MM_Naisbitt01
Zu den Kommentaren
30. Dezember 2007, 18:57 Uhr, Geschrieben von Miriam Meckel

Wenn ich mir was wünschen dürfte

Wenn ich mich an das zu Ende gehende Jahr erinnere, stelle ich fest: Irgendwie war das ein komisches Jahr. Ich versuche, die wichtigen Themen und Diskurse wieder aufzurufen und Revue passieren zu lassen, die das Jahr 2007 bestimmt haben, aber so richtig viel kommt da nicht. Stattdessen ziehen die Themen an meinem inneren Auge vorbei, die in diesem Jahr in eine Dauerzeitschleife geraten zu sein scheinen: Wirtschaftsaufschwung, soziale Gerechtigkeit, Hartz IV, die Disharmonien der Koalition, Klimawandel, Terrorgefahr, innere Sicherheit – diese Themen, die irgendwie zu jedem Jahr gehören. So auch zum zurückliegenden, nur dass sie noch unschärfer und unspezifischer geworden sind.  

Wenn ich versuche, die großen gesellschaftlichen Debatten des Jahres auszumachen, die einen besonderen, nachhaltigen Funken im medialen Dauerfeuer gezündet haben, bleibe ich eindruckslos und ratlos zurück. Es ist fast so, als habe sich ein US-amerikanisches Wahlkampfprinzip inzwischen im gesellschaftspolitischen Alltag Deutschlands festgesetzt: stump speech. Das ist die ewige Wiederholung von einzelnen Bestandteilen einer Wahlkampfrede in jeweils neuer Konstellation. Die Debattenkultur ist zu einer Endlosreihung der immer gleichen Versatzstücke verkommen. Langweilig ist es geworden in Deutschland.

Wenn ich mir zum Ende dieses Jahres 2007 etwas wünschen dürfte, dann wünschte ich mir, dass wir wieder diskutieren lernten, mit Haltung und Position, mit der Möglichkeit der Konfrontation und der harten Auseinandersetzung, mit dem Mut, Stellung zu beziehen, auch dort, wo es ungemütlich und einsam wird. Ich wünsche mir deshalb einfach, dass der vergessliche Engel Paul Klees auf Deutschland herabsteigt und ein paar Tage bleibt. Mit geschlossenen Augen und gesenktem Kopf, unbelastet von all dem, das uns immer in denselben Argumenten verharren lässt, denkt er das, was andere nicht mehr zu denken wagen, und steckt sie mutig an. Er findet nicht, dass er selbst das wichtigste von und an allem ist, sondern wagt, sich und seine Welt neu zu erfinden.

Dieser verschämte stille Engel fliegt ins Kanzleramt und sitzt für eine Weile auf einem kleinen Schemel neben Angela Merkel, um ihr die Idee einzuhauchen, dass große Politik nicht nur im Ausland stattfindet und dass schon das Grundgesetz das weiß und deshalb von der Richtlinienkompetenz des Bundeskanzlers phantasiert. Er landet mitten in den Herrenrunden der Aufsichtsräte der Dax-Konzerne und Großbanken und rezitiert leise auf Norwegisch die Gleichstellungsvorschrift, die bei unseren nördlichen Nachbarn nicht nur fast 40 Prozent Frauen in die Aufsichtgremien gebracht hat, sondern auch viele neuen Ideen (was selbst die Männer dort inzwischen frei heraus zugeben).

Vielleicht macht der kleine Engel auf seiner Durchreise auch kurz in Hamburg an der Brandswiete Rast und nimmt für ein Weilchen Platz auf dem Stuhl des SPIEGEL Chefredakteurs. Mit seinen geschlossenen Augen sieht er, was aus dem einst führenden deutschen Magazin geworden ist und was wieder aus ihm werden könnte. Vermutlich wird der Engel beim SPIEGEL einfach übersehen. Deshalb geben wir ihm doch am besten Papier und Bleistift in die Hand, damit er beginnt zu schreiben. Und so setzt er ein paar Ideen in die Welt, die entzünden können, was der gesellschaftlichen Debatte bei uns seit langem fehlt: Der Mut zu Klarheit und Wahrheit, die Standfestigkeit in der eigenen Position, auch wenn sie in der Minderheit ist, die Fähigkeit, anderen zuhören zu können und ihre Ideen als nützlich zu begreifen und die Experimentierfreudigkeit, nicht nur das zu denken und zu sagen, was gemessen am Altbekannten „Sinn macht“.

