MM_Einstein
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25. August 2008, 6:32 Uhr, Geschrieben von Miriam Meckel

Si, pronto!

Der Italiener ist ein Kommunikationsgenie. Er kann alles gleichzeitig, vor allem aber bei allem immer auch telefonieren. Von wegen, Menschen können kein Multitasking. Der Italiener kann das. Er telefoniert beim Mountainbiking, sich auf dem Fahrrad die Gebirgsstraße hinauf quälend, bedrängt von Lastwagen und verrückten Sportwagenfahrern (die natürlich auch gerade am Steuer telefonieren). Er telefoniert beim Nordic Walking, derweil beide Stöcke in einer Hand haltend und in krummer Körperhaltung nach vorne getrieben. Vor allem aber telefoniert er am Strand.

„Ich bin im Zug.“ Das ist im deutschsprachigen Raum der meistgebrauchte Satz der „situation work“ qua Mobiltelefon. In Italien lautet er: „Sono al mare!.“ Bei einem Ausflug an die Küste der vorgelagerten Insel „La Maddalena“ beobachte ich eine unvergessliche Ausführung dieser „situation work“ am Strand. Eine Frau und ihr Mann liegen in einer kleinen Bucht neben uns. Zunächst klingelt ihr Mobiltelefon. Sie geht ran und dann beginnt ein etwa zweistündiges Gespräch, in dem sie sich nur ein einziges Mal vom Telefonieren ablenken lässt – in dem Moment nämlich, als das Handy ihres Mannes klingelt, der sich faul im seichten Wasser aalt. „Geh ran, Mensch!“, schreit sie ihn an, um sich dann wieder ihrem Gespräch zu widmen.

Das dreht sich durchweg um Kochrezepte und die dafür notwendigen Lebensmittel sowie die dafür notwendige optimale Einkauflogistik. Während die gesamte Bucht den lautstarken Aushandlungen zu Mittag- und Abendessen folgen kann und dabei von den „Spaghetti Bottarga“ über die „Tagliatelle Astice“ zu verschiedenen Fisch- und Fleischgerichten mit und ohne Salat geleitet wird, absolviert die Frau wiederholt eine Kurzstreckenwanderung über die Felsen der Bucht ins seichte, dann tiefere Wasser und irrlichtert durch die Bucht, das Telefon immer hart ans Ohr gepresst.

Nach zwei Stunden nähert sie sich wieder dem Strand und dem Liegehandtuch. Gespannt beobachten die Umliegenden, was nun geschieht, nicht ganz frei von Hoffnung, das Telefonat möge nun enden und etwas mehr Ruhe einkehren. Weit gefehlt. Die Frau hört auf zu Telefonieren, aber sie überreicht das Mobiltelefon im laufenden Gespräch an ihren im Wasser liegenden Mann, der nun das ganze Thema noch mal von vorn beginnt, nur mit gesteigerter Lautstärke.

Entnervt packen wir unsere Sachen. Ich esse jetzt lieber die Nudeln, von denen hier seit Stunden die Rede ist. Vor allem aber habe ich verstanden, dass es in Italien kein „Glück der Unerreichbarkeit“ gibt. Für dieses Land wird mein Buch nie übersetzt werden. Ohne „Telefonino“ ist man hier ein Nichts. „Si?“ „Pronto!“

 

 

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264 Reaktionen

  1. 4. September 2008, 11:54 Uhr, von Mesm Gefällt 3 Lesern
    0251

    I think it’s a very interesting question, fx. is there a difference in the way male and female politicians or other media-related persons are portrayed in the media ?
    Fx. that women very often smile, while men more often have a tendency to look “serious??

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  2. 4. September 2008, 13:13 Uhr, von Noisa Gefällt 4 Lesern
    0252

    `Visuelle Kommunikation und Geschlecht´, `Frauen in Männerdomänen´, so langsam tut sich was, meine ich. Ich finde, es ist immer wieder eine Herausforderung, sich als Frau unter vielen `wichtigen´ Männern zu tummeln. Sicher, ein angenehmes äußeres Erscheinungsbild wird von den Gesprächspartnern gerne wahrgenommen. Mit einer freundlichen Art kommt frau auch besser an, als als dröge, besserwisserische Feministin. Aber manche Herren über 55, teilweise auch über 50, die tun sich etwas schwerer… Die über 60-jährigen will ich mal (fast) ganz ausklammern…

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  3. 4. September 2008, 14:00 Uhr, von Dowanda Gefällt 3 Lesern
    0253

    @noisa
    Gebe Dir recht, ist auch meine Erfahrung mit männlichen Gegenübern, ohne jetzt alle über einen Kamm scheren zu wollen.
    Das ganze beschleunigt sich dann noch zusätzlich durch den steigenden Anteil von Beziehungs- und Scheidungsleichen im Alter über 50.

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  4. 4. September 2008, 14:10 Uhr, von Noisa Gefällt 2 Lesern
    0254

    Oh, gefrustete Männer in der Midlife-Crisis können mit Frauen, die auf Anspielungen nicht abfahren und sachlich bleiben, gar nicht gut. (@Dowanda) Jetzt bremse ich mich besser, um nicht noch vom Gockel-Gehabe sprechen zu müssen…

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  5. 4. September 2008, 14:23 Uhr, von Lizzy Gefällt 4 Lesern
    0255

    @Noisa, Du mußt Dich nicht bremsen. Ich arbeite nur mit Männern zusammen. Und es sind alle Gockel.
    Leider erzählen sie mir nicht, wie sie sich zu Hause benehmen. Garantiert ganz anders als hier, als mir gegenüber.

