MM_Duerrenmatt
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9. Februar 2009, 20:18 Uhr, Geschrieben von Miriam Meckel

Augenblick mal …


Ich habe nicht mitgezählt, wie oft ich schon an diesem Photoautomaten am Zürcher Flughafen vorbei gelaufen bin. Er befindet sich auf der ersten Ebene auf dem Weg zur Passkontrolle und den Abfluggates und es müssen einige hundert Mal gewesen sein. Nie saß jemand drin.

Früher waren diese Automaten Augenzeugen unseres Lebens. Wir haben uns allein, zu zweit oder gar zu fünft oder sechst in die Kabine gequetscht photographieren lassen, ernst oder mit wilden Grimassen. Zu Beginn einer neuen Liebe hat man sich auch gerne im Angesicht des dunkelgrau getönten Spiegels und unter Einwirkung des Blitzlichts geküsst. Wir haben diese kleinen viereckigen Bildchen, die meist zu viert an einem Streifen hingen, gesammelt, aufgehängt und in immer weiteren zeitlichen Abständen, aber regelmäßig angeschaut. Meine Güte, wie viel Zeit zwischen diesen Schnappschüssen des Lebens immer vergangen ist. Aber die Augenblicke unserer unterschiedlichen Lebens- und Liebesabschnitte blieben, sie waren festgehalten. 

Diese Zeiten sind vorbei. Mit dem Siegeszug der Digitalphotographie hat sich das Photo vom dokumentarischen Objekt zum Objekt der Inszenierung gewandelt. Das gilt sicher mehr für die private Photographie als für die künstlerische und professionelle, aber es gilt. Das Bild erhält durch den Moment des Photographieren seine Bedeutung, nicht durch den Augenblick, der in ihm festgehalten wird. „Man fotografiert, um zu fotografieren, um von anderen beim Akt des Fotografierens gesehen zu werden“, sagt der Photokünstler Wolfgang Tillmanns.

Als ich neulich wieder einmal an dem Automaten vorbei kam, der sinnigerweise „Photopront“ heißt, dachte ich „schade“. Wahrscheinlich ist es billiger, das Ding ungenutzt da stehen zu lassen, als es abzumontieren. Vielleicht verirren sich aber auch gelegentlich doch noch Menschen hinter diesen halb langen Vorhang. Und wenn doch irgendwann die Demontagetruppe kommt, dann wünsche ich mir, dass ich in genau diesem Moment des Weges komme. Und dann sage ich. „Augenblick mal! Sie demontieren ein dokumentarisches Objekt.“ Und in diesem Moment müsste der Automat mitspielen und einfach los knipsen. Diese Bilder hätte ich dann gerne.

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305 Reaktionen

  1. 17. Februar 2009, 10:27 Uhr, von Noisa Gefällt 4 Lesern
    0301

    Entschuldigung, ich bin heute etwas unkonzentriert. :)

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  2. 17. Februar 2009, 13:52 Uhr, von Urs Bürgi Gefällt 4 Lesern
    0302

    @Petra, ja, darin sehe ich den Sinn der Wissenschaft. Daher ja auch der Wechsel bei Obama: sein Vorgänger liess nur Wissenschaftler zu die seine Politik stützten, „Claqueure“ , während Obama die Wissenschaft auffordert und anhört, sich zu outen, auch wenn es unangenehm sein sollte. Vielfalt vor Einfalt, immer wieder. Nein, Davos sind closed shops, da ist man „unter sich“, und ich war Dienstleisterin, da gab’s nichts zu „streuen“, das muss man anderswo, weil es einen „gepflügten Acker braucht“, und der fehlt dort völlig. Und das „australische Modell“, manche Pflanzen brauchen die natürlich erzeugte Hitze, das Feuer, um ihre Samenkapseln öffnen zu können, davon halte ich nichts. Es muss nicht erst alles „verbrennen“, um Platz zu schaffen für neue Möglichkeiten, auch wenn Darwin aufzeigte, dass das Ende notwendig ist, um den Veränderungsprozess zu verstetigen, sondern das Loslassen, wie oben aufgezeigt, ist der bessere, uns mögliche Weg, wenn wir uns halt auf „bescheidenere Bedingungen“ einlassen. Daher ja: welches Menschenbild wollen wir, ubiquitär? Was wollen, was müssen wir loslassen, nachdem wir es „fotografiert“ haben, um später abzugleichen, ob wir auf dem gewählten Weg sind, indem wir uns die Differenz zwischen dem „Gestern“ im Foto und dem dann „Heute“ ansehen und ggfls. uns korrigieren, weil sich die „Wegbedingungen“ ebenfalls änderten.Es ist ein wenig wie mit einem Tanker auf dem Meer: ständig nimmt er Peilung, wo er ist, weil Wind, Wellen und Strömung auf ihn einwirken, er dennoch seinen Zielhafen erreichen möchte, in seinem Zeitfenster, bei begrenzter Maschinenleistung, um dann zu korrigieren, gemäss Faktenlage und Aufgabenstellung, und doch bleibt das Ergebnis offen, eben wie in der „Risikogesellschaft“, von Beck, Ulrich (Prof. nicht SPD-Mumie)

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  3. 17. Februar 2009, 14:10 Uhr, von Petra Gefällt 4 Lesern
    0303

    @Jörg Friedrich: „Trotzdem gibt es von Wissenschftlern nicht nur Deskriptives, um das zu finden, muss man aber nicht die Tageszeitungen, sondern die Fachjournale lesen.“

    Gibt es zu dem hier diskutierten Thema einen Hinweis / Link?

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  4. 17. Februar 2009, 15:02 Uhr, von Noisa Gefällt 4 Lesern
    0304

    „Nicht der Anleger ist der “Konstruktionsfehler?, sondern die “Produkte?, deren “Struktur? aus nicht zu erfassenden und sicher vorhersagbaren Risiken besteht.“

    @Urs, Danke, Du gehst noch einen Schritt weiter und siehst die Produkte in ihren Wechselbeziehungen zu anderen Faktoren, die naturgemäß nicht vollständig erfasst werden können und deren Wirkungen sich nicht vorhersehen lassen. Jedenfalls bei den komplizierten Produkten dürfte es so sein. Bei einfachen Produkten kann das Zusammenspiel mit anderen äußeren Faktoren möglicherweise ganz gut eingeschätzt werden. Gerade in dieser Undurchschaubarkeit des Komplizierten ließen sich diese gigantischen Finanzgeschäfte machen, die sich nun als Luftnummer entpuppten. Ja, die `Produktentwickler´ in der Finanzwelt hatten nur einen ganz eingeschränkten Blickwinkel, den der Gewinnmaximierung für den eigenen Auftraggeber.

    Vielleicht tendiert der Mensch aufgrund der Negativerfahrungen wieder mehr zu Einfachem, zu Dingen, die er selbst besser einschätzen kann. Weniger ist mehr, sorry, ein Lieblingsthema von mir. @Petra hatte dazu bereits viel geschrieben.

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  5. 17. Februar 2009, 20:00 Uhr, von Noisa Gefällt 3 Lesern
    0305

    @Ramona, `das´ neue Posting ist da. Der Text kommt mir irgendwie bekannt vor. ;)

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