten/könnten/sollten (wenn ich deine these so zusammenfassen darf), verharren lieber im rückschritt und haben (zu) viel skepsis vor dem blog.
    ich meine es wird ja jetzt auch über den blog als solches diskutiert,
    ‚bloggen‘ als thema – wohl immer noch McLuhan “the medium is the message“?!

    …kleine lobhudelei an alle:
    finde eure beiträge richtig interessant!!!

    Antworten
  36. 1. Juni 2007, 13:06 Uhr, von Walter
    036

    Ein Hindernis ist das Schubladendenken: das ist richtig, das gehört sich so, das ist falsch- Kategorisierung von Aktivitäten und Plänen, Einkerkerung und Verhinderung von Ideen. Dem steht ein zunehmend selbstbewusstes Freiheitsbedürfnis und das Hinterfragen der alten Ordnungen durch eine sich entwickelnde Weltgesellschaft entgegen. Ein Effekt der Globalisierung: woanders macht man es anders- dann muss man es auch so nicht machen- schwups schon ist die schöne deutsche Ordnung dahin. Dies macht Menschen auch Angst, vor allem wenn Ordnung Halt gibt und Versicherung. Zugespitzt formuliert also Ordnung gegen Freiheit, Schubladen gegen Blog- Kommunikation und Austausch.
    Ordnung kann Halt geben, Gesetze sind zum Schutz der Gerechtigkeit und der Schwachen notwendig -jeder Starke kann mal schwach werden-; beides zusammen kann aber auch Freiheit verhindern.
    Exemplarisch dazu die neuen Entwicklungen im Urheberrecht angesichts der Tauschbörsen im Internet. Ein passendes Motto: „Jede Revolution macht erst einmal Angst“.
    Mit dem Bloggen ist das vielleicht ähnlich?

    Antworten
  37. 1. Juni 2007, 13:37 Uhr, von theresa
    037

    Angst ist mir da ein zu großes Wort – respekt? skepsis?

    Ist die Blog-Kommunikation eine Revolution?! Ich glaub, wir überschätzen die Blog-Bedeutung… zumindest die gegenwärtige Bedeutung.

    Antworten
  38. 1. Juni 2007, 14:50 Uhr, von Fabian
    038

    O wei, meine historische Abhandlung ist etwas kryptisch, wollte im Grunde nur sagen:

    Wer ist denn in Deutschland hauptsächlich Träger von politischer Kultur? Wer debattiert? Wer diskutiert? Wer informiert sich? Und wer bloggt?

    Das Bürgertum würde ich in der Mediennutzung tendenziell eher konservativ einstufen (laut Sinus teilw. in der Bürgerlichen Mitte, bei den Postmateriellen und den Etablierten), die Blogger sind meiner Meinung nach eher progressiv (d.h. im Bezug auf Sinus Millieus eher den Moderne Performer und Experimentalisten zuzuordnen) – wie politisch sind Blogs – da war doch letztens auch eine Diskussion dazu (suche ich noch raus).

    Über Frau Huffington war im übrigen vor zwei drei Tagen ein riesen Artikel im Handelsblatt – tolles Konzept! Warum gibt es sowas nicht schon längst in Deutschland?

    Link: http://www.sinus-sociovision.de/

    Ferner ist mir heute morgen noch eingefallen: Sind die ganzen Kochshows und Einrichtungssendungen nicht ein Zeichen eines gewissen Neobiedermeiers? Angesichts der Schrecken der Globalisierung sucht der Deutsche sein Glück im Eigenheim. Ohnehin, der Haus- und Dekokult, der in Deutschland betrieben wird ist auch kaum vergleichbar mit anderen Ländern. Seltsames Völkchen. (dazu Buchtipp: Peter Richter, Deutsches Haus – lohnt sehr, ich glaube, Janna hatte es auch an anderer Stelle schon mal erwähnt)

    @ Walter: Hat der Deutsche überhaupt sowas wie eine nationale Identität, oder ist nicht vielmehr die regionale Identität bei ihm viel ausgeprägter – immer gewesen?

    Antworten
  39. 1. Juni 2007, 14:55 Uhr, von Fabian
    039

    Noch ein sehr interessanter Link zu dem Thema: Ombudsmen in the digital future – By Alan Rusbridger Chefredakteur der britischen Tageszeitung “Guardian?.

    Irgendwie sind die alle schon weiter im Denken.

