MM_Kettering
Zu den Kommentaren
1. Dezember 2007, 10:55 Uhr, Geschrieben von Miriam Meckel

Bin ich mein Freund?

Der indische Ökonom und Philosoph Amartya Sen beschreibt im ersten Kapitel seines Buchs „Die Identitätsfalle“ (original: „Identity and Violence“) eine kleine Begebenheit, die ihm bei der Einreise nach Großbritannien am Flughafen Heathrow widerfährt: Der Beamte an der Passkontrolle inspiziert ausgiebig seinen indischen Pass und das Einwanderungsformular mit dem eingetragenen Wohnsitz „Trinity College, Cambridge“. Amartya Sen war zu der Zeit Rektor des weltberühmten Colleges und in dieser Eigenschaft viel im Ausland unterwegs. Der Passbeamte will nun wissen, ob Sen denn gut mit dem Rektor des Colleges befreundet sei, wo er doch offenbar dessen Gastfreundschaft genieße und bei ihm wohnen dürfe. Auf die Idee, ein Wissenschaftler indischer Abstammung könne höchstselbst dieser Rektor sein, kommt er gar nicht erst.

Amartya Sen empfindet diese Frage als kniffliges philosophisches Problem, muss er doch klären, ob er glaubt, ein Freund von sich zu sein. Nach längerer und reiflicher Überlegung kommt er zu dem Ergebnis: Er kann die Frage des Beamten getrost bejahen, ist er doch häufig recht freundlich zu sich selbst. Und in den Momenten, in denen es dazu nun wirklich gar keinen Grund gibt, weiß er, dass er angesichts von Freunden, wie er einer ist, keine Feinde braucht.

Die kleine Anekdote beschreibt die Komplexität, mit der wir es zu tun bekommen, wenn wir über unsere eigene Identität (und die der anderen) nachdenken und sie beschreiben wollen. Gibt es doch zu viele Aspekte, Prägungen und Ausprägungen, die die Identität eines Menschen bilden – wie ein Puzzle, bei dem das ganze Bild erst entsteht, wenn man eine große Zahl der einzelnen Teile bereits zusammengesetzt hat.

Amartya Sen zeichnet in seinem Buch „Die Identitätsfalle“ einen Gegenentwurf zu Samuel Huntington, der 1998 einen „Kampf der Kulturen“ (original: „Clash of Civilizations“) vorausgesagt hat. Seine These: Durch das Ende des Kalten Krieges haben die Menschen die wichtigste identitätsstiftende Polarisierung verloren und orientieren sich wieder neu und stärker an ihren jeweiligen Kulturkreisen. Identität entsteht dann durch Abgrenzung (und Ablehnung) des jeweils anderen. So zieht sich eine kulturelle Sollbruchlinie durch die Welt, die im „Kampf der Kulturen“ mündet.

Hätte Huntington Recht, wären wir alle bedauernswerte Kreaturen und niemand wäre sein eigener Freund. Identität entsteht aber nicht entlang einer binären Differenzierung anhand eines einzigen Kriteriums, z.B. der Religionszugehörigkeit. Sie ist ein aus unzähligen Merkmalen und Unterscheidungen gespeistes Konstrukt, das sich im Verlaufe eines Lebens ausbildet, entwickelt und verändert.

Am Mittwoch hat Amartya Sen in Köln den Meister-Eckhart-Preis der Identity Foundation erhalten und in seiner Dankesrede noch einmal seine Argumentationslinie dargelegt. Menschen sind stets „auf vielfältige Weise anders“. Ihre Unterschiede lassen sich nicht auf eine einzige Dimension reduzieren.

Bin ich mein Freund? Ja, das bin ich, obwohl ich weiß und gelegentlich schmerzhaft erfahre, dass ich nicht alles an mir mag, dass ich auf manches verzichten könnte, was doch Teil von mir ist, und dass ich in manchem mit mir selbst auf Kriegsfuß stehe. Bist Du mein Freund? Ja, aus eben genau diesen Gründen. Wollte ich Dich nur in einem einzigen Merkmal von mir differenzieren und distanzieren, ich wäre der einsamste Mensch in der Welt.

