MM_Adams
Zu den Kommentaren
24. Juli 2008, 6:17 Uhr, Geschrieben von Miriam Meckel

Von Moral und Monopolen

Freunde der Internettelefonie sollten sich lieber ein anderes Reiseziel aussuchen als die Vereinigten Arabischen Emirate (VAE). Wer dort versucht, sich die Skype-Software herunter zuladen oder über Skype zu telefonieren, wird keinen Erfolg haben. Die Seite ist geblockt „due to religious, cultural, political and moral values of the United Arab Emirates“.

Ist Skype unmoralisch? Kann eine Software unmoralisch sein oder sind es höchstens die Menschen, wenn sie sie in unsittlicher Weise oder Absicht benutzen? Repräsentiert eine Software kulturelle Werte? Kann sie religionsinkonsistent sein?

Skype bietet Internettelefonie (Voice over IP). Das ist zunächst mal nicht mehr als eine relativ neue Technologie, um Menschen kommunikativ zu verbinden, ohne dass sie ein Telefonnetz nutzen müssten. Wo es eine Internetverbindung gibt, da gibt es – theoretisch – auch VoP.

Ach so! Meine Begegnung mit „Etisalat“ hatte mir ja schon verdeutlicht: Es gab in den VAE ein Telekommunikationsmonopol, das seit vergangenem Jahr durch „du“ zum ersten Mal gebrochen wird. „du“ ist ein herkömmlicher Mobilfunkanbieter, den man bezahlen muss, Skype ist kostenlos. Deshalb ist „du“ keine Konkurrenz, Skype schon.

So einfach ist die komplexe Welt der Moral manchmal zu erhellen: „Etisalat“ möchte ungern auf seine vier Millionen Kundenanschlüsse verzichten. Warum auch, können die Scheichs doch ganz frank und frei bestimmen, wer wie kommuniziert. Skype ist geblockt „due to its content being inconsistent with the monopolistic economic system of the United Arab Emirates“.

Warum schreiben sie das nicht einfach so hin?

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77 Reaktionen

  1. 26. Juli 2008, 17:48 Uhr, von evaqueer
    051

    So einfach ist die komplexe Welt der Moral manchmal zu erhellen: „Etisalat? möchte ungern auf seine vier Millionen Kundenanschlüsse verzichten.

    Die komplexe Welt der Moral ist nicht besonders komplex. Es läuft immer darauf hinaus nicht auf irgendwelche Millionen zu verzichten. Ob man das gerell noch als Welt der Moral bezeichnen kann ist eine andere Geschichte und soll ein anderes Mal erzählt werden.

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  2. 26. Juli 2008, 17:49 Uhr, von evaqueer
    052

    gerell=falsch.
    Ich kaufe ein n und ein e.

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  3. 27. Juli 2008, 8:34 Uhr, von Walter
    053