    Antworten
  40. 1. Juni 2007, 16:12 Uhr, von Walter
    040

    Aus dem Gespräch mit Mercedes Echerer: ‚Das tun sie bis zu einem gewissen Grad jetzt schon. Ich glaube außerdem, dass, was die Verteilung angeht, die Telekommunikationsunternehmen schon jetzt mehr Macht haben als Medienkonzerne. Gerade in der digitalen Welt haben sie immer mehr Möglichkeiten, die sie auch nutzen.‘
    Stimmt das? Geht Kommunikation, Vernetzung, über Inhalte? Oder sollte nicht beides zusammen laufen- die flächendeckende bi- und multidirektionale Verbindung von Menschen durch das Netz und die aufwendige Produktion von differenzierter Information, sorgfältig produzierter Musik und durchdachten Fernsehproduktionen? Also die Verbindung von konventionell erzeugter Qualität mit Instant- Verbreitung auf fast jeden PC/ Laptop, fast jedes Handy.
    Die Anonymität unserer Städte, die uns zu Zuschauern macht, ist eine Entwicklung der letzten 200 Jahre- Sternschnuppenzeit in der Geschichte des Menschen. Vielleicht erleben wir ja wirklich eine Revolution des Austauschs und der Kommunikation- ich meine schon, wir wären andernfalls nicht so hartnäckig an dem Thema.
    Wie könnten wir aber feststellen ob es so ist, welches wären die Kriterien für eine tiefgreifende Umwälzung unseres gesellschaftlichen Umgangs, wenn wir selbst gleichzeitig Akteure und Publikum sind?
    Stimmt es doch: „Jede Revolution macht erst einmal Angst“? Nicht uns, wir sind da schon durch, beziehungsweise furchtlos… ;-)

    Antworten
  41. 1. Juni 2007, 16:51 Uhr, von Walter
    041

    Beim Lesen in ‚Was vom Tage übrig bleibt‘ taucht auch der Guardian auf. Die Themen sind komplementär. Damals von den Medien, jetzt vom Individuum aus betrachtet. Beides gehört zusammen. Die professionellen Medien öffnen sich, weil die Menschen, die sie ‚machen‘ die Entwicklung mindestens genau so spannend finden, wie ihre Kunden. Medienmacher sind eben auch Medienkonsumenten. Unsere Frage ist: Funktioniert das auch umgekehrt?

