MM_Blake
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30. September 2008, 9:15 Uhr, Geschrieben von Miriam Meckel

Faktizität und Geltungssucht

„Walk your talk“, so lautet einer der US-amerikanischen Lieblingslebensweisheiten. Rede nicht nur, sondern handle auch entsprechend. Allgemeiner gesprochen: Zwischen Sein und Schein, zwischen Faktizität und Geltung braucht es eine Verbindung, sonst geht etwas schief. Welche Schieflage die gebrochene Verbindung von Sein und Schein hervorbringen kann, lässt sich derzeit erschreckend klar an den Finanzmärkten beobachten.

Der übliche „Talk“ an der Wallstreet und den Finanzplätzen in London oder auch Zürich erstirbt. Da ist nicht mehr von den „Megadeals“ die Rede, von den Millionen-Boni und von Luxusappartements, Luxusautos oder Luxusuhren. All das waren die Hauptthemen an den Tresen des nachbörslichen Biers. Sie gehörten als Symbole einer auf schönen Schein gebuchten Berufsgruppe zum Alltagsbild der Finanzplätze. An ihrer Statt schicken die Fernsehsender nun andere Bilder rund um die Welt: Männer mit verschwitztem Gesicht, hoch gekrempelten Ärmeln und gelockerter Krawatte verlassen mit einem Karton voll ihres persönlichen Hab und Guts die Bankenbüros und ziehen durch die Strassen. Ein Exodus aus den gelobten Landmarken des globalen Kapitalismus.

Das alles hat sehr viel mit dem „Talk“ zu tun, mit der kommunikativen Inszenierung, die über Jahre die Finanzbranche und ihre Marktplätze beherrscht hat. Die daran Beteiligten haben sich den Schein der Unverwundbarkeit gegeben, des ewigen Erfolgs und der grenzenlosen Kreativität im Erfinden neuer Finanzprodukte, die ihre Erfinder irgendwann selbst nicht mehr verstanden haben. Solange diese Produkte reissenden Absatz fanden, waren alle glücklich. Den Märkten aber ist es ab einem bestimmten Zeitpunkt nicht mehr egal, ob sich zwischen der Fiktion unendlichen Wachstums und der Faktizität mangelnder materieller Absicherung, sprich zwischen Buchwert und tatsächlichem Wert, ein schwarzes Loch auftut. In diesem Loch verschwinden derzeit ganze Bankhäuser, Versicherungen und zehntausende von Arbeitsplätzen. Eine Blase platzt, nicht zum ersten Mal wie uns die Geschichte der Kapitalmarktcrashs seit der Tulpenkrise 1637 lehrt.

Konstruktion und temporäre Gültigkeit des Kapitalmarktmythos erfolgen über Kommunikation. Und Kommunikation ist ebenso volatil wie die Unmengen an virtuellem Geld, die sich wie eine Welle aufgetürmt haben und nun wiederum über dem Kapitalmarkt zusammenbrechen. Die Folgen von Kommunikations- und Kapitalblasen sind also sehr faktisch und nicht mehr wegzureden. Diejenigen, die lange an dem Mythos mitgewerkelt haben, werden nun mit den Folgen ihres Handelns konfrontiert. „Wir sind mitten in einem Markt, der von Angst und Gerüchten kontrolliert wird“, beschwert sich John Mack, Chef der Investmentbank Morgan Stanley. Wenn er das erst jetzt verstanden hat, war er der falsche Mann am Platz. Wenn er es verstanden, aber nicht gehandelt hat, gilt Gleiches.

Die Immobilienkrise als Anfang allen derzeitigen Übels war nie politisch gewollt, aber dennoch ermöglicht. Als politische Inszenierung und Materialisierung des amerikanischen Traums von der eigenen Familie im eigenen Häuschen hat die US-Regierung vor Jahren ein Programm ausgelegt, dass es jedem möglich machen sollte, ein Eigenheim zu erwerben. Das zu fördern war nicht zuletzt Aufgabe der beiden Hypothekenkonzerne Fannie Mae und Freddie Mac, die inzwischen unter staatlicher Zwangsverwaltung stehen.

Nicht nur diese beiden Finanzkonzerne offenbarten dabei zuletzt eine abenteuerliche Kluft zwischen Schein und Sein in ihrem „Leverage“, also dem Verhältnis zwischen Eigenkapital und geliehenem Geld. Diese Relation hatte sich bei einigen Finanzmarktakteuren auf bis zu 1:40 aufgeschaukelt. Das bedeutet: Auf jeden eigenen Dollar kommen 40 geliehene.