    Suum cuique setzt Toleranz und Respekt voraus, in einer offenen Gesellschaft. Denn wer ist ‚Suus und Sua‘ heute in einer Welt, die sich als globalisiert versteht und in der Menschen auch als Immigranten als Menschen wahrgenommen werden wollen?
    Damit suum cuique möglich ist, brauchen wir Frieden und eine Verständigung auf Regeln, die ein friedliches Zusammenleben nicht nur nebeneinander sondern miteinander ermöglichen und gestalten.
    Wenn wir suum cuique wollen, müssen (!) wir etwas dafür tun. Von selbst kommt das nicht. Platon und Voltaire, die neben vielen anderen diese Forderung aufstellten verstanden darunter nicht nur die Freiheit und Möglichkeit, nach der eigenen Façon selig zu werden, sondern auch die Aufgabe, dies in einer Gesellschaft dem Nächsten zu ermöglichen. Wir können in einer Gesellschaft von Gleichen nur die Rechte für uns beanspruchen, die wir auch unseren Mitmenschen einräumen.
    In einer globalisierten Welt bedeutet dies, dass Monopole sich an einer Moral orientieren sollten, die sie auch für andere akzeptieren würden, denn wie wir hier sehen werden nicht nur regionaler Service und soziokultureller Zusammenhang kritisch bewertet sondern auch die Verträglichkeit einer moralisch begründeten Handlung mit den Maßstäben von Gerechtigkeit und Transparenz. Somit ist eine globale ‚Moral der Monopole‘ erforderlich, deren Regeln sich an den Prinzipien von offenen Gesellschaften orientieren könnten. Denn wenn wir- im Westen- Toleranz und Demokratie anstreben, dann können wir dies nicht auf unsere Landesgrenzen oder die der westlichen Welt begrenzen.
    Eine banale Erkenntnis aus unserem Thema ist auch, dass es ein ‚Monopol der Moral‘ ebenso wenig geben kann, da in einer offenen Gesellschaft ein jeder- suum cuique- ein Recht auf persönliche Lebensgestaltung beanspruchen kann. Das scheinbare Dilemma lässt sich lösen, wenn den Rechten des Einzelnen die Pflichten gegenüber der regionalen bis globalen Gemeinschaft als gleichwertig gegenüber gestellt werden.
    Die einfachste Formel, die dies regelt und die auch schon Kinder ab dem Alter von etwa 6 Jahren für sich entwickeln und auf ihr Verhalten anwenden können, ist eine einfache Formel, die bis auf den Islam in allen Kulturen und Religionen als allgemein gültige Grundlage der Rechtsprechung anzutreffen ist.
    Der strenggläubige Islam tut sich schwer mit der Globalisierung von Toleranz, da er einen grundsätzlichen Unterschied zwischen Muslimen und Nichtmuslimen macht, die als Ungläubige grundsätzlich anders behandelt werden dürfen und sollen als gläubige Muslime. Erfreulicherweise hat auch die Scharia ihre Grenzen wie die Beispiele von friedlicher Koexistenz von Muslimen mit Angehörigen anderer Religionen in der Geschichte immer wieder zeigten. Die Auseinandersetzung mit dem weltweiten Terrorismus ist somit notwendigerweise auch eine Auseinandersetzung mit dem Islam und dem Umgang mit Intoleranz und der Verletzung der Regel der Gleichheit und Gleichwertigkeit der Menschen.
    Doch Gleichheit fängt bei uns selbst an. Und wie viele Vorurteile und Strukturen der Ungleichheit tragen wir alle noch- meist unbewusst- mit uns herum?
    Damit fängt das Wollen zunächst bei uns selbst an.

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  4. 27. Juli 2008, 8:57 Uhr, von Walter
    054

    @evaqueer:
    Das Kapital ist ein scheues Reh.
    Wenn es um Geschäfte geht, geht es auch um Vertrauen. Vertrauen setzt Verlässlichkeit und längerfristig ein gewisses Maß an Stabilität voraus. Stabilität erfordert und erzeugt Ordnung. Ordnung ist umso stabiler je fester der Boden, auf dem sie sich entwickelt. Unsere westlichen Demokratien sind klar im Vorteil, weil Gesellschaften, die auf dem Prinzip der Gleichheit und Toleranz bei der ‚Pursuit of Happiness‘ beruhen, in den letzen Jahrhunderten stabiler waren und sind.
    Zum Genuss des Reichtums gehört eben auch eine Garantie von Sicherheit.
    So lässt sich über die Schiene Geld- Vertrauen- Stabilität durchaus eine Verknüpfung von der einfachen Welt des Profits zur ‚komplexen Welt der Moral‘ herstellen.

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  5. 27. Juli 2008, 14:08 Uhr, von H.
    055

    Auch im Islam gibt es eine vergleichbare `Goldene Regel´:
    „Keiner von euch ist ein Gläuiger, solange er nicht seinem Bruder wünscht, was er sich selber wünscht“ (An-Nawawi, Kitab Al-Arab’in, Vierzig Hadithe, 13).

    Aber die goldensten Regeln nutzen herzlich wenig, wenn sie keine verbindlichen Regeln mehr sind.
    Regeln geben zum einen Sicherheit und bieten Orientierung, doch sind sie irgendwann nicht mehr haltbar, weil unrealisch, müssen sie neu überdacht werden.

    Moralische Aspekte halten an alt bewährtem fest und was sich bewährt hat, möchte bewahrt werden; daher hinken auch manche moralischen Vorstellungen ein wenig ihrer Zeit hinterher.

