MM_Dickinson
Zu den Kommentaren
11. August 2008, 10:42 Uhr, Geschrieben von Miriam Meckel

Ein Sommernetztraum

Ein freier und vielfältiger Austausch von Informationen und Meinungen, gesteuert durch nichts anderes als der Selbstorganisation des Marktes – das war immer der Traum vieler Menschen als Bürger und Kunden. Der „Marktplatz der Wahrheit“, wie ihn der europäische Liberalismus schon Ende des 17. Jahrhunderts als Idealbild entworfen hat, sollte die Plattform dafür bieten, dass die Vielen ihre Informationen auf ihm zur Verfügung stellen und sich die Wahrheit als „Produkt“ auf diesem Marktplatz herauskristallisieren kann.

Einige hundert Jahre später wissen wir, dass diese Vorstellung wohl zu einem grossen Teil Utopie bleiben wird. Nicht nur weil Information und Wahrheit in der Mediengesellschaft ein zwiespältiges Verhältnis eingegangen sind. Vielmehr weil die Wenigen, die über die Entscheidungs- und Gestaltungsmacht verfügen, Staaten, Regierung und Konzerne, es viel lieber sehen, wenn nicht allzu viele in die Lage versetzt werden, ihre Meinung zu Markte zu tragen und anderen anzubieten.

Ist der Marktplatz der Vielen also für immer ins Reich der Utopie verbannt? Die aktuelle Geschichte der Vernetzung im neuen Internet könnte uns anderes lehren. Wir müssen sie nur aus der Sicht derjenigen erzählen, die in erster Linie von den neuen Möglichkeiten der Internetkommunikation profitieren, den Nutzern. Denn Web 2.0 ist nicht zuletzt die Geschichte von der Befreiung und Emanzipation der Nutzer von einem hierarchischen Mediendoktrionat. Und damit ist es eine ziemlich revolutionäre und märchenhafte Geschichte in der Evolution unserer sozialen Kommunikation.

Und so könnte sie klingen, erzählte man sie sich in einigen Jahrzehnten mit Blick zurück in Freude: Es gab eine Zeit, in der wurden die Mittel der Massenkommunikation durch Wenige für Viele angeboten, durch Regierungen und Unternehmen für Bürger und Kunden. Geschichten, Informationen, Nachrichten und Meinungen wurden in große standardisierte Pakete verpackt, um in dieser durch die Wenigen bestimmten Konfiguration den Vielen zur Verfügung gestellt zu werden. Die Pakete wurden mit den immergleichen Transportmitteln über wenige bekannte Transportwege in große Arenen geliefert, in denen das Publikum zusammengepfercht war und nicht fliehen konnte, es sei denn durch Nutzungsverweigerung. Und so wurden die Inhalte zumeist genutzt, wie die Wenigen es sich gedacht hatten, es gab ja keine Alternativen.

Eines Tages geschah ein Unfall an der Kreuzung, an der die digitale Technologie und das Internet aufeinander trafen. Weil es den Wenigen nicht mehr gelang, die Kontrolle über die Wege und Verkehrszeichen zu erhalten, begannen clevere Konstrukteure Umgehungs- und Nebenstraßen, Schotterwege und Gassen anzulegen, auf denen der Verkehr plötzlich in viele Richtung und nicht mehr nur in eine lief. An den Auf- und Zufahrtsstellen kamen sich die Transportmittel gegenseitig in die Quere und in diesem Moment fielen die Pakete mit den Mitteln der Massenkommunikation von den Ladeflächen der Transportmittel, die mit unterschiedlicher Geschwindigkeit, Bereifung, Kurvenlage und Technologie aufeinander zurasten. Zur gleichen Zeit brach das Publikum mit großer Energie aus den wenigen Arenen aus, in die es zuvor eingepfercht worden war und lief auf den Straßen herum, um die Pakete zu öffnen, auseinander zu reißen, neu zusammenzusetzen und eigene Inhalte hinzuzufügen.

Und siehe da: Es waren Geschichten, Erzählungen über das eigenen Leben, die eigene Person und das eigene Lebensumfeld, die zunächst auf die Reise durch das Netzwerk der Verkehrswege geschickt wurden. Die Menschen begannen, ihre eigenen Geschichten zur erzählen. Das war der Moment, in dem die Nutzer sich befreit und emanzipiert haben. Und es waren die ersten Ausläufer der flexiblen, dispersen, unkontrollierten Kommunikation über ein globales Netz: Web 2.0.

Das Märchen von der Befreiung und Emanzipation der Nutzer – das ist die wirklich spannende Geschichte des Web 2.0. Ob sie ein Traum bleibt? Das müssen wir annehmen, wenn sich auch in der medialen Kommunikation die Entwicklung durchsetzt, die wir in der wirtschaftlichen Nutzung des Internet bereits erkennen können: die Rückkehr der Wenigen und die erneute Entmachtung der Vielen. E-bay wandelt sich gerade von einer Auktionsplattform der Vielen zu einem Online-Händler der wenigen grossen Anbieter. Das entzaubert das Grundmodell von e-bay, aber auch seine Attraktivität für Nutzer. E-bay Gründer Pierre Omidyar hatte das früh erkannt: „Ich sehe uns gerne als eine Art von Konzern, weil wir mit unserer Gemeinschaft anders umgehen. Wenn wir das verlieren, verlieren wir so ziemlich alles.“

 

 

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95 Reaktionen

  1. 13. August 2008, 9:47 Uhr, von Fabian Gefällt einem Leser
    051

    Na ja, sagen wir mal so, ich glaube schon, dass es gute und engagierte Abgeordnete gibt. Und oftmals ist man ja auch als Bürger schlichtweg zu faul, sich um Politik zu kümmern – wann geht man schon mal hin zu Abenden, an denen der Europaabgeordnete xy einen Vortrag hält? Wer diskutiert schon mit auf Abgeordnetenwatch.de? Will sagen, auch wir Bürger müssen uns einen Ruck geben, die neuen Möglichkeiten nutzen (es gibt sie ja schließlich schon) und uns mehr einbringen.

    Auf der anderen Seite sollten auch die Politikern den Bürgern mehr entgegenkommen und moderne Kommunikationsmedien nutzen. Warum nicht Twittern, was gerade ansteht? Ich fände das toll, so wäre ich fast automatisch immer darüber informiert, was mein Bundestagsabgeordneter so treibt und wo er sich so tummelt. Oder ein locker geführtes Blog. Wobei ich sagen muss, das würde ich mir auch nur bei charismatischen Menschen, die mich auch so als Mensch interessieren, lesen.

