MM_Blake
Zu den Kommentaren
28. Oktober 2008, 18:29 Uhr, Geschrieben von Miriam Meckel

Die große Verkrampfung

Ist es mutig, in diesen Tagen ein Magazin auf den Markt zu bringen, das titelt: „la crise n’existe pas“? Es ist vor allem ein journalistisches Vabanquespiel, das in diesem Fall leider ziemlich daneben gegangen ist. Die „Weltwoche„, die für den Schweizer Finanzmarkt und seine beiden Hauptakteure, UBS und CS, die „grosse Entkrampfung“ voraussah, erschien genau an dem Tag, an dem die Schweizer Bundesregierung das immense Hilfspaket für den Finanzplatz bekannt gab und das nun vor allem der UBS zugute kommt. Daraus lernen wir: Journalismus ist manchmal ein Spiel, in dem man alles auf eine Karte setzen kann. Tut man das, ohne die anderen Mitspieler zu beobachten, ist man womöglich schnell auf der Seite der Verlierer.

Darin unterscheiden sich Medien- und Finanzwelt gar nicht so sehr. Was wir derzeit an den Finanzmärkten erleben, erinnert in vielerlei Hinsicht an die Erkenntnisse, die wir aus den verschiedenen Varianten der ökonomischen Spieltheorie gewinnen können, z.B. aus dem Modell des nichtkooperativen Mehrpersonenspiels. Es beschreibt eine Spielform, bei der die Spieler keine bindenden Verträge schliessen können und bei denen sich die einzelnen Spieler nicht auf angekündigte Spielstrategien der jeweils anderen verlassen können. Anders gesagt: Jeder kann alles versprechen oder androhen, ob er schliesslich so oder anders handeln wird, zeigt erst das tatsächliche Verhalten im Spiel.

Die derzeitige Krise an den Finanzmärkten ist in doppeltem Sinne ein nichtkooperatives Mehrpersonenspiel, in ihrer Entstehung ebenso wie in ihrer Bewältigung. Natürlich haben viele Manager der Banken das Chaos kommen sehen. Natürlich haben sie gewusst, was es bedeutet, wenn sie ihre eigenen Finanzprodukte nicht mehr verstehen, geschweige denn sie den Kunden erklären zu können. Aber niemand hat das öffentlich gesagt. Hätte eine Bank die Karten auf den Tisch gelegt und verkündet, nunmehr nach neuen Regeln spielen zu wollen, um sich und die eigenen Kunden vor dem Erdrutsch in Sicherheit zu bringen, sie wäre unverzüglich aus dem Markt gefallen. Nicht mehr wettbewerbsfähig hätte die Einschätzung gelautet. Wenn alle Riesenrenditen und hohe zweistellige Ertragssteigerungen durch Derivate versprechen, ist der raus aus dem Spiel, der das nicht tut. Und so sind alle sehenden Auges in die Krise hineingeschlittert, wie Spieler, die bei „Monopoly“ einem Teufelskreis gleich immer aufs gleiche Feld kommen: „Gehen Sie ins Gefängnis“. Ins Gefängnis der eigenen Versprechungen.

Die zweite Ausprägung des nichtkooperativen Mehrpersonenspiels können wir derzeit in Deutschland beobachten. Die Regierung hat vor zwei Wochen eine riesiges Rettungspaket für die Banken beschlossen, doch keiner greift zu (bis auf die Landesbanken, mit denen der Staat jetzt sozusagen sich selbst rettet). Zu allem Übel hat der Chef der Deutschen Bank, Josef Ackermann, mit einem kolportierten Zitat unfreiwillig alle Mitspieler der Geschäftsbanken auf eine fragwürdige Ehrpusseligkeit eingeschworen: „Ich würde mich schämen, wenn wir in der Krise Staatsgeld annehmen würden.“ Mit diesem Satz hat Ackermann aus dem nichtkooperativen Mehrpersonenspiel ein Existenz gefährdendes Mikado gemacht: Wer sich zu erst bewegt, ist tot. Nicht in den Kategorien des Finanzmarktes, aber im Ansehen der Bankbranche.

