MM_de-Lillo
Zu den Kommentaren
10. September 2007, 17:36 Uhr, Geschrieben von Miriam Meckel

Das Residuum

Im Web zählt alles zur Kategorie “Verschiedenes”, argumentiert der Internetphilosoph David Weinberger in seinem neuen Buch. Während wir in der analogen Welt eine klare Ordnung kennen (von Menschen gemacht und von Menschen geliebt), lösen sich Strukturen im Web auf.

Ein Beispiel: Wenn ich ein gedrucktes Buch kaufe, landet es vermutlich in einem meiner Bücherregale, an einem ganz bestimmten Ort, den es nach ergänzenden Kriterien (alphabetische Ordnung, thematische Struktur, Genre usf. …) zu finden gilt. Das Buch hat seinen Platz in einem dreidimensionalen Raum, und diesen Platz gibt es so wie dieses ganz bestimmte Buch nur einmal.

Wenn ich ein digitales Dokument verwalte, sieht das ganz anders aus. Ich lege es dann womöglich in verschiedenen Ordnern gleichzeitig ab – z.B. thematisch, nach Autor, nach Entstehungszeitpunkt – oder verknüpfe es mit anderen Dokumenten. Das gelingt beliebig oft.

Was macht das mit unserer Ordnung? Sie wird mehrdimensional und unendlich in ihren Bezügen! Das aber mögen wir Menschen ja gar nicht so recht. Schön ist es, wenn Dinge in Schubladen verschwinden, die eindeutig zuzuordnen sind. Die gibts aber nicht im Web. Also müssen wir uns umstellen – auf die Netzwerkverwaltung, in der jedes digitale Ding überall sein und seine Bewandnis haben kann. Lassen wir das zu und uns darauf ein, entsteht daraus Kreativität und gelegentlich etwas Neues. Verweigern wir uns dem Paradigmenwechsel in der Ordnung der Dinge, können wir in Digitalien nur verzweifeln. Dann erstarren wir vor dem digitalen Ding an sich. Und das Ding erstarrt ebenfalls. Es kann sich nicht entfalten in seiner Vielfältigkeit der offenen Verknüpfungen und Beziehungen, aus denen Neues erwächst. Es ist dann nicht nur Verschiedenes, es wird zum Residuum.


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42 Reaktionen

  1. 10. September 2007, 18:23 Uhr, von Aron
    01

    Ich finde, der Vergleich hinkt extrem. Die Dokumente auf meinem persönlichen Rechner (entspricht meinem Bücherregal) kann ich noch gerade so überblicken. Für die Dokumente im Web (entspricht dann wohl eher einer ganzen oder gar mehreren Bibliotheken) habe ich genauso Such- und Nachschlagesysteme, Schlagwortkataloge etc. wie früher auch. Technisch natürlich anders, funktional im Prinzip sehr ähnlich. Einziger Unterschied: wir sind viell. schneller aktuell als eine Bibliothek. Aber das sind die Schlagwortkataloge (Google) auch.
    Dokumente, die ich bearbeite (d.h. die nicht statisch sind), sind da eh nochmal komplett außen vor – die kann man schließlich mit einem Buch o.ä. nicht vergleichen!

    Antworten
  2. 10. September 2007, 19:47 Uhr, von Walter
    02

    Aron, so einfach fällt mir leider das Ordnen nicht. Respekt.
    Die Ordnung der Dinge. Eine Archäologie der Humanwissenschaften, so der Titel von Foucaults Buch über die diskursive Veränderung von Erkenntnis und Identität. Wenn der Mensch durch die Art seines Austausches mit der Umwelt und die Arten seiner Erkenntnis bestimmt wird, werden wir nicht mehr sein, wie wir waren. So wie sich unsere Wahrnehmung der Welt durch die Mittel verändern, mit denen wir uns mit dieser Welt austauschen, so verändert sich auch unsere Wahrnehmung des Selbst.
    Ob wir nur noch Einzelteile wahrnehmen und verarbeiten und inwieweit wir Dinge und Zusammenhänge verstehen, bestimmt nicht nur, wie wir mit Begriffen und Fakten, sondern auch mit unseren Mitmenschen umgehen. Unsere Selbstdefinition und damit auch Sinnzuweisung an Menschen und Dinge stellt wohl mehr als in den vergangenen Zeiten unsere große existenzielle Herausforderung dar. Die Entscheidung fällt letzten Endes mit der Priorität des Menschlichen über die Logik der Maschinen. Nur wenn wir uns weiterhin in erster Linie als vernunftbegabte Menschen definieren, können wir eindeutig und konsistent mit den aus Maschinen konstruierten Netzwerken und ihren eigenen Gesetzmäßigkeiten umgehen. Der Mensch hat einen Teil seiner Souveränität an die Maschinen- Computer, Netzwerke, Programme, komplexe Organisationen- abgegeben. Es kommt darauf an, Grenzen zu ziehen, um Identität zu wahren.
    Foucaults Gedanken sind auch für die teilweise maschinendominierte Netzwerkgesellschaft gültig, die uns ihre eigene Ordnung der Dinge vorschreibt. Meine persönlichen Stolpersteine sind die bookmarks, die selten gleich ausfallen und oft unter verschiedenen, zwar ähnlichen aber dann doch immer wieder anderen Oberbegriffen- Schubladen- abgelegt sind. del.icio.us hilft auch nicht immer weiter als meine Sturheit. Unter diesem Aspekt bekommt der Begriff Residuum- Überbleibsel- eine neue Bedeutung. Wir sind dann die Residuen.
    Das ist kein Kulturpessimismus, sondern auch eine Chance, sich auf neues einzulassen, ohne das Wesentliche aufzugeben.