    In Punkto Glaubwürdigkeit der Politiker, würde ich mir kleine Zeichen wünschen. Wie gesagt, Umweltschutz predigen und sich ständig im dicken Benz durch Berlin juckeln lassen, passt meines Erachtens nicht zusammen. (Während der rot-grünen Bundesregierung wurde der Fuhrpark im übrigen mächtig an PS nach oben geschraubt.) Oder für Bürgernähe stehen, sich aber dem kontroversen Dialog in einem Blog oder Forum verweigern, passt ebenso wenig.

    Es gibt einen Weblog der SPD-NRW, aber da ist nicht viel los wie mir scheint. Ah, bei Robert Basic finde ich gerade eine interessante Diskussion über politische Weblogs. Aus meiner Sicht sind politische Blogs nur sinnvoll, wenn sie sich von dem üblichen Parteiparolengedresche abheben und persönliche durchaus kritische Sichtweisen und Hintergründe liefern, alles andere ist wirklich langweilig und ziemlich überflüssig – siehe SPD-NRW-Blog.

    Ein interessantes Politik(er)-Blog müsste schon wirklich neue Dinge bringen, qirlig, intelligent, bisweilen witzig, sehr persönlich und spannend erzählt. Und wenn die Kommentierer dann noch den Eindruck haben, sie werden gehört – was der Politiker durch Präsenz in den Kommentaren zeigen müsste – und dass ihre Überlegungen und Gedanken möglicherweise in Gesetzesvorhaben miteinfließen, oder in Diskussionen – das wäre schon ziemlich ideal aus meiner Sicht.

    Hat jemand zufällig ein Beispiel für ein solches Blog? Vielleicht gibt es das ja schon. Barack Obama twittert jedenfalls :-)

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  2. 13. August 2008, 11:08 Uhr, von julia Gefällt einem Leser
    052

    Ich finde diesen Politiker noch ganz ok und er hat auch so eine Art Blog.

    http://www.cohn-bendit.de/dcb2006/fe/pub/de/dany/blog

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  3. 13. August 2008, 11:35 Uhr, von Fabian Gefällt einem Leser
    053

    Cool! Sieht zumindest sehr gelungen aus. Danke für den Link. :-)

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  4. 13. August 2008, 12:42 Uhr, von Dowanda Gefällt einem Leser
    054

    Cohn-Bendit … na, ich weiss nicht. Das ist doch der, der sich nach dem EU-Nein der Iren am liebsten ein neues Volk wählen lassen würde. Noch dazu kommt mir allgemein das Würgen bei Leuten, die darüber philosophieren wie Kinder in ihrem offenen Hosenstall rumspielen. Man stelle sich vor, ein katholischer Priester hätte sowas von sich gegeben.

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  5. 13. August 2008, 13:29 Uhr, von Liesel
    055

    (Zu „Die Macht im Netz“ Arianna Huffington:
    http://www.sueddeutsche.de/computer/artikel/670/176140/ )

    Antworten
  6. 13. August 2008, 14:41 Uhr, von Siegmund Gefällt einem Leser
    056

    Das Internet hatte und hat starke Auswirkungen auf bisher bestehende Marktmechanismen – nur anders und auch nicht immer so schnell wie gedacht.
    Ein Beispiel: Die Musikindustrie. Die CD ist tot. Wer hätte das gedacht, als die die alten Vinyl-Scheiben abgelöst hatte ?
    Vielleicht hat die Musikindustrie gerade durch ihre -technische- Innovation ihr eigenes Grab geschaufelt.
    Gerade die gute alte LP konnte das bieten, was Leute zum Kauf animierte: Die Identifikation mit dem Künstler und dessen Musik, was sich nicht zuletzt an der „Verpackung“, der ultragroßen Hülle mit Texten, Fotos und weiteren Infos festmachte.
    Eine LP war zum „Anfassen“ gemacht, deshalb benutzen DJs bis heute die Vinyl-Scheiben zum „Scratchen“.
    Dann der Preis: Die CD wurde für viele zum Luxusgut, dadurch verprellte man gerade die Hauptkäuferschicht, die Jugendlichen.

    Und so haben Downloads und youtube die große Musikindustrie mit ihren eigenen Waffen geschlagen – mit dem technischen Fortschritt.

    In anderen Bereichen wird es weniger schnell gehen, doch die Technik nimmt ihren Lauf.
    Wenn jeder einen Pocket-PC hat, dann werden auch die Tageszeitung und das Buch um ihre Existenz bangen müssen.

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  7. 13. August 2008, 15:17 Uhr, von Aus eins mach drei bei ecolot - Wirtschaft erlesen Gefällt einem Leser
    057

    […] ihrem Blog analysiert die Medienwissenschaftlerin Miriam Meckel das „Märchen von der Befreiung und […]

    Antworten
  8. 13. August 2008, 16:48 Uhr, von julia Gefällt einem Leser
    058

    Liesel, danke für den interessanten Artikel. Habe auch gleich mal die Huffington Post angeschaut. Finde die Seite irgendwie ziemlich unübersichtlich aber die Headline “Georgia defeats Russia in Beachvollyball“ fand ich echt absurd. Wahnsinn.

    Antworten
  9. 13. August 2008, 18:57 Uhr, von Janna Gefällt einem Leser
    059

    bei der Huffington Post sind mir einfach zuviele Themen verwurstet, da wäre weniger auch mehr. Aber das ist wahrscheinlich der Tribut dafür, daß möglichst viele Menschen angesprochen werden sollen. Immerhin weiß ich jetzt aus der Rubrik „sex tip’s from around the world“, das die Ami’s Lederhosen nicht bsonders attraktiv finden. Gut, dass wir das auch geklärt hätten…

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  10. 13. August 2008, 19:44 Uhr, von Anja Gefällt einem Leser
    060

    Was kommt eigentlich unterm Strich dabei heraus, bei einer freien, unkontrollierten und unendlich wirkenden Diskussion quer durch alle Netze? Viele Unverbindlichkeiten, finde ich.