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172 Reaktionen

  1. 13. Dezember 2007, 13:54 Uhr, von Cate
    0151

    Ach ja, @Sigmund: Chinesische Tuschemalerei in 3D! Man man, das ich das noch erleben darf… ;o)

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  2. 13. Dezember 2007, 15:58 Uhr, von VZ
    0152

    @ cate: ich befürchte das ist die Kunst des ‚Einander Verstehens‘. Das Verständnis zu haben obwohl es schwer fällt und auch keiner Logik oder Herzenswärme folgt. In dem Moment heißt es loslassen, aber nicht, sich emotional von dem Menschen zu entfernen. Ihn weiterhin zu lieben gerade wenn es weh tut. Das bedeutet unendlich viel Kraft aufbringen, das heißt auch an seine Grenzen zu gehen und vielleicht niemals etwas zurück zu bekommen, aber allein zu versuchen, diesen Menschen trotz allem nicht zu verlieren….
    Dabei helfen Menschen, die Dir nachfühlen können.

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  3. 13. Dezember 2007, 16:31 Uhr, von Cate
    0153

    @VZ: Danke! Ich denke, dann tue ich bereits alles, was ich tun kann…

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  4. 13. Dezember 2007, 17:21 Uhr, von Walter
    0154

    ‚Unsere Meinung, daß wir das andere kennen, ist das Ende der Liebe, jedesmal, aber Ursache und Wirkung liegen vielleicht anders, als wir anzunehmen versucht sind – nicht weil wir das andere kennen, geht unsere Liebe zu Ende, sondern umgekehrt: weil unsere Liebe zu Ende geht, weil ihre Kraft sich erschöpft hat, darum ist der Mensch fertig für uns.‘
    Max Frisch
    Homo faber:
    – Sich ein Bildnis machen, sich und andere festlegen und einordnen nimmt uns Freiheit. Freundschaft mit sich und anderen gelingt nur in Freiheit. Die Liebe geht in ihrem Anspruch über die Freundschaft hinaus, ist gefährdeter und gefährlicher.
    Bin ich mein Freund? Uns Menschen verbindet unendlich viel und trennt so wenig- eigentlich. Dennoch geben wir uns täglich große Mühe, immer neue Unterscheidungen und Trennungen zu entdecken. Warum?- Weil wir uns selbst nicht akzeptieren?

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  5. 13. Dezember 2007, 20:24 Uhr, von VZ
    0155

    @ Cate … ich wünsche Dir alle notwendige Kraft dafür

    @ Walter

    so weit ich mich an Homo Faber erinnern kann, gehen wir hier nicht von einem Menschen aus, der sein Leben gestaltet wie jeder andere auch. Er war innerlich so zerrissen wie er es in seinem Verhalten auch zeigte.
    Die Individualität und die Freiheit mit der wir sie bestimmen (können) zeigt, dass wir nicht in bestimmten Grenzen leben. Daher wissen manche nicht zu unterscheiden zwischen Gut und Böse, Richtig und Falsch und all den Nuancen die dazwischen liegen. Abgrenzung von anderen bestärkt uns zum Teil in unserer eigenen Individualität. Wir lernen eher damit umzugehen Unterscheidungen vorzunehmen anstatt Gemeinsamkeiten zu finden…

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  6. 13. Dezember 2007, 22:22 Uhr, von Siegmund
    0156

    @ cate Endlich, jemand auf meiner Homepage ! ;)

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  7. 13. Dezember 2007, 23:55 Uhr, von Walter
    0157

    Vor sich davon zu laufen ist heute leichter als zuvor, bis ins second life.

    Walter Faber war nicht zerrissen, VZ, er wurde aber durch das Leben zum Zweifler und schließlich zum Liebenden, indem er lernte das Leben zu sehen und zu fühlen, schließlich zu akzeptieren, auch seinen eigenen Tod.

    Eine existenzielle Frage: Bin ich mein Freund? – Vielleicht können wir auf diese Frage nicht mit ja oder nein antworten, sondern indem wir die Antwort leben?

