MM_Blake
Zu den Kommentaren
11. August 2008, 10:42 Uhr, Geschrieben von Miriam Meckel

Ein Sommernetztraum

Ein freier und vielfältiger Austausch von Informationen und Meinungen, gesteuert durch nichts anderes als der Selbstorganisation des Marktes – das war immer der Traum vieler Menschen als Bürger und Kunden. Der „Marktplatz der Wahrheit”, wie ihn der europäische Liberalismus schon Ende des 17. Jahrhunderts als Idealbild entworfen hat, sollte die Plattform dafür bieten, dass die Vielen ihre Informationen auf ihm zur Verfügung stellen und sich die Wahrheit als „Produkt” auf diesem Marktplatz herauskristallisieren kann.

Einige hundert Jahre später wissen wir, dass diese Vorstellung wohl zu einem grossen Teil Utopie bleiben wird. Nicht nur weil Information und Wahrheit in der Mediengesellschaft ein zwiespältiges Verhältnis eingegangen sind. Vielmehr weil die Wenigen, die über die Entscheidungs- und Gestaltungsmacht verfügen, Staaten, Regierung und Konzerne, es viel lieber sehen, wenn nicht allzu viele in die Lage versetzt werden, ihre Meinung zu Markte zu tragen und anderen anzubieten.

Ist der Marktplatz der Vielen also für immer ins Reich der Utopie verbannt? Die aktuelle Geschichte der Vernetzung im neuen Internet könnte uns anderes lehren. Wir müssen sie nur aus der Sicht derjenigen erzählen, die in erster Linie von den neuen Möglichkeiten der Internetkommunikation profitieren, den Nutzern. Denn Web 2.0 ist nicht zuletzt die Geschichte von der Befreiung und Emanzipation der Nutzer von einem hierarchischen Mediendoktrionat. Und damit ist es eine ziemlich revolutionäre und märchenhafte Geschichte in der Evolution unserer sozialen Kommunikation.

Und so könnte sie klingen, erzählte man sie sich in einigen Jahrzehnten mit Blick zurück in Freude: Es gab eine Zeit, in der wurden die Mittel der Massenkommunikation durch Wenige für Viele angeboten, durch Regierungen und Unternehmen für Bürger und Kunden. Geschichten, Informationen, Nachrichten und Meinungen wurden in große standardisierte Pakete verpackt, um in dieser durch die Wenigen bestimmten Konfiguration den Vielen zur Verfügung gestellt zu werden. Die Pakete wurden mit den immergleichen Transportmitteln über wenige bekannte Transportwege in große Arenen geliefert, in denen das Publikum zusammengepfercht war und nicht fliehen konnte, es sei denn durch Nutzungsverweigerung. Und so wurden die Inhalte zumeist genutzt, wie die Wenigen es sich gedacht hatten, es gab ja keine Alternativen.

Eines Tages geschah ein Unfall an der Kreuzung, an der die digitale Technologie und das Internet aufeinander trafen. Weil es den Wenigen nicht mehr gelang, die Kontrolle über die Wege und Verkehrszeichen zu erhalten, begannen clevere Konstrukteure Umgehungs- und Nebenstraßen, Schotterwege und Gassen anzulegen, auf denen der Verkehr plötzlich in viele Richtung und nicht mehr nur in eine lief. An den Auf- und Zufahrtsstellen kamen sich die Transportmittel gegenseitig in die Quere und in diesem Moment fielen die Pakete mit den Mitteln der Massenkommunikation von den Ladeflächen der Transportmittel, die mit unterschiedlicher Geschwindigkeit, Bereifung, Kurvenlage und Technologie aufeinander zurasten. Zur gleichen Zeit brach das Publikum mit großer Energie aus den wenigen Arenen aus, in die es zuvor eingepfercht worden war und lief auf den Straßen herum, um die Pakete zu öffnen, auseinander zu reißen, neu zusammenzusetzen und eigene Inhalte hinzuzufügen.

Und siehe da: Es waren Geschichten, Erzählungen über das eigenen Leben, die eigene Person und das eigene Lebensumfeld, die zunächst auf die Reise durch das Netzwerk der Verkehrswege geschickt wurden. Die Menschen begannen, ihre eigenen Geschichten zur erzählen. Das war der Moment, in dem die Nutzer sich befreit und emanzipiert haben. Und es waren die ersten Ausläufer der flexiblen, dispersen, unkontrollierten Kommunikation über ein globales Netz: Web 2.0.

Das Märchen von der Befreiung und Emanzipation der Nutzer – das ist die wirklich spannende Geschichte des Web 2.0. Ob sie ein Traum bleibt? Das müssen wir annehmen, wenn sich auch in der medialen Kommunikation die Entwicklung durchsetzt, die wir in der wirtschaftlichen Nutzung des Internet bereits erkennen können: die Rückkehr der Wenigen und die erneute Entmachtung der Vielen. E-bay wandelt sich gerade von einer Auktionsplattform der Vielen zu einem Online-Händler der wenigen grossen Anbieter. Das entzaubert das Grundmodell von e-bay, aber auch seine Attraktivität für Nutzer. E-bay Gründer Pierre Omidyar hatte das früh erkannt: „Ich sehe uns gerne als eine Art von Konzern, weil wir mit unserer Gemeinschaft anders umgehen. Wenn wir das verlieren, verlieren wir so ziemlich alles.”

 

 

95 Reaktionen

  1. 11. August 2008, 11:44 Uhr, von Tanja
    01

    Amazon geht genau den anderen Weg. Dort sind noch die Vielen ( kleineren Anbieter) und nicht nur die Wenigen gefragt.

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  2. 11. August 2008, 12:20 Uhr, von Fabian
    02

    Oh, wowey!!! Extrem spannedes Thema, spannende Thesen, Gedanken und Ansätze – ich muss jetzt erstmal darüber nachdenken und recherchieren :-)

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  3. 11. August 2008, 12:45 Uhr, von Susanne
    03

    Endlich mal wieder ein schöner Text, durchdacht, prima Metaphorik! Ich neige mein Haupt.

    Zu dem Traum: Das Problem an Geschichte(n) ist ja bekanntlich, dass man immer erst im Nachhinein weiß wie es gelaufen ist. Im Prozess selbst kann die Menschheit kaum erfassen, wo und auf welchen Wegen sie sich gerade befindet. Also kann man momentan tatsächlich nur konstatieren: Es gibt zwei Entwicklungspfade des Web 2.0: Den der Kommerzialisierung und Entdemokratisierung, indem Stück für Stück einige Wenige das Netz für ihre Interessen instrumentalisieren oder eben jenen, der es den vielen Kleinen erlaubt ihr demokratisches Recht auf Meinungsäußerung zur Durchsetzung ihrer Interessen zu nutzen (wobei Letzteres natürlich ein gewisse Ambivalenz in sich birgt. Denn wenn Freiheit – wie Rosa Luxemburg es mal drastisch formulierte – immer auch die Freiheit des Andersdenkenden ist, dann müssen wir im Netz auch verdammt viel an Obskuren oder auch regelrecht Gefährlichen ertragen – en mi opinion es una problema, pero…). Interessanterweise ist aber das Internet als Massenmedium rein technisch etwas ganz Besonderes, weswegen ich – obwohl ich ansonsten notorisch den kulturellen Zerfall westlicher Demokratien und Omnipräsenz der Warenförmigkeit auch noch der letzten kostenlosen Güter predige – eigentlich nicht glaube, dass es je von Wenigen beherrscht werden kann.

    Aber: wir werden sehen.

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  4. 11. August 2008, 12:46 Uhr, von Fabian
    04

    Habe in gewisser Weise dazu heute ein Interview mit Christiane zu Salm auf faz.net gelesen, aber das trifft den Kern vermutlich nicht genau.

    Die Verlage und Medienkonzerne sind immer auf der Suche nach neuen Erlösquellen, Holtzbrink kaufte StudiVZ, Murdoch MySpace, Google YouTube, T-Online stieg jetzt bei Sevenload ein. Konzentrationsprozesse wird es also immer geben, Konzerne werden immer versuchen, Kommunikation zu steuern und zu kontrollieren, aber es wird sehr viel schwieriger, die Konsumenten einzuschätzen, weil diese sich in der Tat nicht mehr vorschreiben lassen, was sie zu lesen und zu sehen haben – auf der anderen Seite frage ich mich manchmal: Nutzen die Konsumenten diese Freiheit aber auch? Nun gut, dazu später.

    Mit etwas mulmigem Gefühl las ich letztens etwas über “Behavioral Trageting” bzw. “Behavioral Marketing” (siehe Wikipedia), das man nutzt, um aufgrund von Userverhalten, den Erfolg von Kampagnen zu messen. Die Frage ist, ob es uns Usern tatsächlich gelingt, Konzernen und Werbeindustrie im Netz ein Schnippchen zu schlagen.

    Die Frage ist auch, wie flexibel bzw. fragil die Masse der User ist. Wäre es theoretisch denkbar, dass – sofern es eine Google-vergleichbare Suchmaschine gibt (klein, sympathisch, effektiv), die User wechseln? Cuil.com – war ein Versuch, aber aus meiner Sicht sehr enttäuschend. Oder sind die Nutzer im Internet ebenso festgefahren? Ebay zeigt vielleicht, die Veränderung sehr gut, nach dem Anfangshype, ist Ebay nun, wie jedes andere große Unternehmen auch – und kämpft auch mit den gleichen Problemen.