Ein gutes altes Sprichwort lautet: Manchmal muss man Menschen zu ihrem Glück zwingen. In Deutschland trifft das derzeit zu. Denn wenn die Banken das Rettungspaket nicht in Anspruch nehmen, werden einzelne Bankhäuser über kurz oder lang in existenzielle Schwierigkeiten geraten. Der Staat muss also etwas tun, was in einem nichtkooperativen Mehrpersonenspiel als finale Massnahme vorstellbar ist: Er muss neue Spielregeln erlassen. Dazu gehört die verpflichtende Beteiligung der ganzen Branche am Rettungspaket.

In der Schweiz sieht das anders aus: Die UBS ist selbst an die Bundesregierung heran getreten und hat um Hilfe gebeten. Sie hat damit den ersten Schritt getan, ein nicht kooperatives in ein kooperatives Mehrpersonenspiel zu verwandeln, um die grosse Verkrampfung zu lösen. Dem geht eine Einsicht voraus: Wenn die Krise existiert, kann man nicht mehr alles auf eine, sprich: die eigene Karte setzen. Sie ist dann die Fahrkarte in den Untergang.

Be Sociable, Share!

118 Reaktionen

  1. 30. Oktober 2008, 21:16 Uhr, von Susanne
    0101

    @ Walter

    Ich nehme an sie reden- ganz unideologisch – über das Wetter. The Clouds are mean, the sky is low.

    @ Fabi
    du subversives Element :-D

    Antworten
  2. 30. Oktober 2008, 22:19 Uhr, von Walter
    0102

    Tatsachen schafft man nicht dadurch aus der Welt, daß man sie ignoriert.
    Aldous Huxley
    Wie konnte es soweit kommen, wenn so viele kluge Menschen einschließlich Helmut Schmidt die Katastrophe vorausgesehen haben?

    Frankfurt munkelt, dass alle Privatbanken gleichzeitig unter den Schirm huschen. Ist das schon das Zeichen der Vernunft oder nur Ausdruck einer gleich verteilten Panik? Wir werden sehen was geschieht und ob der Kreislauf des Geldes wieder in Schwung kommt. Wenn sich alle Banken gleichzeitig und ungefähr gleichviel Vertrauen leihen, hat es funktioniert.

    Antworten
  3. 30. Oktober 2008, 22:22 Uhr, von Mesm
    0103

    @Walter, „Bloggers anonymous? – maybe there is hope after all :-))

    Antworten
  4. 30. Oktober 2008, 23:04 Uhr, von Noisa
    0104

    OT:
    Zur IKB und Kfw-Bankengruppe habe ich noch diesen Link gefunden: http://tinyurl.com/6y5b6w

    (Herrn Merz kann ich gerade nicht ertragen. Und der Mann hat eigentlich eine gute Ausbildung genossen.)

    Antworten
  5. 30. Oktober 2008, 23:55 Uhr, von Walter
    0105

    Es bringt nichts, wenn immer wieder über die Banker und nicht mit ihnen geredet wird.

    Antworten
  6. 31. Oktober 2008, 0:08 Uhr, von Walter
    0106

    Das Konjunkturprogramm der Bundesregierung wirft Fragen auf: Wirtschaft oder Umwelt? Oder beides?
    Förderung der Autoindustrie mit oder ohne Senkung des CO2- Ausstoßes? Die Politik wird sich offenbaren und zeigen wo ihre wahren Prioritäten liegen.

    Antworten
  7. 31. Oktober 2008, 8:35 Uhr, von Dowanda
    0107

    Eine grosse Verkrampfung in den Innereien kriege ich bei diesen Schlagzeilen:
    „Mehr Geld für Bahnchefs“
    http://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/314/316200/text/

    Wofür, wenn ich fragen darf? In einer Zeit wo die Steuerzahlenden für die privaten und halbprivaten Hasardeure tief in die Tasche greifen müssen, muss die verstaatlichte Bahn nachziehen?

