MM_Musil
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15. Januar 2009, 23:10 Uhr, Geschrieben von Miriam Meckel

Die Weltvereinfacher

Eine Abstimmung ist ein Verfahren zur Willensbildung in der Demokratie. Wenn es dabei weniger um Willensbildung und Demokratie als um Öffentlichkeitswirkung und Unterhaltung geht, nennen wir das Ganze Quiz. Und eine Mischung von diesen beiden Komponenten findet sich in jedem Fernsehprogramm und auf jeder Website inzwischen mindestens einmal. Quiziness könnte man das Geschäftsmodell nennen, das vermutlich dahinter liegt und darauf zielt, mit wenigen einfachen Fragen ein Höchstmaß an Aufmerksamkeit zu erzielen.

Dieses Modell funktioniert umso besser, je einfacher die Fragen sind. Und da wir eh in der digitalen Zeit leben, reduzieren sich viele Fragen inzwischen auf den binären Code: ja oder nein, schwarz oder weiß, gut oder schlecht. Das hat weder mit Journalismus noch mit Meinungsbildung zu tun, aber es kann für Minuten die Aufmerksamkeit der Nutzerinnen und Nutzer binden, die einmal klicken dürfen und glauben sollen, ihre Meinung bedeute irgendetwas. Im Hintergrund zählt eine Webstatistik die Clicks, die Clicks zählen umgekehrt nix.

Den Rekord im Weltvereinfachen versucht derzeit Welt online zu erzielen. „Halten Sie Josef Ackermann für einen guten Manager?“ wird da gefragt und wir dürfen „ja“ oder „nein“ klicken. Hm. Wonach genau beurteile ich das nun? Nach seinem Aussehen? Nach den aktuellen horrenden Verlustmeldungen für das vierte Quartal 2008? Nach seinen öffentlichen Äußerungen zur Finanzkrise? Soviel Komplexität muss ja nicht sein. Und man muss sich doch auch mal entscheiden können! Das haben bis heute Abend 3.000 Menschen getan. Ein Drittel sagt „ja“, zwei Drittel sagen „nein“. Und nun. Nun wissen wir das!

Zu einem Beitrag über den Ermittlungsprozess im „Fall Mannichl“ dürfen wir auch abstimmen und unsere Ängste offenbaren. Wer jagd uns denn so richtig Angst ein? Die linken, die rechten oder die religiösen Extremisten? Das hat bislang immerhin mehr als 11.000 Menschen zum Klick getrieben. Am bedrohlichsten findet knapp die Hälfte die religiösen Extremisten. Was genau das ist, erfahren wir hier nicht, aber gut, dass wir darüber schon mal abgestimmt haben.

Und dann dürfen wir auch noch darüber abstimmen, wer besser ist: Anne Will oder Frank Plasberg. Dazu hat die Politikchefin der Welt sich eigens in eine (!) Sendung der beiden gesetzt und ist so begeistert gewesen, dass sie schon weiß, wie die Abstimmung auszugehen hat. Vermutlich wird auch dieses binäre Quiz die Welt nicht verändern. Aber es ist doch wichtig genug, dass kritische Kommentare zu dieser pseudojournalistischen Selbstinszenierung einer Politikjournalistin im Nachgang des eigenen Talkshowauftritts redaktionell gelöscht werden. 

Weltvereinfacher sind leider oft auch selbsternannte Weltverbesserer.

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309 Reaktionen

  1. 22. Januar 2009, 7:36 Uhr, von Petra
    0301

    PS: Habe nur ganz kurz bei Plasberg hereingeschaut (habe ja meinen gestrigen BLOG-Beitrag geschrieben und eines kann ich nur – schreiben oder fernsehen) und fand ihn erstmal nicht verwerflich. Muss seine Sendung mal ausführlicher anschauen. Worauf ich hinaus wollte: warum gibt es diese Frage eigentlich – wer ist besser Anne Will oder Frank Plasberg? Sie sind doch total unterschiedlich. Ist doch supi. Na ja, machmal überfordert mich diese Welt völlig.

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  2. 22. Januar 2009, 11:09 Uhr, von jana
    0302

