MM_Franklin
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19. April 2009, 15:48 Uhr, Geschrieben von Miriam Meckel

Standbein und Spielbein

Aufrichtig wünsch ich, dass die Frucht meiner Arbeit nützlich und rühmlich erscheine der Welt, dass die Frucht meiner Arbeit erwecke den Geist und aufschließe das Gefühl denen, die des Lichtes beraubt sind.
Lachhaft zu sagen, außerhalb des Himmels sei nichts. Es gibt nicht eine einzige Welt, eine einzige Erde, eine einzige Sonne, sondern so viele Welten, wie wir leuchtende Funken über uns sehen.“ G. B.

Mitten auf einem der lebendigsten Foren Italiens, auf dem Gemüse- und Obsthändler, Straßenmusiker, Touristen und Restaurantaquisiteure um Platz und Aufmerksamkeit wetteifern, dem Campo de Fiori, steht ein Denkmal. Es ragt zwischen all dem lebhaften Gewusel mit erhabener Ruhe auf und überblickt den Platz. Der Mann, den das Denkmal zeigt, ist in eine Mönchskutte gehüllt, sein Gesicht von einer Kapuze verborgen. Nur die Nasenspitze lugt weißlich hervor, vielleicht als Symbol seines frechen gedanklichen Vorpreschens, vielleicht auch nur, weil eine Taube ihr Geschäft unpräzise verrichtet und dabei die Nasenspitze des Denkmals markiert hat. Er steht dort in fester, fast lässiger Haltung, ein Buch in der linken Hand, das linke Bein als Standbein fest auf dem Boden, das rechte leicht vorgeschoben, als wolle er mit ihm als Spielbein neue Dinge anstoßen oder dem Bestehenden einen Schubs Richtung Fortschritt geben.

Das Denkmal zeigt Giordano Bruno, einen Dominikanermönch, der wegen Ketzerei am 8. Februar 1600 auf dem Campo de Fiori verbrannt wurde. Er landete auf dem Scheiterhaufen, weil er sich kirchlicher Hierarchie, Ideologie und den dazugehörigen Tabus verweigerte, indem er die Heiligenverehrung ablehnte oder auch das geozentrische Weltbild und sich in seinen naturwissenschaftlichen Forschungen zur kopernikanischen Theorie und zur Unendlichkeit des Weltalls bekannte.

Wenn man bei einem Glas Wein auf dem Platz sitzt, kann man beobachten, wie die Blicke aller Anwesenden, der Händler, Künstler, Gastronomen und Touristen immer wieder zu dem Denkmal hinaufwandern. Irgendetwas fasziniert an diesem Mann und seiner Verkörperung auf dem Platz. Und wenn man sich länger Zeit nimmt, weiß man plötzlich warum. Dann fallen einem viele Beispiele ein, die zeigen, dass Giordano Bruno schon lange tot, aber die Mahnungen seiner Person und seines Lebens noch sehr lebendig sind.

Ein Beispiel findet sich in Klaus Modicks Roman „Die Schatten der Ideen“. Darin reist der Schriftsteller Moritz Carlsen nach Vermont, um an einem College einen Lehrauftrag zu übernehmen. Im Keller seines Landhauses findet er durch Zufall die Aufzeichnungen eines früheren Kollegen, Julius Steinberg, der als junger Mann aus Deutschland in die USA emigrierte, um dort an der Universität zu lehren. Steinberg beschäftigt sich immer wieder mit dem Werk Giordano Brunos und wird dafür in der politischen Hysterie der McCarthy Ära als Kommunist verfolgt – bis ans bittere Ende. Carlsen beginnt, die Geschichte Steinbergs aufzuarbeiten, die ihm spannender erscheint, als alles andere, an der er gerade arbeitet. Und er stellt fest, dass sämtliche Publikationen Steinbergs aus den Archiven und Bibliotheken des Colleges verschwunden sind. Im Gespräch mit Kollegen stößt er bei dem Thema auf eine Mauer des Schweigens oder gar eisige Ablehnung und findet sich irgendwann selbst in der Rolle Steinbergs wieder – als ideologisch Abtrünniger, der in der politischen Hysterie der Bush-Regierung als Gefahr für die innere Sicherheit des Landes zu gelten droht.