Das können wir nicht mehr, da kann nur der Engel helfen. Er bezieht keinen Mindestlohn, auch wenn er im weiteren Sinne im Zustellungsgewerbe aktiv ist, und er sieht gar nicht so aus, wie in unserer Vorstellung die aussehen, die etwas verändern. Er hat einfach vergessen, was war. Er hört und er sieht mit geschlossenen Augen. Und dann wächst er über uns hinaus.

   

269 Reaktionen

  1. 10. Januar 2008, 21:23 Uhr, von Angela
    0251

    @Siegmund
    Koch hat – wie oben richtig dargestellt – dieses rhetorische Mittel eingesetzt. Für Koch ist typisch, sich in der Diskussion anzupassen und zu winden. Er greift Themen punktuell und schlagwortartig auf.

    Als führenden CDU-Politiker finde ich ihn ganz furchtbar, auch wenn ich diese Partei oft selbst als geringstes Übel unserer Parteienlandschaft ansehe. Und da kann ich

    @Janine
    verstehen, die sich über ihre Stimme an THEMEN beteiligen möchte. Es ist vielleicht gut, dass sie sich dieses profillose Getue nicht angetan hat.

    Hoffentlich pfeift unsere Kanzlerin Herrn Koch zurück. Bei Oettinger ist es ihr gelungen. Und er hat dann dasselbe rhetorische Stilmittel eingesetzt wie Koch.

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  2. 10. Januar 2008, 21:29 Uhr, von Angela
    0252

    @Sophia
    Es war schon unprofessionell von Frau Zypries, sich dermaßen zickig und überheblich in der Diskussion gegeben zu haben. Ich fand es irgendwie auch amüsant, sorry.

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  3. 10. Januar 2008, 22:47 Uhr, von Walter
    0253

    @clara: dass Männer grundsätzlich “einfacher ticken? möchte ich so nicht akzeptieren. Dies hängt möglicherweise von der Fragestellung und der Methodik ab. Sie ‚ticken‘ vielleicht in bestimmten Situationen einfacher, Frauen dafür in anderen? Solch eine schwarz-weiß- Einteilung hilft uns eher nicht weiter. Klischees gibt es schon genug.
    @Siegmund: Problematisch finde ich die Anwesenheit von ‚Publikum‘ bei Talkshows. Der Applaus ist oft situativ und mehr der Schlagfertigkeit und der Sympathie oder auch einer gewissen Parteilichkeit geschuldet als dem Thema und dessen Behandlung. Nach meiner Erfahrung sind die Reaktionen im Studio durchaus verschieden von denen zu Hause im Sessel. manchmal wird einem Applaus zuliebe die Stringenz der Diskussion riskiert, oder es werden Argumente der Lächerlichkeit preis gegeben, die eine ernsthaftere Behandlung verdient hätten. Kritische Zuschauer, von denen es wahrscheinlich mehr gibt als wir vermuten, wissen die häusliche Distanz zum Geschehen durchaus zu nutzen und bilden sich auch zu Herrn Genscher ihre Meinung, zu Herrn Koch sowieso. – Da passt mal Goethe: „Gewöhnlich glaubt der Mensch, wenn er nur Worte hört, es müsse sich dabei doch auch was denken lassen.“
    Von Judith Butlers Adorno- Vorlesungen von 2002 und deren Ausarbeitung in der ‚Kritik der ethischen Gewalt‚ war hier schon die Rede. Wegen der übersichtlichen Form und der Kürze der Kapitel ist das kleine Buch gerade für Viel- und Langbeschäftigte lesenswert. Es geht ihr darin mehr um das Subjekt, seine Erfolge und sein Scheitern und damit um das individuell Menschliche überhaupt.
    Damit hat sie die eigentliche Genderdiskussion zwar nicht ganz verlassen aber auf ihre Weise überwunden.

    PS: So ein vergesslicher Engel ist gelegentlich dankbar für einen konkreten Tipp. Sonst ist er selbstvergessen mal hier, mal dort und nie zur Stelle. Sowohl Roland Koch wie auch Angela Merkel waren vorige Woche von ihren Engeln verlassen. – Ja, ich meine tatsächlich dass auch Herr Koch gelegentlich einen Engel an seiner Seite hat; nur der hat es ganz schön schwer…

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  4. 10. Januar 2008, 23:59 Uhr, von Janine
    0254

    Hab grad beim Surfen und Suchen nach irgendwelchen Informationen über meine Ferienzwangslektüre „Teil der Lösung“ das hier gefunden:

    Literatur im Foyer am
    am Freitag, 15.02.08 mit Thea Dorn auf SWR um Mitternacht

    Gäste:
    Michael Köhlmeier, Miriam Meckel, Thomas von Steinaecker

    Antworten
  5. 11. Januar 2008, 2:59 Uhr, von Kata
    0255

    @ Janine: danke, ich hoffe das kommt noch woanders – als Exilbadenerin und jetzt Niedersachsin krieg ich SWR nämlich leider nicht…

    Antworten
  6. 11. Januar 2008, 3:00 Uhr, von Kata
    0256

    NiedersÄchsin? Bin grad vernagelt…

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  7. 11. Januar 2008, 3:35 Uhr, von Kata
    0257

    @ Walter:
    Talkshows sind, wie der Name schon sagt, Shows, und als solche auf Publikum angewiesen.
    Und warum sollten die Zuschauer im Studio weniger kritisch sein als der Otto Normalverbraucher vor dem Fernseher? Einige besonders kritische und überdurchschnittlich intelligente Rezipienten natürlich ausgenommen… ;)
    Ich habe Plasberg nicht gesehen und leider auch vergessen ihn aufzunehmen! AAAAAHHH! *selbstkastei*
    Vielleicht schaff ich das nächste Woche mal.

    @ Siegmund:
    Stimmt, genau auf solche rhetorischen Mittel falle ich leider selbst oft rein. Hinterher, wenn ich über eine Sendung nachdenke, fällt mir dann auf, wie wenig Inhalt doch der eine oder andere Gast vermittelt hat, obwohl er doch so viel geredet hat…

    @ Angela:
    Gegenbeispiel: sehr viele sind mit viel Genuss über die mangelhafte Rhetorik von Edmund Stoiber hergezogen – auch eine Äußerlichkeit.
    Manchmal denke ich, man sieht nur, was einem gerade ins Konzept passt – dabei erwische ich mich jedenfalls selbst oft genug…

    @ Clara:
    Was macht ihr denn da für Studien, für die nur Männer taugen?

    @ Fabian:
    Och, ich möchte mich nicht so über Comedians aufregen… Comedy spielt doch immer mit Klischees bzw. mit der Vereinfachung von tatsächlich beobachtbaren Gegebenheiten. Da sollte man die Inhalte nicht so wissenschaftlich beurteilen; und: ich find’s witzig! (ein gewisses Niveau vorausgesetzt).
    Gez.: Die Initiative wider den tierischen Ernst… ;)

    @ Dowanda: kenne keinen Schweizer Wein, obwohl ich an der Schweizer Grenze aufgewachsen bin – jetzt hast du mir wohl den Grund dafür geliefert… empfehle badische Weine…

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  8. 11. Januar 2008, 8:44 Uhr, von Anja
    0258

    Leider hat mein Jahr mit gaaanz viel Arbeit angefangen und ich kann hier nur ein wenig querlesen.
    Aber ein paar Wünsche der Bloginhaberin sind ja sehr schnell wahr geworden; es wird wieder diskutiert in Deutschland, zumindest hier im Blog und wie ich sehe auch rund um die Uhr;-)

    Dann gibt es quasi mit dem Neujahrsstart das neue große gesellschaftliche Thema, nämlich die Jugendkriminalität, die aber leider vom hinteren Ende aus aufgerollt und populistisch diskutiert wird. Ich frage mich wie sich ausländische Jugendliche zur Zeit in unserem Land fühlen.
    Nur der Engel, der ist bis jetzt nicht mal in der Nähe von Angela Merkel gelandet, habe ich den Eindruck…

    Ich wünsche einen großartigen Tag mit vielen tollen Beiträgen, damit ich Sonntag was „nachzuarbeiten“ habe, macht nämlich wirklich Freude!

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  9. 11. Januar 2008, 11:11 Uhr, von Jette
    0259

    hi, „literatur im foyer“ wird immer auf 3sat wiederholt, der termin für die sendung mit mm ist aber noch nicht bekannt.