    @ Petra
    Wir befinden uns im „Superwahljahr 2009“ und sowohl Anne Will als auch Frank Plasberg moderieren Talkshows, die der hiesigen Politprominenz, aber auch so manchem Lobbyisen allwöchentlich die Plattform bieten, meinungsbildend, nein-meinungslenkend oder sogar -bestimmend auf den -zum Teil als etwas naiv unterschätzten- Fernsehzuschauer einzuwirken. Geht man nun dieser These nach, kommt man sehr schnell zu dem Schluss, dass es bei all den leidigen Diskussionen nicht primär um Quote oder Qualität geht, sondern der Kern weitaus tiefgründiger zu finden ist. Da nun „moderieren“ von „moderat“ abgeleitet ist, was man mit „maßvoll/gemäßigt/ausgleichend“ übersetzen könnte, ergeben sich gerade für Moderatoren im öffentlich-rechtlichen Fernsehen bestimmte Erwartungen, gar Zwänge. Diese zu erfüllen und sich dabei trotzdem selbst treu zu bleiben, kann dabei zum Problem, ja vielleicht sogar zum Dilemma werden. Für Frau Will, anders kann ich es mir nicht vorstellen, ist es das mitunter ganz bestimmt. Trotzdem sollte sie nicht resignieren oder sich beirren lassen, denn mit etwas Geschick kann man sich aus den Steinen, die einem in den Weg gelegt werden, eine Treppe bauen!

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  3. 22. Januar 2009, 11:28 Uhr, von jana Gefällt einem Leser
    0303

    @ Petra

    P.S. zu 11.09

    Meiner Meinung ist die wichtigere Frage nicht, WARUM es die Diskussion Will vs. Plasberg eigentlich gibt, sondern WEM sie nützt! …

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  4. 22. Januar 2009, 11:30 Uhr, von jana
    0304

    „Meiner Meinung nach“ solltees natürlich heißen.

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  5. 22. Januar 2009, 11:32 Uhr, von Petra
    0305

    @jana – Danke für deine Anmerkungen. Jetzt mein ABER: aber gerade weil Wahlen anstehen, ist es doch (unter dem Mäntelchen der Meinungsvielfalt) wichtig, dass es für den Zuschauer mehrere Angebote gibt. Was nicht geht ist: Mo – So nur Anne Will oder nur Frank Plasberg. Jetzt noch ein kleines Geheimnis: es ging ja hier um „neutrales Verhalten/Beurteilung“, was eben Frau Heckel gar nicht an den Tag legte. Das habe ich auch versucht, ducrhgängig in meinen Kommentaren einzuhalten. Ich persönlich schaue Anne Will sehr gerne und kann mich deinen Worten nur anschließen. Das muss aber unter uns bleiben, denn sonst ist ja meine Neutralität nicht gewahrt :)

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  6. 22. Januar 2009, 12:01 Uhr, von Petra
    0306

    @jana / zum zweiten (unsere Kommentare haben sich überschnitten): Kannst du mir denn sagen, warum es diese Diskussion gibt? Gegen das gegen Frau Will und als „Push-up“ für Herrn Plasberg? Oder ist es noch ganz anders? Falls du hier noch mitliest, würde ich mich über deine Einschätzung freuen.

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  7. 22. Januar 2009, 12:02 Uhr, von Petra
    0307

    „Gegen das“ soll „geht das“ heißen

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  8. 22. Januar 2009, 20:00 Uhr, von jana
    0308

    @ Petra
    … etwas spät, aber jetzt meine Antwort auf deine Frage: Ja, ich glaube, es geht gezielt gegen Anne Will und die meisten Argumente erscheinen aus meiner Sicht fadenscheinig, zum Teil grenzüberschreitend und alles andere als investigativ. Nach meinem Dafürhalten sind dafür sowohl politische als auch persönliche Gründe zu nennen, die jedoch niemals offen genannt würden, viel lieber tarnt man sich hinter pseudosachlichen Kritikpunkten wie einer ungenügenden fachlichen Fundierung ihrer Sendung (man denke beispielsweise an das nahezu skandalöse Gerieren eines Herrn Pflügler aus Berlin im Juni 2008), einem „Sofa-Streit“ oder geht, wie es einschlägige Internetseiten tun, gleich ganz unter die Gürtellinie. Dass Herr Plasberg für diese Leute dann der bessere Moderator ist, liegt, wie ich finde, nicht an seiner Qualität, sondern ist dem geschuldet, dass er beim gleichen Sender ein ähnliches Format bedient und man Frau Will eben besonders gut diffamieren kann, wenn ausgerechnet im eigenen Haus die härteste Konkurrenz sitzt. Herr Plasberg ist folglich mehr eine Marionette, der zum Musterknaben stilisiert wird, was ich keineswegs so despektierlich meine, wi es sich vielleicht jetzt anhört. Leider bräuchte man Insiderwissen, um die ganze Angelegenheit richtig verstehen und beurteilen zu können, auf das jedoch -fürchte ich- werden wir wohl verzichten müssen.

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  9. 22. Januar 2009, 22:23 Uhr, von Petra
    0309

    @jana – Danke für deine Ausführungen. Es ist schon ziemlich hart, in der Öffentlichkeit zu stehen und sich diesen Angriffen auszusetzen. Insofern bewundere ich Frau Will. Man nimmt es ja schon sehr selbstverständlich hin, aber sie prägt das Frauenbild in Deutschland sehr positiv mit. Verdient hätte sie in jedem Fall eine faire Behandlung.

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