MM_Obama
Zu den Kommentaren
12. September 2008, 17:58 Uhr, Geschrieben von Miriam Meckel

Die Gewählten und die Erwählten

Amerika hätte eine demokratische Präsidentin wählen können und kann noch eine republikanische Vizepräsidentin bekommen. Das ist ein gutes Stück Fortschritt in Sachen Frauenpower in der Politik. Frauen sind präsidiabel und repräsentabel geworden. Auch die Politik, in den meisten Staaten der Welt noch immer das konservativste und daher für die Gleichberechtigung der Frauen am wenigsten zugängliche System, hat sich geöffnet für eine eigenständige Rolle der Frau in der Repräsentation und Gestaltung von Macht.

Ein etwas genauerer Blick auf den Unterschied zwischen Hillary Clinton und Sarah Palin zeigt allerdings, dass diese Schlussfolgerung im zweiten Teil nicht ganz stimmt. Wofür stehen die beiden?

Hillary Clinton ist eine Kämpferin. Sie wollte erste US-Präsidentin werden und hat schwer daran zu tragen, dass ihr dieses zu Anfang als realisierbar geglaubte Ziel durch einen politischen Newcomer und Senator aus Illinois zerstört wurde. Sie hat einen engagierten, zuweilen harten Wahlkampf geführt, der auch den Konkurrenten aus der eigenen Partei nicht geschont hat. Einem Mann wäre das als Durchsetzungsfähigkeit ausgelegt worden, ihr hat es geschadet. Sie hat mehr als 18 Millionen Wählerstimmen in den Primaries gesammelt und ist für viele ihrer Anhängerinnen zur echten Hoffnungsträgerin geworden – eine Frau, die politisch gestalten kann und will. Diese Unterstützerinnen sind nun so enttäuscht, dass fast die Hälfte von ihnen eher John McCain wählen will als Barack Obama die Stimme zu geben.

Warum denn bloß? Ist die Silbermedaille nicht Sieg genug? Der Beweis dafür, dass eine Frau das Zeug zur Präsidentschaftskandidatin hat, auch wenn sie es dann nicht wird? Sind das nicht die Spielregeln des politischen Systems?

Sie sind es und Hillary Clinton hat sie verstanden. Am 26. August hielt sie eine bemerkenswerte Rede auf der Democratic National Convention, vielleicht die eindrucksvollste ihres politischen Lebens. Sie unterstützt nun Barack Obama und hat ihre Anhänger aufgefordert, es ihr gleich zu tun.

Der 26. August war übrigens ein Jahrestag, der 88. Geburtstag des Frauenwahlrechts in den USA. Seit 88 Jahren dürfen Frauen wählen. Gewählt werden dürfen sie noch immer nicht. So wie die Einführung des Frauenwahlrechts nicht nur eine historische politische Entscheidung war, sondern ein symbolischer Wendepunkt in der Gleichberechtigung von Frauen und Männern, so wäre auch eine erste US-Präsidentin beides gewesen. Und sie hätte den Beweis erbracht für das gesetzliche und tatsächliche Recht der Frauen zu wählen und gewählt zu werden. Das weibliche politische Moment hätte sich vom passiven zum aktiven verwandelt.

Sarah Palin wird nicht gewählt, dieser Akt ist dem eigentlichen Kandidaten der Republikaner vorbehalten (und Alaska ist nicht Amerika). Aber sie ist erwählt worden, als Repräsentationsfigur des konservativen, familienidyllischen und sauberen Amerikas. „Babys, Waffen und Jesus“, wie sie der konservative Radiotalker Rush Limbaugh beschreibt und es als Kompliment meint.

Einmal hat John McCain sie angeblich getroffen, einmal haben die beiden telefoniert – ein Auswahlprozess, der nahelegt, dass es sicher zuvorderst die politischen Ansichten und Qualifikationen gewesen sind, nach denen Palin nominiert worden ist. Es mag sein, dass sie eine gute Vizepräsidenten abgeben könnte. Vielleicht gelingt es ihr sogar, die Erkenntnis darüber, dass das Private immer auch politisch ist, in einen Satzpunkt zu verwandeln. Zum Symbol für Frauen in der Politik taugt sie nicht.

Hillary Clinton ist die Jeanne d’Arc der politischen Emanzipation, Sarah Palin die politische Jungfrau, die von ihrem Gönner in die Manege geführt wird. Es ist schon ein Lehrstück der Gleichberechtigung, dass wählen und gewählt werden können für Frauen auch in 88 Jahren nicht zu einem einheitlichen faktischen Recht werden konnten.