    Nun gut, was bringen uns die Entwicklungen im Web 2.0 dennoch an Positivem? Blogs, soziale Netzwerke, die Möglichkeit sich selber zu produzieren, sich auszutauschen etc. Das ist schön, das ist bereichernd. Wird es die Welt wirklich verändern? Jugendliche konsumieren zum ersten Mal mehr Internet (120 Minuten am Tag) als Fernsehen (100 Minuten am Tag). Soziale Netzwerke boomen – mit welchen Effekten? Unterhaltung? Spaß? Oder finden dort wirklich ernsthafte Debatten statt? Ich denke eher nicht. Außerdem ist und bleibt die Frage, ob die Internetnutzung nicht auch eine Frage des Alters und des Intellekts ist und insofern zu einer Art Spaltung der Gesellschaft führt, statt sie zu einem Marktplatz der Meinungen zu machen.

    Marktwirschaftlich hätten wir im Bezug auf Web 2.0 die These vom “Long Tail” von Chris Andersn, der sich stark auf Nischenprodukte fokussiert. Der ist aber unlängst von Anita Elberse, Professorin an der Harvard Business-School in Frage gestellt worden. Aber vielleicht braucht das auch noch etwas Zeit. Ich beobachte schon, dass sich im Umfeld des Web 2.0 kleine Internetfirmen (T-Shirt-Druck etc.) etablieren und z.B. Blogger eher dazu neigen, individuelle Produkte zu kaufen. (okay, die meisten von denen gehören ohnehin zu den modernen Performern und würden das im richtigen Leben auch tun.)

    Im Hinblick auf die Meinungsvielfalt – schwierig. Hier sehe ich nach wie vor ein Qualitätsproblem – leider. Leider schreiben in Deutschland die guten Leute nach wie vor für die Zeitungen, wenige trauen sich ein Blog zu führen, vermutlich zu zeitaufwändig und es bringt ja auch kein Geld. Das ist sehr schade. Gute Blogs allerdings, sind sehr lohnenswert zu lesen und bilden aus meiner Sicht definitiv einen höheren Grad an Meinungsvielfalt (siehe Stefan Niggemeier) und dienen letztlich der Wahrheitsfindung. Ich denke, da wird sich noch sehr vieles entwickeln – gerade in Deutschland.

    Soziale Netzwerke, schön und wichtig und richtig, erleichtern einiges, aber den Thesen von Cem Basman “Das Leben ändert sich” kann ich dennoch nicht vollständig zustimmen.

    Das ein paar flotte, erste Gedankenanstöße zu divesen Themen, jetzt muss ich ins Meeting rasen.

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  5. 11. August 2008, 12:48 Uhr, von Fabian
    05

    Beitrag von Cem Basman: “Das Leben ändert sich”

    Ohnehin sehr netter Typ, der via Web 2.0 irre viel auf die Beine stellt. Empfehle mal einen Blick auf seine Startup-Weekends zu werfen – via Sixtus. So nun aber hoppi galoppi.

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  6. 11. August 2008, 14:44 Uhr, von Janine
    06

    Erstmal: toller Artikel!

    E-bay fand ich schon von Beginn an uninteressant. Online-Auktionen ohne richtige Sicherheit gefallen mir nämlich nicht. Die einzige Online-Auktion hat damit geendet, dass mir die falsche Kontonummer übermittelt wurde und ich so eigentlich das doppelte von dem zahlen musste, was es eigentlich gekostet hat (nicht gaaanz, weil die Gebühren für die Rückgängigmachung der Überweisung ein bisschen geringer waren). Dass sich E-bay also nicht soo lange richtig hält, war mir klar.

    Amazon ist für mich etwas völlig anderes. Ich kaufe da aber meistens auch nicht über die Privatverkäufer… Ich fahr halt auf Sicherheiten ab ^^.

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  7. 11. August 2008, 15:26 Uhr, von Janna
    07

    das erste, was mir bei diesem Bild einfiel, ist der gordische Knoten. Und mal ehrlich, das die unbedingte und allumfassende Vernetzung kein System für die Zukunft ist, leuchtet doch ein. Es könnte funktionieren, wenn wir alle Maschinen wären, die nur das machen was ihnen einprogrammiert wurde. Dummerweise sind wir aber Individueen bzw. Individualisten, die immer mal wieder ausbrechen und damit das so sorgfältig ausgeklügelte System durchbrechen. Und nicht erst seit der Eröffnungsfeier der olympischen Spiele mit den tausenden roboterartigen Statisten wissen wir, dass Massenbewegung nur dann funktioniert, wenn alle gleichgeschaltet sind

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  8. 11. August 2008, 15:27 Uhr, von julia
    08

    Ja tatsächlich ein spannendes Thema. Bei Google habe ich kurz die folgende Suche gestartet: unsichtbare Hand im Internet

    Herausgekommen ist ein interessanter Artikel von NZZFolio 09/02! Die wichtigste Passage – gerade im Hinblick auf den Wunsch der User nach Sicherheit – kopiere ich ein:

    „Der perfekte Marktplatz wächst sich selber über den Kopf. Und entfernt sich damit immer weiter von den ursprünglichen Grundsätzen. Das Grossexperiment in Sachen Marktwirtschaft folgt stur dem Willen seiner Teilnehmer – und die schlagen derzeit einen überraschenden Kurs ein. Nie konnte die unsichtbare Hand so frei schalten und walten wie in der virtuellen Welt. Nun holt sie aus zu einer schallenden Ohrfeige für die Ideologen der totalen Liberalisierung. Der freieste Markt der Welt scheint sich nach Festpreisen, Grosskonzernen, Sicherheit und Grosskundenprivilegien zurückzusehnen, als deren Gegenentwurf er angetreten war.“

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  9. 11. August 2008, 15:27 Uhr, von Fabian
    09

    Noch ein Linktipp zum Thema zum immer sehr unterhaltsamen Medienprofessor Clay Shirky zu der Frage: Wird das Internet die Gesellschaft verändern? (via Cem via elektrischer Reporter).

    Ein Gedanke noch, Sie sprechen viel von “Entmachtung” der Medien – hier stellt sich die Frage: Was bedeutet das genau? Wer besitzt derzeit die Macht? Was heisst das überhaupt? Sind das Meinungsmonopole – etwa durch wenige Intellektuelle? Durch Verlage? Medienkonzerne? Gar Politik und Wirtschaft (sprich Werbeindustrie, Stichwort Einschaltquoten)? Und können wir dieser Macht tatsächlich entfliehen?

    Ich glaube eher, dass viele Menschen mit der Medienfreiheit gar nicht umgehen können, weil es sie schlichtweg überfordert und sie leider tendenziell eher mißbraucht wird, als dass man sie konstruktiv nutzt.

    So wird die Wissensgesellschaft und damit auch der Marktplatz der Wahrheit vermutlich eher wenigen vorbehalten bleiben und das ganze als kollektive Bewegung wohl in der Tat eher ein “Sommernachtstraum” bleiben.

    Aber immerhin, Einzelbeispiele verheißen durchaus gutes, Stichwort “Dell Hell”.

    Wenn ich das noch bemerken darf – dann schweige ich auch fürs erste, wenngleich es mir schwerfällt – den Vergleich mit der Boston Tea Party bei einem ihrer Vorträge fand ich genial!

    Das Web 2.0 hat in der Tat was von medialem Ungehorsam und in gewisser Weise wird alter Ballast über Bord geworfen – und genau das ist das Schönste daran! Also in gewisser Weise schon eine Revolution und Emanzipation – medialer Ungehorsam :-)

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  10. 11. August 2008, 16:02 Uhr, von Fabian
    010

    Doch nochmal ich. Ein weiteres, sehr eklatantes Beispiel für den medialen Wandel: Der Brockhaus wird in Zukunft wohl nicht mehr in Buchform erscheinen.

    “Laut einer Ankündigung des Unternehmens vom 11. Februar 2008 könnte die 21. Druckausgabe der Brockhaus Enzyklopädie von 2006 die letzte sein.

    „Die Zeit, in der man sich eine hervorragende Enzyklopädie von anderthalb Meter Umfang ins Regal stellt, um sich dort herauszusuchen, was man wissen will, scheint vorbei zu sein“, sagte der Verlagssprecher Klaus Holoch.” (Quelle: Wikipedia – ja das ist die praktizierte Ironie des Internets)

    Vorbei auch die Zeiten, in denen in England Vertreter noch von Haus zogen, um die Encyclopaedia Britannica zu verkaufen.

    Wikipedia ist insofern ein sehr gutes Beispiel für das, was das Web 2.0 ausmacht, nämlich, dass Menschen allein aus Leidenschaft und Liebe zu den Dingen, oder weil sie Missstände aufdecken wollen – und nicht etwa aus monetärem Antrieb heraus – sich aktiv für die Gesellschaft einsetzen und hin und wieder (bedingt durch die technischen Möglichkeiten der Vernetzung) sehr, sehr Großes auf die Beinen stellen können, das den etablierten Medienkonzernen das Fürchten lehrt.