Inzwischen ist es dunkel geworden über dem Campo de Fiori. Der Kopf Giordano Brunos mit der Kapuze sticht immer noch gegen den schwarzblauen Himmel ab. Und das Auge bleibt immer wieder am vorgestellten rechten Fuß hängen. Ein solches Spielbein brauchen Wissenschaftler, Gelehrte, Denker und Publizisten, um die Welt voranzubringen. Gelegentlich stolpern sie beim Gebrauch, hinterlassen Spuren in falschen Zusammenhängen oder treten anderen vor das Schienbein. Aber das ist kein Grund, das Spielbein mit einem Regelwerk zu überziehen, das es zum Standbein macht.

Es gibt auch heute noch genug Themen, die für öffentliche Aufregung und Ablehnung sorgen, ganz in dem Sinne, wie Giordano Bruno sie zu seiner Zeit mit anderen Mitteln provoziert hat. Kritik am Papst kann ein solches Thema sein, die Auslegung des Koran oder die Beschreibung des Propheten Mohammed, die Homosexuellenehe oder das Schweizer Bankgeheimnis. In der Regel wird man dafür heute nicht mehr verbrannt. Jedenfalls nicht im materiellen Sinne. Wie schön, dass wir in so ganz anderen Zeiten leben.

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220 Reaktionen

  1. 22. April 2009, 18:52 Uhr, von Ramona
    0201

    Dann hast Du ja die erzwungene T-Mobile-Kommunikationspause genau richtig genutzt @Anja. Möge der Jungbrunnen lange nachwirken. Und gut, dass es den ’Kaffeeröster‘ gibt:-))

    Allen eine schönen Abend!

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  2. 23. April 2009, 7:01 Uhr, von Dowanda
    0202

    Einen Jungbrunnen könnte ich heute auch brauchen … Bin schandbar müde. Meine Tränensäcke sind so gross, die kriegen ne eigene Postleitzahl.

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  3. 23. April 2009, 7:50 Uhr, von Anja
    0203

    Downada, ich empfehle Dir getönte Tagescreme Hydra-Care von Clarins, hilft immer;-) (Nein, ich bekomme kein Geld dafür…)
    Dazu einfach mal auf Youtube von der Band Basta (mega absolut empfehlenswert ) den Titel „Merci dass es mich gibt“ anhören.
    Danach noch „Spielerfrauen“, dann brauchen Deine Tränensäcke höchstens noch eine einstellige Hausnummer;-)
    Schönen sonnigen Tag…

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  4. 23. April 2009, 7:51 Uhr, von Ramona
    0204

    Ach Schatz, was treibst Du denn nachts? Übrigens, ich hab nach einer liebe Botschaft feinschön geschlafen:-)

    Antworten
  5. 23. April 2009, 8:41 Uhr, von Dowanda
    0205

    @Anja – danke für die Tips! ggg
    @Ramona … klingt so ekstatisch, gell. Nach Orgasmen, die wie Atombomben detonieren. Aber nixda … mir war einfach nur zu heiss.

    Ich vermute in meinem vorigen Leben war ich ein chinesischer Faltenhund. Oder in meinem nächsten?

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  6. 23. April 2009, 9:02 Uhr, von Walter
    0206

    „In Wirklichkeit erkennen wir nichts; denn die Wahrheit liegt in der Tiefe.
    In Wirklichkeit gibt es nur die Atome und das Leere.“
    Demokrit

    Ohne Menschen gäbe es keine Probleme, weil es den Begriff und dessen Wahrnehmung nicht gäbe.