    Antworten
  3. 10. September 2007, 20:27 Uhr, von Janna
    03

    Bei mir ist es noch anders. Je strenger die Ordnung, desto weniger finde ich. Gerade auf Festplatten, wo ja alles genau nach Erstellungs/Ablagedatum und alphabetisch geordnet wird, sind die Dinge nie da, wo ich sie vermute. In meiner Wohnung mit den (besonders für andere) unübersichtlichen Haufen klappt es dagegen ganz gut. Es kommt wohl also darauf an, ob es meine Ordung ist oder ob ich mich einer fremden Ordnung anpassen muß.
    Gleichwohl sehe ich ein, das es eine allgemein gültige Systematik für bestimmt Dinge (Archive, Bibliotheken) geben muß, an die auch ich mich gewöhnen sollte. Auch wenn ich es nicht gerne tue.

    Antworten
  4. 10. September 2007, 20:39 Uhr, von Drifting
    04

    Und wo ist das Problem? Warum darf ein Gedanke, eine Assoziation, eine kluge Einlassung kein Residuum sein und damit womöglich gar seine (wohlverdiente) Ruhe in Digitalien finden?

    Antworten
  5. 10. September 2007, 22:30 Uhr, von Miriam Meckel
    05

    Ich weiß eigentlich gar nicht mehr, wie ich ordnen soll. Ich entdecke Folgendes: Wenn ich ein Buch unter den wirklich vielen, die ich habe, suche, dann suche ich nach Farbkonstellationen des Covers. Und ich suche aus der Erinnerung an Momente, in denen ich das Buch aus dem Regal genommen und reingeschaut habe. Dadurch erinnere ich mich an den Standort des Buchs. Im Internet ist das anders. Über Google Desktop finde ich ja alles, was auf meinem Rechner ist. Aber es ist bezugslos. Ich finde das Dokument, aber ich habe keinen Erinnerungskontext, in den ich es einordnen könnte.

    Antworten
  6. 11. September 2007, 8:35 Uhr, von Janna
    06

    Das ist genau das, was ich meinte. In meinem Refugium verbinde ich die Systematik mit den übrigen Dingen, die sich in einem dreidimensionalen Raum befinden. Im Gegensatz zu elektronischen Medien spielen z. Bsp. bei Dokumenten Größe, Farbe, Seitenzahl und Häufigkeit der Benutzung durchaus eine Rolle. Und so wird bei der Suche der persönlichen Logik gefolgt, auch wenn das für Dritte oft nicht nachvollziehbar ist.

    Antworten
  7. 11. September 2007, 10:10 Uhr, von Anja
    07

    David Weinberger sagt in einem brand eins online Interview `in der wirklichen Welt macht Unordnung uns das Leben schwer, in der digitalen Welt passiert das Gegenteil`
    Mein erster Eindruck: Alles quatsch, ist doch genau umgekehrt.
    Um beim Bücherbeispiel zu bleiben. Ich bin auch eine von denen, die in den eigenen “nicht sortierten” Bücherregalen jedes Buch in kürzester Zeit findet, Dateien auf dem PC aber oftmals bis zur Verzweiflung suchen muß.
    Je mehr ich aber darüber nachdenke, stelle ich fest, dass meine Bücher doch sortiert sind, nach meinem eigenen Ordungssystem, nämlich auch nach Kriterien wie Lieblinge, Optik, muß ich unbedingt nochmal lesen, dich lese ich mal, wenn ich zeit habe, du erinnerst mich irgendwie an die Schule und kommst ganz nach hinten, usw.
    Außerdem gibt es noch einen großen Vorteil meiner Regale. Sie sind natürlich räumlich begrenzt. Es quillt mal über und Bücher stapeln sich daneben und daneben… Irgendwann sortiere ich dann aus oder kaufe ein zusätzliches Regal.

    Das mache ich mit meinen Computerdaten nicht, jedenfalls nicht bewusst, der Speicherplatz ist zumindest für mein Vorstellungsvermögen unendlich und die Dateinamen sind in der Tat eher abstrakt und sachlich.
    Hätte ich meine Daten gestern z.B. unter “Fürchterlicher Tag” und nicht unter Fachbegriffen abgespeichert, würde ich sie vermutlich in Jahren noch finden und mich daran erinnern.
    Stelle mir gerade vor, mein PC würde mich beim speichern fragen: “Welche Erinnerung oder Empfindung möchten Sie diesem Dokument zuordnen? (Sonne, Kaffeegeruch, Stress, Rente…???)”
    Vielleicht würde mir das helfen…