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  11. 11. August 2008, 18:41 Uhr, von Liesel
    011

    Ein gehaltvolles Posting, bei welchem das Köpfchen raucht.

    Im Netz tummel ich mich seit einem guten Jahrzehnt, damit über ¼ meines Lebens. Ich nutze das World Wide Web vorwiegend zur Informationsbeschaffung/Recherche.

    Jetzt habe ich durch die Teilnahme an verschiedenen Blogs festgestellt, dass im Austausch mit anderen ein aktiverer Lernprozess stattfindet. Zu nahezu jedem Thema kann im Netz diskutiert werden. Werden viele Meinungen zusammen gewürfelt und auf Quellen im Netz verwiesen, werden eigene Kenntnisse erweitert und Meinungen überprüft. Im Netz wird – trotz der überwiegend vorhandenen Anonymität – stark reflektiert. Ich vermute, dass das Gelesene im Austausch mit anderen besser verarbeitet wird, das Hirn stärker trainiert wird. Es wird ein aktiverer Lernprozess in Gang gesetzt. Für die Jugendlichen und jungen Erwachsenen dürfte diese Form der Informationsbeschaffung und der Austausch mit „virtuellen Freunden“ eine Selbstverständlichkeit beinhalten. Als Studentin oder Auszubildende würde ich mich themenbezogenen, sozialen Netzwerken anschließen.

    Der Internetkonsum übertrumpft – wie im Posting ausgeführt – teilweise den Fernsehkonsum. Bei mir ist es so. Der Fernsehkonsum reduziert sich bei mir wöchentlich vielleicht auf 5-6 Stunden, wovon der überwiegende Anteil von Nachrichtensendungen eingenommen wird. Hingegen checke ich gerne und manchmal zu häufig, ob was Neues im Netz zu finden ist.

    Keine Frage, das Netz hat einen hohen Unterhaltungswert.

    Mich fasziniert ferner die lokale Unabhängigkeit des Netzes. Von nahezu jedem Ort der Erde bekommt man Anschluss zum www mit allen Dienstleistungen (E-Mail, Netzwerkspeicher, ICQ, Skype).

    „Wird es die Welt wirklich verändern?“ Eine spannende Frage. Der Zugang zum Netz wird einer immer breiteren Masse ermöglicht. Es hat sich in den letzten 15 Jahren schon eine Menge geändert. Die Preise für EDV sind gefallen, ebenso die Kosten eines Internetzugangs. Damals hat eine Stunde Internet 4,00 DM gekostet. Heute haben wir eine Flatrate für´s Web und Fon. Damit können mehr Menschen aus unterschiedlichen Kulturen recherchieren, ihre Meinungen kundtun, sich in Netzwerken zusammen schließen. Meinungen einer Internetmehrheit können sich auf die allgemeine Berichterstattung und die politische Meinungsbildung auswirken. Ich glaube schon, dass das Netz sowohl im positiven als auch im negativen Sinn was bewirken kann. Da gefiel mir das Video zum Interview mit Clay Shirky gut, der Tendenzen aufzeigte, die Weiterentwicklung des www aber weitgehend offen hielt.

    „Unkontrollierte Kommunikation“ entsteht, wenn zu wenig Wissen des Nutzers über das Netz und dessen Möglichkeiten besteht. Ich habe mich selbst oft genug dabei erwischt, wenn ich von einem Link zum nächsten geklickt habe und nicht mehr wusste, was ich eigentlich wollte. Der Umgang mit dem Netz sollte in Schulen gelehrt werden, meine ich.

    In diesem Zusammenhang sollte überlegt werden, ob der Umgang mit anderen Menschen in diesem virtuellen Durcheinander erlernt werden soll. Im Spannungsfeld zwischen Privatsphäre und virtuellem Ich alles unter einen Hut zu bekommen, ist wohl nicht einfach. Die uns sonst so positiv begleitende Menschenkenntnis kann im Netz wegen der vorherrschenden Anonymität und geschaffener neuer Anonymitäten versagen. Emotionen/Gefühle im Netz sind anders zu bewerten als im RL.

    Mich nervt – und da nehme ich mich nicht aus – oft diese großkotzige Selbstdarstellung im Netz. Manchmal denke ich, Netuser (inkl. meiner Person) spinnen ein wenig in diesem virtuellen Raum herum ohne auch nur irgend etwas Sinnvolles damit erreichen zu können.

    Ja, der Netztraum, ein Experimentierraum beinhaltet Chancen.

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  12. 11. August 2008, 19:33 Uhr, von Liesel
    012

    Noch ein Gedanke:
    Als Beispiel für einen kommerziellen Anbieter im Internet wird im Posting eBay genannt. Den großen kommerziellen Anbietern im Netz wie eBay, Yahoo, Google, Amazon ist gemein, dass der Zugang zum Dienstleistungs- bzw. Produktangebot für jeden Internetnutzer gratis ist. Die Dienstleister erwirtschaften ihren Umsatz meist über Werbeeinblendungen und die Händler/Auktionshäuser über den vom Kunden getätigten Umsatz. Es bedarf keiner monatlichen Mitgliedsbeiträge. Über Preissuchmaschinen lässt sich ein günstiges Produktangebot aus dem Netz fischen. Die Internetkonzerne boomen wegen des Gratiszugangs und der Möglichkeiten der Suchmaschinen Günstiges herauszufiltern. Über die Produktqualität kann sich der Konsument auf Herstellerseiten als auch Fachseiten informieren. Der Kunde benötigt für eine Kaufentscheidung kein Fachgespräch beim Händler mehr.

    Die Welt hat sich geändert. Stirbt der Einzelhandel mit seinen jetzigen Konzepten? Über Buchclubs wurde hier im Blog schon mal diskutiert. Ganz gelungen finde ich folgenden Artikel aus der SZ:
    http://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/554/305523/text/

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  13. 11. August 2008, 19:42 Uhr, von Fabian
    013

    @ Liesel Herumspinnen – stimme dir nur bedingt zu.

    Erstens: Es geht erstmal darum, eine Art von neuer Geisteshaltung auszuprägen, die bestimmt ist von einem sehr toleranten und liberalen Grundgedanken. Ferner von dem Willen zum Diskurs, der eigenen Kritikfähigkeit, Kreativität, sehr viel Mut, (sich selber) Ausprobieren und der Wille zum gegenseitigen Austausch und zur Inspiration (weg von der Meinungsarroganz, hin zu einem pluralen Miteinander von Meinungen) – dafür sind beispielsweise Plattformen wie diese hier einfach toll. open your mind – ist aus meiner Sicht das Schlüsselwort.

    Zweitens: Schön ist es in der Tat, wenn man die virtuellen Dinge ins “echte Leben” herunterbricht, natürlich gibt es viele, die sich in den Social Networks verirren und ja, ich denke, dass einige in der Tat ein höchst problematisches Nutzerverhalten aufweisen, ohne es zu wissen.

    Schön empfinde ich es beispielsweise, wenn man auf Medientreffen die Leute hinter den Blogs oder Twitter oder was auch immer kennenlernt, oder neue Bekanntschaften oder Freundschaften schließt, mit Menschen, mit denen man auf einer Wellenlänge liegt, deren Interessen man teilt und wenn daraus schöne Erfahrungen im echten Leben wachsen – toll.

    Mittlerweile erlebe ich es, dass aus diesem vernetzten miteinander auch Geschäfts-Aufträge zustande kommen. Schnell, unkompliziert, angefragt und gemacht. Ich glaube, dass sich Unternehmen in Zukunft ganz schön umtun werden müssen, um gegen das Tempo und die Unkompliziertheit dieser Networker mithalten zu können.

    Es ist also ein Mischmasch, ich persönlich sehe die Entwicklungen zunächst einmal positiv, ohne das Negative auszublenden: Es kommt eben ganz drauf an, was du daraus machst.

    Musste letztens sehr schmunzeln, angesichts der Kritik am Web 2.0 und am Internet generell (siehe aktueller Spiegel Titel), sollte man sich mal den Wikipedia-Artikel zum Thema Zeitung durchlesen.

    1676 schrieb Hofkanzler Ashaver Fritsch: „eitles, unnötiges, unzeitiges und daher arbeitsstörendes, mit unersättlicher Begierde getriebenes Zeitungslesen.” – kommt mir irgendwie bekannt vor. :-)

    Ich finde wir Deutschen sind im Vergleich zu den Amerikanern und Briten sehr diskussionslahm (wenn ich allein an meine turbolangweiligen Uni-Seminare denke, schrecklich!!!), vielleicht ändert sich ja durch die mediale Teilhabe in Blogs und Foren diese passive Haltung.