    Weil sie den Börsengang verhunzt hat, der so überflüssig wie in Kropf ist?

    Weil sie ein Drittel der ICE-Flotte nicht ordentlich gewartet hat?

    Weil kein Zug pünktlich kommt?
    (Mein Erlebnis mit der Deutschen Bahn: 4,5 Stunden Reisezeit zwischen Lindau und Stuttgart … sowohl hin als auch retour!!!)

    Weil es Bahncards für Reiche (unerschwinglich) und für Idioten gibt (bringt nichts)?

    Weil sie den Lok-FührerInnen für ihren verantwortlichen Job keine entsprechende Entlohnung gönnt, aber dafür die Chefetage fette Bonis einstreicht?

    Mir wallt das Blut bei sowas, echt …

    Antworten
  8. 31. Oktober 2008, 8:50 Uhr, von Fabian
    0108

    Man geht mir die Bankenkrise auf den Sack! Das ist, als wenn ich mein gesamtes Erspartes im Casino auf den Kopf haue, mir dann noch ein paar Kredite leihe und wenn alles weg ist (was beim Zocken immer sehr wahrscheinlich ist), gehe ich zum Staat und bitte darum, mir doch bitte großzügig aus der Patsche zu helfen, da es mit der wundersamen Geldvermehrung leider nicht so geklappt hat, wie ich mir das eigentlich vorgestellt hatte.

    Warum Helmut Schmidt es voraus gesehen hat? Weil er ein bodenständiger, bescheidener Mensch ist, der noch sowas wie ein Moralempfinden, sprich eine gesunde innere Bremse, hat

    Ich habe grundsätzlich nichts gegen Manager, aber die meisten sind doch menschliche Krüppel. Kein Wunder, wenn wir nur noch „funktionierende“ Wirtschafts(elite)Soldaten heranzüchten, die sonst nicht viel mitbekommen vom Leben und sich in ihrer Dunstglocke eingerichtet haben – aber jenes wichtig, wichtig Dunstglocken-Schicksal ereilt ja nicht nur Manager…

    PS Ackermann muss weg, das geht alles überhaupt nicht mehr, was dieser Mensch verzapft und welch schlechtes Bild er auf die Managerriege wirft – für mich ist er die Personifikation des durchtriebenen, selbstherrlichen und narzisstischen Managertypen, der die Wahrheit so wendet und dreht, wie sie ihm gerade passt, egal, was die anderen Denken mögen. Vom Victory-Zeichen über „Wir stehen am Anfang vom Ende der Krise“ bist zur jetzigen Rein-und-Raus-aus-den-Kartoffeln- Entwicklung, der Mann erzählt anscheinend nur Mumpitz.

    Polemik am Morgen vertreibt Kummer und Sorgen.

    Antworten
  9. 31. Oktober 2008, 9:01 Uhr, von Noisa
    0109

    „Polemik am Morgen vertreibt Kummer und Sorgen.“ Ja, für den, der das gerade `rausgebloggt´ hat. @Fabian, Dowanda, Eure Kommentare haben mich jedenfalls innerlich auf die Palme gebracht. Zum Wachwerden hätte ich mir den Kaffee heute wirklich schenken können. Wie gut, dass ich nichts gegessen habe. Es ist, nein, ich schreib es nicht…

    Antworten
  10. 31. Oktober 2008, 9:19 Uhr, von Fabian
    0110

    … ja nee, ist klar Noisia, tob dich hier nur weiter aus, rede mit dir selber und deinen zahlreichen Alter Egos und vertreibe den verbliebenen Rest auch noch. Dann hast du das Blog hier ganz für dich. Aber eines ist zumindest sicher: Der Walter bleibt treu!