    Antworten
  8. 11. September 2007, 10:24 Uhr, von Walter
    08

    Google- Desktop kenne ich noch nicht, will es aber mal ausprobieren. Dank für den Tipp.
    Zwei Anmerkungen: Bücher und Dokumente sind nicht dasselbe; Bücher haben Gewicht, Format, Größe und sogar Geruch. Es gibt seit Jahren auch digitale und sogar digitalisierte Bücher, die sich dann auch wieder durch die CD- Hülle unterscheiden- Nicht mehr durch die anderen Qualitäten. Ein Buch drückt meistens eine Raum- zeitliche Entwicklung oder ein Gedankengebäude aus und weckt auf die eine oder andere Art auch Emotionen und sei es bei reinen Fachbüchern- gibt es die überhaupt?- die Freude Über Verständlichkeit und KKlarheit oder eben das Gegenteil. Dokumente sind oft schon Fragmente- Untersuchungen mit dezidierter Fragestellung, Zusammenfassungen, Kommentare, sozusagen schon aufbereitete Kost, oft auf der Meta- Ebene. Die retro- oder noch interessanter prospektive digitale Speicherung geschieht dann unter mehr oder weniger unwillkürlichen Prämissen, die sich aus dem aktuellen Zusammenhang und den momentanen Gedankengängen ergeben und später vielleicht nur schwer nachvollziehbar und reproduzierbar sind. Ein digitaler Zettelkasten (N. Luhmann) funktioniert womöglich nur über Sinnzusammenhänge, die wir herstellen und die sich nicht allein auf Stichworte und Punkt- zu- Punkt- Verknüpfungen reduzieren lassen. Die Digitalisierung von Gedanken ins Metatag- Format wäre ein echtes Großprojekt.- wenn es überhaupt funktioniert.
    del.icio.us ist mit seiner Version zwei dabei. auch Kontext- sensitive Suchen zu ermöglichen und durch die Verknüpfung der Bookmarks ließe sich sogar eine virtuelle Link- Bibliothek aller Nutzer zusammenstellen, die über reines Page- ranking weit hinausgehen würde. Dann entstünde aus der persönlichen bookmark- Verwaltung ein Netzwerk von bookmarks und deren Verwaltern.
    - Die Zukunft ist offen, spannend wird es auf jeden Fall.

    Antworten
  9. 11. September 2007, 10:55 Uhr, von Walter
    09

    PS: Was David Weinberger als Stilmittel einsetzt und echt beherrscht, ist der Ausdruck von Begeisterung über das Internet. Mit seinem Buch und auch dem brandeins- Interview möchte er möglicherweise unseren Blick verändern. Denn Perspektive ist eine Frage von Standpunkt und Absicht: wir sehen das, was wir kennen und erkennen. Durch die aus herkömmlichen Blickwinkeln auf den Baum, von den Wurzeln und dem Stamm her zu den Blättern, chaotische Verknüpfung der Blätter verschiedener Bäume miteinander, entsteht Sinn, wenn wir nicht den Sinn nicht nur im Baum, sondern auch in den Verknüpfungen sehen. So eine Art duale Sichtweise: den Baum vor lauter Blätterverknüpfungen und die Blattbeziehungen aus dem einseitigen Blickwinkel des Baumbetrachters nicht aus den Augen zu verlieren. Wie in small pieces loosely joined preist er die neuen Dimensionen und geistigen Horizonte der Netzwerkgesellschaft missionarisch und wie ich finde schon auch faszinierend an.

    Antworten
  10. 11. September 2007, 11:22 Uhr, von Cate
    010

    Mehreres:

    Der Konflikt, in den Menschen verfallen, wenn sie mit den Strukturen der digitalen “Ordnung” konfrontiert werden ist doch ein Konflikt der Logik, ähnlich dem Unbehagen der Unendlichkeit gegenüber: Die Unendlichkeit von Zeit und Raum kann der Mensch in seiner Logik nie begreifen, Er ist es gewohnt, Dinge in abgeschlossene Kompartimente zu ordnen, um sie so definieren zu können. Etwas, das nicht abgeschlossen ist, kann man nicht mehr auf diese Art definieren. Welcher Raum bleibt denn bestehen, wenn aller uns bekannter Raum (das Weltall vielleicht) zuende ist? Wie sollen wir begreifen, was es ist, wenn es durch seine unendliche Eigenschaft überhaupt nicht endgültig eingeordnet werden kann? Die digitale Welt ist nicht unendlich, aber schon jenseits unserer möglichen Auffassungsgabe, daher quasi unendlich…

    Zu den Buchcovern:
    Ich habe, als Djane, ganz bewusst zu einem System gewechselt, in dem CD-Cover nicht mehr präsent sind, um die Kreativität und Spontaneität zu fördern. Meine CD-Koffer sind nur noch bestückt mit völlig gleich aussehenden Indexen einer jeden CD. Ich habe nämlich festgestellt, dass ich genau aus Gründen der Vertrautheit diverser optischer Aufmachungen bestimmter CDs gegenüber irgendwann nur noch gleich aufgelegt habe, immer zu den gleichen Sachen griff. Jetzt ist es viel besser und macht auch mehr Spaß! :o)

    Antworten
  11. 11. September 2007, 11:26 Uhr, von Cate
    011

    “Ich, als Djane,…” klingt wie “Ich, als Zahnarztfrau,…” ;o))

    Antworten
  12. 11. September 2007, 12:20 Uhr, von Walter
    012

    Cate, nach welchem System legst Du auf? Und geht es bei unserem Thema nicht auch um die Transposition von ‘Sinn’ aus der biologisch- menschlichen in die digitale Maschinensprache und umgekehrt. Ist das nicht eigentlich auch ein Kommunikationsproblem zwischen Mensch und Maschine, Multidimensionalität versus Linearität. Wird es erst besser, wenn unsere Maschinen intelligenter werden und Sinn herkenn und auch konstruieren können. Wären wir dann aber auch nicht in unserer ‘Einmaligkeit’ bedroht im Sinne Foucaults. Dann würde sich möglicherweise viel mehr für uns verändern, als wir uns jetzt vorstellen können.

    Antworten
  13. 11. September 2007, 12:37 Uhr, von Anja
    013

    Weinberger kann natürlich hervorragend polarisieren, wenn er sagt, wir brauchen bis auf wenige Ausnahmen nicht die besten und perfekten Informationen, sondern es reichen die, die gut genug sind.
    Da driftet in mir natürlich erst einmal alles auseinander. Der Vorteil der digitalen Welt soll also sein, dass ich mich letztendlich mit weniger zufrieden gebe, als vorher?! Das löst sofort die völlige Verweigerung aus. Residuum!!!!