    Antworten
  42. 1. Juni 2007, 16:56 Uhr, von Cate
    042

    Ein interessantes Beispiel (in eigener Sache):
    Die Szene rund um kleine aber feine Labels elektronischer Musik, wie Vakant, Cocoon, Liebe/Detail, Mobilee oder Flash, hält bei nahezu uneingeschränkter Zugänglichkeit seit Jahren ein sehr hohes Niveau und ist zu einem festen Bestandteil der gesamten elektronischen Musik geworden, nebst Techno-Heroen, Großraum-Raves und aufgblasener Elektro-Pop-Kultur. Ja, sie ist sogar zu einer Art Gourmet-Küche avanciert, besticht aber durch bodenständige Nähe und guter Überschaubarkeit bei rasend schneller Entwicklung. Ein Beispiel für die Funktionsweise eines Netzwerks, dass durch 100&ige Offenheit nicht an Qualität verlieren, sondern sogar durch sie bereichert werden kann. Das wichtigste hierbei ist wohl, dass nie irgendeinem Ziel oder einem großen Vorbild nachgeeifert wurde und wird. Die Teilnehmer machen einfach das, was ihnen Freude bereitete: Musik basteln und dann eine Platte pressen. Das schöne daran ist, dass die Struktur dieses „Marktes“, wie oben schon erwähnt, eine im Vergleich zu anderen Musikmärkten unglaubliche Zugänglichkeit aufweist, die beinahe uneingeschränkt ist (wie in der Bloggosphäre eben). Es kann wirklich jeder ein Label gründen, einen Track produzieren und eine Platte pressen, zudem (und hier liegt der wahre Unterschied zu anderen Märkten) besteht aufgrund der Nähe zu den Schauplätzen der Szene eine große Chance, dass wohlklingende Platten auch ihre Abnehmer finden. Das liegt zum einen daran, dass der Markt nie oder kaum von großen Namen lebt (die Ausnahmen verhalten sich dennoch strukturkonform, sind also weiterhin zugänglich und featuren gern unbekannte Platten durch Remixe oder im Set), Neulinge also oft garnicht als solche wahrgenommen werden, zum anderen scheint die Szene überhaupt nicht nach den gängigen Marktkriterien zu funtionieren: Durch den technischen Fortschritt liegen die Kosten für eine 4-Track Platte so niedrig, dass materialistische Aspekte kaum ins Gewicht fallen (beim Bloggen ähnlich). Hier herrschen ganz andere Belange, die wohl auch das Niveau mitbestimmen. Ob es kitschig klingt oder nicht: Das Netzwerk scheint von einem Idealismus geprägt, der fast schon überirdische Verantwortungs- und Dezentralisierungsmechanismen ermöglicht. Es ist schwer zu erklären und überhaupt erst zu begreifen, wie und warum dieses Prinzip schon so lange auf diesem Niveau störfrei bestehen kann. Aber vielleicht ist es das, was die Bloggosphäre einmal erreichen will: Erhaltung der Zugänglichkeit bei gleichzeitig hohem Niveau mit konstanter Qualität, einen eigenen Platz in der Kommunikations- und Informationsbranche fernab vom Mainstream aber nicht von der Relevanz, eine schnelle Entwicklung bei permanenter Überschaubarkeit und sinnvolle Selektion ohne Ausschlusspolitik.
    Ein weiterer Aspekt der oben beschrieben Szene ist die sehr schlaue Kombination aus unegozentrischer aber globaler Eitelkeit. Das heißt, die Protagonisten nennen sich (und heißen wohlmöglich auch wirklich so) Oliver Koletzki, Sascha Funke oder Oliver Huntemann, geben sich also keine hochtrabenden Künstlernamen, weisen aber in ihrer Gesamtheit als Community eine sehr förderliche Eitelkeit auf, was vielleicht auch wieder niveaubestimmend ist…

    Antworten
  43. 1. Juni 2007, 22:42 Uhr, von Walter
    043

    ‚…die sehr schlaue Kombination aus unegozentrischer aber globaler Eitelkeit‘- Diese Verbindung begegnet mir zum ersten Mal.- Klasse.
    Das erinnert an small is beautyful, ein Motto als Programm seit der Veröffentlichung von Ernst Friedrich „Fritz“ Schumacher. Passt auch zur Schweiz, die ja ab heute ihre Grenzen etwas weiter öffnet.
    Sind ‚kleine aber feine Labels elektronischer Musik, wie Vakant, Cocoon, Liebe/Detail, Mobilee oder Flash‘ nicht auch irgendwie elitär und stolz darauf, sich vom Mainstream abzugrenzen?
    Durch das Internet als social web bekommen auch wir kleinen eine Stimme und ein Publikum- für unsere unegozentrische aber globale Eitelkeit?
    Wollen letzten Endes nicht auch viele Blogger nicht im Mainstream untergehen, sondern sich durch ihren Stil und ihre Ideen unterscheiden, auffallen- ein neuer Mainstream? Auffallend sind Provokation, Spott, Besserwissen, Beleidigung.- Nur so möchten die wenigsten selbst behandelt werden. Als Kommunikation funktioniert das nicht. Also sind neben media literacy auch elementare Umgangsformen und Respekt hilfreich…

    Antworten
  44. 2. Juni 2007, 9:00 Uhr, von Meckel bezweifelt: "Everybody will be a blogger". « Blogs und Politik
    044

    […] Im neusten Eintrag geht es u.a. um Jay Rosens Aussage, in San Fancisco an der Konferenz der internationalen Publizistik-Gilde. [Jay Rosen wurde hier auch schon für sein wegweisendes Open Source-Journalismus-Projekt NewAssignmentNet gelobt.] Meckel berichtet von der Konferenz in San Francisco: Gefragt nach seiner [Jay Rosens] Prognose, was in drei bis fünf Jahren sein werde, sagte er: ?We will all be writers on the Web. Everybody will be a blogger.? […]