    Ich nutze das Netz auch in erster Linie, um Informationen zu sammeln oder zu recherchieren. Nur sehr selten klicke ich Links an, sondern suche mir meine Daten eigenständig zusammen. Bei Links habe ich z.B. immer das Gefühl, ich weiß nach kurzer Zeit nicht mehr, bei welchem Thema ich ursprünglich war und sehe außerdem die Gefahr, schnell in eine bestimmte Richtung gelenkt zu werden, in die ich gar nicht möchte. Und man weiß nichtmal von wem. Soviel zur Freiheit im Netz.
    Zudem denke ich, dass eine wirkliche Nutzung des Netzes sehr viel Zeit beansprucht, vielleicht ist es nicht das Netz für die Vielen, sondern für die Wenigen mit der meißten Zeit.
    Manchmal halte ich das große, weite Web2.0 für eine reine Übersprunghandlung des realen, verbindlichen Leben. Irgendwie ein Traum halt, wenn man aufwacht, kann man sich an den größten Teil nicht mehr erinnern…
    Nun buche ich gleich meinen Urlaub im Netz und erinnere mich wehmütig daran, wie schön es früher war, Kataloge im Reisebüro zu wälzen…;-)

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  11. 13. August 2008, 20:03 Uhr, von Siegmund Gefällt einem Leser
    061

    Macht es eigentlich wirklich so einen großen Unterschied, ob man einen Text im Internet liest oder beispielsweise in gedruckter Schrift vor sich liegend ?
    Und wenn ja, warum ? Liegt es am Bildschirm, liegt es am Papier, das man selbst umblättern kann ?
    Machen wir hier nicht künstlich Unterschiede, die es gar nicht gibt ?

    Wenn man ein gutes Buch liest, hat man es auch mit einer „virtuellen Welt“ zu tun. Telefonieren ist im Grunde auch nur eine andere Form des Chattens.
    Nur die Komprimiertheit sehe ich als ureigenstes Zeichen des Internets an. Viele Informationen schnell erreichbar. Ist die Anstrengung, die zur Information führt, vielleicht notwendig, um die Bedeutung der Information zu erkennen ? Vielleicht.

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  12. 13. August 2008, 21:43 Uhr, von Kata Gefällt 2 Lesern
    062

    @ Susanne:
    Die Welt war zur Zeit der Arbeiterbewegung noch kleiner und weniger komplex als heute. Weitaus weniger Informationen und Zusammenhänge mussten in Betracht gezogen werden.
    Je mehr man aber durchdenken muss, desto länger dauert es, bis man wirklich etwas bewegen kann. Man könnte natürlich auch einfach aus einem Bauchgefühl heraus losschlagen – aber die Konsequenzen könnten schlimmer sein als der jetzige Zustand.
    Weil man – auch über das Internet – immer mehr über komplexe globale Zusammenhänge erfährt, wird es immer schwieriger den „richtigen“ Weg zu finden. Beispiel Biodiesel…

    Mein Fazit: Ich denke nicht, dass die Menschen heute fauler, dümmer oder bequemer sind als zur Zeit der Arbeiterbewegung – nur gelähmt durch zu viel Information.
    Wissen macht frei, war damals die Devise. Heute könnte man das fast umgekehrt betrachten, aber das wäre ein bisschen überzogen.

    Antworten
  13. 13. August 2008, 22:06 Uhr, von Kata Gefällt einem Leser
    063

    @ Siegmund: Da ist was dran – wenn man sich Wissen mit mehr Anstrengung erarbeitet, dann bleibt es auch länger hängen. Und wenn man schon von vornherein davon ausgeht, dass man ja jederzeit bei Wikipedia nachschauen kann, dann versucht man gar nicht erst sich etwas zu merken oder etwas durch ein bisschen Denkarbeit selbst herauszufinden.
    Aber ansonsten fällt mir auch kein grundlegender Unterschied zwischen Bildschirmtexten und Buchseiten ein – die in letzter Zeit auch von gewissen Fersehmoderatoren überstrapazierte „haptische“ Erfahrung beim Lesen von Büchern unterscheidet sich meines Erachtens nicht grundsätzlich von der des Bildschirmlesens – beim Buch blättert man Seiten um, beim Computer muss man aber auch Tasten betätigen um zu scrollen – sehr haptisch, das… ;-)
    Ich schlage „haptisch“ hiermit offiziell als Unwort des Jahres 2008 vor! Es geht mir nämlich langsam auf den Keks!

    Antworten
  14. 13. August 2008, 22:13 Uhr, von Kata Gefällt 2 Lesern
    064

    Die einzige Art Buch, bei der ich den haptischen Unterschied gelten lasse:
    das hier! ;-)

    Antworten
  15. 13. August 2008, 22:14 Uhr, von Kata Gefällt einem Leser
    065

    Und der Computer kann auch nicht so abfärben wie der „Stern“, das gebe ich zu…

    Antworten
  16. 14. August 2008, 9:39 Uhr, von julia Gefällt einem Leser
    066

    @Kata und Siegmund: Der Computer ist für mich doch immer noch ein Arbeitsmittel und es ist ok Texte am Bildschirm zu lesen. Wenn ich aber nun alle Texte nur über den Bildschirm lesen würde hätte ich immer das Gefühl nonstop zu arbeiten..oh je.

    Antworten
  17. 14. August 2008, 10:22 Uhr, von Fabian Gefällt einem Leser
    067

    Hm, ich möchte nochmal zurück zum letzten Absatz und letztlich zur These von MM kommen, dass in ein paar Jahren aus dem Netz der vielen möglicherweise wieder ein Netz der wenigen werden wird. Was könnte dies begünstigen? Wirtschaftliche Interessen? Das Userverhalten selber?

    Ist unser Userverhalten letztlich doch konservativ und wir verlassen uns auf wenige große, von denen wir annehmen, dass sie die Besten sind, sichere und glaubwürdige Informationen liefern? Was könnte gegen diese Konzentrationsprozesse sprechen? Denn man muss dazu sagen, die großen sind eben oftmals doch auch die Besten – siehe Robert Basics Erfahrungen mit Amazon und anderen Anbietern, die lange nicht an die Qualität von Amazon herankommen.

    Das gesamte Google-Netzwerk ist ja so gesehen auch eine enorme Medienkonzentration – es findet in erster Linie das statt, was bei Google ganz weit oben gelistet ist. Und Google-News als Aggregator von fremden Inhalten ärgert nicht zuletzt auch sehr viele Verleger. Aber eine (großkonzernunabhängige) Alternative zu google ist nicht in Sicht.