    Auf dem 2. Blick ist es natürlich eine Frage, wie ich mit den gewonnen Informationen umgehe und ob ich für mich persönlich entscheiden kann, ob ich zu einem Thema genug Informationen zusammengetragen habe. Denn ich könnte ja tatsächlich endlos weitersuchen. Darin sehe ich eine große Herausforderung, die es zu bewältigen gilt, jeder muß selbst entscheiden an welchem Punkt er genug “Blätter gesammelt” hat und verantwortungsbewußt damit umgehen. Die Information ist nicht dadurch begrenzt, dass ich 2 Seiten im Brockhaus gelesen habe. Durch Verlinkungen bin ich von meinem Ausgangspunkt schnell weit entfernt. Und nicht immer kann ich die Quelle der Informationen als seriös und wahrheitsgetreu einstufen. Wahrscheinlich bedarf genau das einer Menge Erfahrungen und Entwicklungen, den Spagat zu schaffen zwischen Gefahren und Nutzen , zwischen Unendlichkeit und der eigenen digitalen Gesetze und Ordnung. Oder auch zwischen Web und Wirklichkeit.
    Vielleicht löst das gerade so ein Unbehagen in mir aus, weil ich genau das nicht allen Menschen. zutraue.

    Antworten
  14. 11. September 2007, 19:02 Uhr, von theresa
    014

    Ich glaube, dass digitale Dokumente nicht zum Residuum werden können – ganz einfach wegen der Unerschöpflichkeit des Internets.

    Internet – Netz ist für mich ambivalent konnotiert, man kann sich darin verfangen, gelähmt werden, oder eben ‘networking’ betreiben.

    Kann es nicht sein, dass das Netz durch das ganze Verlinken etc uns davon abhält (eigentlich) apodiktische Urteile zu fällen, ganz einfach weil man durch Ordnung und Unordnung gar nicht mehr weiß, was wirklich unumstößlich ist? Digitales als Nährboden für das ganz große Zweifeln?!

    - ich geh’ jetzt “Sein und Zeit” lesen. 1929 gedruckt, im Regal oben rechts.

    Antworten
  15. 12. September 2007, 10:27 Uhr, von Ute
    015

    “Was macht das mit unserer Ordnung? Sie wird mehrdimensional und unendlich in ihren Bezügen!”

    Ist der Unterschied zwischen digitaler und analoger Welt wirklich so groß? Der Ausgangspunkt bleibt doch bestehen und lässt sich zumeist verorten.

    Ich stelle mir eine Biblothek vor, mit einem altmodischen Zettelkatalog (mit Verschlagwortung), mit Büchern (die ebenfalls Fußnoten und Verweise haben). Im Internet geschieht diese “Verlinkung” natürlich dynamischer und schneller, aber letzlich hängt die Mehrdimensionalität doch davon ab, was wir geistig und intellektuell daraus machen und wie wir die Bezüge individuell ein- und verorten.

    Viel interessanter erscheint der Gedanke: “The Power of the new digital Disorder” Welche Dynamiken können geweckt werden? Und wozu sind sie gut?

    Lustige Anekdote dazu: Suche seit Tagen verzweifelt nach einem Wort, das ich vor einer Woche im Internet fand, in dem ich versuche, meine Gedanken in Form von Links zu rekonstruieren … kein leichte Aufgabe – Ordnung lerne, liebe sie … :-)

    Antworten
  16. 12. September 2007, 11:23 Uhr, von Cate
    016

    Walter, das kommt ganz darauf an… Wenn ich elektronische Sets lege, dann ist das natürlich auch eine technische Frage. Aber ich sprach in der Tat mehr von der, sagen wir mal, gepflegten musikalischen Beschallung zur allgemeinen Aufheiterung und zum Tanz (Na, hab ick dit schön umschrieben? ;o). Da isses schon schwieriger, von einem System zu sprechen, bzw. überhaupt eines zu finden. Unter Umständen ergeben sich gewisse Strukturen von selbst, durch Einfluss von außen (Poolzusendungen, DJ-Charts, Nachfragen…) und von innen (eigener Musikgeschmack, Stimmung etc…). Es ist immer schwer, jemandem zu erklären, welche “Regeln” es zu beachten gilt oder welche “Strategie” man verfolgen soll. Und Ordnung spielt dabei eine eher untergeordnete Rolle. Sie ist nicht die Basis, sondern gehört eher zum ausführenden Element, nachdem der Gedanke bereits gedacht wurde… Im Idealfall! Verständlicherweise ist es aber oft eher so, dass das Gedächtnis einen auch mal im Stich lässt. Dann versucht man ihm mit einem Blick ins “Sortiment” auf die Sprünge zu helfen, Und hier kommen wieder die vertrauten Cover ins Spiel. Da greift man meißtens unbewusst (oder irgendwann vielleicht auch schon bewusst) zu den bewährten, bekannten und auch persönlich bedeutsamen Sachen. Das gute ist, dass man damit dann sehr routiniert hantieren kann, das schlechte, dass es irgendwann langweilig wird…

    Antworten
  17. 12. September 2007, 11:32 Uhr, von Anja
    017

    @Ute
    Na, die Anekdote eignet sich doch hervorragend zu einer aktuellen Studie mit der Fragestellung: Ist es möglich in der digitalen Welt ein verlorenes Wort wiederzufinden?- Ist der Mensch mit seinem begrenzten Auffassungsvermögen in der Lage Verschlagwortungen und Ordnungen außerhalb der analogen Welt überhaupt zu begreifen oder nachzuvollziehen?
    Stellt sich zudem die Frage, ob es als Niederlage anzusehen ist, wenn du das Wort nicht findest, oder ob du bei deiner Suche vielleicht auf andere schöne Wörter triffst, die du zwar eigentlich nicht gesucht… – aber gefunden hast;-)

    Also viel Glück…!

