MM_Wiener
Zu den Kommentaren
5. Oktober 2007, 7:54 Uhr, Geschrieben von Miriam Meckel

Netzlese: Lügen in Zeiten der Vernetzung

Be Sociable, Share!

4 Reaktionen

  1. 5. Oktober 2007, 20:26 Uhr, von Soutas
    01

    Mein Beruf bringt mich zunehmend in Kontakt mit Menschen, die sich über die „neuen Medien“ miteinander verständigen, „kommunizieren“, chatten, Partner suchen, Geschäfte machen, bloggen…Auf Erfahrungssuche im Netz (im Gegensatz zu der sonst von mir gepflegten raschen Info-Suche) stoße über diverse Links auf diese Seite – und kann nicht umhin, hier zu kommunizieren. Meine erste Erfahrung: unter „Artikel kommentieren“ kann ich beliebige Namen eingeben und bleibe damit auch zu einem guten Teil beliebig. Das Lügen über emails, SMS… scheint mir u.a. deshalb gut zu funktionieren, weil es so „sinnenlos“ ist. Das leibhaftig geführte Gespräch oder zumindest der verbal stimmliche Austausch ermöglichen uns Jahrtausende alte sowie individuell abgespeicherte Erfahrungen einzubringen: „subkortikal“ instinktiv zu erfassen:“Wahrheit oder Lüge“. Daher kommen uns diese Medien in Zeiten der Funktionalität, Perfektionierung, Normierung, Objektivierung… wohl auch so entgegen. Einen wirklichen Gewinn durch die Flut der neuen Informations- und Kommunikationsmöglichkeiten vermag ich derweil nicht zu sehen. Mir scheint, wir halten es wieder einmal mit dem alten Lösungsversuch: „mehr desselben“, der wohl oft vergeblich ist.

    Antworten
  2. 6. Oktober 2007, 10:49 Uhr, von Walter
    02

    Es ist vielleicht nicht nur die fehlende nonverbale Kommunikation, die wahre, ‚authentische‘ Verständigung so selten werden lässt, sondern unsere veränderter Umgang mit den Kommunikationsmedien überhaupt. Durch das Verschwinden der Nähe im öffentlichen Raum, als Ort der Verständigung und die gewachsene Distanz zu unseren Mitmenschen hat die Selbstinszenierung unter Fremden das menschliche Gespräch unter Gleichen abgelöst. Das Individuum wird zu seiner eigenen Falle- die Welt im Kopf.
    So bedeutet Gespräch oft nicht mehr: Wie zeige ich, wie ich bin? sondern: Wie entspreche ich am besten dem Bild, dass sich andere von mir machen sollen? Damit wird Kommunikation nicht nur sehr kompliziert, sondern geht auch oft daneben, weil wir letztlich an uns selbst vorbeireden, uns nicht mehr als Subjekt wahrnehmen, sondern uns fortgesetzt objektivieren und damit uns selbst entfremden.
    Die Verstellung fällt umso leichter, je grösser die Distanz durch das Kommunikationsmedium ist und je weniger persönliche Bezüge und nonverbale Komponenten zugelassen sind. Die Grenze des Persönlichen ist ja auch immer wieder Thema hier.
    Der Begriff der Lüge hat heute nicht mehr seine grundsätzliche, Vertrauen zerstörende Bedeutung, einfach auch weil Vertrauen nicht mehr als conditio sine qua non menschlicher Kommunikation vorausgesetzt wird. Diese Relativierung macht unsere Mitteilungen beliebig, auch zufällig.
    – Gedanken dazu unter anderen bei Richard Sennett: ‚The Fall of Public Man‘, deutsch- ‚Verfall und Ende des öffentlichen Lebens. Die Tyrannei der Intimität‘ Der Titel sagt schon viel.
    Mit Selbsterkenntnis und Toleranz können wir uns selbst auch gegenseitig auf die Schliche kommen und, wenn wir es denn wollen, unser Kommunikationsverhalten, das heißt die Art, wie wir mit unseren Mitmenschen umgehen, verändern. Die Gedanken und Beispiele des Buches helfen dabei.

    Antworten
  3. 6. Oktober 2007, 11:06 Uhr, von Sara
    03

    Ich kenne die Situation sehr gut, tägich über 200 Mails zu bekommen. Davon sind einige oder viele für mich nebensächlich- aber informativ- und ich bekomme sie auch manchmal nur in Kopie. Mit unterschiedlichsten Methoden habe ich versucht die Mailflut zu stoppen. Aber will ich das wirklich?- Sind wir nicht in einer Gesellschaft in der die Wichtigkeit einer Person von dem Eingangsmailaccount abhängig ist?- Mein Haus! Mein Auto!- Mein Emailaccount!- Ja, so sieht es aus!Deshalb befinden wir uns in einer Zwickfalle. Habe ich viele Mails, muss ich sie bearbeiten.. und vielleicht „lügen“. Hab ich wenig Emails, bin ich unbedeutend!- Aber ist es nicht auch schön, machmal unbedeutend zu sein!… *zwinker*

    Antworten
  4. 6. Oktober 2007, 11:22 Uhr, von Walter
    04

    Don’t focus!“ mahnen Warnschilder in den Subways von New York; niemand soll den anderen auch nur mit Blicken fixieren.
    Durch die anderen hindurchsehen, wie durch Luft.

    Antworten


© Miriam Meckel 2002 bis 2017