    Aufgrund der sich vollziehenden Globalisierung, treffen nun immer mehr Menschen mit den unterschiedlichsten Moralvorstellungen aufeinander. Aus diesem Grund bedarf es einer Moralübereinkunft, d.h. damit keine Verstimmungen und Streitereien entstehen, müssen gemeinsame brauchbare Regeln gefunden werden.
    Demnach ist Moral nicht nur ein Begriff aus der Mottenkiste, sondern als zukunfstorientiert zu sehen.

    Übrigens:`Jedem das Seine´ findet doch heutzutage in der erweiterten Form:`…und mir das Meiste´ wohl am ehesten noch Bedeutung, leider.

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  6. 27. Juli 2008, 15:10 Uhr, von brigitte
    056

    Was wäre so schlimm daran? Es wäre für mich „…das Meiste“, für einen anderen ist das, was ich bevorzuge, von geringerer Bedeutung.
    Natürlich ist der Sinn dieses Ausspruches nicht unmissverständlich. Leider haben Sinnsprüche das so an sich. Bedeutungsschwangere Worte ermöglichen Deutungsvielfalt. Kennt man ja. So gilt, den Gehalt des Textes nie ohne dessen jeweiligen Kontext zu diskutieren.
    Als Gerechtigkeitsformel meint dieser Sinnspruch doch nichts anderes, als dass Recht die Kunst des Guten und Gerechten sei; getragen vom Willen, jedem sein Recht zu gewähren, wobei die Regeln des Rechts bestimmt werden von einer ehrbaren Lebensweise, der Unverletzlichkeit von Leib und Leben und der Orientierung an individuellen Lebensumstände. Kurz: Was du nicht willst, dass man dir tu´, das füg´ auch keinem anderen zu.
    Auf den ersten Blick eine ganz wunderbare Sache. Aus der Spur läuft sie dann, wenn sie pervertiert wird und als Begrüßungsformel über dem Tor des KZ Buchenwald steht. Zynismus pur, kann man da nur sagen, obwohl man es hätte besser wissen müssen und können. Dennoch: Dass der Spruch von den Nazis für ihre Menschen verachtende Politik missbraucht worden ist, findet – und das sollte schon stutzig machen – keine ungeteilte Zustimmung. Für viele scheint der Sinnspruch allerdings eine Aussage zu sein, die, unabhängig vom Wahrheitswert der zugrundeliegenden Bestandteil, immer wahr ist, weil sie kein Kriterium anbietet, was einem jeden als das Seine zusteht.
    Die Kernfrage scheint zu sein: Legitimiert der Sinnspruch ein Wert/Unwert-, ein Herr/Knecht-, ein Rechts/Unrechts-…System oder unterstützt es lediglich das Motto Spaßgesellschaft, wenn sie fordert: „Jedem Tierchen sein Pläsierchen.“?
    Inwieweit ein Monopol moralische Prinzipien zum Maßstab seines Handelns macht, machen muss, wird die Entwicklung zeigen. Monopole existieren so lange, wie ein Bedarf nach den Produkten besteht, die es anbietet, ändert sich der Bedarf, werden sich die monopolistische Strukturen ändern. Je höher das „Monopol“ den „Preis“ für eine Sache schraubt, desto weniger „Kunden“ sind bereit, den „Preis“ zu zahlen. Wenn die Einwohner der Vereinigten Arabischen Emirate davon überzeugt sind, dass ihre religiösen, kulturellen, politischen und moralischen Werte geschützt werden, indem der Zugang zu Skype geblockt wird, werden sie zufrieden sein und keine moralischen Bedenken haben, wenn nicht, werden sie die Bedingungen ändern. Menschen in den so genannten „freien“ Gesellschaften müssen das wohl aushalten. Das hindert uns ja nicht daran, Veränderung durch Annäherung herbeizuführen. Das Motto könnte lauten: „Think outside the box!“

    Antworten
  7. 28. Juli 2008, 17:56 Uhr, von M.
    057

    @H. Den von dir zititerten Nawawi-Hadith als Goldene Regel des Islam anzusehen ist ein weit verbreiteter Irrtum. Das Wort „Bruder“ bezieht sich nämlich ausschließlich auf muslimische Mitbrüder. Walter hat nämlich recht: Der Islam unterscheidet strikt zwischen Muslimen und Nichtmuslimen.