 

 

317 Reaktionen

  1. 18. September 2008, 13:23 Uhr, von Noisa
    0301

    (Gestern hatte ich noch überlegt: Wann `spricht´ hier jemand von Zipi Livni? Eine komische Type, mit der nicht gut Kirschen essen ist. Ich lese hier erstmal mit…)

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  2. 18. September 2008, 13:32 Uhr, von Fabian
    0302

    Jette, ich bin hier doch bloß Quoten-Mann :-) Lies doch meinen Abschnitt mal genauer, Schätzeken.

    Was mich nur gerade wundert, dass Frauenversteher so extrem abwertend benutzt wird. Ehrlich gesagt, ich finde beides wichtig: Männerversteher und Frauenversteher, jetzt mal im Wortsinn genommen. Ich mag diese pseudointeressierten Männer auch nicht, aber Männer, die sich wirklich für die Belange und Sorgen von Frauen interessieren, finde ich schon sehr klasse.

    Ich lerne vieles, wenn ich mich mit Männern/Frauen unterhalte und vice versa.

    Männer ticken in manchen Bereichen etwas anders, das ist sexuell, aber auch vielfach schlichtweg soziologisch begründet – was im übrigen nicht heisst, dass Frauen nicht auch ähnlich ticken (Auch Frauen können beispielsweise eine männliche Sexualität haben.), nur wird vieles historisch und gesellschaftlich bedingt, den Männern eher zugestanden. Vor allem im Bereich der Sexualität. Es war/ist z.B. völlig selbstverständlich für viele Männer, in Frauen in erster Linie Sexobjekte zu sehen und sie entsprechend zu bewerten – ich will jetzt nicht tiefer ins Detail gehen, aber das schlägt sich auch und nicht zuletzt beruflich nieder. Umgekehrt ist das eher ungewöhnlich – wobei sich da ja auch schon einiges getan hat und Frauen sich auch das nehmen, was sie wollen. :-)

    Jedoch sind es jene Klischees, die ständig durch irgendwelche Clowns wie Mario Barth und Konsorten (Frauen können schlecht einparken, Männer schlecht zuhören) wiederholt werden, weil sie ja so witzig sind,
    die zu ungleichen Rollenverständnissen führen – neben einigen anderen Dingen.

    Es ist das Verharren in den festgefahrenen Denkmustern, weil’s ja so einfach und so gemütlich ist, Frauen schlüpfen einfach in ihr tradiertes Rollenmuster, Männer machen weiter wie bisher. Keiner muss sich großartig ändern oder umstellen, die Unternehmen nicht reagieren – funktioniert doch alles bestens! Was fehlt ist der Druck von unten, nur wenn eine breite Masse an Männern und Frauen sagt, wir machen diese berufliche Ungleichbehandlung nicht mehr mit, wird sich was ändern.

    Hier müssen sich auch viele Frauen an die eigene Nase fassen, die oftmals nach Studium und Beruf die KKK-Weibchenrolle einer Rolle als emanzipierte, gebildete, berufstätige Frau bevorzogen – oftmals, weil es schlichtweg die bequemere ist.

    Wir müssen dringend brechen mit den Stereotpyen. Das ist anstrengend, das ist nervig, das bedeutet Unsicherheit, das erfordert ein Zulassen von neuen Eindrücken und neuem Denken, Diskussionen, Gesprächen, Mühe und Arbeit an sich selbst, das ist ungewiss und neu, aber es ist eine spannende und für alle bereichernde Herausforderung. UMDENKEN ist angesagt!

    Wir müssen ganz dringend brechen mit Aussagen wie Frauen können das eben nicht, weil die so emotional sind und so labil, so dass am Ende des Tages alle sagen: Na seht ihr, also muss alles so bleiben wie es ist! Eben nicht!

    Zur Verfestigung dieser Klischees tragen leider auch die Medien in hohem Maß bei:

    Katrin Wilkens wirft der Mehrheit der deutschen Frauenzeitschriften „subkutane Komplexinjektion“ vor: Sie verbreiteten eine klischeehafte Weltsicht, wonach Frauen „schön, aber labil“ sind und es im Leben hauptsächlich darum gehe, „anderen zu gefallen“. Dabei würden „erst Komplexe generiert und anschließend gönnerhaft therapiert“.
    „impresso“, Seite 22-25

    Ui, vielleicht sollte ich mir das mit der Politik doch noch überlegen …

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  3. 18. September 2008, 13:44 Uhr, von Fabian
    0303

    Tja und da stellt sich erneut die Frage: Was mögen die Frauen an einer Person wie Palin? Was die Männer? Und warum? Sie trifft wohl – im Gegensatz zu Hillary Clinton – stark den Nerv beider Geschlechter.