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  6. 4. September 2008, 14:27 Uhr, von Isabelle Gefällt 4 Lesern
    0256

    Zum Thema Midlife-Crisis fällt mir ein Satz vom guten alten Vicco von Bülow ein:
    „Die Eintagsfliege wird
    bereits zwölf Stunden
    nach ihrer Geburt von
    ihrer Midlife-Crisis erwischt.
    Das muss man sich mal klarmachen!“

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  7. 4. September 2008, 14:32 Uhr, von Noisa Gefällt 3 Lesern
    0257

    Dann gibt es noch den `väterlichen Typ´, der frau unterstützen möchte, oder?

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  8. 4. September 2008, 14:38 Uhr, von Noisa Gefällt 3 Lesern
    0258

    „Eine interessante Aufgabe für die Kommunikationswissenschaft: Der Geschlechterdiskurs.“

    Wie wahr, @Walter.

    Stimmt, wir müssen miteinander reden. Frau sollte aber auch nicht Perlen vor die Säue werfen.

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  9. 4. September 2008, 15:17 Uhr, von Walter Gefällt 2 Lesern
    0259

    Welche Säue Noisa?

    Antworten
  10. 4. September 2008, 16:21 Uhr, von Noisa Gefällt 4 Lesern
    0260

    Oh, Walter, schwierig, schwierig. Sorry, ich muss jetzt gleich zu Madonna…

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  11. 4. September 2008, 17:09 Uhr, von Isabelle Gefällt 4 Lesern
    0261

    @ Noisa
    Dann viel Spass bei der „alten“ Dame. War in Berlin dabei – direkt an der Bühne – war super, auch wenn ich irgendwann meine Füße nicht mehr gefühlt habe.

    Habe letztens ein sehr interessantes Buch von Robert W. Connell (inzwischen ist er ne sie;-) gelesen – mit dem Titel „Der gemachte Mann. Konstruktion und Krise von Männlichkeiten.“ Es war wirklich mal spannend das Geschlechterverhältnis aus einer anderen Perspektive analysiert zu bekommen, als aus der Feministischen.

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  12. 4. September 2008, 19:12 Uhr, von Walter Gefällt 4 Lesern
    0262

    Viel Spaß Noisa.
    Ich möchte ja nur ein wenig provozieren. Nach meiner Wahrnehmung herrscht zwischen Frauen Und Männern was das Selbst- und Rollenbild angeht und die jeweilige Abgleichung zum Zwecke der gedeihlichen Gemeinsamkeit und des gemeinsamen Wachsens, immer noch und vielleicht mehr als vor 20 oder 30 Jahren Sprachlosigkeit.
    In den 70 er- und 80 er- Jahren waren die Rollen offener, verletzlicher aber eben offener. Uns fehlt ein gemeinsamer öffentlicher Dialog, nicht übereinander sondern miteinander, bevor sich Frauen und Männer noch mehr voneinander entfernen und nur noch in den Erzählungen von Oswald Kolle oder auf Wolke 9 zusammenfinden.
    Vielleicht sehe ich das falsch und einseitig, aber ich stehe nicht ganz allein mit dieser Beobachtung.

    Wo sollen die neuen Rollenbilder herkommen, die die Feministinnen einfordern, wenn nicht aus dem gemeinsamen Dialog und dem Erleben? [Diese Frage blieb bisher offen. Ich habe noch keine Antwort darauf, auch nicht von Iris Radisch, die sich vielleicht immer noch darüber Gedanken macht.]
    Alles Andere, auch die Pläne von Ursula von der Leyen ist nur ein Abarbeiten der Symptome. Sie gehen nicht an die Ursachen, sind aber trotzdem hilfreich, weil sie die Bedingungen der jungen Familien verbessern und ihnen helfen, für sich nach Lösungen zu suchen.

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  13. 4. September 2008, 19:35 Uhr, von Isabelle Gefällt 4 Lesern
    0263

    Ja @Walter, ich sehe das genauso. Wie brauchen einen Dialog. Aber schau dir doch die ganzen Medienangebote an. TV-Shows die Titel tragen wie „Er sagt, sie sagt“ oder „Typisch Mann, typisch Frau“ oder auch die ganzen populärwissenschaftlichen Bücher „Warum Männer nicht zuhören und Frauen schlecht einparken“ etc. diese ganzen Angebote arbeiten mit Stereotypen und Klischees ohne dabei ein gesellschaftliches Bewusstsein dafür zu schaffen, dass es sich eben nur um stereotypisierte Rollenbilder handelt.

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  14. 5. September 2008, 8:41 Uhr, von Noisa Gefällt 3 Lesern
    0264

    Danke, @`Isabelle´ und `Walter´. Madonna hat eine riesige Show in Düsseldorf abgeliefert. Ich wollte sie einmal live erleben. Ich fand´s großartig, auch wenn ich ihre Musik kaum höre. Kein anderer Künstler kann sich nach meinem Empfinden so in Szene setzen wie Madonna.

    Isabelle, ich hatte nicht ganz soviel Glück mit dem Platz. Meine Freundin und ich hatten nämlich unterschiedliche Platzkarten. Wir hätten quasi gegenüber in der riesigen Arena gesessen. So mussten wir uns durch die besetzten Sitzreihen quetschen, wurden von den ersten beiden Sitzplätzen verscheucht, nachdem die Karteninhaber kamen, haben es aber schließlich geschafft, aus der Vogelperspektive von ganz hinten das Konzert sehen zu können. Wir haben unsere Höhenängste dabei überwinden können.

    Rollenklischees aufzudröseln ist ein ganz spannendes Thema, finde ich.

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