    Antworten
  8. 28. Juli 2008, 23:00 Uhr, von Walter
    058

    Skype ist auch für die Söhne und Töchter der Wüste interessant, die angeblich am liebsten mit SUVs den heimischen Sprit in der Wüste verfahren oder Shoppen gehen (Klischees?)
    – Irgendwie passt das nicht zusammen: Globalisierung des Kapitals und Restriktion der Ideen, Freiheit der Bewegung (Emirates) und Zensur der Kommunikation (Internet), Austausch von Geld und Diamanten und idiologischer Protektionismus. Heuchelei und Frömmigkeit vor der hintergründigen Drohung der Sharia. (profrau.at/de/steinigung/sharia.htm)

    Sheik Mohammed al-Maktoum ist ein gläubiger Mann. Seine Vorstellung von Multikulturalismus möchte er allerdings erst einmal im christlichen Ausland vortesten. Er hat sich mit seiner Stiftung für Schottland- Dundee- entschieden. Das Ziel liegt nach eigener Definition in der weltweiten Verständigung und Zusammenarbeit der Kulturen. (almaktoumfoundation.com/)
    Doch die Bedingungen des schottischen multikulturellen Models werden in Dubai definiert. Ganz Dubai scheint so ein multikulturelles finanzmonopolistisches Model nach selbstdefinierten Vorstellungen zu sein. Veränderung durch Annäherung läuft geplant eher als Einbahnstraße. Ungewollt aber vielleicht doch subversiv in die andere Richtung.
    Vielleicht gibt es ja noch einen Plan hinter dem Plan?
    Pecunia non olet, auch wenn das Geld nach Öl riecht und die Hochhäuser bis in den Himmel reichen.
    Scheherazade in 1001 Nacht.

    Antworten
  9. 29. Juli 2008, 7:14 Uhr, von Dowanda
    059

    @Walter
    Ich bin voll und ganz bei Dir: dieser Mix aus dem Nutzniessen am www beispielsweise und auf der anderen Seite dieser Protektionismus; die von Dir angesprochene Globalisierung des Kapitals mit gleichzeitiger Restriktion der Ideen. All das lässt sich mit den Denkmustern und Maßstäben, mit denen ich aufgewachsen bin, nicht vereinbaren. Die Widersprüche sind für mich zu offensichtlich.
    Ich kämpfe mich zu dem Thema grad durch den Huntington und seinem Clash of civilisations. Bin gespannt ob ich damit was anfangen kann.

    Antworten
  10. 29. Juli 2008, 8:21 Uhr, von Walter
    060

    Dowanda, lies dann bitte den Beck hinterher: Clash of Universalisms trifft es wie ich finde besser als Clash of Civilizations. Noch eine Stelle:
    (accessmylibrary.com/coms2/summary_0286-33522329_ITM)

    Antworten
  11. 29. Juli 2008, 8:40 Uhr, von Dowanda
    061

    Bin für Anregungen immer offen, danke. Werde Dir dann Bescheid geben *g*

    Antworten
  12. 29. Juli 2008, 8:58 Uhr, von Janna
    062

    So eigenartig ich diese Art der Vermengung von Moderne und Tradition in den Golfstaaten manchmal finde, so sehr fasziniert sie mich auch. Oft gewinnt man den Eindruck, die Menschen dort könnten mit der Mischung besser umgehen als wir mit unseren ganzen kulturellen Grabenkämpfen. Während hier die große Diskussion um den Umgang mit zukünftigen Ressourcen in Verbindung mit traditionellen Errungenschaften (bsp. Stichwort Bergbau/Kohle) tobt, scheint dort oft einfach gehandelt zu werden, anstatt ein Thema so zu zerfasern, bis nur noch ein Bruchteil der ursprünglichen Absicht übrig bleibt. Ich halte schon viel von dem Sprichwort „erst denken, dann handeln“, doch in diesem Land wird oft nur gedacht und wenig gehandelt. Versteht mich nicht falsch, ich lebe gerne in einer Demokratie. Aber oft erscheint sie mir mühsam und ziellos im Gegensatz zu den Staaten, die ihre Visionen von der Zukunft auch planerisch umsetzten.

    Antworten
  13. 29. Juli 2008, 9:46 Uhr, von Dowanda
    063

    @Janna
    Im konkreten Fall der Golfstaaten mag diese „Entspanntheit“ daran liegen, dass man aufgrund des Ölreichtums manche Gedanken und Abwägungen nicht haben muss – da die Ressourcen (noch) da sind, die das Kapital liefern.
    Dafür können die Golfstaaten wenig; das ist das Glück der geographischen Lage.