    Werden es die vielen User schaffen, ähnlich qualitative Produkte zu erstellen, wie die Großen, so dass sich die Menge auf Dauer gegen die wenigen durchsetzen wird? Mal sehen, ich glaube an ein buntes Nebeneinander der großen Marken und der vielen, kleinen, liebevoll gestalteten individuellen Internetseiten (mit Gegenmeinungen), bei denen man die persönliche Note schätzt und mag, dass man nicht sofort mit blinkenden Werbebannern und Kaufangeboten zugedonnert wird.

    Im übrigen, finde ich das Szenario von Christiane zu Salm schon sehr bedenklich. Im FAZ-Interview Überspitzt formuliert: Verlage als „Bratpfannenverkäufer“?

    Antworten
  18. 14. August 2008, 10:47 Uhr, von Fabian Gefällt einem Leser
    068

    Ein bisschen ist das oben geschilderte Netzszenario so wie Bionade vs. Coca-Cola.

    Und neuerdings: Cola strikes back („Ohne zugesetzte Konservierungsstoffe und künstliche Aromen seit 1886“). Tja und was macht Bionade? Der ehemals kleine Außenseiter-Sympathisant, stolpert gerade von einem Fehler in den nächsten: Etikettenschwindel, Preiserhöhung, Klagen, keine besonders gute Werbekampagne (siehe Foto MM). Abzuwarten bleibt, ob es Cola mit seinem neuen Produkt „The Spirit of Georgia“ gelingt, Bionade wieder in einen Nischenmarkt zu drängen.

    Schmecken tut mir persönlich Rixdorfer Fassbrause immer noch am Besten :-)

    Antworten
  19. 14. August 2008, 10:56 Uhr, von Fabian Gefällt einem Leser
    069

    Hm, wenn ich es recht bedenke, ist der Getränkemarkt wirklich vergleichbar mit dem Netz. Egal ob Fritz Cola oder Club-Mate oder Aloha Limonade aus Achtung (!) Paderborn (im übrigen auch sehr lecker) – kleine vielfältige Nischenprodukte etablieren sich dort mehr und mehr und lehren Coke & Co. das Fürchten. Die Frage ist, ob das auf Dauer so bleibt, oder, ob Cola dann letztlich den Markt doch wieder gänzlich zurückerobern wird. Kennt jemand eigentlich noch Emsland-Sonne-Brause, so called Regina? :-D

    Antworten
  20. 14. August 2008, 11:44 Uhr, von Susanne Gefällt einem Leser
    070

    @ Kata
    „Die Welt war zur Zeit der Arbeiterbewegung noch kleiner und weniger komplex als heute. Weitaus weniger Informationen und Zusammenhänge mussten in Betracht gezogen werden.“

    Mit Verlaub, aber das ist Quatsch und deutet auf ein sehr mangelhaftes historisches Wissen hin. Die Jahrhundertwende war politisch und sozial eine extreme Zeit, die schließlich in den ersten großen Weltkrieg mündete. Der Sinn für internationale Zusammenhänge war gerade innerhalb der Arbeiterbewegung stark ausgeprägt (Stichwort: Sozialistische Internationale) – übrigens auch in der zeitgleich sich formierenden Frauen(wahlrechts-)bewegung. Komplex war die Welt damals auch – und zwar so komplex, dass der deutsche Kaiser, glücklich über das Einknicken der deutschen Sozialdemokratie in der Kriegsfrage, sich zu dem Spruch hinreißen ließ: „Ich kenne keine Parteien mehr, ich kenne nur noch Deutsche“! Der Krieg fungierte dann als Katalysator für eine vielfach gespaltene und zwischen etlichen Interessensblöcken zerriebene Gesellschaft. Die Massen wurden auch damals massiv durch Massenmedien manipuliert und der Einzelne sah sich einer Vielzahl von widersprüchlichen Informationen ausgesetzt.

    Antworten
  21. 14. August 2008, 11:58 Uhr, von Susanne Gefällt einem Leser
    071

    Bei der Gelegenheit möchte ich mal allgemein anmerken, dass ich das vollkommen mangelhafte Geschichtswissen der meisten jungen AkademikerInnen – von anderen kann man es sowieso nicht erwarten – für ein Riesenproblem halte. Wenn sie wenigstens ein bisschen das späte 19. und 20. Jahrhundert überschauen könnten würden sie auch über eine Bewertungsmatrix für Vieles, was heute so auf der Welt passiert, verfügen – diese fehlt aber, eben aus diesem Grund. Das ist aus meiner Sicht geradezu dramatisch.

    Antworten
  22. 14. August 2008, 14:36 Uhr, von Fabian
    072

    Na da schau her, ganz aktuelle Umfrageergebnisse von Bitkom zum „Mitmachnetz“ in Deutschland.

    Ich zitiere (Link s.o.):

    „Fast 15 Millionen Deutsche stellen eigene Fotos ins Netz, sieben Millionen unterhalten eine eigene Homepage. Das ergab eine aktuelle, repräsentative Studie von TechConsult im Auftrag des Hightech-Verbands BITKOM. Befragt wurden 1000 Personen ab 10 Jahre. „Das Internet wandelt sich zum Mitmach-Web – und die Deutschen sind vorne dabei. Eigene Inhalte einstellen, statt nur zu konsumieren, ist derzeit ein Megatrend“, sagt Achim Berg, Vizepräsident des BITKOM.

