MM_Einstein
Zu den Kommentaren
21. Juni 2008, 14:25 Uhr, Geschrieben von Miriam Meckel

Fankult(ur)

Die gut 24 Stunden hat man gebraucht, um zu verstehen, was mit Deutschland geschehen ist. Ins Halbfinale gesiegt nach einem dritten Vorrundenspiel in Wien, dessen „Qualität“ zwischen der Wiederentdeckung der Langsamkeit, des Rumpelfußballs und der Fan-Fassungslosigkeit lag. Mannschaften sind inspirierbar, durch was und wen auch immer. In der Regel sind die Fans Teil dieser Inspiration.

Das wunderbare Spiel gegen Portugal (wann verändert Ronaldo endlich diese schreckliche Frisur?) war nicht alleine durchzustehen. Man brauchte gute Begleitung, um im Gewinnen und Verlieren die Spannung miteinander durchleiden zu können. In Deutschland geschieht dies in kleineren und größeren Zusammenrottungen als „Public Viewing“. Schön sind die kleineren, z.B. in einer regional-traditionellen Schwarzwaldkneipe in Berlin Mitte, die mit mehreren 50er-Jahre-Fernsehern und dem besten Weizenbier der Welt ein Umfeld schafft, das die analoge Fan-Community innen und außen wärmt.

Aus Gründen des interkulturellen Vergleichs habe ich mit Ähnliches in der Schweiz (einfach, weil dort lebe ich) und in Österreich (musste ich hinreisen) angesehen und festgestellt: Es gibt Unterschiede in den Fankulturen. Das Public Viewing, das in Deutschland schon zur WM so formidabel funktioniert hat, klappt auch bei der EM wieder hervorragend. Die beiden Nachbarländer üben da noch.

Besonders Österreich fällt dabei auf durch eine Mischung aus seltsamem Fanschaulaufen und grundsätzlicher Fußballablehnung (schwierige Feststellung angesichts der Tatsache, dass Österreich ja ein AUSTRAGUNGSLAND der EM ist). So verwundert es kaum, dass immer und überall ausreichend freie Plätze zu finden sind beim Public Viewing, das flugs zum Private Viewing außer Haus verkommt.

Hier fehlt etwas, interkultureller Fanaustausch ist gefragt. Sonst bleibt das EM-Erlebnis ziemlich fad. An dem Vorrundenabend ging in Wien irgendwann ein Platzregen nieder und hat die beiden letzten Public Viewer auch noch vom Platz gefegt. Ein doppeltes Trauerspiel …

Be Sociable, Share!

160 Reaktionen

  1. 23. Juni 2008, 1:03 Uhr, von Noisa Gefällt 4 Lesern
    0151

    Beckenbauer vielleicht?

    Antworten
  2. 23. Juni 2008, 3:26 Uhr, von Mesm Gefällt 4 Lesern
    0152

    @kata, maybe youre right, I found this one…

    http://en.wikipedia.org/wiki/Iglesia_Maradoniana

    Antworten
  3. 23. Juni 2008, 7:35 Uhr, von Bucky Gefällt 3 Lesern
    0153

    ..zwei Wünsche für Mittwoch und einen Tipp: erstens hoffe ich nicht, das diese beknackte ARD Reporter das Spiel kommentieren wird (oder rettet uns JBK?), da hat meine Oma besseres Fachwissen und zweitens hoffe ich, das nach einer Niederlage der Türken Köln halbwegs ruhig bleibt und nicht in unkontrollierten Emotionen versinkt.

    Tipp: Falls jemand Köln Ehrenfeld kennt und dort den hektischen Betrieb auf der Venloer Straße mitbekommen hat, sollte Mittwoch einmal durchlaufen… Death Valley ist ein scheiß dagegen.. :)

    Antworten
  4. 23. Juni 2008, 9:45 Uhr, von Walter Gefällt 3 Lesern
    0154

    Kritische Themen des Fankults sind Rassismus und Aggressivität, wobei sich beide Formen überlagern und mangels andersartiger ‚Gegner‘ auch kleine Unterschiede zwischen Stadtvierteln oder kiezspezifische Besonderheiten herhalten müssen. Das geht hinunter bis zu den Straßenmannschaften.

    Funktionäre und Sportler appelieren öffentlich an Fairness und Toleranz. Im Hintergrund wird man häufig den Verdacht nicht los, dass dies eher Lippenbekenntnisse sind, es in diesem Geschäft besonders um Erfolg und Geld geht und das die Fanclubs durchaus eingesetzt werden um mit ihren ‚Schlachtengesängen‘ eine aggressive Atmosphäre in den Stadien und davor zu verbreiten und die Gegner und deren Fans einzuschüchtern.
    Einige wie Reiner Calmund geben das auch offen zu. (reinercalmund.de/lebenswerk_i.php)

    Antworten
  5. 23. Juni 2008, 9:56 Uhr, von I. Gefällt 3 Lesern
    0155

    Hier noch ein paar (wahrscheinlich allen schon bekannte) Facts zum Thema Glaube/Fußball:

    – der alte Papst war Ehrenmitglied beim FC Barcelona, bei Schalke und beim BVB

    – eine Kapelle gibt es z.B. im Nou Camp in Barcelona, im Berliner Olympiastadion und in der Arena auf Schalke (auf Schalke etwa kann man heiraten oder seine Kind taufen lassen)

    – beim Londoner Club Queens Park Rangers können Fans ihre Asche unter dem Spielfeld begraben lassen, in anderen englischen und holländischen Clubs wird die Asche einfach über das Spielfeld gestreut. In Deutschland ist das verboten.

