MM_Franklin
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31. Oktober 2008, 10:12 Uhr, Geschrieben von Miriam Meckel

Der Toujourismus

Anfang September brach der Börsenkurs von United Airlines um 75 Prozent ein. Innerhalb von gut zehn Minuten waren mehr als eine halbe Milliarde Dollar vernichtet, die Aktie wurde über Stunden vom Börsenhandel ausgenommen. Ursache war eine Meldung über den drohenden Konkurs der Fluggesellschaft. Wer nicht genau hingeschaut hat, konnte denken, dieses Ereignis gehöre zu den Wirren an den Kapitalmärkten, die derzeit eine Horrormeldung nach der nächsten produzieren. Wer genauer hingeschaut hat, konnte lernen, wie Journalismus sich in der Google-Welt verändert und welche Konsequenzen diese Veränderungen haben können.

Was war geschehen? Ein Computerprogramm, mit dem Google die Websites der Zeitungen durchsucht, hatte die Meldung über den drohenden Konkurs von United Airlines im „Sun Sentinel“ des Tribune Konzerns gefunden und sie mangels Datumsangabe auf dem Archivtext einfach tagesaktuell datiert. So stand United Airlines am 6. September zum zweiten Mal in der Unternehmensgeschichte vor dem Konkurs, diesmal virtuell. Vor sechs Jahren war die Fluggesellschaft tatsächlich vom Konkurs bedroht. Das Google-Programm hatte dies mal eben in aktuelles Geschehen transformiert.

Als solches ist die Meldung dann auch weiter behandelt worden. Der drohende Konkurs von United Airlines interessierte viele Menschen, die im Netz auf die Meldung stiessen. Und je mehr Websurfer sich den Text ansahen, desto wichtiger wurde die Meldung: „most viewed“ ist „most important“ – so funktioniert die Zuweisung von Relevanz im Googlesystem. Und was im Netz so richtig in Fahrt gekommen ist, das springt auch regelmässig über auf andere Medien. In diesem Fall listete ein Newsletter des Finanzdienstleisters Bloomberg United Airlines unter den in Konkurs gegangenen Firmen auf. Da war es um die Aktie dann endgültig geschehen.

Der Fall United Airlines ist Ergebnis einer Verkettung unglücklicher Umstände. Diese Verkettungen sind allerdings nicht mehr rein zufällig, sie haben in der vernetzten Mediengesellschaft System. Wenn der erste Fehler begangen ist, folgen die weiteren in erbarmungsloser Konsequenz. Fehlendes Datum, aktuelle Neudatierung, wachsende Nutzung der Sensationsmeldung im Netz, Verlinkung zu anderen Medien, bis hin zu Ankäufen und Verkäufen von Aktien, die wiederum computergesteuert automatisch ablaufen, ohne dass sich noch jemand vergewissern würde, ob die Faktenlage stimmt und die getroffenen Entscheidungen richtig sind.

Ich lehre immer noch in meinen Vorlesungen, dass Journalismus die Aufgabe hat, der Öffentlichkeit aktuelle und relevante Themen zur Verfügung zu stellen, mit Hilfe derer sich die Gesellschaft zeitlich, sachlich und sozial synchronisieren kann. Dazu braucht es Menschen, die gelernt haben, wie so etwas professionell geht, welche ethischen Fragen dabei wichtig sind, und die bereit sind zu recherchieren.

Im Google-Journalismus sind Menschen immer seltener die Handelnden. Eine entschuldigende Medienmitteilung des Tribune-Konzerns zum Fall United Airlines lautet: „Es sieht so aus als habe niemand, der die Geschichte weiter reichte, sich die Mühe gemacht, sie zu lesen.“ Lesen hätte geholfen! Aber das können eben Menschen immer noch sehr viel besser als Computer.

Im Google-Journalismus gibt es keine Aktualität mehr, keinen Unterschied zwischen gestern und heute. Das Web macht aus dem tagesaktuellen Journalismus einen „Toujourismus“. Das Netz vergisst nichts, in ihm ist alles gegenwärtig, gleich aktuell und wichtig. Und sollte es mal ein Datum vermissen, wird flugs ein neues zugewiesen, egal was daraus folgt.

Im Google-Journalismus wir nicht mehr recherchiert. Da werden Themen von Computern ausgesucht, an Computer weitergeleitet und führen zu Entscheidungen, die Computer treffen – ein Automatismus, unhinterfragt und unkontrolliert.

Aber selbst die Medienunternehmen kümmert das nicht wirklich. Sie haben sich zwischenzeitlich auf die neuen Aktualitäts- und Relevanzkriterien im Netz eingestellt. Längst werden Überschriften und Vorspänne Google optimiert geschrieben, so dass die Suchmaschine sie nach oft abgefragten Keywords findet und weit oben in der Trefferliste aufführt. Wichtig ist, was das Netz wichtig findet. Dieser Zusammenhang berechnet sich nicht mehr nach Auflage oder sichtbaren Folgen einer Berichterstattung. Er berechnet sich über Links. Am meisten Bedeutung hat das, was am stärksten verlinkt wird. Mag es unaktuell, irrelevant oder auch einfach nur Schwachsinn sein.