    Antworten
  18. 12. September 2007, 12:55 Uhr, von Ute
    018

    @ Anja: Ja, ich sehe die Dynamik in diesem Prozess, d.h. meiner offenkundigen, persönlichen virtuellen Unordnung, oder umgekehrt formuliert: meines dynamisch-kreativen virtuellen Chaos – auch (noch) nicht, außer, dass ich bei meinem Rekonstruktionsversuch über Aristoteles Nichomantische Ethik gestolpert bin und dort (im vierten Buch, Kapitel 14 – Witz und Gewandtheit und deren Gegensätze, Possenreisserei und Steifheit) interessante Erkenntnisse fand – aber vielleicht ist ja gerade das, das dynamische Element?! :-)

    Antworten
  19. 12. September 2007, 12:58 Uhr, von Ute
    019
    Antworten
  20. 12. September 2007, 12:59 Uhr, von Ute
    020

    Ich geb auf, tschuldigung!!! Nikomachische Ethik …

    Antworten
  21. 12. September 2007, 13:30 Uhr, von Anja
    021

    Habe gerade mal in meinem Brockhaus nachgeschlagen (an den ich die Erinnerung knüpfe alle Bände 4 Stockwerke raufgetragen zu haben;-)), natürlich zuerst unter `nikomantisch` und vermisste ein wenig meinen Google Zeigefinger: Meinten Sie: `nikomachisch`???
    Wie man sich doch an sowas gewöhnen kann!

    Antworten
  22. 12. September 2007, 14:38 Uhr, von Ute
    022

    @Anja: Schlimm, ich schäme mich sehr!

    Wikpedia hilft: http://de.wikipedia.org/wiki/Nikomachische_Ethik

    Ist im Web wirklich alles “Verschiedenes”? Das sehe ich anders, bzw. es ist so verschieden oder einzigartig wie in der Realität. Vielleicht lässt sich Weinbergers Terminus Miscellaneous auch als “Vielseitiges” übersetzen?

    Interessant auch Weinbergers Satz:
    “Human beings are information omnivores: we are constantly collecting, labeling, and organizing data. But today, the shift from the physical to the digital is mixing, burning, and ripping our lives apart.”

    Ist das tatsächlich so? Ich denke, dass Menschen, mit einer Vorliebe für Ordnung (z.B. Bücher sammeln und sortieren) ein ähnliches Verhalten auch im Netz haben – (Social) Bookmarking etc. – und deswegen nicht gleich in eine Sinnkrise verfallen. Andere, die eher zum Chaos neigen, werden sich auch eher “erlebnisorientiert” durchs Netz bewegen. Welches System jetzt mehr Dynamik bringt oder in einem Residuum endet, liegt wohl an dem, was die Person daraus macht.

    Vielleicht geht es Herrn Weinberger eher um das “Zulassen” einer gewissen virtuellen Unordnung und der kreativen Energie, die sich daraus entwickeln kann?

    Er geht ja sogar so weit zu sagen: “why your children’s teachers will stop having them memorize facts”

    Aber wenn ich nicht weiß, welche Schublade ich für bestimmtes Wissen bzw. einen Wissenszugang öffnen kann / muss, dann stehe ich mit oder ohne Netz ziemlich bedröppelt dar. Die Zusammenhänge müssen doch erst gelernt und abgelegt werden, bevor ich mir weiteres Wissen erschließen kann. Sozusagen eine (Ein-) Ordnung von Wissen – eben auch nach Priorität. Wenn ich Michelangelo nicht der Renaissance zuordnen kann, habe ich ein Problem.

    Erlebnis- bzw. Erinnerungskontext: Die habe ich auch bei digitalen Dokumenten auf meinem Desktop – oh ja! :-)

    Antworten
  23. 13. September 2007, 11:35 Uhr, von Cate
    023

    Sinnbildlich gesehen ist doch das Informationsangebot in der digitalen Welt kreisförmig, wenn nicht sogar eine Kugel, während die Strukturen im Analogen eher linear sind. Der Vorteil eines Kreises ist der, dass er nie zu ende ist (ich meine das jetzt natürlich symbolisch, denn im echten Kreis würde sich ja alles wiederholen…, obwohl, vielleicht trifft das ja auch irgendwie zu). Ein analoges Nachschlagewerk fungiert eher mittels endlicher Linien, die zwar miteinander verknüpft sind, aber immer wieder Unterbrechungen hervor rufen. Das gute an diesen Unterbrechungen sind allerdings die Momente, in denen man sich bewusst entscheidet, hier und da nochmal weiter nachzuschlagen. Im digitalen Informationsangebot kann man erstens an jedem Punkt im Kreis andocken, was einem die Möglichkeit beschert auf jede nur erdenkliche Weise in ein Thema einzusteigen. Der Nachteil ist, dass einem so oft Grundlagen entgehen und ein gewisser didaktischer Aufbau verloren geht. Außerdem könnte man theoretisch (und man tut es ja auch praktisch) unendlich lange allen nur erdenklichen Pfaden folgen, für die man sich unter Umständen eben nicht, wie im Nachschlagewerk durch die Unterbrechung hervor gerufen, bewusst motiviert entscheidet, sondern die man noch mal eben so mitnimmt, weil sich der Link gerade anbietet. Da kann man sich natürlich verlieren, aber man kann auch vieles entdecken. Ich behaupte mal, dass aus diesen Gründen eine Art Aufteilung zwischen analogem und digitalem Informationsangebot stattfindet. Man greift vielleicht aus anderen Gründen zur Enzyklopädie, als zu digitalen Mitteln. Das würde natürlich im Ansatz der Theorie Weinbergers entsprechen. Aber ich denke ebenso, wie die meisten Vorredner, dass es schlussendlich auch eine Frage der Persönlichkeit ist. Ich bin es gewohnt, in Netzen zu denken, weil es mir offensichtlich leichter fällt. Der qualitative Unterschied ist unter Umständen der, dass ich beispielsweise komplexe mathematische Zusammenhänge zwar abstrakt sehr gut verstehen kann, aber in der eher linear ausgerichteten Anwendung Schwierigkeiten habe. Und bei anderen Menschen ist es eben andersherum oder ausgewogen, wie auch immer. Man wird nie behaupten können, dass jeder irgendwann problemlos im Internet Recherchen betreiben kann. Und wenn man davon spricht, dass der Umgang mit dem digitalen Informationsangebot “erlernbar” ist, dann meint man wohl eher, dass es möglich ist, dieses Angebot durch Vereinfachung und auch Reduzierung quasi phantomatisch (gibt’s das Wort überhaupt?) an die analogen Strukturen anzupassen.