    An Diskussionsforen beteiligen sich fast 17 Prozent, das sind knapp 12 Millionen Deutsche. Einen eigenen Blog betreiben gut 2 Prozent aller Nutzer. Gut 12 Millionen Deutsche haben laut BITKOM-Befragung schon übers Netz telefoniert.“

    Antworten
  23. 14. August 2008, 14:47 Uhr, von Kata Gefällt einem Leser
    073

    @ Susanne: Möglich, dass mein Geschichtswissen nicht sehr gründlich ist – aber ich bleibe dennoch bei meiner Meinung, dass der heutige Mensch von wesentlich mehr Informationen und Meinungen überflutet wird als der Mensch vor über 100 Jahren. Massenmedien waren damals „nur“ Zeitungen, und es konnten definitiv weniger Menschen lesen als heute – daraus folgere ich, dass weniger Menschen Zugang zu weniger Informationen hatten als heute, die natürlich dann – trotz auch damals schon vorhandener Komplexität der Welt – leichter zu überschauen waren.
    Ich will gar nicht in Abrede stellen, dass damals riesige Umwälzungen stattfanden; mir geht es darum, dass die Informationsmenge seitdem immens gewachsen ist – ob das nun wichtige oder völlig blödsinnige Informationen sind, sei dahingestellt. Und gerade weil so viel Blödsinn in den heutigen Massenmedien Fernsehen, Internet und Zeitungen kursiert, hat man es schwerer das wirklich wichtige herauszufiltern.
    Dazu kommt noch, dass man heute viel mehr Zeit hat sich alle möglichen Informationen anzueignen – die Arbeitszeit ist gesunken, die Freizeit gestiegen, und der Zugang zu Informationen ist sehr beschleunigt worden.
    Man sieht einfach oft vor lauter Bäumen den Wald nicht mehr.

    Und, Susanne: du magst anderer Meinung sein als ich und damit vielleicht sogar Recht haben – aber spring doch nicht jedem gleich so ins Gesicht!

    Antworten
  24. 14. August 2008, 15:30 Uhr, von Liesel Gefällt einem Leser
    074

    (Zum Unwort Haptik „Fühlen Sie mal…“
    http://www.zeit.de/2003/31/T-Haptik?page=1 )

    Antworten
  25. 14. August 2008, 16:23 Uhr, von Liesel Gefällt einem Leser
    075

    „Aus der Geschichte lernen?“
    http://www.zeit.de/2004/14/winkler letzter Absatz:
    „Wir sind durch die Geschichte nicht determiniert, wohl aber durch sie geprägt. Ohne Kenntnis der fortwirkenden Vergangenheit bleibt die Gegenwart ein Buch mit sieben Siegeln. Aus der Geschichte lässt sich keine politische Nutzanwendung von Fall zu Fall ableiten, wohl aber Orientierung gewinnen. Darauf ist Europa nicht minder angewiesen als Deutschland.“

    Antworten
  26. 14. August 2008, 16:48 Uhr, von Susanne Gefällt einem Leser
    076

    Kata,
    Ich bin Politikwissenschaftlerin und flipp bei so einer Aussage im Stile von „früher war es nicht so komplex“ ungefähr so aus wie du wahrscheinlich bei der Behauptung, Bach hätte ja immer nur dieselbe Melodie in unterschiedlichen Tonarten komponiert.
    Ich kann es einfach nicht ertragen, wenn immer dieselben fatalistischen Unwahrheiten verbreitet werden, die sich ungefähr so anhören: Heute ist alles so komplex, früher konnten die Menschen viel einfacher das Weniger an Information verdauen, wir hingegen müssen uns durch einen Dschungel von Desinformation und Bullshit wühlen und deshalb (und jetzt kommt der Höhepunkt der Argumentation) ist es besser wenn andere intelligente Wesen für mich das alles mal hübsch strukturieren und „Klarheit“ schaffen.
    Die Informationen oder die mangelnde „Klarheit“ sind aber gar nicht das Problem, sondern das Problem ist, dass man bereit ist bzw. sogar wünscht, sich einem wie auch immer gearteten common sense unterzuordnen, weil man zu denkfaul und mutlos ist, sich seine eigene Position zu erarbeiten.

    Antworten
  27. 14. August 2008, 17:32 Uhr, von Liesel Gefällt einem Leser
    077

    („früher war es nicht so komplex“? Ich bin hierauf gestoßen:
    „Einführung in die Kognitive Psychologie
    Die Kognitive Psychologie ist ein Teilgebiet der Psychologie. Ihr Ziel ist die Identifizierung kognitiver Prozesse und Wissensbestände, die den alltäglichen Aktivitäten von Aufmerksamkeit, Wahrnehmung, Erinnerung, Lernen, Verstehen und Problemlösen zugrunde liegen. Der Mensch wird innerhalb dieser Disziplin als informationsverarbeitendes Wesen gesehen. Insofern ist die kognitive Psychologie auch die Wissenschaft von der menschlichen Informationsverarbeitung.“
    http://art2.ph-freiburg.de/incops/pp

    Sorry, ein letzter Link von mir (für heute). Eine Anmeldung als Gast ist möglich. Ich habe selbst noch nicht alles dort gelesen. Aber das Thema Informationsverarbeitung durch den Menschen wird dort recht allgemein(verständlich) abgehandelt.)

    Antworten
  28. 14. August 2008, 18:14 Uhr, von Dana Gefällt einem Leser
    078

    Der Beitrag von MM ist sehr gut.
    Die Möglichkeiten der vielfältigen Nutzung des Internet finde ich (als Oldie 60+ und somit vermutlich Älteste in dieser Runde) großartig. Allerdings befürchte ich, dass es zur „Rückkehr der Wenigen und die erneute Entmachtung der Vielen“ kommen wird. Es ist aber auch immer die Frage WIE wird diese Macht genutzt. Wenn man z. B. die Webseiten von Extremisten (egal aus welchem Spektrum) überwacht, so ist das im Sinne der Allgemeinheit.
    Aber wo ist die Grenze der Überwachung??

    @Fabian 11.8.08 12:46
    „Außerdem ist und bleibt die Frage, ob die Internetnutzung nicht auch eine Frage des Alters und des Intellekts ist…“
    Da gebe ich Dir recht und es führt in der Tat zu einer Art Spaltung der Gesellschaft. Wenn die technische und mediale Entwicklung weiter solche Fortschritte macht wie bisher, bleiben die Alten „auf der Strecke“.
    Aber wäre es nicht auch eine Aufgabe der Gesellschaft die „Alten“ (deren Zahl immer größer wird) mit in diesen Entwicklungsprozess einzubeziehen?
    Nicht alle „Alten“ sind senil. Sogar 90-Jährige können geistig noch sehr rege sein (z. B. H. Schmidt).

    Antworten
  29. 14. August 2008, 18:59 Uhr, von Danja Gefällt einem Leser
    079

    Dana, wie schön, dass Sie als Ältere hier im Blog vertreten sind. Ich versuche immer vergeblich, jemanden aus der Generation 60+ mit dem Internet vertraut zu machen. Es ist in meiner Gegend schon schwierig, ältere Menschen für den PC zu begeistern. Ich freue mich, von Ihnen zu lesen, Dana!