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  8. 14. Dezember 2007, 12:24 Uhr, von VZ
    0158

    @ walter, in meinen wenigen Worten sollte der Sinngehalt Deinen Ausführungen bezüglich Faber entsprechen.
    Egal welche Frage man sich stellt, sie ist selten ohne Abwägen oder für sich selbst argumentieren mit ‚ja‘ oder ’nein‘ zu beantworten.
    Wir leben die Antwort, ja, aber wir folgen auch im Leben/ Erleben Fragestellungen die wir uns stellen ohne sie in bipolare Entscheidungsräume zu zwängen und vor allem ohne sie auszusprechen…

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  9. 14. Dezember 2007, 13:03 Uhr, von Walter
    0159

    Einverstanden, VZ

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  10. 14. Dezember 2007, 13:15 Uhr, von Walter
    0160

    Sich ein Freund zu sein bedeutet, sich kennen zu lernen. Dabei helfen die Fragen, die sich Marcel Proust ausgedacht hat: „Les questionnaires de Marcel Proust“
    Seine Antwort auf die Frage, wie er sein möchte, finde ich sehr interessant: Das Selbst im Spiegel der anderen…
    – Ce que je voudrais être?
    Moi, comme les gens que j’admire me voudraient.-
    Als Nachsatz (für MM): Das Thema gefällt mir sehr gut in dieser dunklen, aber auch hoffnungsvollen Zeit. Danke.

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  11. 14. Dezember 2007, 18:21 Uhr, von Angela
    0161

    In der impulse (01/2008) geht es wieder um ausgeschaltete Funktelefone…

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  12. 14. Dezember 2007, 21:49 Uhr, von Walter
    0162

    Aus der Perlentaucher- Rezension: ‚Doch Amartya Sen zeigt nicht nur, wie die Spirale aus Identität und Gewalt entsteht, sondern auch, wie sie durchbrochen werden kann. Denn niemand ist zu einer einzigen Identität verdammt, jeder kann seine Persönlichkeit gestalten und mitbestimmen.‘- Die Freiheit der Selbstdefinition.

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  13. 15. Dezember 2007, 22:04 Uhr, von cornelia
    0163

    @walter: großes kompliment, du hast deinen schreibstil angenehm geändert – wie ich finde;
    zu deinem mail vom 13., 17:21 , ich denke nicht, daß es an unserer mangelnden eigenakzeptanz liegt, sondern vielmehr daran, daß wir uns selbst auch nicht v i e l besser kennen als unser gegenüber. unter diesem aspekt finde ich auch die freundschaftsfrage – an mich selbst gerichtet – mehr als fragwürdig, bzw. nicht „tragend“ im eigentlichen sinn. sie impliziert eine nähe, die ich so nicht erkennen kann.

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  14. 16. Dezember 2007, 10:17 Uhr, von Walter
    0164

    Positive Verstärkung?
    Freund als Metapher bedeutet auch, diese Freundschaft erst für uns, für mich, zu entdecken, zu konstruieren- aus den Empfindungen, Wahrnehmungen und der erinnerten Geschichte, die wir in uns finden indem wir sie suchen. Dies können wir auch eine Art Selbstdefinition nennen. – Nicht dadurch, dass wir uns selbst neu erschaffen, sondern uns aus den Eigenschaften, die wir an uns akzeptieren, definieren. – Erfinden bedeutet ja auch nur neu zusammensetzten, nicht neu kreieren- das kann ein Mensch nicht.
    Unser neues Bild von uns und unsere gewünschte Freundschaft ist wahrscheinlich umso stabiler und akzeptierbarer, je mehr darin auch unsere ‚dunklen‘, weniger präsentablen Eigenschaften eingehen, die wir vor den anderen lieber verbergen möchten, aber auf Dauer vor uns nicht verbergen können. – Einfluss von Kultur und Moral, die uns als lockeres aber sehr stabiles geistiges Band verbinden.
    Die Wahrheit über uns werden wir wohl nie herausfinden, wie auch die bisherigen Versuche der Psychoanalyse in all ihren Varianten zeigen- vielleicht gibt es sie ja auch gar nicht, weil wir nicht statisch fassbar, sondern dynamisch unfassbar sind. – Unschärferelation. Vielleicht liegt darin die Herausforderung für die Akzeptanz- ich bin nicht so wie ich bin, sondern so, wie ich mich als Objekt erlebe, erleben will.
    Schönen Advent!

    Antworten
  15. 16. Dezember 2007, 11:33 Uhr, von Walter
    0165

    Wir leben in einem gefährlichen Zeitalter. Der Mensch beherrscht die Natur, bevor er gelernt hat, sich selbst zu beherrschen.