    Die Harvard-Dozentin Barbara Kellerman meint auf SPON dazu:

    „Das reicht nicht als Erklärung. Wir hatten schon starke weibliche Politikerinnen, allen voran Hillary Clinton. Warum fasziniert uns Palin so? Ich glaube, sie ist die erste US-Politikerin, die zwei entscheidende Fähigkeiten vereint: Sie wirkt hart wie ein Mann – sie schießt Elche, sie regiert in Alaska. Aber sie ist auch ganz Frau – schön, attraktiv, Mutter von fünf Kindern.“

    (…)

    „Kurz nach Palins Benennung hätte ich Ihnen noch gesagt, dass ihre Popularität wohl abnehmen wird, sobald die Amerikaner sie besser kennenlernen. Aber mittlerweile sehe ich das anders. Ihre Popularität wird anhalten. Ihre Auftritte zeigen: Als Politikerin ist sie einfach sehr gut. Sehr schlau.“

    Bemerkenswert ist ja insbesondere der letzte Satz. Was braucht es also, um eine gute Politikerin zu sein?

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  4. 18. September 2008, 14:05 Uhr, von Janna
    0304

    und Palin stärkt anscheinend das Selbstvertrauen der Amerikaner eher als Obama. Ein weit entfernter Bekannter von mir, Ami, verkündete letztens, McCain zu wählen. Warum ? Weil er das Gefühl hat, der konservativen Politik mehr vertrauen zu können. Und das ist der Punkt, wo logische Argumentation schwierig wird- erst recht für uns Deutsche schwierig nachzuvollziehen, die wir eher ein distanziertes Verhältnis zu unserem Land pflegen. Die Anzahl derer zwischen West,- und Ostküste, die das heimelige Wohlgefühl beim Hissen der Fahne wertschätzen (inkl. dem üblichen „We are strong, we are pround and we want to serve our country“) ist doch immens hoch. Erstaunlich finde ich nur, das viele in diesem Land zwar die Jobs wechseln wie andere Unterwäsche (der Bekannte hat in den letzten 5 Jahren 4 verschiedene Jobs aus völlig unterschiedlichen Bereichen gehabt), bei den traditionellen Wertvorstellungen, was die Identität des eigenen Landes angeht, ist Flexibilität und Wandungsbewußtsein dagegen nicht so gerne gesehen.
    @Fabian, zu deiner letzten Frage: ich habe nicht das Gefühl, dass man sie rational beantworten kann.
    Für mich bleibt es eine Mischung aus Bauchgefühl, Vertrauen und Massenbegeisterung, garniert mit eine gewissen Medienhysterie.

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  5. 18. September 2008, 14:16 Uhr, von Susanne
    0305

    Fabian,

    bist ja ein schräges Vögelchen… Ich bin gerade zu faul, um in die Diskussion einzusteigen, aber eine Frage hätte ich doch (und die führt dann auch wieder ein wenig in Richtung Ausgangs-Blogeintrag): Wie kommst du auf die Idee, dass in der CDU mittlerweile Frauen das Sagen hätten?

    Abgesehen davon habe ich manchmal den Eindruck, dass zwar die Rollenklischees wieder schwer en vogue sind und ständig mit Mann-Sein und Frau-Sein kokettiert wird, sich dasselbige aber nur noch in reinen Äußerlichkeiten wie Highheels und Glamour-Lesen einerseits und Drei-Tage-Bart/Glatze/dicke Muckis und FHM-Lesen andererseits erschöpft – hinter dieser Charaktermaske leben dieselben Idioten.
    Auf Politiker/innen übertragen heißt das: Sie scheinen unterschiedlich zu sein, sind aber de facto die selben gerissenen Luder – egal ob männlich oder weiblich. Ich bewerte jedenfalls Männer und Frauen nach exakt den selben Maßstäben und schätze exakt dieselben Eigenschaften an ihnen und lehne dieselben auch ab.

    Tja, und jetzt hab ich doch wieder ein wenig gemotzt – muss an meiner Müdigkeit liegen :-)

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  6. 18. September 2008, 14:55 Uhr, von Susanne
    0306

    Nehme oben Gesagtes wieder halb zurück und behaupte das Gegenteil. Ich habe wohl bloß gerade ein wenig die Schnauze voll von Gender-Themen. Laßt uns lieber über Schönheit und Weltfrieden sprechen ;-)

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  7. 18. September 2008, 15:20 Uhr, von Fabian
    0307
    Antworten
  8. 18. September 2008, 15:51 Uhr, von Noisa
    0308

    Prost: http://tinyurl.com/4athmv

    (Auch ein Schlückchen für S. Palin.)