    So wie wir Falten und Tränensäcke an uns akzeptieren können oder auch nicht, so geht es uns auch mit anderen Menschen und deren Meinungen und Weltsicht.

    Die Kunst liegt auch darin, uns selbst nicht so wichtig, aber dennoch ernst zu nehmen und uns auf die Schliche zu kommen, wenn wieder einmal Urteile und Vorurteile uns das Leben schwer machen.
    Es geht immer so- aber auch anders. Unsere inneren Freiheitsgrade wollen erkannt und entwickelt werden.
    Auch so eine lebenslange Aufgabe.

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  7. 23. April 2009, 9:30 Uhr, von Walter
    0207

    Standbein- die Wahrnehmung des Ich
    Spielbein- die Beziehung zu den „Anderen“

    Antworten
  8. 23. April 2009, 10:39 Uhr, von Ramona
    0208
    Antworten
  9. 23. April 2009, 10:46 Uhr, von Yolande Langendijk
    0209

    Gestern Mittag arbeitete ich im Garten unter schönen Sonnenschein. Was aber geschah da oben in die Luft? Ich dachte bis Gestern das es nicht al zu schlimm war hier im Norden aber den Krieg war in voll Betrieb. Ab und an Flugzeugen die ganzen Tag, die über uns Ihre Übelmachende Zeug Sprühten, die sogenannte Chemtrails. Darüber berichtete ich hier im Blog schon mal. Heute lese ich Chemtrail Alarm berichten aus ganzem Land (Niederlände).
    Das soll heutzutage ein „schönen Frühlingstag“ ausmachen; Schlimm! Die Protesten und Alarmen dagegen werden übrigens noch immer von mainstream Media und Behörde ignoriert.

    Antworten
  10. 23. April 2009, 10:57 Uhr, von Dowanda
    0210

    @Yolande
    Danke für den Input. Erinnert mich auch an die HARP-Geschichte.
    http://de.wikipedia.org/wiki/Chemtrail

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  11. 23. April 2009, 11:22 Uhr, von Ramona
    0211

    @Yolande werden da im großen Stil Agrarflächen besprüht?

    Antworten
  12. 23. April 2009, 12:12 Uhr, von Yolande Langendijk
    0212

    So wie @US auch schon erklärt in Ihre ‘Datenschutz’ beitrage; Das Behörde eher unter Wirtschafts- druck also eher geneigt sein sogenannte Wirtschaftliche Interessen oder die Interessen von Wenigen nach zu geben statt den Interessen und Rechten den Bürger oder Allgemeinheit.
    Die spannende Frage tut sich jetzt in Europa also auch ob das freie Internet wie wir dies im Allgemeinen jetzt kennen weiter gehen wird oder degeneriert zum restriktiven Paketen Zugang (Breitband Anbieter werden Gesetzliche Rechten bekommen wie viel oder welche Websites du besuchen kann, also ob wir bestimmte Websites/Services benutzen können.) wo wir selbst vielleicht diesem Blog auch nicht mehr kriegen oder schreiben können weil nicht in Paket von möglichem Breitband-Anbieter.
    In Amerika ist diese Sache glücklicherweise bis jetzt für die Amerikaner gut ausgegangen und sind solche Restriktionen trotz mächtiger Lobby abgewiesen. (Ich berichtete da schon mal über hier weil Obama die Sache des Freie Internet als Grund nennte für seine Präsident Kandidatur. Darüber war ich beeindruckt.)
    Abstimmung in Euro Parlament über solches Gesetzt oder neue Restriktive Regeln folgt am 5 Mai 2009.
    Vielleicht ist dagegen ins Net noch eine Petition Seite darüber zu Finden, ich weiß jetzt auch nicht was sonst!
    Freundlichen Grüssen,

    Antworten
  13. 23. April 2009, 14:44 Uhr, von US
    0213

    Yolande, danke für deine Aufmerksamkeit.