    Auf Bloggertreffen geht es deshalb zumindest immer recht streitlustig zu. Manche finden das übertrieben, kleinkariert und mögen das nicht, ich finde das immer extrem unterhaltsam und interessant, zumal man immer weiß, bei aller Kritik, die sehr offen, teilweise auch sehr persönlich ausgeteilt wird, im Grundsatz mag man sich ja – und das ist das Wichtigste. Herr Knüwer – der ja in seinem Blog Indiskretion Ehrensache auch kräftig austeilt – muss beispielsweise oftmals auch kräftig einstecken, aber das ist für ihn okay, solange es von Personen ist, bei denen man weiß, dass man sich im Grunde gegenseitig schätzt. Man regt sich vielleicht nochmal kurz auf, diskutiert noch ein wenig hin und her, trinkt dann gemeinsam ein Bierchen und gut. Ich finde das schon toll! Mich nervt diese typisch deutsche Überheblichkeit und Empfindlichkeit allenthalben extrem an, vor allem bei etablierten Journalisten oder auch in Unternehmen. Kein noch so guter Blogger kann sich diese beiden Eigenschaften leisten, er muss voll kritikfähig sein, ohne dabei seine Position aufzugeben, das erfordert aus meiner Sicht ziemlich reflektierte, authetische, selbstkritische und starke Persönlichkeiten. Die kann man aber nur durch Erfahrung und Lernen herausbilden.

    So eine Art der offenen, selbstkritischen Kontroverse würde Deutschland in allen Bereichen ziemlich gut tun. Besser zumindest, als diese aalglatte Führungsnachwuchselite.

    Also summa summarum, ich denke schon, dass die Bürger durch die vernetzte Partizipation mündiger werden, durch das Netz kontroverse Diskussion erlernen, die man auch im praktischen Leben sehr gut umsetzen kann – wie sie es letztlich nutzen, bleibt abzuwarten, ich hoffe positiv.

    Ein Gedanke noch zum Abschluss: Brökeln Meinungsmonopole – zumeist geschieht dies ja in der Tat durch mediale Revolutionen, so lehrt uns z die Geschichte (Reformation, frz. Revolution), kann man meistens von einer Revolution sprechen. Insofern bin ich optimistisch, dass der Sommernachtstraum sich erfüllen wird.

    Antworten
  14. 11. August 2008, 19:48 Uhr, von Fabian
    014

    Der letzte Satz ist zu verquer, deshalb nochmal. Ein Gedanke noch zum Abschluss:

    Zum Thema brökelnde Meinungsmonopole – zumeist geschieht dies ja in der Tat durch mediale Revolutionen, so lehrt uns zumindest die Geschichte (Reformation, frz. Revolution). Wanken also die Meinungsmonopole, kann man meistens von einer Revolution sprechen. Insofern bin ich optimistisch, dass der Sommernachtstraum sich erfüllen wird. Aber wie bei so vielen Revolutionen liegen Konstruktion und Destruktion dicht beieinander. Mal sehen, was wir draus machen werden :-)

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  15. 11. August 2008, 19:49 Uhr, von Sophia
    015

    Sie sprechen von der Entmachtung der Vielen, also einer unfreiwilligen Handlung, wirtschaftlichen Zwängen unterworfen. Ich glaube eher der durchschnittliche Web 2.0 Nutzer lässt sich entmachten. Und das nicht unbedingt ungern.
    StudiVZ ist praktisch und braucht wenig Einsatz (ich wüsste kaum wie ich mir sonst Geburtstage merken sollte…), Ebay Großhändler bieten ein umfangreicheres Angebot als Einzelverkäufer, Google bietet mit wenigen Klicks das gesamte Angebot des Webs in konzentrierter Form und wer blättert freiwillig im Brockhaus wenn er Wikipedia mit Bildern, Statistiken und Querverweisen hat?
    Kurz der Durchschnittsmensch ist praktisch veranlagt und in ständiger Zeitnot. Was liegt näher als die (Online)Wege zu verkürzen und dem breitesten Angebot das schnellstmöglich das Gewünschte bietet den Vorzug zu geben. Qualität steht lange hinter Praktikabilität.
    Sicherlich treiben Großkonzerne à la Google und Co. die Verflachung des Web 2.0 voran, aber der Durchchnittsinternetnutzer will sich nicht wehren. Die Konsequenzen werden erst dann gesehen wenn nicht noch mehr Konzentration möglich ist und die absolute Meinungs-und Angebotsvielfalt die Web 2.0 jetzt noch kennzeichnet wegbricht.

    @Fabian: insofern bin ich bei dir, wenn du von der Spaltung der Internetnutzer in Spaßuser und Diskutanten sprichst. Allerdings gibt es überall Schnittmengen. Eben die Vielfalt verführt die Diskutanten gelegentlich zum Spaßuser zu werden und umgekehrt.

    Antworten
  16. 11. August 2008, 20:04 Uhr, von Fabian
    016

    Jep! Im Grunde wie im normalen Leben auch. :-)

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  17. 11. August 2008, 20:10 Uhr, von Sophia
    017

    Na dann ist ja gut, ich hatte schon eine Art Probezeit befürchtet. Sowas wie: “Testen Sie das Internet ein halbes Jahr und entscheiden Sie sich dann: Diskutant oder Spaßuser!!!” ;-)

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  18. 11. August 2008, 20:22 Uhr, von Janna
    018

    @Sophia, ich würde gerne im Brockhaus blättern, wenn ich mir die umfassende Gesamtausgabe leisten könnte ! Wenn ich Informationen in Büchern lese, kann ich mich weitaus besser auf eine Recherche konzentrieren als bei der Suche im web.
    Ich hoffe daher, daß der Brockhaus irgendwann wieder aufgelegt wird. Das Argument der fehlenden Aktualität im Gegensatz zu den Info’s aus dem www leuchtet mir nur dann ein, wenn ich mich mit brandaktuellen Sachen beschäftige, deren Faktenlage ständig wechselt- was zumindest beruflich gesehen eher selten der Fall ist.

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  19. 11. August 2008, 20:27 Uhr, von Liesel
    019

    @Fabian, so weit sind wir mit unseren Ansichten gar nicht auseinander. „Open your mind“ ist ja gerade das, was viele – mich auch – am Bloggen fasziniert. „Open your mind“ kenne ich nur aus meiner Studienzeit, wo mit Freunden aus verschiedenen Fachbereichen bis tief in die Nacht rumdiskutiert wurde. Das fehlt mir regelmäßig im geordneten Alltag. Ich glaube auch, dass das Internet wegen der Möglichkeit der Vernetzung und der Schnelligkeit zu einer toleranteren Geisteshaltung beiträgt.

    Gut, Medientreffen sprechen natürlich ein Fachpublikum an, zu welchem ich nicht gehöre; aber ich lese darüber ganz gerne was.

    Nette Web-Bekanntschaften habe ich früher auch gemacht. Das Internet kann durchaus zu einer Bereicherung des realen Bekanntenkreises beitragen.

    Ja, die vermeintliche aalglatte Führungselite. Dennoch packen es viele hiervon und gelangen auf Führungspöstchen. Leider.

    So flexibel und charakterstark unsere Führungselite sein sollte, so facettenreich sollten wir Bloguser – sofern die/der BlogbetreiberIn das zulässt – uns geben können. Ernsthafte Diskussionen finde ich genau so wichtig wie Blödsinn im Blog.

    Ich vermute, dass der „Durchschnittsinternetuser“ (@Sophia) immer mehr eine bequeme „Hau-In-Die-Tasten-Mentalität“ entwickelt und gar nicht mehr weiß, was er tut. Um diesem stupiden Konsum entgegen wirken zu können, sollten der Umgang mit Medien in Schulen Unterrichtsfach sein. Hier sollte auch zu den klassischen Recherchemethoden ausgeführt werden. Ich fand es früher ungemein spannend, in teilweise verstaubten Büchern zu wälzen und anhand der Fundstellen die passenden Textstellen in anderen Büchern zu finden bis der Schreibtisch kaum noch zu sehen war. Jetzt ist die Recherche so clean geworden.

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  20. 11. August 2008, 21:23 Uhr, von Tanja
    020

    Ich stelle mir gerade vor wie ich in ca. 20 Jahren meiner Nichte ein Buch schenke und sie mich mit großen Augen anschaut und fragt:”was soll ich denn damit? Kann ich mir doch runterladen. Oder für was hast Du denn das Internet früher benutzt?”
    Und wenn ich ihr antworte das ich Bücher als solche gekauft und mit Genuß gelesen habe und ihr noch erkläre was das Internet 20 Jahre zuvor zu bieten hatte, wird sie voller Unglauben den Kopf schütteln. Wahrscheinlich wird sie mich für alt und dement halten und eine Einweisung ins Altenheim anleiern.

    Antworten
  21. 11. August 2008, 21:32 Uhr, von Sophia
    021

    @Janna: Stimme dir da ganz zu, wenn es nach meiner persönliche Meinung geht. Ich bin da sehr haptisch veranlagt und mag es die Seiten in der Hand zu halten, statt auf einen flirrenden Bildschirm zu schauen. Außerdem komme ich nie direkt bei dem Wort an, welches ich suche. Nebenbei entdeckt man immer was was einen gerade interessiert. Der große Vorteil zum Netz: ich muss nicht gezielt suchen, sondern entdecke quasi “am Wegesrand” was mich gerade anspricht.
    Aber gerade diese Lust und der Wille, vielleicht auch die Zeit, eben nicht nur zielorientiert zu sein, sondern sich treiben zu lassen, ist was verloren geht. Und was dann die Medienkonzentration vorantreibt.

