MM_Curie
Zu den Kommentaren
14. April 2009, 7:26 Uhr, Geschrieben von Miriam Meckel

Der mediale Mehrwert

Es gab einmal die Grenze zwischen redaktionellem Teil und Anzeigen in einer Zeitung. Es war dieser schmale Grat, auf dem Chefredaktoren und Verleger behutsam wandelten, wollten sie die Zukunft ihrer Zeitung als unabhängiges Meinungsmedium nicht gefährden. Inzwischen ist dieser Grat so schmal geworden, dass manch ein Chefredaktor schon auf die Anzeigenseite abgestürzt ist.Das zeigt unter anderem das Beispiel der „Los Angeles Times“ aus der vergangenen Woche. Auf der Titelseite druckte die „LA Times“ eine Anzeige für die neue NBC-Serie „Southland“, und zwar gleich zwei Mal. Über das untere Drittel lief eine als „Anzeige“ deklarierte Werbung für das neue Fernsehformat. Links auf der Seite fand sich ein Einspalter über einen Helden der Serie. Auch bei diesem redaktionell anmutenden Beitrag handelte es sich um Werbung, aber das war für den geneigten Leser kaum ersichtlich, wollte er sich nicht intensiv mit minimalen Abweichungen in der Schrifttype auseinandersetzen.

Was die Verlagsmanager der „LA Times“ als „innovativen Ansatz“ schön reden wollen, ist nichts anderes als der Ausverkauf des Journalismus. Viele Verlage in den USA haben mit erheblichen Einbrüchen bei Verkaufszahlen und Anzeigeneinnahmen zu kämpfen und schrammen seit Monaten am wirtschaftlichen Aus vorbei. Der Verlag „Tribune Co.“, der auch die „Los Angeles Times“ herausgibt, hat im Dezember des vergangenen Jahres bereits Insolvenz angemeldet. Einige Zeitungen haben in den vergangenen Monaten die Zahl der wöchentlichen Ausgaben reduziert oder ihr Erscheinen ganz eingestellt. Nicht alles, was im US-amerikanischen Medienmarkt möglich ist, lässt sich auf Europa oder die Schweiz übertragen. Aber lehrreich ist der Blick über den grossen Teich in Fragen der Medienzukunft durchaus.

In der Krise geraten die Standards durcheinander und Wildwuchs breitet sich aus. Vielen Verlagsmanagern ist inzwischen jedes Mittel recht, um gegen die Wirtschaftskrise anzugehen. Sie opfern dabei selbst das einzige Gut, das ihren Mehrwert am Markt ausmacht – den unabhängigen Journalismus. Wo die Budgets knapper und die Märkte enger werden, wird in Verlagshäusern gerne am falschen Ort gespart. Redaktionen werden zusammengelegt und Stellen gekürzt. Dabei trifft es oft die Bereiche, die publizistisch wertvolle, aber auch teure Aushängeschilder des Mediums sind – die Auslandskorrespondenten oder die Rechercheure.

Warum soll ich mir heute noch eine Zeitung kaufen, wenn ich darin nichts anderes finde als im Web kostenfrei verfügbar ist? Wenn ich mich auf die redaktionelle Unabhängigkeit des Mediums nicht mehr verlassen kann, weil mir überall etwas „verkauft“ werden soll, in den Anzeigen und auch in den Artikeln, die vermeintlich redaktionell gemacht sind. Eine solche Zeitung brauche ich nicht. Wohl aber braucht unsere auf freier und unabhängiger Meinungsbildung fussende Demokratie einen informationellen Mehrwert. Der ergibt sich nicht aus den aktuellen Nachrichten, die jeder heute zahlreich im Netz finden kann. Aktuelle Information ist zur Commodity, zum undifferenzierbaren Basisgut geworden. In ihrer Herstellung können Verlage einsparen, zum Beispiel durch neue Newsroom-Modelle, bei denen die Redakteure die Aktualität für verschiedene Medien bearbeiten.

Der mediale Mehrwert ergibt sich aus der hintergründigen Orientierung, die zum Beispiel eine Zeitung liefern kann, indem sie sich gut recherchierende, investigativ und unabhängig arbeitende Journalisten leistet. Sie können eigene Themen setzen, das Weltgeschehen nicht nur aktuell aufflackern lassen, sondern in einen Kontext einbetten und bewerten. Medien mit Meinung und Position aber brauchen die scharfe Trennung zwischen Redaktion und Verlag. Sonst ist die redaktionelle Position jeweils die wirtschaftlich angezeigte – im doppelten Sinne.