    Antworten
  14. 29. Juli 2008, 10:34 Uhr, von Walter
    064

    Dowanda, es war nicht so direkt gemeint.
    Huntingtons Buch hat damals Wellen geschlagen, weil er als kompetent gilt und seine Sicht konsequent durchgehalten hat. Ich finde sein Buch ebenso interessant wie mühsam und durchaus sehr ideologisch, mit verstelltem Blick. Dass US- Amerikaner auch über ihren Tellerrand hinweg schauen können zeigen Barack Obama und – hin und wieder- Condoleeza Rice.
    Wir westlich orientierte Europäer sind skeptischer und unentschiedener als viele amerikanische Beobachter. Auch Ulrich Beck schreibt eher vorsichtig, aber auch eindeutig.
    Wir haben wie alle anderen Kulturen ein Recht auf unsere blinden Flecken, die ja definitionsgemäß für uns selbst unsichtbar sind.
    Beim Nachdenken über Moral und Kultur fällt mir auf, wie voreingenommen und parteiisch ich eigentlich bin und wo meine Toleranz endet.
    Allein H. hat hier gestern mal dagegen gehalten und für den Islam gesprochen.
    Wie würde man wohl in Dubai dieses Thema diskutieren?

    Antworten
  15. 29. Juli 2008, 10:37 Uhr, von Janna
    065

    Das die Golfstaaten begünstigt sind, steht außer Frage. Aber auch dort gibt es ehrgeizige Ansätze für z. Bsp. ökologisch vertretbare Bauprojekte, obwohl dort keinerlei Ökobewegung vorhanden ist.

    Antworten
  16. 29. Juli 2008, 12:33 Uhr, von Walter
    066

    Die Kluft zwischen Tradition und Zukunft scheint auch in Dubai zu klaffen: Einerseits die strengen Vorschriften einer monotheistischen Religion und auf der anderen Seite die grenzenlose Freiheit eines schrankenlosen Kapitalismus, basierend auf einem Rohstoff, der bis vor kurzem noch unerschöpflich schien. Daraus könnte sich eine Zerreissprobe für traditionelle Gesellschaften entwickeln. Zum Schutz werden Restriktionen des freien Austauschs von Informationen und von Sitten und Gebräuchen aufgebaut, die uns archaisch anmuten, ihrerseits aber für Menschen in China oder Myanmar schon einen Fortschritt in Richtung Freiheit darstellen können.
    Vielleicht entfaltet das Prinzip eines freien Marktes ja auch einen Sog in Richtung Demokratie?
    Vielleicht gehen die Angst vor Veränderung und die Macht der Versuchung Hand in Hand?

    Antworten
  17. 29. Juli 2008, 12:59 Uhr, von Dowanda
    067

    @Walter
    Ich kann Deiner Spezifizierung im Posting von 12.33 Uhr nicht ganz folgen:
    „… strengen Vorschriften einer monotheistischen Religion …“
    Ich habe nicht den Eindruck, dass sich dies – vorausgesetzt es wird wortwörtlich gelebt – nur auf monotheistische Religionen bezieht. Im Shintoismus beispielsweise gibt es eine Menge an Regeln; im Hinduismus ist sogar das Kastensystem festgeschrieben und gibt damit sehr rigide Spielräume vor. Eingrenzungen, die zum Beispiel die soziale Besserstellungen der unteren Kasten trotz dem Bemühen der indischen Regierung vor grosse Herausforderungen stellen.
    Mich würde interessieren, wie Du das genau meinst?