    Die Republik ist im Notstand.
    Das Grundrecht ist in den vergangen Jahren tatsächlich immer öfter auf die Seite geschoben worden.

    http://www.fr-online.de/_em_cms/_globals/print.php?em_ssc=MSwwLDEsMCwxLDAsMSww&em_cnt=1728454&em_loc=1231&em_ref=/in_und_ausland/politik/aktuell/&em_ivw=fr_polstart

    Bei mir können sich gar keine Tränensäcke bilden, da mir die Tränen in letzter Zeit öfter in den Augen stehen. „g“

    Antworten
  14. 23. April 2009, 14:57 Uhr, von Siegmund
    0214

    Ich sehe es eher anders: Der Staat tut nicht zuviel, sondern zuwenig.
    Was sich an den unregulierten Finanzmärkten und den daraus folgenden Resultaten zeigt.
    Sinn des Wirtschaftsliberalismus ist ja, den Staat möglichst zurückzudrängen.
    Je schwächer der Staat, umso besser.
    Ich bin dafür, den Staat wieder zu einem ernstzunehmenden Akteur zu machen. Und ja, auch indem die Starfverfolgungsbehörden in ihren Komeptenzen gestärkt werden. Sonst lachen sich die Wirtschaftskriminellen doch ins Fäustchen.

    Antworten
  15. 23. April 2009, 15:25 Uhr, von Ramona
    0215

    Die US-Hypothekenbank Freddie Mac gilt als eines der Unternehmen, das die weltweite Finanzkrise maßgeblich mit verursacht haben. Gestern nahm sich David Kellermann, geschäftsführender Finanzchef, das Leben. War er dem Druck nicht mehr gewachsen?
    http://www.spiegel.de/wirtschaft/0,1518,620642,00.html

    Antworten
  16. 23. April 2009, 15:50 Uhr, von US
    0216

    Ramona, danke für den Artikel, über Tote sollte man ja nicht schlecht reden, aber ist das so verwunderlich?
    Hunderte von Menschen leben jetzt in Zeltstädten.

    Antworten
  17. 23. April 2009, 15:56 Uhr, von Ramona
    0217

    @Siegmund, vor allem müssen vom Gesetzgeber Voraussetzungen geschaffen werden, die Wirtschaftskriminalität erschwert und Schlupflöcher schließt. Ich sage nur unser Steuerrecht, wo keine Behörde, kein Unternehmen oder kleine Steuerzahler mehr durchsieht. Durch ständige sich ändernde Bestimmungen und Anwendungserlasse lähmen sich die Kontrollbehörden selbst.

    Antworten
  18. 23. April 2009, 17:22 Uhr, von Noisa
    0218

    @Siegmund, @Ramona, die Zahl der Steuerfahnder sollte wirklich aufgestockt werden; Betriebsprüfungen häufiger angeordnet werden. Es wird untersagt, dass Anteile an Unternehmen und an sonstigen Vermögenswerten über Treuhandverträge gehalten werden. Mutter-Tochtergesellschaften dürfen nur bis zu einer bestimmten `Ebene´ zulässig sein; die Anzahl der Töchter wird zudem begrenzt. Verwaltungsbehörden tauschen sich untereinander stärker aus. Strafbehörden legen Zuständigkeiten zusammen, sodass zentral ermittelt werden kann usw. usw. Im Ergebnis würde das alles den Steuerzahler nichts kosten, da mehr reinkommen würde. Man muss nur wollen.

    Antworten
  19. 25. April 2009, 20:06 Uhr, von Walter
    0219

    Zurück und voraus:

    Wir dürfen das Weltall nicht einengen, um es den Grenzen unseres Vorstellungsvermögens anzupassen, wie der Mensch es bisher zu tun pflegte. Wir müssen vielmehr unser Wissen ausdehnen, so dass es das Bild des Weltalls zu fassen vermag.

    Francis Bacon

    Antworten
  20. 5. Mai 2009, 15:34 Uhr, von k
    0220

    test

    Antworten


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