Es gab 1976 einmal diesen berühmten Film: „All the President’s Men“ („Die Unbestechlichen“) handelte von den beiden Reportern der Washington Post, Bob Woodward und Carl Bernstein, die mit ihren langwierigen investigativen Recherchen den Watergate Skandal aufgedeckt und Präsident Richard Nixon zu Fall gebracht haben. Ein Remake des Films müsste heute „All the Clicks‘ Men“ heissen. Seine Helden sind nicht mehr diejenigen, die aktiv aufdecken, sondern diejenigen, die passiv verlinkt werden.

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110 Reaktionen

  1. 3. November 2008, 15:01 Uhr, von Ramona
    0101

    @Anette, seit 13:10 Uhr vorhanden, jetzt aber husch, husch!

    Antworten
  2. 3. November 2008, 15:07 Uhr, von Dowanda
    0102

    13.11
    besserwisserische Grüsse :-)

    Antworten
  3. 3. November 2008, 15:37 Uhr, von Walter
    0103

    Die Zeit ist schlecht? Wohlan. Du bist da, sie besser zu machen.
    Thomas Carlyle

    Macht um ihrer selbst willen bedeutet ihren Missbrauch, Dowanda. Es geht nicht um Schwierigkeiten im Umgang mit der Macht und um Heilsbringer, sondern darum, dass wir alle vor der Wahl stehen, unsere Welt besser zu machen oder nicht. Wenn wir dies unseren Mitmenschen im gleichen Maß zugestehen wie uns selbst, sind wir gezwungen, tolerant zu sein aber nicht gleichgültig. Dann haben wir den Anderen auch die gleichen Rechte und Pflichten zuzugestehen, die wir selbst für uns in Anspruch nehmen.
    Wenn sich Andrea Ypsilanti, Heide Simonis und andere über abweichende Meinungen beklagen, sollten sie nicht vergessen, dass sie für sich selbst diese Gewissensfreiheit selbstverständlich einfordern.

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  4. 3. November 2008, 15:46 Uhr, von Dowanda
    0104

    Macht um ihrer selbst willen bedeutet genauso möglichen Missbrauch wie Macht, die einer Idee zugrunde liegt. Beides sieht nach aussen unter Umständen gleich aus; nach innen hin auch.

    Macht ohne Kontrolle bedeutet am ehesten Missbrauch. Deshalb bin ich froh um die Gewaltenteilung, wie sie bei uns über weite Strecken doch reibungslos funktioniert. Besser als in den USA z.B. wo Richter im Supreme Court auf Lebenszeit von einem Präsidenten Ernennung eingesetzt werden können.

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  5. 3. November 2008, 20:56 Uhr, von Walter
    0105

    Einverstanden.

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  6. 4. November 2008, 14:26 Uhr, von Jörg Friedrich
    0106

    Der Satz, innerhalb von 10 Minuten sei eine halbe Milliarde Dollar vernichtet worden, passt allerdings gut zu der Arbeitsweise der hier kritisierten Journalisten. Erstens wird durch einen Kurssturz kein Geld vernichtet, es wird, im Zusammenhang mit der vorhergehenden Kurzsteigerung, umverteilt. Zweitens hätte man hinzuzufügen gehabt, dass – wenn man schon vom Vernichten redet – innerhalb der nächsten Stunden Geld im gleichen Umfang wieder „erzeugt“ worden ist. Drittens war für den Kursturz die Falschmeldung zwar der Auslöser, aber nicht die Ursache. Aufgrund der wirtschaftlichen Situation des Unternehmens waren die Anleger ohnehin schon nervös.

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  7. 4. November 2008, 14:45 Uhr, von Jörg Friedrich
    0107

    P.S. Ich habe meinen Kommentar bewusst erst abgesandt, nachdem ein neuer Artikel in diesem Blog veröffentlicht war. Ich denke auf diese Weise ist sichergestellt, dass das breite Publikum ihn nicht zur Kenntnis nimmt.

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  8. 4. November 2008, 21:55 Uhr, von julia
    0108

    @ jörg friedrich p.s.: wieso? wäre doch durchaus ein guter beitrag gewesen..

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  9. 6. November 2008, 17:05 Uhr, von Jörg Friedrich
    0109

    @julia: ich will nicht immer die traute Einigkeit hier stören.

    Antworten
  10. 6. November 2008, 22:09 Uhr, von julia
    0110

    Ach ich wäre da nicht so zaghaft. Du hast doch genau wie alle hier ein Recht zu kommentieren. Zudem lebt der Blog auch von immer neuen Meinungen und Menschen. Traute Einigkeit empfinde ich übrigens überhaupt nicht aber sollte es darum überhaupt gehen? Schon merkwürdig diese Art von anonymer Unterhaltung und dass ja doch Gefühle bzw. Projektionen übertragen werden. Aber eigentlich finde ich das auch ziemlich unwichtig, denn wenn Du Lust und Zeit hast „mitzumischen“ dann solltest Du es einfach tun und schauen was passiert. So jetzt schau ich tatsächlich auch auf den Veröffentlichen-Button und denke was ein Quatsch…Toleranz der Ambivalenz – das ist so gut..!

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