    Antworten
  24. 13. September 2007, 17:54 Uhr, von Cate
    024

    Mir ist gerade aufgefallen, dass die Bücher, die mir am meisten bedeuten, meine “Osteuropäer” und “Russen” nämlich, sich exakt in der Mitte der gesamten Bücherwand befinden. Also würde man zwei Diagonale ziehen, dann läge der Schnittpunkt genau dort. Was’s das? ;o)
    Und noch was: Da ich nicht mit Google Desktop arbeite, kenne ich solche vertrauten Wege, Handgriffe und Ortungsmuster auch von meinem Computer. Wenn jemand an meinem Rechner ist und ein Dokument sucht, dann kann ich nicht erklären, wo es ist. Aber kaum sitze ich selbst dran, klick klick, da isses. Das funktioniert glaube ich nur, wenn man möglichst nah bei sich selbst bleibt, wenn man mit solchen Dingen arbeitet. Vielleicht sind “Hilfsmittel”, wie eben GDesktop oder anderer Kram nicht nur ein Segen… Vielleicht sollten sich Menschen wieder mehr darauf besinnen, dass sie selbst eigentlich über ein sehr gutes Archivierungssystem verfügen…

    Antworten
  25. 14. September 2007, 12:02 Uhr, von Walter
    026

    Aus den Informationen zu Google Desktop:
    ‘Google Desktop sendet beispielsweise Informationen über die besuchten Nachrichtenseiten an Google, um die in der Seitenleiste angezeigten Nachrichten zu personalisieren.’
    - Personalisierung- was bedeutet das digital, maschinell? Ist es nicht eigentlich absurd, wenn dieser Begriff in diesem Zusammenhang auftaucht? Was haben ein Programm und ein Mensch gemeinsam? Verstehen wir uns?- Nein, eher nicht. Ist die multiple Verknüpfung und Speicherung von ‘Dokumenten’ nicht vor allem ein Versuch, unserer eigenen Vergesslichkeit vorzubeugen und besteht nicht ein wesentlicher Unterschied zwischen Mensch und Computer in unserer Eigenschaft, zu vergessen? Sind auf der menschlichen Ebene nicht Residuen die Normalität, die wir Erinnerungen nennen, unscharf, fragmentarisch und durch Assoziation aus dem Nichts heraufgeholt? Bücher als physische Metaphern für erlebte Phantasie, vergangene Gedanken und Gefühle, die sich durch teilweises Vergessen und Erinnern immer weiter verändern und damit Teil unserer persönlichen Geschichte werden. Auch Bücher altern, anders als digitale Dokumente, die nur durch ihre Zeichenfolge und nicht durch Materie definiert sind, nur die Aktualität ihres Inhalts verlieren können. Während es uns so ergeht wie unseren Büchern, bleibt die reine Information erhalten, natürlich an materielle Datenträger gebunden, doch vom Prinzip her zeitlos, über- und außermenschlich.

    Antworten
  26. 16. September 2007, 11:56 Uhr, von Walter
    027

    Irgendwie scheint es, wir halten die Luft an, sind gespannt, wie es heute Abend läuft.
    Die Ordnung der Dinge…

    Antworten
  27. 16. September 2007, 18:19 Uhr, von Janna
    028

    Ohne gleich noch vor der Sendung meckern zu wollen: ich halte weder die Luft an, noch erwarte ich Wunder.
    Erstens ist der Medien-Hype zu riesig um für echte Überraschungen sorgen zu können (konstant hohes Niveau war schließlich auch vorher schon vorhanden), und zweitens erscheinen mir weder das Thema noch die Gäste für Wunder geeignet.
    Was mich allerdings etwas wundert, ist das Fehlen des “kleinen Mannes” in der Gästeliste. Nicht das ich dieses Individuum immer bräuchte, es wäre nur nett so als Kontrapunkt zu den seltsamen Gedankenausflügen, die Herr Obermann oft preisgibt. Trotzdem freue ich mich und bin gespannt. Obwohl die Werbung für die Sendung in den letzten Tagen schon fast als penetrant zu bezeichnen ist.

    Antworten
  28. 16. September 2007, 22:05 Uhr, von Janna
    029

    So, den fehlenden “kleinen Mann” nehme ich gleich wieder zurück- hatte in den vergangenen Tagen ausschließlich von den prominenten Gästen gehört. Nur warum die Dame aus Sachsen und der Doc auf dem “Vorzimmer-Sofa” Platz nehmen mußten und nicht mit in die Runde durften, ist mir nicht so ganz klar. Das hatte so was Garnitur-mäßiges dadurch.
    Teilweise fand ich die Sendung wirklich gut- also in den Momenten, in denen sich Beck und Rüttgers nicht wie zwei 5-jährige im Sandkasten benahmen. Das Ende war etwas aprupt, aber das man bei diesem Thema nicht zu einer punktgenauen Lösung kommen kann, war auch klar. Dennoch läßt mich die Sendung etwas ratlos zurück.