Welche Rolle spielt nun der Staat, um die verkorkste Inszenierung der Kapitalmärkte wieder ins Lot zu bringen? Er übernimmt die Hauptrolle und inszeniert seinerseits. Hypothekenkonzerne werden unter staatliche Kuratel gestellt, den Versicherungskonzern AIG hat die FED mit 85 Milliarden US-Dollar vorerst gerettet, die Investmentbank Lehman Brothers hingegen liess die US-Regierung in die Pleite rutschen. Offenbar werden die finanzmarktpolitischen Konsequenzen in diesem Fall für weniger gravierend gehalten. Dafür ist das von der Regierung gesendete Signal deutlich: Passt auf, wir holen nicht immer für Euch die Kohlen aus dem Feuer! Schade für Lehman, dass die Bank nicht ganz so viel Mist gebaut hat wie viele andere und ihre Probleme schon lange offen lagen. Deshalb gibt es sie bald nicht mehr. Diese Krise bestraft die grossen Inszenierer ökonomisch, aber belohnt sie derzeit politisch mit einem Rettungspaket über 700 Milliarden US-Dollar an Steuergeldern. Und ihre Hauptdarsteller nehmen diesen regulatorischen Treppenwitz der freiesten Marktwirtschaft der Welt gerne hin. Im Notfall widerspricht auch in den USA niemand der Betroffenen, wenn Gewinne privatisiert, Verluste aber sozialisiert werden.

Der Wettbewerb wirke als „Entdeckungsverfahren“, hat Friedrich August von Hayek, einer der grossen Wirtschaftstheoretiker, einst gesagt. Vielleicht entdecken die globalen Kapitalmärkte und ihre Protagonisten ja zwischenzeitlich, dass sich Sein und Schein nicht vollständig abkoppeln lassen. Faktizität und Geltung gehören zusammen, hat der deutsche Philosoph Jürgen Habermas einst zutreffend analysiert. Von Faktizität und Geltungssucht war nicht die Rede.

105 Reaktionen

  1. 1. Oktober 2008, 15:52 Uhr, von Ramona
    0101

    @Chiara, um auf Deine Frage zu antworten: Nein, damit kann ich nicht dienen. Ich weiß nur, welche Wunder die Physiotherapeuten bei schwierigen Sportverletzungen vollbringen können. Das ist schon toll.
    Aber für Dich kann ich ja die virtuelle Psychotherapeutin geben, wenn Du wieder mal durchhängst:-).

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  2. 1. Oktober 2008, 18:11 Uhr, von Siegmund
    0102

    Nachdem ich Bernhard Vogel gehört habe, habe ich die Fernsteuerung genommen und bin eingeschlafen.

    Es mutet nachdenklich an, wenn selbst Hans-Olaf Henkel hier die Dinge kritischer sieht als die beiden Vogel-Brüder, die hier nichts anderes als „Bei uns ist alles nicht so schlimm“ zu sagen haben.

    Ins Detail ging man Gott sei Dank nicht, aber jetzt wird mir klar, wieso man in diese Krise hineingeraten konnte. Entweder will die Politik die Defizite nicht sehen oder sie kann sie mangels Komeptenz nicht. Ein bißchen Selbstherrlichkeit ist auch noch mit dabei. Da kann einem Angst und bange werden.

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  3. 1. Oktober 2008, 19:22 Uhr, von Walter
    0103

    Wer viel Geld hat, kann spekulieren; wer wenig Geld hat, darf nicht spekulieren; wer kein Geld hat, muß spekulieren.
    André Kostolany

    Schein und Sein

    Gelassenheit, Humor und Zuversicht, besonders Geduld waren die Zutaten zu Kostolanys Erfolgsrezept.
    In der globalisierten beschleunigten Welt, die niemals schläft, zählen andere Werte. Da kann das Glück nicht erwartet, sondern es muss herbei gezwungen werden. Da reicht es auch nicht, auf die Produktivität eines Unternehmens und die Ingeniosität der Unternehmer zu setzen und den Erfolg über Jahre abzuwarten.
    Das schnelle Geld und der Shareholder Value verlangen die zynische Spekulation, die sich eben nicht auf das Sein der realen Werte sondern auf den Schein der virtuellen Dividende verlässt. ‚Alles, sofort!‘ Ein kollektiver Wahn- Unternehmen Babylon.(tinyurl.com/4aqn2o)

    PS: Amazon hat mir ‚Herzzeit: Ingeborg Bachmann – Paul Celan. Der Briefwechsel (Gebundene Ausgabe)‘ empfohlen- das wird langsam unheimlich.

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  4. 2. Oktober 2008, 13:24 Uhr, von Inge
    0105

    Jetzt bin ich freigeschaltet. Vielen Dank. Das Posting und die Kommentare sind überwiegend sehr niveauvoll. Beim Lesen ist bei mir was hängen geblieben. Ich traue mich nicht, hierzu schon was zu schreiben. Bei meinem Blog geht es eher um einfache Alltagsdinge.
    Hoffentlich wendet sich das Blatt zum Positiven! Ich bin immer ein sehr hoffnungsvoller Mensch.
    Weiteren Lesestoff gibt es von Frau Professor Dr. Meckel wie ich gerade gesehen habe. Es ist alles nicht lustig momentan.
    Ich habe schon Urlaub und wünsche Euch allen hier ein schönes, verlängertes Wochenende. :-))

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