MM_Duerrenmatt
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23. April 2009, 16:54 Uhr, Geschrieben von Miriam Meckel

Ausreise aus Niederland

Ich bin durchgekommen. Nicht ohne dass es gepiepst hätte. Dazu hat meine Jeans zu viele Metallknöpfe. Aber ohne die Schuhe ausziehen zu müssen. Das ist mein Sieg über den Sicherheitskontrollbetrug und die damit oft verbundene Machtdemonstration an Flughäfen, dass ich wenigstens die Schuhe anbehalten kann. So weit ist es schon.

Ich gehe durch, mein Rucksack hingegen nicht. „Ist das Ihre Tasche?“, fragt der Herr am Band. „Ja“, sage ich betont gut gelaunt (das Schuhthema wirkt nach). „Und sie können sie auch gerne öffnen, um nachzusehen, was drin ist“, ergänze ich. Der Mann beginnt zu suchen und ich bereite mich vor, meinen Schlüssel, mein Pillendöschen oder das Ministativ für meine Kamera vorzuzeigen. Eines von den drei Dingen ist es immer.

Dann zieht er das Buch aus meinem Rucksack: „Und was ist das?“

„Ein Buch?“ sage ich.

„Ja, ja“, sagt der Mann und fängt an, den Text auf dem Buchrücken zu lesen. „New York!“, ruft er aus. „Die Liebe!“ Es sind die beiden Worte, die in Klammern gesetzt und dadurch hervorgehoben sind (manchmal bekommen zweitrangige Angaben durch ihre formale Hervorhebung plötzlich eine ganz besondere Bedeutung). Ich stehe einfach mal weiter an dem Kontrollmetalltisch und warte, was jetzt kommt.

„New York!“, sagt der Mann vom Security Service wieder. „Das hieß doch mal Neu Amsterdam. Und der Autor ist doch auch Halbholländer.“ Ich besinne mich auf einen Ausflug in die Kolonial- und Immigrationsgeschiche der USA in Philadelphia im März 2008 und meine mich zu erinnern, dass der Mann Recht hat. „Nieuw Amsterdam“, so haben die Holländer das heutige New York zu Kolonialzeiten Mitte des 17. Jahrhunderts genannt. Aber der Autor ist – soweit ich mir erinnern kann – kein Holländer, sondern wuchs lediglich in Holland auf. Das allerdings müsste ich im Klappentextes des Buches noch mal nachlesen, was gerade nicht geht, denn das Buch hält noch immer der Mann vom Sicherheitscheck in der Hand.

Er liest weiter. Ich bin die letzte Passagierin in der Kontrollschlange. Er hat also keine Eile und womöglich hat er sich entschlossen, den ganzen Roman zu lesen, was mich in die Lage versetzt, mich zwischen meinem Rückflug nach Zürich und dem zu drei Vierteln gelesenen Roman entscheiden zu müssen. Nach drei Minuten finde ich, es ist jetzt Zeit, etwas zu unternehmen. „Und?“, sage ich. Er blickt vom Buch auf. „Und jetzt schauen wir mal, ob hier was Schlimmes drin ist“, sagt er und schlägt das Buch ganz auf. „Wie drin?“, frage ich.

Wieder habe ich ein Déjà vu. Meine Eltern besaßen früher ein ziemlich großes Buch, das aussah wie ein Märchenbuch. Und so begann es auch. Man fing an, die Geschichte von Frau Holle oder irgendetwas ähnlich Unsinniges zu lesen, um nach einigen Seiten auf das Ende der Erzählung und ein großes ausgeschnittenes Viereck zu stoßen. Ein Geheimversteck in einem Buch. Meine Eltern haben darin ihre Sparbücher aufbewahrt, als ich klein war. Später ist das Buch aus dem Blick geraten, wahrscheinlich entsorgt worden. Als Kind fand ich es traumhaft spannend und dachte, niemand wisse, dass ich dieses Versteck kannte. Und immer wenn meine Eltern aus dem Haus waren, habe ich es mir angeschaut und mich dabei gleichzeitig gut und schlecht gefühlt – ungefähr so wie jetzt. Dieser Mann kann nicht ernsthaft glauben, ich hätte etwas in dem Buch versteckt. „Was soll denn da drin sein?“, frage ich ausführlicher, da die vorherige Intervention nicht zu einer Reaktion geführt hat. Langsam sieht er mich an. „Gefährliche Ideen“, sagt er leise.

Was bitte ist hier denn los? Was für Ideen? Spinnt der Mann? Ich schaue ihn fassungslos an. Er betrachtet das Buch und blättert. Dabei fällt ein Papierschnipsel heraus. „Na bitte!“, sagt er – es ist die Eintrittskarte zum „Temple of Literature“ in Hanoi – „Geheimsprache!“. Wahrscheinlich gilt das Vietnamesische ganz unabhängig von seinen sprachgeschichtlichen Wurzeln als systemgefährdend, allein weil Vietnam noch einer Abwandlung des Sozialismus frönt. So langsam wird mir mulmig. Der Mann blättert.

Ich stelle mir vor, wie demnächst jedes meiner Reisebücher durchleuchtet wird und das Röntgengerät die vermeintlich unliebsamen Worte einfach weg strahlt. Mit der Ansammlung weißer Stellen im Text kann ich dann weiterfliegen. „Darf ich?“, sage ich daraufhin beherzt zu dem Mann und greife nach meinem Buch. Er tut noch einmal so, als wolle er es behalten und gibt es dann lachend zurück.