    Antworten
  30. 14. August 2008, 19:28 Uhr, von Dana Gefällt einem Leser
    080

    Danke, Danja.
    Ich gestehe, dass ich jetzt doch etwas verwirrt bin, ob der Anrede. Soweit ich das hier im Blog mitbekommen habe, duzen sich alle. (außer „unsere“ Frau Professor, aber das ist ja selbstverständlich). Also schlage ich vor, dass wir das „Du“ beibehalten.

    Antworten
  31. 14. August 2008, 20:18 Uhr, von Fabian Gefällt einem Leser
    081

    Ich muss zugeben, ich finde es gerade recht quirlig hier :-) Aber das ist ein anderes Thema.

    Kurz zu Susannes common sense – Eiderdaus, das Wort ist mir in den letzten Wochen so oft durch den Kopf geschossen, zu verschiedenen Dingen und jetzt begegnet es mir hier wieder. Spannend solche Zufälle. Ich habe aber noch keinen klaren Gedanken dazu in Bezug auf unsere Gesellschaft, außer, dass ich den common sense gerade als extrem dominant, ja fast als neue Art von „Staatsräson“ empfinde und mich frage, woher das kommt.

    Doch wieder die geschürte Angst? Der Druck von Außen? Die Angst vor der Kompliziertheit der Welt, Globalisierung,Terrorismus? Da will man dann nicht noch im eigenen Land Streit und Zank, sondern mag es lieber harmonisch?! Ich schweife ab – aber vielleicht gibt es dazu ja nochmal irgendwann ein anderes Posting von MM.

    Frage zwei: Ist die Welt heute komplexer geworden? Ja! Davon bin auch ich fest überzeugt. Das heist aber nicht, dass sie früher nicht komplex war. Aber früher war schon in gewisser Weise vieles voherbestimmt. Abitur konnte nicht jeder machen, weil oftmals das Geld fehlte, nicht jeder hatte ein Auto, alles war viel starrer (Stichwort soziale Milieus / Schichten / Klassen) und somit auch vorherbestimmter. Fliegen – noch in meiner Kindheit ein schier unerreichbarer Traum.

    Wir sind heute total mobil und überall jederzeit erreichbar – weltweit. Nun sind wir auch noch mit 400 Leuten gleichzeitig vernetzt und produzieren unsere eigenen Medienangebote – broadcast yourself worldwide! Eine Nachricht aus den USA ist sofort da, ich kann Guardian, NYT mit einem Mausklick lesen! Wie endlos lange dauerte es dagegen noch in den 80er Jahren bis ein Film aus Hollywood mal endlich in Deutschland lief? Es hat sich schon alles in gewisser Weise beschleunigt ja, und durch die zur Verfügung stehenden Möglichkeiten ist die Welt auch durchaus komplexer geworden, auch das glaube ich.

    Die unkritische Delegation von (politischer) Verantwortung an „die da oben“ und das mehr oder weniger passive Konsumverhalten egal in welche Richtung (Medien, Produkte, Politik), das ist es allerdings, was in der Tat nervt. Und hier glaube ich mittlerweile schon, dass die mediale „Berieselungsmaschinerie“ uns ziemlich fest in ihrer Hand hat – alles ist gut, solange ich nur aufs Knöpfchen drücken muss. Nur, wird sich diese Haltung mit Hilfe des Web 2.0 wirklich ändern? Viele werden sich denken, die Welt ist ohnehin schon komplex genug, da will ich sie mir nicht noch komplexer machen – sprich über komplexe Zusammehänge in meiner Freizeit nachdenken.

    Und unter medialer „Emanzipation“ verstehe ich etwas anders als Selbstdarstellung in Blogs oder auf StudiVZ.

    Antworten
  32. 14. August 2008, 22:04 Uhr, von Tanja Gefällt einem Leser
    082

    Hat jemand von Euch den Spiegel vom 11.8 gelesen? „Macht das Internet doof? Vernetzt, verquatscht, verloren. Finden oder auf gut Glück! Suche: freunde- sex- irgendwas“
    Das Wort „doof“ ist in den Farben von Google geschrieben. Den Artikel fand ich gar nicht mal so schlecht und verkehrt.

    Antworten
  33. 14. August 2008, 22:14 Uhr, von Fabian Gefällt einem Leser
    083

    Na ja, Stimmungsmache – wie es ja auch die FAZ andauernd tut, das böse, böse Internetz. Ich find’s mittlerweile nur noch langweilig und ziemlich peinlich – siehe auch aktuelle XING-Schelte auf FAZ.Net. Der Spiegel-Aufmacher ist im übrigen geklaut und lief fast genau so auf dem „Atlantic Monthly“ . Wo ich das gelesen habe – nein, nicht im gedruckten Spiegel selber, sondern in der vielbeschimpften Blogosphäre … soviel zum Thema das Internet macht doof …

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  34. 14. August 2008, 22:38 Uhr, von Tanja Gefällt einem Leser
    084

    Da ich nicht sehr viel im Internet bin, war Aufmachung und Text für mich neu.Die Beiträge der FAZ sind wieder eine Sache für sich. Ich habe den Artikel nicht als „Meinungsmache“ angesehen. Manchmal sollten Beiträge einfach als das angesehen werden was sie sind: ein Beitrag. Neutal lesen, zur Kenntnis nehmen, darüber nachdenken oder einfach dann wieder vegessen.

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  35. 15. August 2008, 0:28 Uhr, von Kata Gefällt einem Leser
    085

    @ Susanne und Fabian: was meint ihr denn mit „common sense“? Ich kenne das als „gesunden Menschenverstand“ (hab auch eben noch mal ins Wörterbuch geschaut und das bestäigt bekommen), das scheint mir aber in diesem Zusammenhang nicht zu passen.

    @ Susanne: Nööö, ich flippe nicht gleich aus, wenn jemand über Bach nicht Bescheid weiß. Man kann nicht alles wissen… und wer legt überhaupt fest, was „wichtig“ ist und was man wissen „muss“? Das ist oft Ansichtssache. Man kann sein Spezialgebiet wohl mit Leidenschaft vertreten, aber aggressive Missionierung führt nur zu Ablehnung.