    Mittagspäusliche Grüsse, Dowanda

    Antworten
  18. 29. Juli 2008, 13:27 Uhr, von evaqueer
    068

    Ey, Dubai ist voll cool. Ich war schon hunderte Male dort und ich kann euch sagen, dieser Luxus rockt total und alle sind irgendwie so schick und futuristisch und neu ist alles und so…
    Ne, alles gelogen. Ich war natürlich noch nie da. Aber ich war mal im Movie Park Germany. Ein Freizeitpark zum Thema Film und Fernsehen.
    Und ich glaube Dubai ist so ähnlich wie alle Filmkulissen. Vorne stehen vier bis fünf reiche Scheiche und hinter den Kulissen hocken arme Asiaten. Die Mehrheit der Bewohner von Dubai sind Bauarbeiter aus Asien. Sie werden miserabel bezahlt und haben praktisch kaum Rechte.
    Ich bin glücklich über Grundrechte wie Meinungs- und Pressefreiheit zu verfügen und halte nichts von Zensurverboten. Mit Sicherheit sind in unserem Land schon die ein oder anderen Ideen und Menschen totdiskutiert worden. Das ist natürlich Pech wenn Dir oder deiner Idee so etwas passiert. Deshalb sind Medien und Sprache und die Fähigkeit/bzw. die Freiheit beides gut beherrschen zu können ja so wichtig. Sie bieten Dir die Möglichkeit auch ohne Geld Ziele zu erreichten. Durch Überzeugung von Worten und Bildern.
    Diskussionen sind mir lieber als in einem Land zu leben in dem „einfach gehandelt“ wird. In Dubai wird einfach gehandelt weil alle handlungsfähigen Entscheidungsträger unter den selben Lebensumständen leben und somit dasselbe wollen. Jedes Mal wenn irgendwo auf der Welt „einfach gehandelt“ wird (siehe Bush) geschieht das auf Kosten anderer, die nie die Möglichkeit haben werden sich Gehör zu verschaffen, handlungsfähig zu werden oder an Prozessen der Gesellschaft teilzuhaben.
    Und gerade die Ausübung wirtschaftlichen Drucks zur Durchsetzung von Vorteilen oder zur Beeinflussung von Medien ist ein perfides demokratiefeindliches Werkzeug.
    In diesem Freizeitpark von dem ich sprach gibt es übrigens ein Sponge-Bob 3D Kino, dass sich echt lohnt.

    Antworten
  19. 29. Juli 2008, 14:15 Uhr, von Dowanda
    069

    off topic
    Ein Zitat zum letzthin so heftig diskutierten Thema „Prinzipien“ ist mir untergekommen:
    Ich habe eiserne Prinzipien. Sollten diese ihnen nicht passen, habe ich auch noch andere. (Groucho Marx)

    Antworten
  20. 29. Juli 2008, 15:46 Uhr, von na
    070

    Die März 2007 – Ausgabe der NationalGeographic berichtet auf 20 Seiten über Dubai. Titel „Rashids Traum“.
    https://aboshop.nationalgeographic.de/standard-aboshops/showReorder.do?site=99#

    Nicht sehr umfangreich, aber die interessantesten Informationen stehen darin. Es wird auch ein wenig von der übrigen Gesellschaft berichtet (also nicht den oberen 5%)

    Leider ist der Bericht nicht online gestellt.

    Antworten
  21. 29. Juli 2008, 16:19 Uhr, von Walter
    071

    Die monotheistische Religion bezieht sich auf eine strenge Vaterfigur, der Respekt und Gehorsam einfordert. Jüdische, christliche und islamische Religion sind sich in diesem Punkt ähnlich, Der Gott der 10 Gebote ist ‚ein eifersüchtiger Gott: Bei denen, die mir Feind sind, verfolge ich die Schuld der Väter an den Söhnen, an der dritten und vierten Generation‘
    (Dekalog, Exodus 20,2-17)
    Dies ist in meinen Augen mehr als Rigorismus, es ist echte unnachgiebige Strenge ohne den verzeihenden Humanismus des neuen Testaments. Das Thema hat es in sich und berührt gemeinsame Wurzeln, Dowanda. Ich bin kein Theologe und habe ein eher laienhaftes Verständnis von Religion. Die Nähe der drei vorderasiatischen monotheistischen Religionen wurde mir erst beim Lesen der ‚Quelle‚ bewusst. Ein lesenswertes Buch für den Sommer über eine immer noch hoch aktuelle Beziehung zwischen feindlichen Brüdern.