Bei dem Roman handelt es sich übrigens um „Niederland“ von Joseph O’Neill, das als einen wesentlichen Erzählstrang die Paranoia des Lebens in New York nach 9/11 beschreibt. Ich habe es auf dem Rückflug schnell ausgelesen. Jetzt gehört der Text mir, ganz unabhängig von dem Buch. Und ganz im Sinne des Philosophen Georg Steiner: „Was man liebt, will man auswendig lernen. Nichts kann es einem wegnehmen; keine Polizei, keine Zensur.“

 

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212 Reaktionen

  1. 28. April 2009, 17:36 Uhr, von Martina Gefällt 2 Lesern
    0201

    @Miranda: nach dem urlaub geht’s mir immer mindestens 2 Woche schlecht, einfach mit dem blöde Grund das dass Wetter hier nicht schön ist, wenn auch noch was schief läuft, dann kann ich mit mir selber nicht reden (stellt dir vor die andere die mich ertragen Müssen, die arme!)

    wie @Ramona schon sagt: Du hast aber wenigstens ganz viele positive Erinnerungen von denen Du zehren kannst.

    @Heike: nein, bin kein Nannini Fans, sonder bin Fans von das Lied der Moment, die mir irgendwie gefählt, also heute sie, später jeder andere, morgen wieder was neues.

    Ich bin stolz auf mich selber, dass hier noch soooo lange Fan’s bin, aber das handelt an die Blog-Guru M.M. und an alle andere hier die mir wahnsinnig gefallen*

    P.S. ich kann mich nur an reale/normale menschen mich binden und nicht am “Star?.

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  2. 28. April 2009, 17:38 Uhr, von Martina Gefällt 2 Lesern
    0202

    @Ramona & Dowanda: Ich freue mich dass ich euch auch ein krummel helfen könnte! Ihr (und alle) habt mir so viel gute Deutsch beigebracht :-)

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  3. 28. April 2009, 17:43 Uhr, von Noisa
    0203

    @Ramona, ich erfreue mich heute einfach an Euren Worten, indem ich sie lese. *lach*
    Und schön, dass `hier´ Lesende zu Schreibenden werden – @Heike, hallo! :)

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  4. 28. April 2009, 18:00 Uhr, von Petra Gefällt einem Leser
    0204

    @Miranda: Tiefs sind dazu da, dass wir die Hochs intensiver erleben. Ich weiß: Blöder Spruch, wenn man ein Tief hat… aber er stimmt. Ich wünsche dir in allen zumindestens die nächsten Tagen (länger wäre besser) gutes Gelingen!

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  5. 28. April 2009, 18:17 Uhr, von US Gefällt einem Leser
    0205

    Gestern abend schalt ich die Nachrichten ein, was höre ich, „Schweinegrippe“. Heute morgen schalt ich die Nachrichten ein, ich höre wieder „Schweinegrippe“. Den ganzen Tag „Schweinegrippe“, da kann es einem ja nicht besser gehen. Ach doch was anderes, der Joe Ackermann bleibt noch für drei Jahre D-Bank – Chef, wollte doch zu seinem 60. in Rente gehen, die lassen ihn aber nicht, vielleicht weil es zu teuer wäre mit seiner Abfindung!

    Ich wünsche allen einen schönen Abend.

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  6. 28. April 2009, 22:16 Uhr, von Yolande Langendijk Gefällt 2 Lesern
    0206

    “Schweinegrippe? pffff, das ich nicht flippe! Das wird nichts, genau so oder weniger als mit Sars oder die Vogelgrippe. Danke, Schön, Jetzt ist Fritz und Hermann dran, Schönen Abend weiter

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  7. 28. April 2009, 22:22 Uhr, von Martina Gefällt einem Leser
    0207

    Bald, trotz alle Krise und Krankheit, ist so weit: http://tinyurl.com/cs8kxn

    Der Erste Mai ist ein gesetzlicher Feiertag in Deutschland, Österreich, Teilen der Schweiz und vielen weiteren Staaten, wie zum Beispiel Russland, VR China, Griechenland, Frankreich, Mexiko, Thailand oder Nordkorea. Er wird auch als Tag der Arbeit, Maifeiertag oder Kampftag der Arbeiterbewegung bezeichnet. Die amtliche Bezeichnung in Deutschland ist durch Gesetze der einzelnen Länder geregelt. In Nordrhein-Westfalen z. B. ist der 1. Mai offiziell Feiertag als „Tag des Bekenntnisses zu Freiheit und Frieden, sozialer Gerechtigkeit, Völkerversöhnung und Menschenwürde“. Von Wikipedia.

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  8. 29. April 2009, 6:20 Uhr, von Petra Gefällt einem Leser
    0208

    @Miranda: in allen… Dingen … gutes Gelingen!

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  9. 29. April 2009, 8:21 Uhr, von Ramona Gefällt 2 Lesern
    0209

    Guten Morgen und erst mal danke an den Boodensee:-)

    http://www.myvideo.de/watch/13288/happy_hippo_spot_tv_lion_sleeps_tonight

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  10. 29. April 2009, 9:39 Uhr, von Dowanda Gefällt einem Leser
    0210

    büddde @Ramona

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  11. 29. April 2009, 19:44 Uhr, von Siegmund Gefällt einem Leser
    0211

    @ Dowanda Jetzt erst gelesen …

    Kenn mich mit Zigarren nicht so aus … ;) Stimmt, da muß man Schröder freisprechen, Davidoffs waren´s nicht ! :)

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