Be Sociable, Share!

155 Reaktionen

  1. 19. April 2009, 14:37 Uhr, von Cate
    0151

    Ach wär dat schön, wenn hier dann doch mal ein neues Posting käme, bevor ich wirklich noch einen Schwung aus meinem Leben erzähle… ;o)

    Antworten
  2. 19. April 2009, 14:42 Uhr, von Ein Wort zur Zukunft - der Medien. Eine PR-Frage? - PRlen
    0152

    […] Mich interessiert etwas ganz anders: Was ist das Modell, das Konzept der Zukunft? Wie können sich Verlage und Medien in Zeiten der Rezession und der wegfallenden Anzeigenkunden auf der einen Seite, der massiven Veränderung der Medienlandschaft auf der anderen (durch unser beider so geliebtes Web) behaupten? Wo sind in Deutschland die visionären Konzepte? Die sich behaupten (gegen das Überangebot) UND das Ganze auch zu finanzieren – denn wie auch Uwe Schmitt von der Welt schreibt, Qualität kostet Geld. Und nur der Topos Qualität macht m.E. den Unterschied aus – schnell, vernetzt, clever sein können andere auch. Ähnlich bloggt auch Prof. Miriam Meckel: […]

    Antworten
  3. 19. April 2009, 15:28 Uhr, von Ramona
    0153

    Hi @Cate, ich habe mich gestern zu der vorgerückten Stunde nicht präzise ausgedrückt. Ich bin von einem Fangehabe gegenüber der Autorin weit entfernt, aber sie hat, für das was sie tut, meinen höchsten Respekt.
    Ich habe vor etwa eineinhalb Jahren das Buch gelesen, nachdem ich in einer TV-Sendung auf das Thema Kommunikationswahn und Zeitmanagement aufmerksam gemacht wurde. Bis dahin, wusste ich mit dem Namen Prof. Miriam Meckel nichts anzufangen, dass kannst Du Dir bei meiner völlig anderen Berufsrichtung sicherlich denken. Durch das Buch bin ich auch auf das Blog aufmerksam geworden, wo einige Themen des Buches auch als Posting auftauchten. Im letzten Herbst habe ich MM in einer Lesung erlebt. Sie hat nicht nur gelesen, sondern dieses letztlich uns alle betreffende Thema, in einem Mix aus Ernsthaftigkeit und Humor an die Zuhörer gebracht. Und jetzt das Hörbuch. Und dass die Beiden gemeinsam das Hörbuch eingelesen haben, macht schon einen gewissen Reiz aus. Es steigert auf jeden Fall die Verkaufszahlen:-))
    Aber ‚wurscht‘, Hauptsache die Zuhörer werden auf unterhaltsame Art auf ein wichtiges Thema dieser Zeit aufmerksam gemacht. Oder?
    (Ich gebe zu, dass Hörbücher nicht so das Richtige für mich sind. Ich schlafe gerne beim Hören ein und bei 4 CD’s, naja, eh ich das ganze Werk gehört habe, das kann dauern:-))) )

    Stimmt, es könnte ein neues Posting kommen:-)

    Einen sonnigen Sonntag noch!

    Antworten
  4. 19. April 2009, 15:45 Uhr, von Ramona
    0154

    @Martina was ist denn das?????:-))
    Mein Italienisch ist genau so gut, wie Dein Russisch:-)

    @Petra, machst Du auch jeden Tag Deine Rückenschule, die Stützmuskulatur muss täglich gekräftigt werden:-))

    Antworten
  5. 19. April 2009, 18:40 Uhr, von Petra
    0155

    @Ramona: einmal wöchentlich eine Stunde Rückenmuskeltraining, mehr schaffe ich zeitlich nicht. Danke für deine Anteilnahme, jetzt wieder wichtigere Themen: das neue Posting ist und ich werde – wann immer ich es schaffe – im Moment nur lesen. Liebe Grüße nach Leipzig.

    Antworten


© Miriam Meckel 2002 bis 2017