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27. Mai 2008, 17:54 Uhr, Geschrieben von Miriam Meckel

Digitale Schnitzeljagd

Früher war sie das Highlight der Kindergeburtstage: die Schnitzeljagd, ein Geländespiel. Die Mitspieler einer Gruppe verfolgen die der anderen und suchen nach Spuren, um entweder die Gegner oder die Belohnung zu finden. Irgendein Zeichen musste man hinterlassen, meistens kleine Papierstückchen, die entlang des Weges gestreut wurden.

Dieses Spiel spielen wir heute in elektronischer Form alltäglich und überall – allerdings meist ohne unser Wissen.Wer in San Francisco in ein Taxi steigt, wird durch einen Aufkleber am Seitenfenster gewarnt: „Du wirst gefilmt!“ Der Blick nach vorne richtet sich auf eine kleine Kamera neben dem Rückspiegel, die alles im Blickfeld hat. Sie filmt, wie ich mich im Taxi benehme, ob ich telefoniere, worüber ich spreche. Die Daten laufen direkt im Polizeipräsidium von San Francisco ein und können dort nach Belieben verfolgt und ausgewertet werden. Wer einen Spaziergang durch London macht, durchschreitet auf einer halben Meile den Aufnahmeradius von mindestens zwanzig Kameras. Allein in der britischen Hauptstadt sind mehr als 10.000 Kameras in Betrieb, 4,5 Millionen sind es in Großbritannien insgesamt. Auch auf deutschen Bahnhöfen blicken Reisende immer häufiger in eine Kamera, die Verdächtiges entdecken helfen sollen. Gelegentlich gelingt dies auch: 2006 wurden die so genannten Kofferbomber von Köln durch die Videokameras erwischt.

Auch im Büro werden wir inzwischen systematisch überwacht, oft auf illegaler Basis. Die Deutsche Telekom hat Manager, Aufsichtsräte und Journalisten bespitzeln lassen. Telefonverbindungsdaten von Führungskräften ausgewertet und mit Telefonnummern von Journalisten abgeglichen, um undichte Stellen im Unternehmen zu lokalisieren und herauszubekommen, welche Mitarbeiter mit Journalisten reden und Vertrauliches weitergeben. Nicht der einzige Fall aus jüngster Vergangenheit: Der Discounter Lidl hat mehr als 500 seiner Filialen von Detekteien überwachen lassen. Inzwischen arbeitet das Unternehmen mit den Datenschützern zusammen, um größeren Schaden abzuwenden. Auch bei der Fastfood-Kette Burger King haben Manager ihre Kollegen und Mitarbeiter per Videokamera überwacht. Schriftliche Vorgaben der internen Revision verlangten, die Videos regelmäßig stichprobenartig auszuwerten. Die US-Handelkette Walmart hat gleich den Überwachungsgroßangriff gestartet: Angestellte, externe Kritiker, Aktionäre, ja sogar die Berater von McKinsey waren mit ihren Telefonaten und Emails Objekt der umfänglichen Wissbegierde bei Walmart.

Oft genug arbeiten wir selbst ganz unbewusst der Überwachung und Kontrolle zu. Fast jeder Mensch ist heute lokalisierbar. Das Mobiltelefon ist unser ständiger Begleiter und Bewegungsmelder. Seine Verbindungsdaten werden zeitweilig gespeichert und ermöglichen eine exakte Dokumentation unseres täglichen Lebenswegs. Inzwischen bieten private Dienstleister die Handyortung als Service an: für Eltern, die ihre Kinder überwachen, für Partner, die die Treue des anderen prüfen wollen.

Wir kaufen ein, bezahlen mit Kreditkarte und sammeln Punkte mit der Treuekarte. Darauf wird alles gespeichert, was wir gekauft haben. In Verbindung mit weiteren Daten zu Person und Persönlichkeit wird daraus flugs ein individuelles Profil, das mehr über uns aussagt, als uns manchmal lieb sein kann.

Und das Internet perfektioniert dieses Datenuniversum vollständig: Auf den Plattformen des „Social Networking“ legen insbesondere Jugendliche alles ab, was für ihre Bezugsgruppe interessant sein könnte: von persönlichen Fotos über Kleidergrößen bis zu sexuellen Vorlieben. Diese Informationen sind nicht nur für Freunde interessant, sondern z.B. auch für potentielle Arbeitsgeber. Wer heute jemanden einstellen wird, schaut zunächst bei Myspace, facebook und studiVZ nach. Dort finden sich neben bekannten Angaben gelegentlich auch Fotos der letzten Party, Inszenierungen der persönlichen Ausraster und Grenzüberschreitungen (meist unter Alkoholeinfluss), die im jugendlichen Alter schon mal vorkommen können. Früher legte sich nach einiger Zeit das Vergessen über diese Dinge. Heute sind sie auf ewig im Netz gespeichert und als persönliche Datenspuren verfügbar.

Das ist der Unterschied zu früher: Damals kannte jedes Kind die Regeln der Schnitzeljagd. Heute fehlt es Jugendlichen – und Erwachsenen – bei allem Know-how im Umgang mit der Informationstechnik an echter Medienkompetenz. Sie zu erwerben, wird für das „Spiel des Lebens“ aber immer wichtiger. Früher war die Schnitzeljagd nach der Geburtstagsfeier vorbei. Heute fängt sie dann gelegentlich erst an und ist kein Spiel mehr.

(Beitrag zum Start der neuen Meinungskolumne im Kölner Stadtanzeiger)

 

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101 Reaktionen

  1. 29. Mai 2008, 15:33 Uhr, von H. Gefällt 3 Lesern
    0101

    @Angela
    Dafür gibt´s ja `Fachpersonal´. (-;

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