    Antworten
  10. 11. Januar 2008, 13:55 Uhr, von Walter
    0260

    ‚Talkshows sind, wie der Name schon sagt, Shows, und als solche auf Publikum angewiesen.
    Und warum sollten die Zuschauer im Studio weniger kritisch sein als der Otto Normalverbraucher vor dem Fernseher?‘
    3:35- Nachtarbeit Kata?
    Es ist ein Unterschied, ob ein Zuschauer im Studio sitzt oder zu Hause, nicht hinsichtlich seiner grundsätzlichen Kritikfähigkeit, sondern in Bezug auf seine Kritikbereitschaft und einer gewissen, nicht ungewollten Gruppendynamik, die sich nach vorhergehender Regie- Instruktion wunschgemäß einstellt. Ich empfehle, es mal auszuprobieren. – Ich akzeptiere dies durchaus, die Studioatmosphäre ist spannend, finde aber, dass es einen Unterschied macht, ob ein Publikum im Studio ist oder nicht. Es ist mit Publikum wirklich deutlich mehr Show, eben auch so gewollt.

    Hart aber fair gibt es hier.

    Antworten
  11. 11. Januar 2008, 14:57 Uhr, von Janine
    0261

    @ Kata
    Es kommt auf jeden Fall noch mal auf 3sat. Der Termin steht noch nicht fest.

    Kannst ja einfach mal irgendwann wieder auf Literatur im Foyer – Vorschau schauen.

    Antworten
  12. 11. Januar 2008, 16:48 Uhr, von Walter
    0262

    Wenn ich mir was wünschen dürfte…

    ‚…möcht ich etwas glücklich sein,
    denn wenn ich gar zu glücklich wäre,
    hätte ich Heimweh nach dem Traurigsein‘

    Da führt eine Spur direkt zu Marlene Dietrich
    – Blauer Engel?
    – Marlene bestimmt!

    Antworten
  13. 11. Januar 2008, 19:37 Uhr, von Cordula
    0263

    @Walter
    Diesen Hinweis habe ich nicht gewagt!
    Vielen Dank dafür.

    Antworten
  14. 11. Januar 2008, 20:25 Uhr, von Angela
    0264

    Dies singt heute z. B. http://www.georgettedee.de/.

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  15. 11. Januar 2008, 21:58 Uhr, von Isabelle
    0265

    @ Walter
    Marlene hat das Lied zwar gesungen, aber es ist nicht aus dem Film „Der Blaue Engel“. Sondern aus „Der Mann der seinen Mörder sucht“ mit Heinz Rühmann und ohne MD.
    Komponist war Friedrich Hollaender – wahrscheinlich ein Grund warum Marlene den Song gesungen hat.

    Antworten
  16. 12. Januar 2008, 3:37 Uhr, von Kata
    0266

    @Walter:

    Recht hast du, das muss ich wirklich mal selbst ausprobieren – habe ich auch vor dieses Jahr.
    Danke für den Link!
    Nachtarbeit… jein, bin einfach nur eine Nachteule und muss glücklicherweise beruflich meistens erst nachmittags und abends ran (heute allerdings schon um 9, da werde ich mal wieder heftigst leiden…).
    Nachts hat man schön viel Ruhe, finde ich, viel weniger Störung als tagsüber. Keine Anrufe, kein Straßenlärm… herrlich!

    Antworten
  17. 12. Januar 2008, 3:49 Uhr, von Kata
    0267

    @Walter:

    Jetzt kapier ich auch das mit Marlene Dietrich! Was du immer auftreibst…

    Antworten
  18. 12. Januar 2008, 3:56 Uhr, von Annika
    0268

    Gruß an die Nachteule!

    Antworten
  19. 12. Januar 2008, 20:15 Uhr, von clara
    0269

    @ Walter

    Es war bewußt ein wenig provokant und, wie es dort auch steht, salopp ausgedrückt, dass Männer „einfacher ticken“. Grundsätzlich gilt aber, dass bei der Interpretation elektrischer Aktivität im Gehirn immer viele Fragezeichen stehen bleiben bzw. Unwägbarkeiten Einfluß nehmen (Als Vergleich dazu gilt z.B. die Blutlaktatkonzentration bei der Beurteilung der Ausdauerleistungsfähigkeit als relativ (!) klar und eindeutig interpretierbarer Parameter).
    Möglichst viele solcher Faktoren oder Unwägbarkeiten sollten ausgeschlossen werden, wenn man grundlegende Aussagen treffen will und dazu zählt z.B. bei solchen (@Kata) Auftragsstudien (also nicht unser ureigenes wissenschaftliches Forschungsfeld) zu den Effekten von bestimmten Nahrungsergänzungen auf die Konzentration o.ä. der nachgewiesene hormonelle Einfluß weiblicher Probanden.
    Deswegen führen wir solche Untersuchungen in der Regel nur mit Männern durch, wobei auch bei den zur Verfügung stehenden männlichen Probanden immer noch weitergehende Ein- bzw. Ausschlusskriterien bestehen.

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