MM_Marx
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31. März 2009, 12:05 Uhr, Geschrieben von Miriam Meckel

Ich bin noch wach

Angeregt durch die Nachfrage eines Freundes habe ich mich endlich mal wieder bei Twitter eingelogged. Peinliche Erkenntnis: Meine letzte Aktivität hier liegt zehn Monate zurück. Ich saß in einem langweiligen Panel auf der „Global Conference“ des Milken Institute in Los Angeles und nutzte die Zeit, um mich mit Twitter vertraut zu machen. „I am at a panel of the Milken Institute’s Global Conference on digital media and PR discussing TWITTER :-)“, so lautet die bahnbrechende Information meines Postings. Kommunikative Selbstreferenz par excellence. Übersetzt heißt das nicht mehr als: „Ich bin da!“

Nachdem ich mich nun mit frisch erweckter Neugier wieder ein wenig mit Twitter vertraut gemacht habe, stelle ich fest: Das „da sein“ ist die entscheidende affirmative Hauptkommunikationskomponente von Twitter. Natürlich gibt es auch hier – wie immer – Ausnahmen: Die Serie von Terroranschlägen in Mumbai im November 2008 ist eine solche Ausnahme, bei der Twitter die Rolle eines Instant News Messengers übernommen hat. Der Absturz des US-Airways Flugzeugs in den Hudson River im Januar 2009 eine zweite: Twitter wurde zur ultimativen Plattform des Citizen Journalism. Laienbeobachtungen aus erster Hand in Wort und Bild triggerten die Berichte der klassischen Medien. Aber das sind Ausnahmen. Letztlich geht es bei Twitter darum, sich vor sich selbst und anderen im globalen virtuellen Universum permanent selbst zu vergewissern.

Ein Kollege von mir hat dieses Kommunikationsverhalten kürzlich sehr schön mit einem Vergleich beschrieben: Als er klein war, fragte seine Schwester ihn morgens unablässlich: „Schläfst Du noch?“ Die Frage hatte dieselbe Funktion: Vergewisserungskommunikation, die sich verselbständigt und den anderen – den Bruder im wirklichen oder virtuellen Leben – irgendwann aus Zuneigung oder Entnervtheit antworten lässt: „NEIN, jetzt nicht mehr.“

Ich habe nun auch mal wieder dazwischen gezwitschert. „Ich bin noch wach“, lautet die Botschaft. Danach habe ich mein Weblog aktualisiert und ein neues Posting eingestellt, meine Emails auf Facebook beantwortet und diverse „friend request“ angenommen oder ignoriert (wobei „ignorieren“ hier auch eine aktive Handlung voraussetzt). Dann habe ich nochmals bei Twitter reingeschaut. 102 Menschen folgen meinem selbstreferentiellen Gezwitscher. Jeder Verfolger wird durch eine Email angekündigt (und schickt gelegentlich auch Nachrichten). Sie kommen zu den vielen „Notification“ Emails hinzu, die mich über jede virtuelle Bewegung in meinem Facebook-Freundeskreis informieren.

Eigentlich fragen wir uns alle immerfort, ob wir noch wach sind. Ich stelle mir eine neurotische, schlafgestörte Gesellschaft vor, die in einer Endlosschleife ihrer trivialen Vergewisserungskommunikation gefangen ist.

Ich bin müde. „Ich möchte schlafen“, tippe ich in die Eingabezeile bei Twitter und drücke die Returntaste. Ich bin sicher, morgen habe ich eine zweistellige Zahl von Meldungen anderer Menschen dieser virtuellen Welt. Sie schreiben: „ich auch“.

153 Reaktionen

  1. 4. April 2009, 10:26 Uhr, von xeit » Blog Archive » Twitternde Mitarbeiter sind 9 Prozent produktiver als deren nicht-twitternden Kollegen
    0151

    […] Nicht alle finden Twitter «läss»… Share and Enjoy: Diese Icons verlinken auf Bookmark Dienste bei denen Nutzer neue Inhalte […]

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  2. 15. April 2009, 8:17 Uhr, von irgendeine Userin
    0152

    Ein Lehrstück über Twitter gab es zu Ostern zu erleben.

    Meine Learnings hab ich mir dazu aufgeschrieben: So funktioniert Twitter: Im Sturm #amazonfail

    Irgendwie macht Twitter Sinn.
    Und irgendwie funktioniert es auch. ;-)

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  3. 28. April 2009, 14:12 Uhr, von irgendeine Userin Gefällt 2 Lesern
    0153

    Falls es noch jemanden interessiert:
    Funktionsweise von Twitter exquisit erklärt auf webwriting-magazin.de Twitter: Vom Raum zum Schwarm (Teil I)
    Dort gibt es dann auch noch eine Verlinkung zu einem zweiten Teil. :-)

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