    Fehlende Aktualität beschränkt sich sicher auf die Themengebiete die sich kontinuierlich verändern, aber das sind ja, auch im beruflichen Bereich, die Meisten.
    Selbst ein Geschichtsstudent wird es schwer haben sich auf statische Quellen zu beschränken, weil beständig neue Erkenntnisse dazukommen. Mir fielen gerade keine Berufsgruppen, die Informationen verarbeiten oder mit Informatinen umgehen,(die “Wissensarbeiter”) ein, die nicht der Aktualität verpflichtet sind.

    Glücklicherweise werden (zumindest jetzt noch) nicht nur die Internetangebote, sondern auch die Bücher durch 2. oder 3. Auflagen aktualisiert.

    @Liesel: Ich glaube lange lässt sich eine Art Medienkompetenzschulung in jungem Alter nicht mehr vermeiden. In meinen letzten Schuljahren wurde kaum ein Referat noch mühsam aus Büchern zusammengesucht, kurzer Blick zu Wikipedia reichte und ab dafür. Woher soll ein unerfahrener Internetuser auch wissen, was für vielfältige Angebote es gibt, wie ich zuverlässige Quellen finde und vor allem wie ich das was ich vorgesetzt bekomme einordne. Da folgt er anfangs der Masse und ist später so eingefahren in seinen Such- oder Recherche-Mustern, dass es schwer wird eine andere Art der Nutzung zu lernen. Ganz abgesehen von Selbstentblößungen à la StudiVZ aus Unwissenheit. Ich bin immer wieder erstaunt wie erstaunt Andere sind, wenn man mal erwähnt, was mit frei einsehbaren Bildern und Informationen so angestellt werden kann.

    Antworten
  22. 11. August 2008, 21:42 Uhr, von Danja
    022

    In 20 Jahren gibt es vielleicht Brillen, die sich einer etwaigen Sehschwäche automatisch anpassen. Wenn die Sonne zu stark scheint, verdunkeln sich die Gläser. Die Gläser werden aber auch dunkel, wenn man lesen möchte. Dann fungiert die Brille als kleiner, leistungsstarker Monitor. Per Sprachbefehl kann Deine Nichte, @Tanja, sich ins Internet über einen Hotspot einwählen, welcher überall kostenlos verfügbar ist. Eine Minute muss sie Werbung über sich ergehen lassen und dann kann sie das ganze Netzangebot für einen Tag nutzen. Die Werbung orientiert sich an der Personal-Card Deiner Nichte, welche die Daten zum Hotspot sendet. Ihre Interessen und ihr Konsumverhalten werden regelmäßig auf dem Speicherchip aufgezeichnet. Deine Nichte lädt sich ein Buch als PDF-Datei herunter und blättert per Sprachbefehl herum. Natürlich kann sie sich den Text als Hörbuch anhören. Alles ist verlinkt.

    Deine Nichte hätte sich vielleicht wirklich über ein Buch gefreut. Aber Bücher hat sie nie richtig kennen gelernt. Sie ist in ständiger ärztlicher Behandlung – auch wegen ihrer Psyche – wie so viele ihrer Mitschüler. Mitschüler? Nein, jeder lernt für sich alleine. So, jetzt lass ich den Quatsch.

    Antworten
  23. 11. August 2008, 21:43 Uhr, von Tanja
    023

    Mir fällt gerade ein wie toll und unvergessen der Tag war als meine Eltern einen Videorecorder gekauft haben. Zu der Zeit hätte ich mir einen Computer und das Internet nicht vorstellen können.

    Antworten
  24. 11. August 2008, 22:41 Uhr, von jette
    024

    >E-bay wandelt sich gerade von einer Auktionsplattform der Vielen zu einem Online-Händler der wenigen grossen Anbieter.

    alles hat mal eine ende oder verändert sich.

    dem virtuellen auktionshaus weine ich keine träne nach, als gelegenheitsbieter zog ich meistens eh den kürzeren. und falls doch mal etwas ergattert, beschlich mich immer das gefühl, dass im hintergrund heftig manipuliert und ich letztendlich sauber über den tisch gezogen wurde.

    was den online-handel mit fixpreisen betrifft, lande ich in den letzten monaten allerdings häufig bei ebay und bestelle auch, warum auch nicht, wenn z.b. preise für monozellen, bewässerungssysteme oder auch chemikalien fürs schwimmbecken im vergleich zu anderen online-anbietern günstiger liegen. (ganz zu schweigen vom einzelhandel, bei denen man zum teil das dreifache berappen muss)

    inwieweit große händler kleinere verdrängen, kann ich nicht beurteilen, sollte es aber eine größere klientel geben, die dem alten ebay nachtrauert, lassen sich bestimmt andere plattformen finden oder auch ganz schnell neue installieren.

    bzgl. web 2.0 werden meiner meinung nach die möglichkeiten der vernetzung noch zu wenig genutzt. kaum wirksame aktionen, stattdessen verlieren wir uns in selbstdarstellung oder dreschen leeres stroh.

    Antworten
  25. 11. August 2008, 23:27 Uhr, von Danja
    025

    “bzgl. web 2.0 werden meiner meinung nach die möglichkeiten der vernetzung noch zu wenig genutzt. kaum wirksame aktionen,…” Was soll das heißen?

    Antworten
  26. 12. August 2008, 1:50 Uhr, von Kata
    026

    Offensichtlich sind wir mit dem übergroßen Angebot an verschiedenen Meinungen, Geschichten, Anbietern, Waren, die Web 2.0 ausmachen, überfordert.
    Wir brauchen mehr Klarheit, wenn auch um den Preis einer vereinfachten und damit verfälschten Wirklichkeit.
    Nicht die Vielen entmachten die Wenigen, sondern die Wenigen geben ihnen die Macht, weil sie selbst damit nicht umgehen können.

    Antworten
  27. 12. August 2008, 10:30 Uhr, von Susanne
    027

    “Wir brauchen mehr Klarheit, wenn auch um den Preis einer vereinfachten und damit verfälschten Wirklichkeit.”

    Da widerspreche ich dir vehement. Wessen Klarheit soll das dann sein? Wer definiert die wichtigen Inhalte und ihre richtige Darstellung? Damit sind wir letztlich in einem Orwellschen Staatswesen – oder in China. Das Problem, das du ansprichst ist ja auch kein nur an das Netz gebundenes. Das Problem ist nämlich, dass die unorganisierte und atomisierte Masse gegenüber kleinen eingeschworenen Gruppen bzw. charismatischen “Führern” immer schon anfällig war. Und zwar einfach deshalb, weil eine konsistente Linie immer die Phalanx der vielen Meinungen durchbrechen wird. Trotzdem wäre es schlimm, wenn wir den Versuch nicht wenigstens wagen würden, das erste wirklich interaktive und basisdemokratische Medium als herrschaftsfreies Kommunikationsinstrument zu nutzen, um mit Menschen in Kontakt treten zu können, mit denen wir sonst nie kommunizieren würden und über die wir nie etwas erfahren würden – zuallerletzt, dass wir viele (Unrechts-)erfahrungen und die selben Zukunftswünsche teilen. Die einzige Voraussetzung für eine sinnvolle Internetnutzung ist die Fähigkeit zu kritischem Denken und ein gewisses Maß an Misstrauen sowie die Kenntnis der eigenen Interessen. Und das ist die Voraussetzung für absolut jede Mediennutzung.

    Antworten
  28. 12. August 2008, 11:05 Uhr, von Fabian
    028

    Ein bisschen was über den Web 2.0-Dienst Twitter – heute auf faz.net.

    Dann kurz zur Nostalgieverliebtheit im Hinblick auf gedruckte Enzyklopädien. Wir haben uns vor zwei Jahren ein neues Universallexikon in Buchform gekauft und letztens festgestellt, dass wir – obwohl große Buchliebhaber – noch kein einziges Mal (!) hineingeschaut haben.

    Ich bin auf der einen Seite ganz froh, dass es immer noch Leitmedien gibt und geben wird, die in der Berichterstattung für Seriosität und Integrität stehen. Klar, kann man auch hier einiges kritisieren, aber ich glaube, dass allzu basisdemokratisch gesteuerte Medienangebote (sofern man sie überhaupt noch überblicken kann) wirklich auch eine gewisse Gefahr in sich bergen.

    Außerdem: Wenn alles zerfällt und zerfasert, wo soll man was lesen? Ich komme ja jetzt kaum noch hinterher, bei den vielen unzähligen Blogs. Wobei Newsreader bzw. Feedreader sehr helfen, mit dem Infowust umzugehen.

    Nun zur Kehrseite der “Bewegung von unten”: Nimmt man alleine das Blog Politically Incorrect als Beispiel, sieht man, wohin sich das ganze auch sehr schnell bewegen kann. Denn gerade das unkontrollierte Netz bietet, im Gegensatz zu den früheren Medien, die recht viel Aufwand erforderten – auch extrem vielen Schwachmaten die Möglichkeit, sich dort zu produzieren und (leider) auf viele Gleichgesinnte zu stoßen. Man lese den Bericht über das Projekt “Netz gegen Nazis” auf ZEIT.de – leider scheinen diese Schwachmaten auch sehr viel für Zeit das Herausposaunen ihrer “Ideologie” zu haben. Das ist es eben: Viele normale Menschen haben überhaupt nicht das bedürfnis, sich im Netz zu produzieren. Die arbeiten, haben ihr Häuschen, Kinder und gut. Oftmals tummeln sich im Netz eben viele Selbstdarsteller, Querulanten und Knalltüten – ist das also wirklich ein repräsentatives Bild, das da als “basisdemokratisch” bezeichnet wird?

