MM_Jaspers
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13. Juni 2009, 16:49 Uhr, Geschrieben von Miriam Meckel

Rette sich wer kann

Es gibt prophetische Sätze, deren Qualität sich erst im nachhinein entpuppt, und zwar anders als gedacht. Alexander Dibelius, Deutschlandchef der Bank Goldman Sachs hat kürzlich in einem Interview einen solchen prophetischen Satz gesagt: Das Wort „Systemrelevanz“ möge „das Unwort des Jahres werden“, stellte der Banker fest um hinzuzufügen, es könne nicht sein, dass „Verluste sozialisiert und Gewinne privatisiert werden“.

Das Interview ist einen Monat alt. Dibelius sprach über das Interbankengeschäft, das nach dem Lehman-Crash zusammengebrochen war und für das Wirtschaftssystem tatsächlich existenziell ist. Wenn sich die Banken gegenseitig kein Geld mehr leihen, trocknet das Finanzsystem aus, die Realwirtschaft gerät ins Trudeln und wir müssten irgendwann hypothetisch zum Warentausch zurückkehren. Deshalb ist weitgehend unstreitig, dass den Staaten keine andere Wahl blieb, als einzelne Banken zu retten, so argumentiert auch Dibelius.

In den vergangenen vier Wochen ist „Systemrelevanz“ nicht zum Unwort, sondern zum Allwort avanciert. Es muss herhalten zur Begründung der Opel-Rettung ebenso wie für die wuchtige Argumentation zugunsten einer Automobilwirtschaft, die selbst die Börsenzocker bei Porsche als System erhaltend klassifiziert. Es begründete die zwischenzeitlich möglichen Hilfen für den Warenhauskonzern Arcandor, bei dem ja schließlich Frauen arbeiten, die für unsere Gesellschaft auch systemrelevant sind und deshalb bloß nicht arbeitslos werden sollen. Mehr als 1.100 Unternehmen habe in den vergangenen Monaten Gelder aus dem Sonderprogramm des ersten Konjunkturpakets beantragt. Immer lauter werden die Befürchtungen, mit Opel seien nun die Dämme gebrochen und die Bundesregierung sei in einen Rettungsmarathon gestartet, bei dem manche gewinnen, viele aber gewaltig verlieren werden, vor allem die deutschen Steuerzahler.

Die Gründe dafür liegen im Wörtchen „Systemrelevanz“ verborgen, das nicht nur in der Finanzwirtschaft eine bedeutsame Rolle spielt, sondern auch in der soziologischen Betrachtung moderner Gesellschaften. Ihre wachsende Komplexität verlangt Ausdifferenzierung, bei der sich spezifische Systeme herausbilden, die jeweils eine spezielle Funktion für die Gesellschaft übernehmen. Deshalb sprechen wir längst von einem Wirtschaftssystem, einem politischen System, einem Wissenschaftssystem, einem Kunstsystem etc. Jedes dieser Systeme bildet sein eigenes symbolisch generalisiertes Kommunikationsmedium aus. Für die Wirtschaft heißt dieses Medium „Geld“, für die Politik heißt es hingegen „Macht“. Dass „Systemrelevanz“ zum Tuwort im aktuellen Wettretten wurde, hat mit den unterschiedlichen Leitcodes zu tun, die in Politik und Wirtschaft jeweils exklusiv und relevant sind.

Betrachten wir die Opel-Rettung in der Logik des Wirtschaftssystems, so bleiben viele Fragezeichen. Warum wäre eine Insolvenz schlechter gewesen für das Unternehmen? Warum muss der Staat die frühzeitige Einbindung neuer Investoren subventionieren? Wie groß ist die Freude bei Magna, dass die Bundesregierung dem Unternehmen den Großteil des Risikos abgenommen hat? Nach dem Leitcode des Wirtschaftssystems – „zahlen/nicht zahlen“ – ist die nun erzielte Interimslösung kaum überzeugend. Die deutschen Steuerzahler zahlen, aber es ist keinesfalls garantiert, dass die Rettungsaktion gelingt.

Über das symbolisch generalisierte Kommunikationsmedium „Geld“ steuert das Wirtschaftssystem ja nicht nur basale praktische Kauf- und Zahlvorgänge, sondern leistet im Falle der gelingenden und nicht durch externe Interventionen gestörten Selbstorganisation die fortwährende Überprüfung und Neuausrichtung auf kostengünstigere Technologien oder marktfähige Innovationen und passt seine Organisationen stetig in Größe und Dynamik an die Anforderungen des Marktes an. All das wird mit der Rettungsentscheidung für Opel ausgehebelt. Und so trifft auf sie das Gleiche zu, was der britische Economist über die US-amerikanische GM-Rettung schreibt: „By trying to keep their car industry big, America’s leaders ended up preventing it from becoming good.“

