Vergänglichkeit
Es stimmt schon, was Erich Fried gesagt hat: “Wer will, dass die Welt so bleibt, wie sie ist, der will nicht, dass sie bleibt.” Zu verstehen, was in diesem Satz steckt, ist emotional gar nicht so leicht. Denn das, was ist, sind wir gewohnt. Das, was ist, ist uns ans Herz gewachsen, selbst dann, wenn wir um die Nachteile und Schwierigkeiten wissen. Das, was ist, mögen wir nicht wieder loslassen. Denn loslassen heißt Veränderung und Veränderung bedeutet Unsicherheit und Unsicherheit erfordert Anstrengung, sich auf das Neue einzulassen, es zu erspüren und zu erlernen. So wollen wir, dass alles bleibt, wie es ist.
Bliebe es tatsächlich, es wäre eine schreckliche Welt. Ohne Wandel, ohne Neues, ohne Lernen, ohne Erfahrung, ohne Überraschung und ohne Gefühl. Alles würde erstarren im so sein. Und wir mitten drin, stecken geblieben wie im erkalteten Lavastrom einer Zeitimplosion.
Die Vergänglichkeit ist das Totem unserer Lebenszyklen. Der Schutzgeist, der uns bewahrt vor den immer gleichen Fehlern und uns Respekt abverlangt vor dem, was war, und dem, was kommt. Dazwischen dürfen wir sein. Traurig, dass es vorbei und glücklich, dass es gewesen (Tagore).
ADvent 5: Kombiniert man zwei Dichter miteinander, versteht man manchmal von beiden mehr.







Da hat der Mensch einen Vorteil, der es ihm ermöglicht Veränderungen trotz bewusster emotionaler Wahrnehmung zu verkraften: Er beurteilt die Vergangenheit immer aus dem Blickwinkel der Gegenwart. Und die Gegenwart ist schnell erreicht. Nicht die unendlich kleinste Zeiteinheit ist schneller, als der Eintritt der Gegenwart. Und da Veränderungen die darauffolgende Gegenwart erheblich mitgestalten, löst sich das direkte Erlebnis dieser Veränderung sehr schnell in eine Erinnerung auf und wird zu etwas Vergangenem. Und die durch die Veränderung hervorgerufenen Umstände der neuen Gegenwart verändern auch den Blick auf diese Erinnerung. Es ist wie ein umgekehrter didaktischer Vorgang. Man verlässt allmählich den Mikrokosmos und betrachtet die Dinge makroskopisch. Wie in der Wissenschaft können diese Makroskopien leichter systematisiert werden und sie bekommen einen Platz in unserer Logik des Lebens. Diese Logik verändert sich ständig und die makroskopisch erinnerten Bruchteile in ihr mit. Sie sind wie thermoplastische Moleküle, die nach Belieben hier und dorthin schwingen. Wäre die Erinnerung an Veränderungen in unserem Leben nicht so beschaffen, würde kein Mensch sie verkraften können und somit lebensunfähig. Dies ist wieder einmal ein bemerkenswerter Trick der menschlichen Psyche, der es uns Menschen ermöglicht mit den Gedanken im hier und jetzt zu bleiben und nicht in unendlichen Gegenwartsverschachtelungen zu versinken. Denn nichts anderes wäre der Fall, hätte das menschliche Gehirn trotz seiner immensen Aufassungsgabe nicht an solch wichtigen Schnittstellen diese Bewussteinsvereinfachung vorgesehen.
super, Hammer.
der Blog ist geil
man muss uns lieben
Von meiner Arbeit in einer psychiatr. Klinik weiß ich, das sich der Mensch mit Veränderungen eher schwer tut. Dabei spielt es keine Rolle ob diese privater oder beruflicher Natur sind.
Veränderungen anzunehmen heißt loslassen können. Das Festhalten an Bildern und Vorstellungen gibt vermeintliche Sicherheit, aber es verstellt die Sicht auf die Menschen und Dinge wie sie sind und wie sie sich verändern. Die Welt unserem Bild von ihr unterwerfen zu wollen, tut gleichermaßen ihr wie uns Unrecht. Für vergangene Bilder haben wir die Erinnerung, die sie aufbewahrt und zu Geschichte werden lässt. Erinnerung wird so zur Protokollantin von Vergänglichkeit indem sie uns erlaubt loszulassen und gleichzeitig zu bewahren.