    Ich bin blogmüde, oder um es mit Fontaine zu sagen: „Ruhe. Ruhe.“

    Antworten
  11. 31. Oktober 2008, 9:20 Uhr, von Noisa
    0111

    Vielleicht noch zu dem hier angesprochenen Duell zwischen dem „zuweilen unmotiviert auflachenden Merz“ und Lafontaine der Artikel von heute in der SZ:
    http://www.sueddeutsche.de/,tt6m1/kultur/290/316176/text/

    Hä, @Fabian, alles klar?

    Antworten
  12. 31. Oktober 2008, 9:20 Uhr, von Urs Bürgi
    0112

    @Noisa, moin, moin, vielleicht erheitert Dich, dass ich „dann mal weg bin“, da mein Beitrag über die Kriterien zur Auswahl von Ministerinnen in Bayern, zitiert aus der Süddeutschen Zeitung (SZ), hier (weg-) zensiert wurde, geht es mir wie im Prozess von Kafka. O.k. Have a good time, und es machte Spass, mit euch zu diskutieren.
    @Martina: io sono una donna, ciao.

    Antworten
  13. 31. Oktober 2008, 9:22 Uhr, von Inge
    0113

    Guten Morgen, Fabian, was ist los, ist alles ok?

    Antworten
  14. 31. Oktober 2008, 9:24 Uhr, von Noisa
    0114

    @Urs(ula), wenn Du gehst, dann geh ich auch. Bleib bitte! Du hast mir auch so nette Grüße bestellt. Danke dafür! Nette Grüße zurück!

    Antworten
  15. 31. Oktober 2008, 11:53 Uhr, von Ramona
    0115

    @Dowanda, Du hast Recht. Ich habe morgen eine Trainer-Weiterbildung in Augsburg. Geplant war, dass ich mit der Bahn fahre. Nur die DB hat immer noch unverständliche Fahrplanänderungen, wegen der ICE-Überprüfungen. Die haben es immer noch nicht geschafft, ausreichende Entlastungszüge für die ICE einzusetzen. Bei 2 h reiner Fahrzeit, darf ich ab Leipzig 3x umsteigen, in übervolle Züge, wenn möglich noch Stehplatz. Und das bei den Preisen. Danke!
    Ich hab gestern noch Winterreifen aufziehen lassen und düse gleich mit dem Auto Richtung Bayern.
    Bei uns ist ja Feiertag und langes Wochenende, Stau vorprogrammiert. Das wollte ich eigentlich umgehen.

    @Fabian, @Noisa und @Urs atmet mal tief durch. Bitte nicht aussteigen. Ich bewundere sehr, wie Ihr hier Eure klugen Gedanken formuliert und austauscht. Das darf nicht aufhören.
    MM hat schon eine neues Thema zur Diskussion gestellt.

    Ich wünsche Euch allen ein schönes Wochendende.

    Antworten
  16. 31. Oktober 2008, 12:37 Uhr, von Walter
    0116

    Fabian, deinen Zorn auf Manager kann ich nachvollziehen.
    Etwas ändern wird sich vor allem wenn sie sich ändern. Dies wird schwer und geht nur den Weg über Selbsterkenntnis und Einsicht. Allein werden sie es nicht schaffen und indem wir sie heftig beschimpfen machen wir es ihnen und uns nicht leichter.
    Ich finde CEO Josef Ackermann sollte (!) bleiben und sich auf eine faire Diskussion über seine Ideen und Taten einlassen. Dies ist er uns als Gesellschaft und besonders seinen Kunden schuldig.
    Wir alle können daraus nur lernen – und das sollten wir auch.

    „Ruhe. Ruhe“ tut gut, es wird sonst von allen Seiten- wirklich nicht nur und nicht am meisten hier- zuviel.

    Antworten
  17. 31. Oktober 2008, 12:48 Uhr, von Walter
    0117

    Ja natürlich: Rechner können uns nicht das Denken abnehmen, denn sie können (noch) nicht so denken wie wir.

    Antworten
  18. 31. Oktober 2008, 13:32 Uhr, von Noisa
    0118

    Danke, @Ramona. Und ebenfalls ein nettes Wochenende!

    Antworten


© Miriam Meckel 2002 bis 2017