Das geschieht, wenn ökonomische Sachverhalte nach dem Leitcode des politischen Systems entschieden werden. „Macht haben/keine Macht haben“ ist die zentrale Unterscheidung, die für die beiden Volks- und Regierungsparteien und ihre Protagonisten angesichts der bevorstehenden Bundestagswahl ganz besonders relevant ist. Die Gefährdung tausender Arbeitsplätze durch eine Insolvenz passt nicht so gut zum politischen Machterhalt, der ja leider immer noch das quälende gewählt werden voraussetzt (auch wenn man das nach Jahren der großen Koalition gelegentlich aus dem Blick verlieren kann). Wer ist der bessere und volksnähere Retter? Das ist also die Frage, die in ihrer politischen Beantwortung erste Priorität hat. Wie nachrangig die nach dem ökonomisch besten Lösungsansatz ist, zeigt unter anderem, dass der SPD-Kanzlerkandidat in der Opel-Rettungsoper nicht mal die Grundkenntnisse einer Tarifverhandlung in Ansatz brachte. Magna wurde zum Retter erhoben, damit war die Sache klar und kaum mehr verhandelbar.

Es ist den Politikern kaum vorzuwerfen, dass sie in ihren Entscheidungen nach dem Leitcode ihres Systems operieren. Die Komplexität der modernen Gesellschaften bringt diese Kollisionen mit sich, die sich gelegentlich zwischen den Systemen ergeben können. Es ist allerdings durchaus verwunderlich, wie wenig medialen und öffentlichen Protest diese Tatsache noch hervorruft. Denn was bei Opel geschehen ist, kann nun tatsächlich in Serie gehen. Der Journalismus als Beobachtungssystem der modernen Gesellschaft hätte diesen Konflikt der Leitcodes in seinem eigenen der „Aktualität“ deutlicher früher als geschehen zum Thema machen können. Wäre das geschehen, hätte allerdings auch Wirtschaftsminister zu Guttenberg noch weniger Freude am Opel-Thema gehabt.

Der Wirtschaftsminister hat lange auf einer Insolvenz beharrt und damit eine bedenkenswerte Alternative im Spiel gehalten. Er hat damit signalisiert: Ich bin als Politiker in der Lage, den Leitcode des Wirtschaftssystems anzuwenden. Hätte er das durchgehalten, hätte er die Öffentlichkeit mit mehr Informationen zur Alternative einer Insolvenz versorgt, es hätte ein wahres Gesellenstück werden können.

Zu Guttenberg hat sich so in der Koalition nicht viele Freunde gemacht, aber zumindest schon mal eine schöne Eintrittskarte in die Wirtschaft gestaltet, falls bei der Bundestagswahl etwas schief laufen sollte. Tatsächlich hat zu Guttenberg das Spiel mit den Codedifferenzen zwischen Politik und Wirtschaft perfide perfektioniert. Indem gezielt sein angedeuteter Rücktrittswille an die Öffentlichkeit lanciert wurde, hat er seine Position gefestigt: Sehet her, ich bin doch als Politiker in der Entscheidungslogik des politischen Systems gefangen. Aber wenn sie so sehr der ökonomischen Vernunft zuwiderläuft, dann bin ich bereit, auf meinen Machtanspruch zu verzichten.

Die Bundeskanzlerin hätte sich, knapp vier Monate vor der Bundestagswahl und nach dem Glos-Debakel, niemals leisten können, schon wieder den Wirtschaftsminister auszutauschen. Das weiß zu Guttenberg, auch das gehört zur Logik des Machterhalts. Sein implizites Rücktrittsangebot ist also ein abgekartetes Spiel: Er stellt einen Machtanspruch zur Disposition, der aus der politischen Logik heraus gar nicht verloren gehen kann, und zielt damit allein auf Machterhalt. Durch öffentliche Leugnung des politischen Leitcodes lässt sich das verfestigen, was er repräsentiert: Macht.

„Wer rettet Deutschland vor den Rettern“, hat die Neue Zürcher Zeitung vor einigen Tagen gefragt. Die Antwort bleibt offen. Gerettet werden kann nur wer über genug Informationen verfügt, die Sachlage auch in der Komplexität der derzeitigen Krise angemessen zu beurteilen. Dafür brauchen wir saubere Recherche und Thematisierung in den Medien, damit die Menschen wissen, welche Entscheidungen die Politik für die Wirtschaft trifft. Die Politik stellt diese Informationen so nicht zur Verfügung, die Wirtschaft auch nicht.

Ohne eine aufklärerische Leistung der Medien in diesen schwierigen Zeiten gibt es gute Chancen darauf, dass neben dem Rettungswahn auch die Entkoppelung von Politik, Wirtschaft und Bevölkerung weiter voranschreitet. Und dann darf sich niemand wundern, wenn eine radikalindividualistische Handlungsmaxime wieder Auftrieb erhält, wie sie bei Schiffsunglücken zu Tage tritt, nachdem eine geordnete Rettung nicht mehr möglich scheint. „Now it’s every man for himself“. „Rette sich wer kann.“ Das ist dann auch systemrelevant. Für unsere ganze Gesellschaft.