Als Kind wußte ich:
Jeder Schmetterling
den ich rette
Jede Schnecke
und jede Spinne
und jede Mücke
jeder Ohrwurm
und jeder Regenwurm
wird kommen und weinen
wenn ich begraben werde
Einmal von mir gerettet
muß keines mehr sterben
Alle werden sie kommen
zu meinem Begräbnis
Als ich dann groß wurde
erkannte ich:
Das ist Unsinn
Keines wird kommen
ich überlebe sie alle
Jetzt im Alter
frage ich: Wenn ich sie aber
rette bis ganz zuletzt
kommen doch vielleicht zwei oder drei?
(Erich Fried “Es ist was es ist. Liebesgedichte, Angstgedichte, Zorngedichte”, Berlin 1996)
@Frau Meckel, ich habe gerade Ihren Artikel im Spiegel Nr. 49, “Lauter kleine Diederiche” gelesen. Großartig, ein ‚Schmäckerchen‘ zum Frühstück. Dafür habe Sie einen besonders fleißigen Nikolaus verdient:-))
Ich kann leider diesen Artikel nicht verlinken, vielleicht bekommt es einer von Euch hin!
Den Spiegel habe ich mir soeben auch geschnappt. Danke für den Tipp, @Ramona. Ein gehaltvoller Artikel, der hoffentlich auch von vielen Politikern zur Kenntnis genommen wird.
Die Ausführungen zur „herrschenden Meinung“ in der Jurisprudenz sind m. E. nicht zutreffend. In keinem anderen Fachbereich können abweichende Meinungen so stark vertreten werden wie im Recht, solange die Argumentationskette für sich betrachtet schlüssig ist. Studenten lernen in den ersten Semestern, sich mit den verschiedenen Auffassungen aus Lehre und Rechtsprechung auseinanderzusetzen und haben die Aufgabe, ihre eigene Meinung darzustellen, welche sogar von den vertretenen Auffassungen abweichen kann. In der Praxis orientiert man sich an der h. M., aber es werden – je nachdem welche Funktion der einzelne Jurist innehat – durchaus abweichende Auffassungen vertreten (Rechtsfortbildung). Es kann interessant sein, wenn der ein oder andere eigene Fall beim BGH gelandet ist. ;)
(An den Spiegel-Artikel kommt man irgendwie noch nicht online.)
@ Ramona: Ich glaube man kann den Artikel deshalb nicht verlinken, weil es ein kostenpflichtigen Beitrag für 2.38 € inkl. MwSt. ist..
Philip Roth “Jedermann” ist mir übrigens noch eingefallen aber das Buch übermittelt die ziemlich verstörende Erkenntnis, “dass man geboren wird um zu leben und statt dessen stirbt”.
Ansichtssache wahrscheinlich.
i’m getting slightly irritated with all the sentimental blurp. Can I remind everybody that humans are not the center of the universe? We just happen to have evolved on a planet close enough to a star to not be too cold or too hot for any life. We simply can’t stop time or the constantly changing environment we are living in. So just cut it out! We have to adapt or die.
I agree to always keep the the big picture in mind but only rational behauvior would be boring. From what i understood from the comments is that everybody is adapting very with the help of sentimental blurp.
‘Can I remind everybody that humans are not the center of the universe?’
- We are not and we are.
Perhaps the universe has no center? Who knows? If we die, the universe will go on but without human awareness. It will no longer exist- for us.
@jinx, I will recommend this for you, I think it´s just your type of movie ;-)
Im Spiegel ging es um die Abweichler in Hessen, gemeint war eher ein anderer?
@walter: it’s exactly this narcism that never let’s us see the truth. And this way we’ll never learn to think in cycles and learn that all our actions come back to us one time.
@mesm: I’m sorry to disappoint you, but that is absolutely not my type of movie. I watched 4 minutes on the weekend and liked it very much though- maybe that helps…