    In der Grundidee finde ich Basisdemokratie toll, in der Praxis behagt sie mir – bei aller Kritik, die ich an bestehenden Verhältnissen auch habe – ehrlich gesagt nicht so sehr, egal ob medial oder real.

    Antworten
  29. 12. August 2008, 11:15 Uhr, von Fabian
    030

    Ein Kritiker des Web 2.0 ist Jaron Lanier. Link zum SZ-Artikel: “Digitaler Maoismus – Kollektivismus im Internet, Weisheit der Massen, Fortschritt der Communities? Alles Trugschlüsse.”

    Tja, die Frage ist in der Tat, wer schafft es, den Wust an Infos im Web 2.0 zu sortieren, wer schafft sozusagen den “Megaaggregator”, der alles bündelt (wird es möglicherweise Facebook sein?) und wird dieser von den Usern angenommen werden? Dann hätte zumindest das Klicken endlich ein Ende und man hätte alle seine Services: Blog, Xing, Twitter, Flickr, YouTube, Newsangebote, andere Blogs, Mails, Ebay, Amazonbestellungen, etc. – alles auf einen Blick in einem Einstiegsportal – ich fände das ebenso praktisch wie auch gefährlich :-)

    Auf diese Entwicklung bin ich – ehrlich gesagt – noch richtig gespannt.

    Antworten
  30. 12. August 2008, 11:18 Uhr, von julia
    031

    Dazu passt aber auch, dass Wikipedia beispielsweise an den meisten Unis nicht als Quelle anerkannt wird. Es muss sich also immer um Expertenwissen (wieder: wer bestimmt das eigentlich?) handeln damit es wissenschaftlich fundiert ist. Der Wunsch nach Sicherheit dominiert wie so oft.

    Antworten
  31. 12. August 2008, 11:33 Uhr, von Susanne
    032

    “In der Grundidee finde ich Basisdemokratie toll, in der Praxis behagt sie mir – bei aller Kritik, die ich an bestehenden Verhältnissen auch habe – ehrlich gesagt nicht so sehr, egal ob medial oder real.”

    Wie ich weiter oben schon zitierte: Freiheit meint immer die Freiheit des Andersdenkenden. Und die müssen wir auch dann akzeptieren wenn sie uns nicht passt. Wir haben in Deutschland zumindest bestimmte Gesetze, die definieren, welche Inhalte definitiv nicht mehr verfassungsgemäß sind oder sonstwie mit dem Gemeinwesen zu vereinbaren sind (in den USA muss m. E. für alles das dürftige first Amendment herhalten, was die Ahndung von radikalen Ansichten einschränkt).
    Ich denke, dass die Menschen schon mit Pluralität umgehen können. Vielleicht ist das der eigentliche Wandel, der stattfindet und stattfinden muss. Statt sich sein Credo anhand sozialer Herkunft und irgendwelchen ehernen Leitmedien auszubilden, benötigen wir künftighin größere, statt geringere Fähigkeiten Inhalte für uns auf ihren Gehalt zu überprüfen – weil wir der Quelle nicht mehr blind vertrauen können. Aber konnten wir das jemals wirklich? Im übrigen wird sich (bzw. das ist ja auch schon zu beobachten) auch im Netz ein Bewertungsverfahren herauskristallisieren, wonach manche Contents als “Qualität” und andere als “Schrott” eingeordnet werden.
    Mein Fazit: Man kann das Denken nicht an andere delegieren. Auch nicht an Leitmedien. Und dort wo viele Meinungen aufeinanderprallen entwickelt sich vielleicht auch endlich mal wieder so etwas wie Diskussions- und Streitkultur heraus, statt dieses inszenierte Aneinander-vorbei-Gequatsche in hermetischen Studio-Welten, was wir heute Talkshow nennen. Anders formuliert: Ich glaube daran, dass Menschen im Prinzip mit ihrer Meinungsfreiheit umgehen können. Wenn ich das nicht täte wäre ich auch keine gute Demokratin.

    Antworten
  32. 12. August 2008, 11:51 Uhr, von Fabian
    033

    Susanne, ja, da ist was dran. Aber daran muss natürlich auch von vielen ernsthaft mitgewirkt und mitgearbeitet werden, um das Feld eben nicht nur den sehr emsigen und umtriebigen verfassungsfeindlichen Kräften zu überlassen und das erfordert eine Menge Zeit und Kraft. (Habe mich mal mti einer Betreuerin von “Netz gegen Nazis” unterhalten, die können Geschichten erzählen, was da alles an subersiven Aktionen läuft – unglaublich!)

    Um mal ein paar wirklich tolle Beispiel zu nennen: netzpolitik.org und abgeordnetenwatch.de – Wobei der gute Herr Beckedahl sich auch fast Tag und Nacht um sein Portal Netzpolitik.org kümmert und verdienen wird er damit definitiv nicht viel.

    Tja, was ist Wahrheit? Selbst wenn wir uns der Wahrheit nur annähern werden können, wir haben zumindest neuerdings die Möglichkeit, irgndwoe im Netz eine Gegenwahrheit zu finden, siehe BildBlog.de, um uns dann ein eigenes Bild zu machen.

    @ Julia: Ich finde es sehr problematisch, dass Wikipedia nicht anerkannt wird. Im Prinzip ist das doch die entscheidende Frage:
    Wer bestimmt, wer die Experten sind? Irgendwo las ich, dass Wikipedia mittlerweile sehr nahe an der Ecyclopaedia Britannica ist. Ah, hier wars, bei Heise.

    Wer bestimmt in Zukunft die Experten? Interessanter Gedanke! Im Web 2.0 kann sich jeder seinen Experten im Grunde selber aussuchen :-)- Experte ist, wer genügend Leser oder Zuschauer findet. Wollt ihr meine Experten sein? *lach*

    Antworten
  33. 12. August 2008, 12:01 Uhr, von Fabian
    034

    Warum ist das eigentlich alles derzeit so luschi? Verglichen mit den 70er und 80er Jahren hat man den Eindruck, es gibt überhaupt gar keine politische und gesellschaftliche Streitkultur mehr, sondern nur noch Ringelpietz mit Anfassen. Wenn ich schon sehe, dass Wowereit Trauzeuge bei Christiansen ist (und wer sich da noch so an Politikern und Medienleuten auf der peinlichen BUNTE-exklusiv-Hochzeitsparty tummelt) und Kai Diekmann und Leo Kirch bei Helmut Kohl … also ehrlich …

    Sind die Menschen/Politiker so dermaßen abgelenkt und zu, dass sie keine Lust mehr haben, sich miteinander konstruktiv und um der Sache willen (jetzt also nicht in Talkshows) zu streiten? Bzw. sich das anzugucken? Wollen wir wirklich alle nur noch unsere Ruhe haben? Seltsam.

    Antworten
  34. 12. August 2008, 13:30 Uhr, von Heike Neu
    035

    Wieder einmal diese “Selbstorganisation des Marktes”. M.E. hat es noch kein wie auch immer gearteter Markt jemals geschafft, sich selbst zu organisieren/regulieren. Es gehörte eine VERBINDLICHE Verabredung von Spielregeln – und auch erforderlichenfalls deren Weiterentwicklung – von allen und für alle dazu. Schon im Mittelalter fiel das schwer. Und es gehörte eine Selbstverpflichtung-/Selbstverantwortungshaltung jeder/jedes einzelnen Marktteilnehmerin/s dazu, nicht nur den EIGENEN Nutzen sondern das Wohl des Marktes zu achten, zu wahren und zu mehren. Sobald MarktMACHT als Gestaltungskategorie wichtig wird, sitzt Korruption und Mißbrauch nie weit entfernt.

    Ganz eingewickelt wird es, wenn der Markt nicht alleine von natürlichen Einzelpersonen, denen ja noch eine PERSÖNLICHE Verantwortung zugesprochen werden kann, gestaltet wird, sondern juristische oder gar virtuelle Konstrukte “mitspielen”. Wenn TechnologieMACHT eingesetzt wird, die neben “Ermöglichen” auch eine “Ausgrenzungs”-Funktion haben kann. Ja, so sind wir, wir Menschen: Wir erfinden das Steinmesser nicht nur als nützliches Werkzeug sondern nutzen es auch als Bedrohung und tödliche Waffe gegeneinander; Medien sind nicht alleine Informationsmöglichkeit sondern auch als Manipulationsmöglichkeit nutzbar. Und entsprechend bunt sieht es auf dem Marktplatz aus.

    Da bleibt allein, sich die eigene Unterscheidungsfähigkeit zu bewahren. Und diese gemeinsamen mit der einen oder dem anderen zu feiern. Und sich keinesfalls auf “Markt” zu verlassen. Dieser Begriff ist leider kontaminiert, verbrannt.