    – dafür gibt’s beim HSV ja nun nen Fan-Friedhof (nach dem Vorbild der Boca Juniors, die damit auch schon mal in den Tagesthemen waren)

    Ansonsten hoffe ich, dass dieser Blog bald wieder fußballfrei wird. Dafür gibt’s doch schon Blogs wie 11 Freunde oder indirekter freistoß..

    Vielleicht doch noch eine Frage: Findet Ihr Angela Merkel als Fußball-Fan nur rührend und lustig? ( http://www.muensterschezeitung.de/nachrichten/fussball/art8179,287068 oder http://www.sueddeutsche.de/sport/bundesliga/artikel/375/178829/) Oder meint Ihr, sie nutzt diese Plattform da im Publikum durchaus auch gekonnt und kalkulierend, um sich als volksnah und sympathisch zu inszenieren?

    Antworten
  6. 23. Juni 2008, 12:22 Uhr, von Walter Gefällt 4 Lesern
    0156

    Zum Spielen braucht man den Gegner, sonst kommt kein Spiel zustande. Es bedarf auch einer gewissen Einigkeit und der Verständigung auf Regeln und Fairness. Jeder Spieler kann dies für sich einfordern, solange er selbst diese Regeln befolgt.
    Mit zunehmender Distanz vom Wesen des Spiels und zunehmender Unkenntnis verlieren die Fans das Verständnis für diese Grundbedingungen.
    Zugespitzt formuliert: Wer selbst Fußball spielt oder gespielt hat, hat Verständnis für Fairness und Sportlichkeit und fordert diese auch ein.
    Deswegen auch Günter Netzer als Kronzeuge und anerkannt fairer Spieler.

    Antworten
  7. 23. Juni 2008, 16:43 Uhr, von Anja Gefällt 4 Lesern
    0157

    …zum Spielen braucht man auf jeden Fall einen Schiedsrichter, der die Spieler an die Regeln und Fairness erinnert;-)
    Foul ist ja bekannntlich nicht, wenn jemand gegrätscht wird, sondern dann, wenn der Schiri pfeift!
    Im Halbfinale wird dies Massimo Busacca aus der Schweiz hoffentlich sportlich und mit viel Fingerspitzengefühl tun.

    Antworten
  8. 23. Juni 2008, 19:25 Uhr, von Walter Gefällt 4 Lesern
    0158

    ‚Findet Ihr Angela Merkel als Fußball-Fan nur rührend und lustig?‘

    Sie macht es besser als Gerhard Schröder, der zwar auf dem Platz und im Amt geackert hat, dem aber Freude und Begeisterung nicht allzu reichlich über die entschlossen zusammen gekniffenen Lippen kamen.
    Eine Bemerkung von Angela Merkel ließ tief blicken, als sie nach der Verbannung von Jogi Löw einräumte, dass heute eigentlich nur noch ein Schiedsrichter die absolute Macht habe. Das war so um die Abstimmung der Iren über den Lissabon- Vertrag herum und klang ebenso resigniert wie ernüchtert.

    Vielleicht sind es die klaren Verhältnisse und die eindeutigen Regeln beim Fußball, zusammen mit dem Erfolg durch Spielfreude und Leidenschaft, die sie an diesen Sport binden? Und auch die Sympathie auf Gegenseitigkeit der Spieler, die sie seit der WM 2006 ins Herz geschlossen haben?
    Auf Bastian Schweinsteiger, Philipp Lahm und Michael Ballack hat sie jedenfalls Eindruck gemacht, als Mutter der Nation und des Fußballs.

    Antworten
  9. 26. Juni 2008, 1:01 Uhr, von mo Gefällt 4 Lesern
    0159

    Kurz nach dem Halbfinale Deutschland gegen die Türkei ein kurzer, persönlicher Lagebericht aus Basel: heute hat die Euro/EM Spass gemacht! Viele Fans aus Deutschland waren in Basel, haben die Stadt und die Fanzonen belebt, den ganzen Tag gefeiert und auch wenn mich die Rufe „Hurra, hurra, die Deutschen sind da“ eher befremden (alle andern Nationen feuern ihre Teams an, wie z.B. Hopp Schwiiz, Allez les bleus, Forza Italia…), hab ich mich über EM-Euphorie in der Stadt gefreut. Und ich habe, entgegen der schweizerischen Haltung, dem deutschen Team den Sieg und den Einzug ins Halbfinale auch gegönnt. Aber vor allem eben war es schön, nach dem Viertelfinale der Niederländer gegen Russland nochmals ein richtiges Fussballfest in der Innenstadt von Basel zu erleben. Die Fanzonen, die ganze Innenstadt war belebt, was in den ersten Tagen der EM nicht oft, eigentlich nur bei den Spielen der Schweizer, der Fall war. Woran mag das liegen?

