MM_Curie
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3. März 2008, 10:24 Uhr, Geschrieben von Miriam Meckel

Die Zeit-Domina

„Beim nächsten Ton ist es 23 Uhr, 59 Minuten und 50 Sekunden“ – gibt es diese telefonische Zeitansage noch? Ich erinnere mich: Als ich ein Teenager war, habe ich manchmal auf dem Fußboden neben meinem Bett gehockt, das graue Schnurtelefon meiner Eltern mühevoll an die gleiche Stelle gezerrt, um der Zeitansage der Post zuzuhören.

„Beim nächsten Ton ist es … „. Das war nicht informativ, das war meditativ. In dem Augenblick, in dem die elektronische Dame am anderen Ende der Leitung ihren Satz beendet hatte –  „… und zehn Sekunden“ – und der Piepton erklungen war, war er schon wertlos, weil nicht mehr gültig. Das versetzte mich in eine Trance der Wiederholung, der meditativen Konzentration auf etwas vollständig Zweckfreies. Ich wusste ja, wie spät es war, aber es war so schön, es sich trotzdem immer wieder sagen zu lassen und nichts daraus zu machen.

Manchmal, wenn ich minutenlang zugehört hatte, empfand ich eine Veränderung im Ton. Irgendwie wurde die Ansage eindringlicher, so als wolle sie sagen: „Du musst jetzt wissen, wie spät es ist. Leg auf und mach etwas Vernünftiges!“ Die Frau klang dann wie eine Internatserzieherin, manchmal fast wie eine Domina („L E G! J E T Z T! A U F!“). Ich habe dann wirklich irgendwann aufgelegt.

Wenn ich heute darüber nachdenke, kann ich es gar nicht fassen, dass die Deutschen 20 Cent pro Anruf dafür ausgeben, sich sagen zu lassen, wie spät es ist. Dafür gibt es ja Uhren. Ein Blick darauf genügt, um zu wissen, was die Stunde schlägt. Und die Zehnerschritte der Sekundenfolge muss wirklich nur der Neurotiker kennen oder der Perfektionist, der glaubt, es mache einen Unterschied, ob er seine Uhr ziemlich oder ganz genau gestellt hat.

Ich glaube, die telefonische Zeitansage hat überhaupt keine Informationsfunktion. Sie ist genau das, was ich schon in meiner Jugend in ihr entdeckt habe: ein Medium der Zeit- und Selbsterkenntnis. Ein selbstreferentielles Hilfsmittel im Umgang mit der Zeit und dem steten Mangel, den man ihr gegenüber empfindet. Wenn ich der Zeit beim Vergehen zuhören kann, dann  gerate ich in einen Zustand der totalen Ruhe. Ich merke wie nichts geschieht. Wie alles weiter fließt, wie ich ruhiger werde und den Verlust der Minuten oder gar Stunden überlebe.

Wenn der Erfinder des „akustischen Gongschlagzeitgebers“ sich das 1928 bei seiner Idee gedacht hat, gehört er gelobt als Visionär. Dann hat er nämlich früh erkannt, was unsere Gesellschaft im Zuge der Modernisierung prägen wird – die Implosion der Eigenzeit und das soziale Verbot des zweckfreien Zeiterlebens.

„Beim nächsten Ton ist es 23 Uhr, 59 Minuten und 50 Sekunden.“ So streng die elektronische Dame am anderen der Leitung klingt, sie ist meine Zeittherapeutin in der rasenden Beschleunigung unseres Lebens. Sie ist keine Erzieherin und keine Domina. Meine Zeit-Domina bin ich selbst.

Wie lange habe ich für diese Erkenntnis gebraucht? Zehn Sekunden. Wie lange brauche ich, um diese Erkenntnis in Erfahrung umzusetzen? Ein Leben.

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307 Reaktionen

  1. 16. März 2008, 13:13 Uhr, von Tanja
    0301

    Angefangen vom französischen Präsidenten Sarkozy.
    Der hat schon als Innenmenister sein Ding durchgezogen ohne Rücksicht auf Verluste.

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  2. 16. März 2008, 16:06 Uhr, von Tanja
    0302

    Innenminister war natürlich gemeint.

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  3. 16. März 2008, 16:10 Uhr, von ges
    0303

    Walter danke für „Fernande“, moi j’aime cette chason…irgendwie bewundere ich den légeren Mut der Fanzosen.
    Geben wie dem „kleinen Sarkozy“ etwas Zeit ,der vielleicht seinen Vater übertreffen wird.

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  4. 16. März 2008, 17:14 Uhr, von Walter
    0304

    Ja, wer weiß?

    Der französischen Lebensart, die Dinge ernst und sich selbst wichtig zu nehmen steht der protestantisch geprägte Rigorismus der angelsächsischen Länder und auch Deutschlands gegenüber- die Schweiz eher geteilt.
    Max Weber verknüpft die protestantische Ethik mit dem Geist des Kapitalismus. ‚Zeit ist Geld‘. Damit wird unsere Lebenszeit zum Kapital, das es auf dem Markt der Möglichkeiten zu vermehren gilt.
    Die Ökonomisierung der Zeit und des Denkens verändert auch subversiv und schleichend unsere Einstellung uns selbst und unserem Leben gegenüber.
    Die Sorge um sich wird abgelöst von der Sorge um den eigenen Marktwert und das persönliche Portfolio. So werden wir uns selbst entfremdet und verlieren Kontakt und Bezug zu unserer Eigenzeit.
    Vielleicht sollten wir uns dessen erst bewusst werden, bevor wir beginnen an den kleinen Stellschräubchen zu drehen, die unsere Terminplanungen regulieren?

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  5. 16. März 2008, 19:22 Uhr, von Christian
    0305

    Lesenswertes zum Thema:
    „Beschleunigung – Die Veränderung der Zeitstruktur in der Moderne“ von Hartmut Rosa, suhrkamp verlag.

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  6. 3. April 2008, 21:57 Uhr, von #28 « Wörterbuchleser, der
    0306

    […] Zeit dieses Telefondienstes ist wohl so gezählt wie diejenige des Zeitansage-Telefonbeantworters. Mit Internetzeit hat heute wohl jeder genauere Uhren als man sie je gestellt […]

    Antworten
  7. 10. Mai 2008, 11:05 Uhr, von textworker » Blog Archive » #28: Abblasen einer wichtigen Reise
    0307

    […] Zeit dieses Telefondienstes ist wohl so gezählt wie diejenige des Zeitansage-Telefonbeantworters. Mit Internetzeit hat heute wohl jeder genauere Uhren als man sie je gestellt […]

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