MM_Lasalle
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26. Juni 2008, 13:21 Uhr, Geschrieben von Miriam Meckel

Bildstörung & Tonstörung

Wir haben beim Fußball gestern Abend zwei Bildstörungen verkraften müssen – eine spielerische und eine technische. Das Zittern um das Spiel ums Halbfinale war deshalb besonders groß.

Es reicht eigentlich schon, wenn man nass geschwitzt vor einem Fußballspiel sitzen muss, weil die Kneipe voll ist, die Mitseher einem auf die Pelle rücken und vor allem das Spiel einen ständig verzweifeln lässt. Banges Hoffen in jeder Sekunde, ob es denn noch klappen kann, weil die Mannschaft mal wieder wie ein Sack Flöhe übers Spielfeld verteilt ist und sich beim besten Willen kaum Koordination oder eine Spielstrategie erkennen lassen. Gelegentlich kam das Spiel rüber wie eine optische Täuschung: Kann Fußball als Mannschaftssport so aussehen?

Diese Frage stellt sich gar nicht erst, wenn es kein Bild mehr gibt. Die „sportliche Bildstörung“ wurde durch eine technische Bildstörung erlöst. Und plötzlich eröffnete sich ein Erfahrungsraum, der die Kunst des Kommentars ins Licht rückte. Béla Réthy, der sich redlich mühte, die Sendepausen zu überbrücken, änderte nicht die Art seiner Kommentierung, sondern legte lediglich mehr Nachdruck in seine Stimme (laaaaanggezoooogene Vokaaaaale füllen den Raum, den das fehlende Bild plötzlich lässt).

Und da haben diejenigen, die allemal die samstägliche Bundesligaschaltkonferenz im Radio allem Fernsehen vorziehen, festgestellt: Wie schön und spannend kann Fußball beschrieben werden, wenn der Ton alleine sein und wirken darf und gar kein Bild braucht, und wie karg entpuppt sich der Kommentar, wenn der Ton sonst nur ergänzen darf und das Bild plötzlich fehlt, aber eigentlich dringend gebraucht würde.

Gott sei Dank hat dann die Schweiz von den Österreichern das durch ein Unwetter schon völlig aufgeweichte Fernsehsignal übernommen, trocken gelegt und selbstbewusst weiter gesendet (die Schweizer sind eben in allem darauf vorbereitet, die Sache auch allein durchzuziehen und das gelingt sogar im autonomen Nachvollzug der Herstellung einer Bildleitung). Sie haben uns gerettet, nicht unbedingt vor der Bildstörung, sondern vielmehr vor der Tonstörung, die erst offenkundig wird, wenn das Bild plötzlich fehlt.

Schade wäre es bei einer Dauerbildstörung um drei Bildmomente gewesen, die nämlich, in denen die deutsche Bundeskanzlerin ein Tor ihrer Mannschaft bejubelte. „Natürlich war ich traurig, dass manchmal der Ball verloren ging“, hat sie nach dem Spiel im Interview gesagt. Nun, das lässt sich leidenschaftlicher ausdrücken. Da sagt ein Bild dann doch mal mehr als ein paar Worte.

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204 Reaktionen

  1. 3. Juli 2008, 21:27 Uhr, von Walter Gefällt 3 Lesern
    0201

    Gewisse und gewollte Souveränität-
    humorvolle Distanz ohne Zynismus, Sachlichkeit ohne Besserwisserei, Emotionalität der Form im Gedicht, das Spiel mit der Metaebene.
    Das ist schon souverän, auch ohne Sockel. Aber mit Toleranz und hoffentlich(!) humorvoller Geduld. Stimmt Fabian.

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  2. 3. Juli 2008, 23:30 Uhr, von Bette Gefällt 4 Lesern
    0202

    Amen.
    Und jetzt bitte ein neues Posting für alle. :-D

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  3. 4. Juli 2008, 10:12 Uhr, von Chris Gefällt 3 Lesern
    0203

    …falls es noch jemanden interessiert:

    zur Frage, was LH-Senatoren sind: Eine erlesene Gruppe von Vielfliegern dieser von mir sehr geschätzten Fluggesellschaft, die mit diversen Extras bei Laune gehalten werden. Kann ich nur empfehlen. Darüber gibts nur noch die HONs, aber die wohnen quasi schon in den Flugzeugen, bin mir nicht sicher, ob das so erstrebenswert ist.

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  4. 6. Juli 2008, 16:49 Uhr, von Dowanda Gefällt 4 Lesern
    0204

    Wieso kann man die Beiträge nicht einfach nur gut oder schlecht finden, ohne deswegen gleich eine Fernanalyse der Bloggerin machen zu wollen?
    Ich kann ja auch nicht mit allem was anfangen, und manche Widersprüche zwischen wollen und tun werden sichtbar. Auch hier. Aber bei wem nicht? Wär sonst ja öde.

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