    Antworten
  35. 12. August 2008, 13:56 Uhr, von julia
    036

    @Fabian, das ist eine schwierige Frage: Meine Eltern und ihre Freunde fragen mich das oft..
    Aber es stimmt, das alles etwas luschi ist und oft zu harmoniebedürftig. Wir leben in Deutschland bisher zumindest in friedlichen Zeiten und der Drang zur Selbstverwirklichung wird dabei immer größer. Tendenziell sind alle unzufrieden und wollen noch mehr und noch schneller. Auseinandersetzungen sind einfach auf dem Weg nach oben lästig, zumal sich damit auch kein Geld verdienen lässt. Zudem ist man eben doch bedroht durch viele Unsicherheiten die, wie ich finde auch tatsächlich immer spürbarer bzw. undurchsichtiger werden. Mich beunruhigt die aktuelle Weltlage schon sehr und hat in jedem Fall Einfluss auf meine Lebensweise.

    Naja, so kann man aber auch wieder sagen: die Massen werden am besten durch Angst gesteuert.

    Antworten
  36. 12. August 2008, 15:21 Uhr, von Fabian
    037

    Julia, darf ich fragen, wie alt du bist? Findest du jene beschrieben Einstellung symptomatisch für deine Generation? Gehörst du zur Generation Y? Die neueste Generation heisst ja Generation Z – oder Google-Generation – wie ich heute las. Wie die nächste wohl heisst? Generation 2.0 – wie sonst. :-)

    Antworten
  37. 12. August 2008, 16:33 Uhr, von Kata
    038

    @ Susanne, versteh mich nicht falsch, ich finde das nicht positiv, was ich weiter oben angemerkt habe. Aber ich denke schon, dass Menschen bei einem wie auch immer gearteten Überangebot dazu neigen sich Vereinfachungen zu konstruieren – z.B. in Form von Vorurteilen, Schubladendenken, teilweise willkürlichen Kriterien um das Angebot zu verkleinern und damit überhaupt überschaubar zu machen.
    Beispiel: wenn man nur schon eine Digitalkamera kaufen will, ist man mit zahllosen Marken, Preisen, technischen Daten etc. konfrontiert, die man auf meinen Fall alle gegeneinander abgleichen kann – da wäre man ewig beschäftigt. Also muss man sich irgendwelche Kriterien zur Auswahl ausdenken, die das Angebot etwas einschränken. Das sind oft sehr willkürliche und gar nicht unbedingt logisch durchdachte Kriterien, am bequemsten erscheint es da oft z.B. eine Marke zu wählen, von der man schon gehört hat. Und schon hat man seine Macht als Kunde, der ja im Internet eigentlich “frei” wählen kann, abgegeben – zu Gunsten der Bequemlichkeit und des Konzerns, der bessere Werbung macht.
    Genauso operieren wir meiner Meinung nach auch, wenn es um wichtigere Dinge als eine Digitalkamera geht – wir brauchen Kategorien um das Übermaß an Informationen verarbeiten zu können. Oder kannst du etwa wirklich alle Meinungen im gesamten Internet zu einem Thema aufnehmen, verarbeiten und dir daraus eine Meinung bilden? Das ist umso schlechter möglich je größer das Internet wird.
    Je größer aber das Angebot an Meinungen und Informationen wird, desto schwerer fällt es daraus zu selektieren. Man hat dann so viele verschiedene sich widersprechende Ansichten im Kopf, dass man keine eigene mehr bilden kann.
    Und das versucht man zu kompensieren, indem man die Informationsmenge von vorn herein im Schach hält – die Freiheit eben begrenzt.
    Mit viel Anstrengung kann man vielleicht seine Wahlfreiheit bewahren, aber dazu bedarf es hoher Intelligenz und Bildung – letzteres scheint ja heute Mangelware zu sein…
    Langer verworrener Sermon, ich hoffe, ich konnte mich verständlich machen… ;-)

    Antworten
  38. 12. August 2008, 17:07 Uhr, von julia
    039

    Fabian, ja Du liegst richtig mit Deiner Vermutung der Generation Y (allerdings eher Anfang dieser Generation). Kann mich mit den meisten Punkten bei Wikipedia identifizieren. Wahrscheinlich ist meine Beschreibung recht symptomatisch für diese Generation. Wobei ich eigentlich eher denke, dass etwas mit Sensibilität zu tun hat inwiefern man sich beeinflussen lässt oder nicht. Aber negativ gesprochen passt wahrscheinlich auch das zur Generation, dass sie eben ein wenig verweichlicht ist.

    Lese jetzt weiter bei Ulrich Beck und der Weltrisikogesellschaft..dann wander ich aus nach Schweden!;-)

    Antworten
  39. 12. August 2008, 17:34 Uhr, von Danja
    040

    Generation Y, dazu gehöre ich auch, aber ohne Hochschulabschluss. Einen Schulabschluss habe ich schon.

    Antworten
  40. 12. August 2008, 17:43 Uhr, von Heike
    041

    Die “Vernetzung” macht es uns einfach – ein Klick und wir wissen es. Aber “es” ist eben zu wenig, “es” ist eine oberflächliche Information, ein einfaches und kurzlebiges Wissen, das uns nicht berührt und nicht bildet.

    Die Wissensgesellschaft etabliert sich Sicht auf Kosten der Bildungsgesellschaft. Wir haben keine Zeit mehr uns tiefgründig mit einer Sache zu beschäftigen, wir hetzen stattdessen einer Information nach der Anderen hinterher … wir können ja alles schnell nachsehen !

    Wir wundern uns keinen “Tiefgang” mehr unter den Menschen zu finden, aber das Internet ist nicht schuld … es sind wohl wir selbst, die nicht nein sagen können – nein zur Vereinfachung, nein zur Standardisierung, nein zur Verallgemeinerung, nein zu …

    Bildung ist das, was übrig bleibt wenn wir vergessen was wir gelernt haben. Aber was ist, wenn wir nichts mehr wissen … wo bleibt dann die Bildung ?

    Kann mal jemand schnell nachsehen …..?

    Antworten
  41. 12. August 2008, 18:06 Uhr, von julia
    042

    @Heike: Zum Thema “Kann mal jemand schnell nachsehen”
    In meinem ersten Studium (BWL) wurde uns immer gesagt, ihr müsst das nicht wissen, ihr müsst nur wissen wo man es findet.

    Antworten
  42. 12. August 2008, 18:14 Uhr, von Janna
    043

    @Fabian, wohl auch ein Symptom des heutigen Bedürfnisses nach absoluter Flexibilität, sei es im Beruf, im sonstigen Leben oder (leider) eben auch bei persönlicher Meinung. Es ist inzwischen fast peinlich, die Bilder der 70er/80er Jahre heraufzubeschwören aber wenn ich an meine Kindheit in den 80ern denke, fallen mir Dinge ein wie mein Vater, der gespannt Bundestagsdebatten am TV verfolgt. Heute undenkbar. Oder mein Onkel, der immer orakelte, dass “der Russe” eines Tages vor der Tür stehen würde. F.J. Strauß mit seinen Brandreden, die mitnichten weichgespült waren. Harmonie herrschte da höchstens Sonntag nachmittag am Kaffeetisch.
    Was ich sagen will: rückwirkend betrachtet war das Leben irgendwie in schwarz und weiß eingeteilt, heutzutage scheinen wir uns eher in einem millionenfachen Grauspektrum zu befinden, ständig in der Angst lebend, es den Mitmenschen nicht Recht machen zu können.
    Mit Wikipedia konnte ich bisher übrigens nicht so viel anfangen. Es irritiert mich einfach, dass da jeder schreiben kann was er will. Ein Paradies für alle Freunde der Desinformation

    Antworten
  43. 12. August 2008, 18:28 Uhr, von Heike
    044

    @julia
    das scheint zum “Fachwissen” BWL zu gehören … das hat man mir auch gesagt !

    Wenn man allerdings nicht immer das tut, was man einem sagt, kann auch bei einem BWL Studium “Bildung” übrig bleiben … man muß nur stur genug sein.