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  9. 18. September 2008, 15:59 Uhr, von Walter
    0309

    Prost, um des lieben Friedens Willen.
    Mit diesem Wespennest- allegorisch- habe ich nicht gerechnet.
    Jette, meine Ansätze sind weniger feministisch als egalitär. Susanne sagt dies etwas drastischer.
    Es bleibt dabei: Alle anders, alle gleich – und doch nicht…

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  10. 18. September 2008, 16:14 Uhr, von Antje
    0310

    So, und nächste Woche gehen dann auch andernorst die heißen Debatten los ;-)

    21:00 Uhr Mitteleuropäischer Zeit.
    Ich denke, dass CNN Europa übertragen wird.

    Ich schätze, nach den ersten beiden Debatten wird sich schon eine Entscheidung abzeichnen, denn dann haben beide Präsidentschaftskandidaten und beide Vizepräsidentschaftskandidaten einmal gesprochen.

    Here is a break down of what each debate will consist of:

    1. First Presidential Debate: – Date: September 26 – Site: University of Mississippi – Topic: Domestic and Economic policy – Moderator: Jim Lehrer – Staging: Podium debate – Answer Format: The debate will be broken into nine, 9-minute segments. The moderator will introduce a topic and allow each candidate 2 minutes to comment. After these initial answers, the moderator will facilitate an open discussion of the topic for the remaining 5 minutes, ensuring that both candidates receive an equal amount of time to comment

    2. Vice Presidential Debate – Date: October 2nd – Site: Washington University (St. Louis) – Moderator: Gwen Ifill – Staging/Answer Format: To be resolved after both parties’ Vice Presidential nominees are selected.

    3. Second Presidential Debate – Date: October 7 – Site: Belmont University – Moderator: Tom Brokaw – Staging: Town Hall debate – Format: The moderator will call on members of the audience (and draw questions from the internet). Each candidate will have 2 minutes to respond to each question. Following those initial answers, the moderator will invite the candidates to respond to the previous answers, for a total of 1 minute, ensuring that both candidates receive an equal amount of time to comment. In the spirit of the Town Hall, all questions will come from the audience (or internet), and not the moderator.

    4. Third Presidential Debate – Date: October 15 – Site: Hofstra University – Topic: Foreign Policy & National Security – Moderator: Bob Schieffer – Staging: Candidates will be seated at a table – Answer Format: Same as First Presidential Debate – Closing Statements: At the end of this debate (only) each candidate shall have the opportunity for a 90 second closing statement.

    All four debates will begin at 9pm ET, and last for 90 minutes. Both campaigns also agreed to accept the CPD’s participation rules for third-party candidate participation.

    Each debate will be broadcast on the major broadcast networks, including CBS, NBC, ABC, and FOX. They will also be aired on cable news channels such as CNN, MSNBC, Fox News, and C-SPAN.

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  11. 18. September 2008, 16:55 Uhr, von Antje Gefällt einem Leser
    0311

    Vielleicht ein wenig „off topic“, aber sehr interessant.

    – religion and „the life issue“ –

    Aus zwei Perspektiven und zwei Kulturkreisen:

    http://tinyurl.com/4ab8vh

    http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,579024,00.html

    Antworten
  12. 18. September 2008, 16:55 Uhr, von Antje
    0312

    Vielleicht ein wenig “off topic?, aber sehr interessant.

    – religion and “the life issue? –

    Aus zwei Perspektiven und zwei Kulturkreisen:

    http://tinyurl.com/4ab8vh

    Antworten
  13. 18. September 2008, 16:55 Uhr, von Antje Gefällt einem Leser
    0313
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  14. 22. September 2008, 20:13 Uhr, von Mesm
    0314
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  15. 22. September 2008, 20:50 Uhr, von Mesm Gefällt 2 Lesern
    0315
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  16. 22. September 2008, 21:16 Uhr, von Mesm Gefällt einem Leser
    0316

    …since “we? are finished with this posting I hope I will be forgiven for bending the “rules? and playing a little ;-) ………..and this one too…;-)

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  17. 22. September 2008, 21:33 Uhr, von Mesm
    0317

    What is the name of the capital of Alaska? ;-)

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