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  36. 15. August 2008, 8:29 Uhr, von Fabian Gefällt einem Leser
    086

    Nee, Tanja, eben nicht. Der Titel ist so populistisch, dass er Bildzeitungs-Niveau hat. Man könnte genauso gut fragen: Macht Autofahren doof? Macht Schule doof? Macht Sport doof? Macht Angestelltendasein doof? Oder warum nicht gleich: Sind Banker doof? Man würde zu all diesen Fragen irgendeinen Experten finden, der das bestätigen würde. Aber wir leben ja ohnehin in der „Generation doof“ – doof verkauft sich momentan ziemlich gut scheint mir, Gülcan & Co. lassen grüßen.

    Mich nervt die zunehmende Internetkritik der Printmedien in Deutschland ziemlich an, das hat mittlerweile so etwas von einem völlig irrealen, reaktionären Kulturpessimismus. Statt sich mal ein Beispiel an die herausragenden Angeboten von Guardian und der NYT zu nehmen, wird lieber auf das ganze System draufgekloppt. Man tut und redet, als wäre die deutsche Nation vor der Erfindung des Internets eine Nation der Superbildungsbürger gewesen, die den ganzen Tag nur gelesen und sich weitergebildet hätten. Es wird eine Lesekultur gefeiert, die es in Deutschland in der Form nie gegeben hat. Erinnern wir uns, wie viele Bücher standen etwa in den Bücherregalen unserer Großeltern und Eltern? (Leider finde ich die Zahl nicht, über wie viele Bücher ein durchschnittlicher deutscher Haushalt in den 50er Jahren verfügte, ich glaube, es war genau eins.)

    Es ist zudem völlig absurd eine technische Plattform für die Verblödung der Menschen verantwortlich zu machen, als wären wir alle medial fremdgesteuerte Wesen, okay, einige das vermutlich wirklich, aber – da muss ich Susanne zustimmen – es liegt an uns, wie wir das Netz nutzen. Um es noch einmal Neil Postman zu zitieren: „Das Fernsehen macht die Klugen klüger und die Dummen dümmer.“ Das gleiche gilt in Potenz auch für das Internet.

    Ja und mein Gott, wenn die Leute eben gerne in StudiVZ ihre Zeit vertrödeln oder am liebsten nach „Sex“ googeln, dann wirft das vielleicht nicht gerade ein gutes Licht auf die Gesellschaft, aber man muss auch fragen, was heißt das möglicherweise im Umkehrschluss? Der Spiegel tut das nicht, weil er die Antwort weiß: Das böse, böse Internet ist schuld! Es verblödet uns und macht uns zu Sexbestien – klar, vorher war die Welt in Ordnung, da habe ja auch alle auf der grünen Wiese gesessen und Bücher gelesen.

    Natürlich gibt es einiges am Internet zu kritisieren und natürlich ist das Lese- und Konzentrationsverhalten am PC ein anderes als vor dem Buch am Schreibtisch, natürlich birgt auch das Internet Gefahren in sich, aber dennoch würde wohl kein gebildeter Mensch mehr auf die Möglichkeiten des Internets verzichten wollen. Momentan wird mir das alles – gerade in Deutschland – viel zu negativ gesehen. Ich könnte unzählige positive Beispiele dagegen stellen.

    Übrigens, besonders peinlich finde in diesem Zusammenhang, dass der Spiegel dem völlig überschätzten Internetportal „Second Life“ noch vor etwa einem Jahr eine Titelstory gewidmet hat – eine bessere PR konnte sich dieses dusselige Internetportal wirklich nicht wünschen.

    Strunz! Ich habe fertig!

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  37. 15. August 2008, 9:26 Uhr, von Danja Gefällt einem Leser
    087

    Danke, @Dana, auch für das „Du“. Einen schönen Tag noch!

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  38. 15. August 2008, 10:04 Uhr, von Susanne Gefällt einem Leser
    088

    @ Kata

    Common Sense bzw. „gesunder Menschenverstand“ oder besser „gewöhnlicher Menschenverstand“ ist in der Tat eine der missbräuchlichsten Worthülsen die es gibt. Leider ertappe ich mich selbst manchmal dabei aus Faulheit schnell ein „common sense“ einzuführen. DEN common sense gibt es nämlich nicht – obwohl sicherlich davon ausgegangen werden kann, dass bspw. die meisten Menschen einsehen werden, dass es nicht okay ist Selbstjustiz auszuüben und jemand anderes umzubringen. Aber selbst da zeigt sich, dass in anderen Kulturkreisen es durchaus common sense sein kann, dass man das in bestimmten Fällen darf.

    Auch das was Herr Ackermann als „gesunden Menschenverstand“ bezeichnet dürfte erheblich von dem abweichen, was ich als „gesund“ bezeichne.

    Insofern handelt es sich bei common sense um eine Fata Morgana – jeder sieht sie, aber sie existiert gar nicht.

    Und zu Bach: Ich finde schon, dass du jemanden, der offensichtlich völligen Blödsinn über Bach verbreitet durchaus Paroli bieten solltest. Widerspruch ist keine Sünde, sondern zeugt davon, dass man dem Anderen zugehört hat.

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  39. 15. August 2008, 10:07 Uhr, von Susanne Gefällt einem Leser
    089

    Nachtrag:

    Was ich eigentlich sagen wollte: Der Bezug auf einen common sense dient meistens dazu eine ganz klar interessensgeleitete Perspektive, einen ganz bestimmte Weltsicht als quasi-natürlich und damit nicht angreifbar zu postulieren.

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  40. 15. August 2008, 11:06 Uhr, von Liesel Gefällt einem Leser
    090

    „Widerspruch ist keine Sünde, sondern zeugt davon, dass man dem Anderen zugehört hat.“ Wie schön, @Susanne, dass bei der obigen Diskussion nun etwas Ruhe einkehrt.

    Das Thema „gesunder Menschenverstand“ im Netz finde ich – trotz aller Widersprüchlichkeiten – ganz interessant. Denn jeder User glaubt von sich, einen solchen „gesunden Menschenverstand“ zu haben, denke ich. Mich würde interessieren, ob es einen kleinen gemeinsamen Nenner beim common sense gibt, ob die Fata Morgana auf ein Minimum heruntergebrochen werden kann?