    Und … es gibt Dinge, die kann man nicht nachsehen …

    Antworten
  44. 12. August 2008, 18:29 Uhr, von Susanne
    045

    @ Kata

    Verstehe auch du mich nicht falsch – ich weiß sehr wohl um diesen tagtäglichen Information-Overkill und die begrenzten geistigen Fähigkeiten mancher Mitmenschen. Aber nur weil das so ist, kann ich nicht hingehen und einfach die Idee von der Vernünftigkeit des Menschen, die Idee von Demokratie und Pluralismus und die Idee des freien Staatsbürgers/der Staatsbürgerin (letztere genießt die vollen Bürgerrechte übrigens seit noch gar nicht so langer Zeit und bis in die 50er Jahre hinein durfte der Gatte entscheiden, ob sein Besitztum arbeiten gehen darf oder nicht) aufgeben, so als wäre das nichts wert. Ich bin einfach erschüttert, wenn es heißt: Na gut, mir ist das alles zuviel und Meinungen, die ich krass finde will ich schon gar nicht lesen und Produkte die ich schwachsinnig finde (und ich finde vieles schwachsinnig) möchte ich nicht wahrnehmen, also soll jemand kommen und das für mich vorstrukturieren. Im Bereich der Produkte haben wir das ja und da kann ich die Selbstentmündigung aus Bequemlichkeitsgründen noch am ehesten akzeptieren – obwohl ich glaube, dass viele Anbieter bei bestimmten Portalen auch neben runterfallen und andere immer die Topseller-Liste anführen und das hat weder nur mit dem Preis noch mit der Qualität zu tun hat, sondern mit der – pr-mäßig gedealten – Omnipräsenz. Trotzdem: Da geht es nur um Konsum. Wenn es aber um Meinungsbildung und -äußerung geht, um unser hart erkämpftes Recht alle als mündige Bürger und Bürgerinnen an dem was um uns herum vorgeht teilnehmen zu können und dann zu sagen – ich zitiere jetzt mal im Groben Fabian: „Ich finde zwar die politische Klasse nicht dolle, aber bevor ich mich selbst mit Idioten auseinandersetzen muss laß ich lieber an meiner Statt denken und diskutieren, auch wenn nicht wirklich das dabei herauskommt was ich meine“, da bin ich dann ziemlich erschüttert. Demokratische Aushandlungsprozesse sind nicht einfach, Diskussionen sind nicht einfach, kurzum: politische Partizipation ist nicht einfach, sondern anstrengend. Aber das war auch noch nie anders. Im Gegenteil: Heute ermöglicht uns das Internet (und natürlich jedem anderen Depp auch, das ist schon klar, aber das muss ich eben aushalten) vom Sofa aus die Meinungsäußerung vor Publikum, also eine öffentliche Tat aus dem privaten Rahmen heraus. Ich sags mal so: Wenn ein Arbeiter oder eine Arbeiterin der Jahrhundertwende so desillusioniert, komplexbeladen und faul gewesen wäre wie unsereins heute hätte es nie eine Arbeiterbewegung gegeben und in der Folge keine Verbesserung der Lebensbedingungen von Millionen Menschen.

    Julia hat an einer Stelle gesagt, dass die Massen am besten durch angst gesteuert werden – recht hat sie. Deshalb ist es im Sinne den Wenigen, wenn die Vielen Angst voreinander haben – und deshalb sind Demokratien heute so schwach!

    Antworten
  45. 12. August 2008, 18:55 Uhr, von Danja
    046

    “ihr müsst das nicht wissen, ihr müsst nur wissen wo man es findet.”

    Meinen Realschulabschluss hätte ich mit diesem Konzept nicht geschafft. Da musste ich das Erlernte schon parat haben.

    Antworten
  46. 12. August 2008, 19:40 Uhr, von Fabian
    047

    Susanne, ich kann dich beruhigen, ich war selber einige Jahre politisch aktiv in diversen Funktionen und habe die verschiedenen Facetten des politischen Daseins kennengelernt.

    Ich halte es in der Tat für sehr schwierig etwas zu bewegen – innerhalb der Strukturen, sowie außerhalb. Es ist alles sehr festgefahren, sehr komplex, es bestehen ungemein viele Abhängigkeiten und Interessen.

    Ich muss zugeben, ich habe nach meinen Erfahrungen wirklich keine große Lust mehr auf Politik, da tummeln sich aus meiner Sicht auch mittlerweile zu viele vereinsmeierische, medien- und karrieregeile Maniker herum – mal ganz abgesehen von dem ganzen Stress. Ich hätte keine Lust meine Wochenenden auf irgendwelchen Schützenfesten zu verbringen.

    Und an dieser Stelle bin ich dann doch ein wenig nostalgieverliebt und besinne mich gerne zurück auf die alte BRD: Ich bin der festen Überzeugung, dass in den 70er und 80er Jahren Menschen noch aus Idealismus in die Politik gingen (Blümchen & CO.), Quereinsteiger und Querköpfe aus allen Bereichen.

    Jetzt haben wir leider vielfach diese seltsamen Berufspolitiker, die außer Politik in ihrem Leben noch nicht viel gesehen haben.

    Und mal ehrlich, die Grünen sind doch nun wirklich als Bettvorleger gelandet.

    Also, was tun? Ich habe wirklich keine Lösung. Was tust du denn, Susanne? Vielleicht kannst du eine Empfehlung abgeben. Ich meine, wogegen soll man auch sein? Energiekonzerne? Soziale Ungerechtigkeit? Wenn ich sehe, was von meiner Lohnabrechnung an Steuern heruntergeht und dass davon die Fahrbereitschaftskolonne des Bundestags bezahlt wird, könnte ich in der Tat schreien! Aber was nutzt das schon?

    Und zum Thema Arbeiterbewegung: hätten wir in Deutschland doch mal ein ausgeprägteres Arbeiterbewusstsein, dann müsste sich die SPD jetzt wenigstens nicht mit dieser idiotischen Linken herumschlagen.

    So, ich hau mich jetzt aufs Sofa! Will nicht mehr internett sein… :-)

    Antworten
  47. 12. August 2008, 20:24 Uhr, von Susanne
    048

    Fabian,

    mir geht es gar nicht um politischen Aktivismus. Mir ging es jetzt erstmal um das Prinzip. Ich habe versucht klarzumachen, dass wir mündig sind und es gefährlich ist, andere für sich machen zu lassen. Und gerade, weil ich so skeptisch bin, irgendwelchen Grüppchen (auch Parteien) die Bühne zu überlassen, bin ich für die Auseinandersetzung der Vielen im unübersichtlichen Netz. Eines der Grundprobleme, mit denen sich die Sozialwissenschaft(en) seit ihren Bestehen auseinandersetzen, ist nun mal die Kontrolle Vieler durch Wenige. Und in diesem Punkt finde ich das Netz spannend, weil es erstmals einen Austausch der Vielen ohne Maßgabe der Wenigen theoretisch ermöglicht. Was letztlich dabei herauskommt steht in den Sternen.

    Noch mal: Ich überschätze das Medium nicht, aber ich versuche in Erinnerung zu rufen, um was es gehen könnte. Um mehr Demokratie (um den Preis der Pluralität, die auch ihre Schattenseiten hat). Oder um noch mehr Kontrolle (um den Preis der vollständigen Entmündigung).

    Damit aber wiederhole ich inhaltlich nur das Posting von MM und deshalb haue ich mich jetzt auch aufs Sofa.

    Thank you, good night!

    Antworten
  48. 12. August 2008, 20:57 Uhr, von Heike
    049

    @Fabian
    “…Menschen noch aus Idealismus in die Politik gingen (Blümchen & CO.), Quereinsteiger und Querköpfe aus allen Bereichen. ”

    Dazu muß ich was los werden ! Diese Quereinsteiger gibt´s heute noch, auch die Idealisten … aber der Tod der Politiker ist die Presse.

    Ich bewege mich ja wirklich nur auf der untersten Stufe der politischen Aktivitäten, aber was mittlererweile an Wald- und Wiesenjournalismus herumschwirrt … und mit Ihrem Gewäsch meinungsbildend auf die Bevölkerung einwirkt … !

    Es wird gar nicht geschrieben, oder im falschen Zusammenhang zitiert. Es wird mit “schnellen”Bildern gearbeitet, von mühsamen Recherchen und wirklichem Interesse ganz zu schweigen … der Politiker wird zum Marketingobjekt der Presse.

    Das Internet ist dabei die einzige Plattform, die es ermöglicht Informationen an die Bevölkerung weiterzugeben, ohne auf unqualifizierten Journalismus angewiesen sein zu müssen.

    Die Kunst des Journalismus kann man mittlererweile auch schon “nachschlagen” … wer beschäftigt sich den heutzutage noch wirklich mit einem Politiker, wer nimmt Ihn mal wirklich “auseinander”, wer hinterfragt im Detail und mit Engagement … ?

    Wo finden wir denn noch objektiven, spannenden Qualitätsjournalismus ? Selbst das öffentlich-rechtliche Fernsehen triftet in ein Showgeschäft ab, von neutraler Berichterstattung reden wir da doch schon lange nicht mehr … und das mit unseren Steuergeldern !

    Das Internet und das “Netzwerken” gibt uns die Freiheit jederzeit über alles zu reflektieren – ein nicht zu verachtendes Bürgerrecht.

    Leider kommt es dabei nie zu einer echten Revolution, virtuell läßt es sich nämlich schlecht auf die Straße gehen ! Typisch deutsch … sich über alles aufregen, aber wenn´s drauf ankommt hinter der Masse verstecken. Es würde mich wirklich einmal interessieren, wieviel Prozent der Blogger und Internetuser in der Öffentlichkleit zu Ihrer “anonymen! Meinung stehen würden …

    Antworten
  49. 13. August 2008, 6:59 Uhr, von Dowanda
    050

    Sind Menschen heute noch politisch? Ich denke, dass rein äusserlich die grossen Fragen weggefallen sind: Ost gegen West, 68er gegen Kirche und Establishment etc.
    Heute sind die Grenzen aufgrund der Errungenschaften der 70er und 80er verrutscht, finde ich. Politik ist weniger grundsätzlich, sondern eher individuell. Und trotz der Vernetzung schaffen es die individualisierten Bedürfnisse nicht, sich zu kumulieren.
    Ausserdem sind die grossen Volksparteien im klassischen Sinn auch ein Stück weit von der eigenen Regierungsrealität überholt. Eine CDU-Familienministerin setzt Betreuungsplätze durch, ein schwuler Unionspolitiker ist Bürgermeister im Hamburg. Auf der anderen Seite ist die SPD mit der Agenda 2010 und ihren ehemaligen Parteigranden jeder Ausrichtung, die in gutbezahlten Posten sitzen.

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© Miriam Meckel 2002 bis 2012