    Antworten
  29. 16. September 2007, 22:50 Uhr, von Walter
    030

    Einfach war es nicht, bei diesen Erwartungen.- Mal sehen, was morgen ist.

    Antworten
  30. 17. September 2007, 7:42 Uhr, von Andrea
    031

    Der Blog für dieses Thema ist “nebenan” und rot!

    Antworten
  31. 17. September 2007, 10:34 Uhr, von Walter
    032

    Der Blog nebenan dient wohl eher dazu, Meinungen einzusammeln und Dampf abzulassen. Anne Will lässt bloggen und hat sich erst einmal zu Wort gemeldet als sie vorgestern Abend theresa antwortete, fast heimlich.
    Ich stimme Dir zu, Andrea, das ist nicht unser Thema hier. Mir kommt es zur Zeit aber so vor, als schrieben die Leute dort ins Leere- es fehlt das Persönliche, trotz der warmen Farben, das Gegenüber, der Mensch. Das geht auch anders…

    Antworten
  32. 17. September 2007, 11:23 Uhr, von theresa
    033

    Ich find’s schon ganz in Ordnung, wenn Frau Will bloggen lässt und es ist doch ganz klar, dass Sie und die Redaktion nicht auf jeden Kommentar reagieren kann… und es ist auch klar, dass jeder mehr oder weniger qualifiziert seine Meinung zur gestrigen Sendung kundtun will – logisch, dass es ab einem bestimmten Zeitpunkt unpersönlich und unstrukturiert wirkt…

    …und die Zeit wird zeigen, wie aktiv und persönlich es in dem Blog zur Sendung zugehen wird
    - immerhin hat Frau Will bewiesen, dass Sie antworten kann ;-)

    Walter, Andrea, ihr habt recht – das war alles off-topic – je vous demande pardon!

    Antworten
  33. 17. September 2007, 11:32 Uhr, von Janna
    034

    Ich weiß auch, daß das hier der falsche Blog ist. Aber beim durchackern der posts im “roten” Blog wird man ja völlig wirr- abgesehen davon, das vieles dort persönlich angreifend ist und nur geschrieben wird, um auch mal was gesagt zu haben. Hier ist es einfach netter und vertrauter- und das war dann auch mein letzter Beitrag zu diesem Thema- versprochen.

    Antworten
  34. 17. September 2007, 13:08 Uhr, von Ute
    035

    Ich finde das Blog drüben ist ein gutes Blog-Lehrbeispiel – insofern aus kommunikativer (PR) Sicht sehr interessant. Blox Populi – Meckerkasten? Oder Dampfmachmaschine? Ich bin gespannt.

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  35. 17. September 2007, 13:30 Uhr, von Ute
    036

    Das Blog ist im übrigen nicht rot, sondern entweder rostfarbend oder beige – warm muss es doch heutzutage wieder sein heutzutage, damit es menschelt :-)

    @ Walter: Zum Thema Blog-Ruhe hier. Das Thema gibt aus meiner Sicht auch nicht allzuviel her, wenn man das Buch nicht kennt.

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  36. 17. September 2007, 15:49 Uhr, von Walter
    037

    ‘Verweigern wir uns dem Paradigmenwechsel in der Ordnung der Dinge, können wir in Digitalien nur verzweifeln. Dann erstarren wir vor dem digitalen Ding an sich. Und das Ding erstarrt ebenfalls. Es kann sich nicht entfalten in seiner Vielfältigkeit der offenen Verknüpfungen und Beziehungen, aus denen Neues erwächst.’
    - Die Fragestellung berührt bereits bekannte Themen. Wie verändert der Computer unsere ‘Ordnung’ und die Art unseres Denkens? Wie funktioniert Gedächtnis im digitalen Zeitalter? Was vermag der ‘menschliche Faktor’ gegen das perfekte Gedächtnis und die übermenschliche Rechenleistung von Suchmaschinen? Sind Subjektivität und Persönlichkeit heute eigentlich noch etwas wert- oder sind sie nur Störfaktoren und Fehlerquellen bei der effizienzoptimierten Recherche? Worin liegt der Wert von gedruckten Büchern, wo doch digitale Bücher und Dokumente mit ihren Suchmöglichkeiten viel effektiver- nützlicher- sind?
    Wir leben in einer Zeit des Übergangs, sind groß geworden mit Literatur, gedruckten Wörtern auf Papier. Wir haften an diesen Erinnerungen, sie sind Teil unserer persönlichen Geschichte, haben einen persönlichen Wert. Wer hier würde alle seine/ ihre im Laufe von Jahren, Jahrzehnten erworbenen gedruckten Bücher hergeben, um sie gegen digitale einzutauschen? Ist dieses Verhalten nicht irgendwie anachronistisch- oder ist es ein berechtigter Schutz vor der Macht und der Abhängigkeit der Maschinen. Denn sobald wir vollständig in die digitale Welt einsteigen liefern wir uns auch der Funktion und Funktionsfähigkeit der Maschinen aus, die wir großteils nicht einmal verstehen. Dadurch wächst unbewusst die Distanz zum Text, zwischen Dokument, Buch, und Leser tritt die Lese- und Übersetzungsfunktion des Computers, der seinerseits wieder eigene Funktionen- features- anbietet und so zum unentbehrlichen elektronischen Diener wird- eine neue Abhängigkeit und schon längst Realität, aber auch Entfremdung.
    Ich hänge an meinen Büchern!