    Albert Schweitzer

    Antworten
  16. 16. Dezember 2007, 14:15 Uhr, von Anja
    0166

    Sowohl zum Thema als auch zum Advent passt das Buch vom Sozialphilosophen André Gorz, Brief an D., kann ich nur empfehlen. (Cate, ich weiss, du hängst noch mit deiner Leseliste, aber dieses Buch hat nur 80 Seiten…)
    Zum einen ist dieses Buch ein Rückblick über ein bewegtes und beeindruckendes Leben, aber auch die bedingungsloseste Liebeserklärung an seine Frau Dorine, mit der er 58 Jahre zusammenlebte. Und dann ist es noch ein Abschiedsbrief aus dem Leben, denn er hat sich zusammen mit seiner schwerkranken Frau im September das Leben genommen. (kurz nach erscheinen der deutschen Ausgabe)
    Am Ende seines Lebens stellt Gorz sich plötzlich die Frage, warum seine Frau, die die wichtigste Rolle in seinem Leben spielte, die den größten Einfluss auf ihn hatte und ohne die er gar nicht hätte schreiben können, in seinen Büchern, seiner Autobiographie so gut wie gar nicht vorkommt. Er muss sich eingestehen, dass er die einzigartige Liebe zu seiner Frau sein Leben lang verleugnet hat. (oder sich einfach nicht bewusst gemacht hat). Schließlich hat er das Bedürfnis, dies mit diesem Brief an sie aufzuarbeiten.
    War er also während seines Lebens und Schaffens sein Freund? Schwer zu sagen, aber die Geschichte lässt vermuten, dass er erst am Ende seines Lebens Freundschaft mit sich geschlossen hat. Ich frage mich, war es nun zu spät oder gerade noch rechtzeitig? Aber das kann man als Aussenstehender wohl nicht mal ansatzweise beantworten.
    Jedenfalls macht es sehr nachdenklich!

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  17. 16. Dezember 2007, 14:16 Uhr, von Cate
    0167

    Das passt doch zusammen, Walter:
    Wir sind als Persönlichkeit „dynamisch unfassbar“ und „kreieren“ uns daher durch stetige Wahrnehmung und Reflexion selbst, weil diese Wahrnehmung uns verändert. Siehe Quantenverschlüsselung… Der ständige Zerfall und die ständige Neuerschaffung unseres Selbstbildnisses – dynamisch unfassbar eben – das ist eine sehr schöne Beschreibung, finde ich.

    Antworten
  18. 16. Dezember 2007, 15:33 Uhr, von Cate
    0168

    @Anja: Das klingt wirklich sehr bewegend. Vielen Dank für den Tipp!

    Antworten
  19. 16. Dezember 2007, 17:40 Uhr, von Anna
    0169

    @ Fabian: 37, 49! Wie ärgerlich! Das wären fast 3 Richtige gewesen ;).

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  20. 18. Dezember 2007, 0:09 Uhr, von Angelika Engelmann
    0170

    Gerade habe ich vis a vis in 3 sat gesehen und fand wunderbar, wie klar, offen und diskret Sie vor allem die Fragen zu Ihrem privaten Leben beantwortet haben. Aber auch sonst war diese Sendung für mich sehr interessant und anregend. Danke

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  21. 23. Dezember 2007, 22:55 Uhr, von Walter
    0171

    Das Schwierigste am Leben ist es, Herz und Kopf dazu zu bringen, zusammenzuarbeiten. In meinem Fall verkehren sie noch nicht mal auf freundschaftlicher Basis.
    – Woody Allen

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  22. 29. Dezember 2007, 21:14 Uhr, von Walter
    0172

    Als Quellen und Vorbilder seien nicht vergessen: Lucius Annaeus Seneca und Marcus Aurelius, neben Epiktet einflussreiche Vertreter der Stoa. In ‚de ira‘, über den Zorn, schreibt Seneca: „Wenn das Licht aus meinem Blick entfernt ist und meine Gattin schweigt, da sie meine Gewohnheit kennt, überprüfe ich meinen ganzen Tag und gehe meine Taten und Worte erneut durch; dabei verberge ich nichts vor mir selbst und übergehe nichts.“ Selbstbeherrschung als Weg zur Freundschaft? Es war jedenfalls sein Weg, der es ihm ermöglichte auch als chronisch Kranker mit sich im Einklang zu leben und sein Freund zu sein.

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