    Antworten
  45. 2. Juni 2007, 11:46 Uhr, von Cate
    045

    @Walter: Ja, die Labels sind „elitär und stolz“, aber dabei zugänglich geblieben. Auch diese Kombination könnte dir das erste Mal begegnen… ;o)
    Der Unterschied zur Bloggosphäre ist nachwievor das hohe Niveau. Quasi nach dem Motto: Jeder kann mitmachen, aber es machen eben nur die mit, die was gutes machen oder die, die mitmachen machen eben was gutes, was weiß ich… Hier scheint sich irgendwo ein Kreis geschlossen zu haben, der die Szene am laufen hält. Dreht einer am Rad, ergeben sich für ihn automatisch Bedingungen, die er aber ganz von selbst beachtet. Das meinte ich mit „unegozentrischer aber globaler Eitelkeit“: Weil jeder eben nicht zuerst an sich denkt, sondern die Musik, die Szene im Vordergrund stehen. Die soll sich weiterentwickeln und nicht das Ego der Teilnehmer. Ist das eigentlich das NashGleichgewicht und die Widerlegung der Smith-Theorie? (Wir erinnern uns an „A Beautiful Mind“: Alle wollen die Blondine. Keiner kriegt sie am Ende, weil sich alle durch ihren Egoismus gegenseitig behindern. Konzentrieren sich die Jungs hingegen auf deren brünette Freundinnen, so entsteht die Win-Win-Situation. Keiner verliert, weil alle das größtmögliche, also in dem Fall die Freundinnen der Blondine, erreichen. – Also abgesehen davon, dass dieses Fallbeispiel ganz schön frauenfeindlich ist, hab ich mich immer gefragt, was eigentlich mit der Blondine ist. Die geht doch leer aus, oder?)

    Antworten
  46. 2. Juni 2007, 21:58 Uhr, von Walter
    046

    Das liegt an ihr, Cate, sie kann sich ja auch konzentrieren, egoistisch sein. Sind es nicht überhaupt meistens die Frauen, die (aus)wählen?
    Dein Beispiel der Musiklabels zeigt wie wichtig ein Wertekonsens ist- im konkreten Fall gemeinsamer musikalischer Geschmack und ähnliche Ansprüche an Qualität. Hierin besteht sicherlich ein wesentlicher Unterschied zur in sich sehr inhomogenen Blogosphäre, die eher an den ganzen Musikmarkt erinnert, einschließlich Musikantenstadl- und so weiter.
    Jay Rosen meinte möglicherweise mit: ‚Everybody will be a blogger‘, alle die bloggen könn(t)en. Das sind aber längst nicht alle Menschen, sondern nur die auf dieser Seite des digital divide. Im Interesse von Gerechtigkeit und Demokratie sollten alle Gesellschaften versuchen (siehe digitaldivide.net), möglichst vielen Menschen den Zugang zu Kommunikations- und Informationsmitteln zu ermöglichen und sie am Meinungsaustausch im Rahmen ihrer Interessengebiete zu beteiligen. In der öffentlichen Debatte wird die digitale Kluft (siehe auch Wikipedia) eher nicht als ein Kernproblem wahr genommen, obwohl Zusammenhänge mit dem Familieneinkommen und dem sozialen Status bekannt sind. Schon in den Schulen manifestiert sich eine Chancenungleichheit, die sich unter anderem an der digitalen Kluft festmachen lässt. Auch Fernsehintendanten sehen das Problem auf ihrem Gebiet, exemplarisch vorgetragen auf der Medienwoche Berlin-Brandenburg im letzten Spätsommer- Tenor: ‚die digitale Revolution hat begonnen.‘ – Für wen?

    Antworten
  47. 8. Januar 2008, 5:40 Uhr, von Alexandros
    047

    Sorry :(

    Antworten
  48. 10. Januar 2008, 16:42 Uhr, von Zaharias
    048

    Cool.

    Antworten
  49. 28. Oktober 2008, 19:41 Uhr, von Mesm
    049

    Hmmmm…. Josef Ackerman (http://de.wikipedia.org/wiki/Josef_Ackermann) seems to be Swiss, a graduate of the St. Gallen University, where he is also a member of some kind of stirring committee, “stiftungsrat?(www.stgallen-symposium.org/de/about_us/stgallen_foundation/board_of_trustees.htm)…. so – he a “local? boy with a rather colourful (and successful) career … :-)))

    Sorry –sorry – sorry, but I have to understand this link thing ;-)

    Antworten
  50. 28. Oktober 2008, 19:54 Uhr, von Mesm
    050

    grrrrr..it wasn’t :-))))…maybe I want a real life again sometime :-)))

    Antworten


© Miriam Meckel 2002 bis 2017