    1. In vier Städten in der Schweiz finden Spiele statt, es gibt Fanzonen mit hundertausenden Plätzen. Daneben gibt es ein „9. Stadion“ in der Nähe von Basel und in 16 weiteren Städten Fan-Arenen. Beinahe jedes Restaurant, jede Bar, jede Kneipe zeigt die Euro auf Grossleinwand. Die Schweiz hat aber „nur“ 7,5 Millionen Einwohner, nur ein Bruchteil davon fussballbegeistert und nur wenig Fussballtradition.

    2. Die Hälfte der Spiele findet in Österreich statt. In Klagenfurt oder Innsbruck spielt Kroatien gegen Polen oder Griechenland gegen Schweden – wen interessiert das in Basel, Zürich, Bern oder Genf? Die 300 Griechen oder Kroaten, die hier wohnen, fallen keinem auf. Auch weil sie, gut assimiliert, gar nicht mehr auffallen wollen/können/dürfen. Also, keine EM-Euphorie in der Schweiz.

    3. Das Wetter war grösstenteils lausig!

    4. Die Mentalität von uns Schweizern. Wir sind nicht auf Vorrat begeistert, euphorisch oder zuversichtlich. Weshalb sollten wir auch? Die Schweizer Nationalmannschaft gewinnt an einer EM keine Fussballspiele, in denen sie nicht über ihre Verhältnisse spielt. Ganz im Gegensatz zu der deutschen Fussballnationalmannschaft. Deswegen wird jetzt der Herr Hitzfeld unsere Nati trainieren und unseren Spielern beibringen, wie man gewinnt ohne gut bzw. besser als der Gegner zu spielen. Verliert unsere Nationalmannschaft und scheidet sie aus einem Turnier, gehen wir ruhig nach Hause – kein Elend, kein Dilemma – und am nächsten Tag tragen alle nochmals die lausigen T-Shirts mit dem plumpen Schweizerkreuz und fiebern schon mit andern Mannschaften mit. Die Holländer waren unsere Favoriten! Hunderttausend(e) Niederländer waren in Bern und in Basel, haben uns ein unvergessliches Fussballfest geschenkt. Und deswegen war diese Euro alles Wert!

    Mein Fazit zu der Euro 2008: Fankult(ur) konnten wir in der Schweiz nicht bieten, das hat hier keine Tradition. Aber die Nationen und Fans, die uns Ihre Fankultur näherbringen, mit uns hier feiern wollten, die konnten das und die waren auch herzlich willkommen! Die Infrastruktur war angelegt für viele Fans aus dem Ausland. Wir Schweizer und alle, die hier leben, haben uns die Spiele auch im öffentlichen Raum angeschaut. Aber nicht in den Fanzonen, sondern da, wo wir das immer tun. Da, wo wir Champions League schauen oder Uefa Cup. Wo wir die Spiele des FC Basel verfolgen und die vom FC Zürich. Da, wo die kleineren Zusammenrottungen stattfanden und da, wo es „Bier von hier, statt Bier von dort“ zu trinken gab. Und auch nach der Euro geben wird.

    Aber dank den Holländern und auch den Deutschen Fans haben wir Fussballfeste erleben können, wie wir sie uns niemals hätten vorstellen können! War schön, danke!

    PS: St. Gallen ist nicht die Schweiz, Tipps fürs Public Viewing in kleinen Zusammenrottungen jederzeit gerne bei mir.

    Antworten
  10. 1. Juli 2008, 20:25 Uhr, von Martina Pink Gefällt 4 Lesern
    0160

    Der Fußball scheint ja die Menschen hier in Deutschland (und auch anderswo) zu vereinen und Ihnen ein „Wir“ Gefühl zu vermitteln.Kommunikationstechnisch ist das Thema sicherlich auch sehr interessant. Der Fußball lenkt natürlich von anderen Problemen des Landes gehörig ab.Die Masse ist beschäftigt, die Masse hat Unterhaltung.Ich finde dies sehr gefährlich!Die Masse ist gefügig und dadurch leicht zu „verführen“ (wir wissen was das historisch heißt!).Für die eigentlich wichtigen Themen demonstrieren immer weniger Menschen – aber wenn es um Fußball geht, sind Tausende da.Und wenn es sogar schon dazu kommt, dass Kinder am nächsten Tag (nach dem Spiel) eine Stunde später in die Schule kommen dürfen und keine Arbeiten schreiben dürfen und wenn andere politischen Themen erst hinter dem Fußball kommen, frage ich mich wirklich allen Ernstes mit welchem Recht der Fußball so einen hohen Stellenwert bekommen hat!

    Antworten


© Miriam Meckel 2002 bis 2017