    Antworten
  22. 29. Juli 2008, 17:05 Uhr, von Walter
    072

    Unsere Thesen und Erklärungen unterscheiden sich in einem Punkt: Dient die Zensur dazu Dubais ‚Etisalat‘ zu schützen und das wirtschaftliche Monopol zu bewahren oder sind die Verbote von Skype und die Kontrolle des Internet ein mehr oder weniger verzweifelter Versuch, das traditionelle Herrschersystem und die Rolle des Islam zu bewahren?
    Denn sie stehen auf dem Spiel in einer sich der Globalisierung scheinbar hemmungslos in die Arme werfenden Traumfabrik: Die religiösen, kulturellen, politischen und moralischen Werte der Vereinigten Arabischen Emirate.

    Antworten
  23. 29. Juli 2008, 19:55 Uhr, von Janna
    073

    Ich denke, es ist eine Mischung aus beidem, Walter. Hinter der Etisalat-Nummer stehen ganz sicher wirtschaftliche Interessen, die Kontolle des www wird dagegen eher daraufhin abzielen, die religiösen und moralichen Werte zu schützen. Gerade im arabischen Raum scheint eine große Furcht vorhanden zu sein, das diese durch den unkontollierten Zugang torpediert werden könnten, da das Internet hauptsächlich mit den USA und „Andersgläubigen“ gleichgesetzt wird.
    Was auch irgendwie widersinnig ist, da gerade Fundamentalisten, die ihrer Meinung nach eine besondere Beziehung zum dortigen Wertekanon hegen, die Verbreitung ihrer Ansichten hauptsächlich über das www steuern.

    Antworten
  24. 29. Juli 2008, 19:56 Uhr, von Janna
    074

    sorry, die moralischen Werte muß es natürlich heißen. Bin doch keine Rheinländerin!

    Antworten
  25. 29. Juli 2008, 21:23 Uhr, von Walter
    075

    Journalisten, die über die Olympischen Spiele in China berichten wollen, stoßen auch an die Grenzen der chinesischen Toleranz.
    Hier geht es offensichtlich eher um Staats- als um Wirtschaftsführung.
    Wahrscheinlich wird China mit der Ausrede über «individuelle Probleme» nicht sehr weit kommen.
    Die Widersprüche der Globalisierung sind in China eher noch irritierender und schroffer als in den Emiraten. Das wird noch spannender werden, wenn sich die politische Kaste entscheiden muss zwischen den Interessen des Marktes und denen der Macht. Lernfähigkeit kann man China jedenfalls nicht absprechen.

    Ein Lichtblick in der Diskussion um das Aufeindertreffen von Kulturen und Werten sind die Gedanken von Amartya Sen. Er stellt den Begriff der Identität ins Zentrum, die sich konstituiert nicht nur aus einem einzigen Bezug, zum Beispiel dem zur Religion oder zum Kapital, sondern aus verschiedenen Bezügen als Loyalitäten gegenüber Gruppen: Wirtschaft, Religion, Politik, Tradition und Herrschaft, Moral… Dabei besteht menschliche Freiheit darin, über unsere Loyalitäten selbst zu entscheiden. Diese Freiheit der Entscheidung ist ihm besonders wichtig.
    Zum Islam: ‚Muslim zu sein, ist keine alles überragende Identität, die alles, woran ein Mensch glaubt, bestimmt.‘
    An Huntington kritisiert er dessen Reduktion des Menschen auf Kultur und Religion, ohne die Erkenntnis, wie unterschiedlich Menschen dazu jeweils stehen können.
    – Das sehen wir auch an uns.
    Den Clash of Universalisms beschreibt er mit der Unterscheidung zwischen einem Multikulturalismus und einem ‚pluralen Monokulturalismus‘, der die Freiheit der Wahl nicht kennt.
    Mir gefällt sein Begriff der kulturellen Freiheit sehr gut, da er eine Brücke schlägt zwischen der Realität der Globalisierung und den sehr offenen und toleranten Gedanken der europäischen Aufklärung. (zeit.de/autoren/S/Amartya_Sen/index.xml)

    Antworten
  26. 29. Juli 2008, 21:44 Uhr, von Walter
    076

    Nachtrag: Netz- Zensur

    Antworten
  27. 31. Juli 2008, 9:03 Uhr, von Walter
    077

    Letzter Nachtrag: Monopole der Macht: Die SPD und Wolfgang Clement.
    DOHA und die USA, staatlicher verordneter Protektionismus.
    Die Parteien und die Demokratie.
    Der bewusste und verantwortliche Umgang mit Macht ist vielleicht die größte Herausforderung der Gegenwart.

    Antworten


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