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  41. 17. August 2008, 12:03 Uhr, von Walter Gefällt einem Leser
    091

    Das Internet ist der Spiegel unserer Gesellschaften und als Spiegelbild von diesen nicht zu trennen.
    Die Metapher vom ‚Marktplatz der Wahrheit‘ ist nur soweit gültig, wie wir die Existenz von und die Suche nach Wahrheit als konstituierend für unsere Weltgesellschaft als interagierende Einzelgesellschaften und Gemeinschaften, bis hinunter zu den kleinsten Einheiten, fordern.
    In der etwas mechanistischen Anschauung von David Hume über die menschliche Natur, die in Anlehnung an John Locke den Liberalismus mit begründete, ist die platonische Suche nach der absoluten Wahrheit verlassen zugunsten einer Unterscheidung in Eindrücke und Ideen. John Rawls führt diese Gedanken weiter fort, indem er auf ein ‚Ich‘ ganz verzichtet und Gesellschaftstheorie auf eine Theorie der Gerechtigkeit reduziert, die sich am Prinzip der Fairness orientiert.
    Dieser sehr sparsame aber um so gemeingültigere Ansatz eines moralischen Pragmatismus steht im Gegensatz zu kommunitaristischen Ideen, die die Abhängigkeit des Individuum- wenn es so etwas überhaupt gibt- von der Gesellschaft betonen.
    Extrem vereinfacht aber vielleicht noch zutreffend könnten wir den Widerstreit zwischen den Interessen der wenigen Mächtigen, die den Markt beherrschten und den vielen Machtlosen, dem ‚Publikum‘ als einen ideologischen Konflikt der beiden philosophischen Strömungen auffassen. Der Begriff des ‚common sense‘ (@Liesel) wird von beiden Strömungen sehr unterschiedlich interpretiert und verursacht damit ein prinzipielles Unverständnis.
    Da der pragmatische Ansatz fast ohne Prämissen auskommt, erscheint er (mir) stabiler und universeller als die postplatonische kommunitaristische Idee (tinyurl.com/6ec7ye).

    Für eine Weltgesellschaft und ihre Kommunikationsplattform- das Internet- erscheint die Forderung nach absoluter Wahrheit und einem idealistischen Begriff des ‚Individuum‘ wegen ihrer Vielfalt weniger sinnvoll.
    Noch einen Schritt weiter als Rawls geht Richard Rorty (tinyurl.com/5l6a66) in seinem Aufsatz ‚The Priority of Demogracy to Philosophy‘, wenn er als Bild des ‚Ich‘ ein mittelpunktloses kontingentes Netz zeichnet- die Metapher des Internet.
    Das worldwide web wäre dann im ‚reflexiven Gleichgewicht‘ die Entsprechung unserer kontingenten menschlichen Art und mehr als ein Werkzeug ein Ausdruck unserer modernen Existenz.
    So bleiben allein Freiheit und Gerechtigkeit als Grundlagen der Bildung einer demokratischen Gesellschaft.
    Das Netz der Vielen als Nachschöpfung und Wiederholung der demokratischen Revolution und – im Sinne der Aufklärung- radikale Antwort auf den idealistischen Absolutismus der Wenigen.
    Das Einzige was uns als Web- und Weltgemeinschaft verbindet wäre demnach die Gerechtigkeit nach dem Prinzip der Fairness.

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  42. 17. August 2008, 17:54 Uhr, von Liesel Gefällt einem Leser
    092

    Zugegeben, ich drucke mir Kommentare eigentlich nicht aus. Den von heute 12:03 Uhr musste ich mir ausdrucken, @Walter. Dankeschön für die interessante Abhandlung!

    „Für eine Weltgesellschaft und ihre Kommunikationsplattform- das Internet- erscheint die Forderung nach absoluter Wahrheit und einem idealistischen Begriff des ‘Individuum’ wegen ihrer Vielfalt weniger sinnvoll.“ Das sehe ich auch so. Über den Tenor: Die Web- und Weltgemeinschaft verbindet die Gerechtigkeit nach dem Prinzip der Fairness, muss ich noch weiter nachdenken.

    Hierzu: Wilhelm Schmid, Philosophie der Lebenskunst
    „Fair ist es, einen eigenen Vorteil zurückzustellen, wenn Andere durch seine Wahrnehmung benachteiligt würden; fair ist es ferner, eine Inanspruchnahme von Privilegien durch adäquate Selbstverpflichtungen auszugleichen.“
    http://www.fairness-stiftung.de/pdf/Schmid.pdf

    Sorry, ich bin damit noch nicht durch…

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  43. 20. August 2008, 17:21 Uhr, von Walter Gefällt einem Leser
    093

    Wilhelm Schmid orientiert sich auch an der Goldenen Regel der Gerechtigkeit durch Gleichheit. Ich kann ihm in Vielem, nicht in Allem zustimmen, da er sich auch dem griechischen Idealismus verpflichtet fühlt, mit seiner Aufforderung zum angenehmen Leben. Da blitzt immer wieder der Therapeut durch, der ‚Helfer‘.
    Mir liegt zur Zeit mehr der minimalistische aber stringente Zugang von John Dewey, John Rawls und Richard Rorty, die sich der Demokratie mehr verpflichtet fühlten als der Schönheit der Gedanken, mehr dem Nächsten als der Metaphysik.
    Lesenswert dazu: ‚Solidarität oder Objektivität?: Drei philosophische Essays‚ bei Reclam.
    – Selten waren 4 € so gut angelegt…

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  44. 20. August 2008, 17:30 Uhr, von Walter Gefällt einem Leser
    094

    PS: Eine interessante Übersicht über die analytische Philosophie liefert Peter Bieri in einer Vorlesung am Einstein Forum in Potsdam. – Für eine ruhige Stunde.

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  45. 1. September 2008, 11:52 Uhr, von john clark Gefällt einem Leser
    095

    Glad to see references to our online presentations here, Peter Bieri from the Einstein Forum. There are more to be found via http://www.content-tv.com.

    Perhaps Quentin Skinner’s presentation on ‚Three Concepts of Liberty‘ may be of particular interest.

    You may also find our blog of interest.

    The astonishing turnround of pamphlets in London in the seventeenth century was remarked on by philosopher Andrew Harrison of Bristol University in the UK as a model for network communication using emails, online publications etc as early as 1986. I dont know if he published these thoughts that were enthusiastically expressed to me personally.

    It is always worth reminding ourselves that there are many more networks than the seemingly ubiquitous world wide web.

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© Miriam Meckel 2002 bis 2016