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  37. 17. September 2007, 17:10 Uhr, von Anja
    038

    Wenn ich mir David Weinbergers Interview nochmal durchlese, drängt sich mir die berühmtberüchtigte Frage auf: `Was war zuerst da, die Henne oder das Ei?`

    Wenn die Firma für Bürobedarf Staples jetzt z.B. durch das Internet gelernt hat, die beliebtesten Waren in den Eingangsbereich ihrer Läden zu bauen und doppelt zu präsentieren, dann frage ich mich schon in welcher Schublade die bis dato gelebt haben?
    Selbst ich wurde als Kind schon im Einkaufswagen an Quengelmöbeln an der Kasse vorbeigeschoben, in denen die doppelt präsentierten Süssigkeiten in Augenhöhe drapiert waren. Und das ist nun schon ein Weilchen her.

    Bei aller Euphorie sollte man sicherlich auf dem Teppich bleiben.
    Unordnung und Chaos kann bestimmt in Kreativität münden, wenn als Grundlage solide Schubladen vorhanden sind, es kann einen aber auch in die absolute Orientierungslosigkeit und Sinnkrise werfen.

    Und ich denke, es ist eine
    menschliche Eigenschaft und ein Grundbedürfnis Dinge zu ordnen, zu katalogisieren, Merkzettel zu schreiben, irgendwie zu sortieren, nach Farben, Größe oder Form (so sind ja auch die allerersten Kinderspiele angelegt)

    Ich schätze “das Ding an sich” kann sich auch entfalten, wenn ich es in der ungeordneten Unendlichkeit einfange und in meine begreifbare, zielorientierte Welt, mit einer Geschwindigkeit der ich folgen kann, integriere.

    Herr Weinberger hat sein neues Buch bezeichnenderweise in Papieform herausgebracht. Nach eigener Aussage natürlich wegen des Geldes und weil er denkt, keiner liest online 200 Seiten. Vielleicht aber auch, weil er weiss, dass sein Buch in der großen Online Welt nicht soviel Gewicht und Nachhaltigkeit hat wie in der vergleichweise kleinen Verlagswelt.
    Da vermisse ich aber ein wenig den Mut für Neues;-)

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  38. 17. September 2007, 19:55 Uhr, von Ute
    039

    Vielleicht müssen wir das ganze mal von einer ganz anderen Seite aus betrachten und uns von unseren gerlernten Denk- und Ordnungsmustern völlig lösen, uns sozusagen unser Hirn jungfräulich vorstellen.

    Man setze gewissermaßen Kaspar Hauser vors Netz, wie würde er sich die Welt erschließen?

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  39. 18. September 2007, 7:21 Uhr, von Andrea
    040

    Er würde den Pc aus dem Fenster schmeißen und weiter sein Essen mit den Fingern genießen.

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  40. 21. September 2007, 22:58 Uhr, von Claudia
    041

    Staubige Ecken oder farbenfrohe Schatzkammern?

    Das digitale Büro ist in der Tat bezugslos.
    Im Ordnungsproblem kann ich vielleicht helfen. Zum digitalen Dokument und dessen farb- und erinnerungslosen Assosziationen, das werde ich nicht schaffen. Es hat in der Tat nichts mit Greifen, Riechen, Fühlen – Erinnerungen – zu tun. Aber vielleicht lohnt es sich trotzdem, das digitale Privatarchiv neu zu organisieren, so dass es nicht nur Wissensspeicher ist, sondern auch wieder den Erinnerungskontext aufkommen läßt: Eine bunte und inhaltsreiche Schatzkammer, die das intellektuelle Kapital nicht einzig und allen verwaltet und nutzbar macht, sondern Erinnerung, Entwicklung und Innovation wieder innewerden läßt. Das Suchen und das Stöbern soll ja schließlich wieder Spaß machen.

    Ein Ahoi auf uns Mediendokumentare und Grüsse an alle im Blog aus Hamburg.

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  41. 8. Oktober 2007, 11:46 Uhr, von Ute
    042

    Ich muss hier nochmal was nachschieben, weil mich manche Themen hier in der Tat länger beschäftigen, bzw. hin und wieder einfach einholen.

    Am Wochenende hatte ich ein interessantes Erlebnis: Ich suchte nach einem Satz aus Loriots Nudelsketch. Also gab ich bei Google die Wörter “Loriot und Nudelsketch” ein. Die ersten fünf Treffer führten entweder zu YouTube oder zu anderen Medienplattformen. In der Hoffnung, dort den original Loriot-Nudelsketch vorgespielt zu bekommen, sah ich allerdings eine schlecht gemachte Parodie.

    Nun zurück zu Kaspar Hauser. Für jemanden, der Loriot nicht kennt, ist die Parodie vermutlich zunächst Loirots Nudelsketch. Für diesen Kaspar Hauser also ist alles, was ihm angezeigt wird: Gleich. Gleichbedeutend und / oder gleichunbedeutend.

    Das Ende vom Lied: Der Griff ins wohlsortierte Bücherregal (indem die schlechte Parodie niemals gelandet wäre): Loriots Gesamtwerk, Seite 3.

    Dadurch, dass jeder alles ins Netz stellen kann fehlen der Filter, wenn man so will die Vorsortierung. Außerdem: Wenn man bedenkt, was alles geschieht, bevor ein Buch auf den Markt kommt (Schreiben, Lektorat, Verlag etc.), dann wird hier schon in gewisser Weise eine “qualitative” Vorselektion vorgenommen.

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© Miriam Meckel 2002 bis 2010