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176 Reaktionen

  1. 17. Juni 2009, 22:38 Uhr, von Mafalda Gefällt 2 Lesern
    0151

    „Es ist den Politikern kaum vorzuwerfen, dass sie in ihren Entscheidungen nach dem Leitcode ihres Systems operieren. Die Komplexität der modernen Gesellschaften bringt diese Kollisionen mit sich, die sich gelegentlich zwischen den Systemen ergeben können. Es ist allerdings durchaus verwunderlich, wie wenig medialen und öffentlichen Protest diese Tatsache noch hervorruft. Denn was bei Opel geschehen ist, kann nun tatsächlich in Serie gehen. Der Journalismus als Beobachtungssystem der modernen Gesellschaft hätte diesen Konflikt der Leitcodes in seinem eigenen der „Aktualität? deutlicher früher als geschehen zum Thema machen können. Wäre das geschehen, hätte allerdings auch Wirtschaftsminister zu Guttenberg noch weniger Freude am Opel-Thema gehabt.“

    Der Journalismus als „Beobachtungssystem“ als solches HAT gearbeitet. Allein dieser Blog zeigt es. Was da von so vielen zusammengetragen wird.

    Doch sollen Journalisten (m/w) über ihren eigenen Codex, IHREN Leitcode hinaus Deutung VORGEBEN?

    Die Verfassungsgarantie für Journalisten/innen liegt in freier Berichterstattung; und wer´s gelernt hat, der sieht darin Auftrag.

    Das Verfassungskorrektiv für Politik liegt beim Souverän.

    Und ich WERFE den Politiker/innen vor, daß sie nach dem Leitcode ihres SELBSTGESCHAFFENEN Systems operieren.

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  2. 17. Juni 2009, 22:41 Uhr, von Noisa Gefällt 3 Lesern
    0152

    „Es ist mir sowieso unverständlich, wie Bürgervertreter, keine Wirtschaftsvertreter, großzügig Steuergelder in eine Sache investieren, die zwar konzeptioniert ist aber noch nicht beschlossen ist, wie im Fall Opel.“
    Genau! Ein Unternehmer hätte nie Geld nur in ein Konzept gesteckt (Ausnahme: Kosten der eigentlichen Konzepterstellung). Für mich ist das absolut nicht zu begreifen. Danke für Deinen insgesamt treffenden Beitrag, @Seantie Moenes.

    „…denn wenn im letzten Quartal, laut AW, fast 8000 Unternehmen Insolvenz anmelden, sehe ich ein nächste Systemkrise…“
    Ich auch, vermutlich ab dem 3. Quartal 2009. Momentan (jedenfalls bis zur Bundestagswahl) wirken teilweise noch kurzfristige Pflaster wie Kurzarbeit und Abwrackprämie. Die Bundesagentur für Arbeit ist jetzt schon überlastet. Wie soll diese Behörde den neuen, schwierigen Aufgaben gewachsen sein? Den Medienberichten lässt sich jedenfalls nicht entnehmen, dass hier Konzepte entwickelt wurden oder werden. Wer beweglich ist, kann m. E. Geschäftsideen zukünftig weiterhin umsetzen…

    @Miranda, hab’s nicht gesehen. Aber diese Grüppchenbildung mit Diskriminierungen beobachte ich ebenfalls. Ganz schlimm! „Soziales Lernen gilt als Grundvoraussetzung für die Entstehung von Kultur“ (@Urs)! In einer Unkultur (miriammeckel.de/2009/05/15/hessische-unkultur/) können wir alle nicht leben.

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  3. 17. Juni 2009, 22:51 Uhr, von Noisa Gefällt 4 Lesern
    0153

    In der Präambel des Pressekodex heißt es wie folgt: „Die im Grundgesetz der Bundesrepublik verbürgte Pressefreiheit schließt die Unabhängigkeit und Freiheit der Information, der Meinungsäußerung und der Kritik ein.“
    Das ist eine ganze Menge, @Mafalda. Bei Opel wäre im Vorfeld mehr inhaltliche `Kritik´ – losgelöst von den Politikermeinungen – angebracht gewesen.

    Antworten
  4. 17. Juni 2009, 22:52 Uhr, von Seantie Moenes Gefällt 4 Lesern
    0154

    @ miranda:

    Mein damaliger Englischlehrer, (seines Zeichen Oberstudienrat und Leiter der Oberstufe), äußerte sich zum Thema Homosexualität während einer Unterrichtsstunde vor 25 Schüler allen Ernstes so: „Homosexualität stammt von den Affen ab, und bereits da gab deshalb kränkliche Mutationen und überhaupt ist das ja nicht gesund.“

    Man könnte darüber lachen, wenn es nicht so ernst wäre!

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  5. 17. Juni 2009, 22:57 Uhr, von Mafalda Gefällt 2 Lesern
    0155

    @ miranda
    each against all? – Hast Du ein Team mit Dir?

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  6. 17. Juni 2009, 23:12 Uhr, von Mafalda Gefällt 4 Lesern
    0156

    @ noisa
    mmmhm. Opel war nie ein gesundes Unternehmen. Über Jahrzehnte nicht. Und immer mal wieder kamen die Fakten auf den öffentlichen Tisch. Und nun, auf einmal wird das Riesenrad zum Kettenkarussell.

    Zankte gegen diesen ersten Satz, daß Politikern kaum vorzuwerfen sei, daß sie dem Leitcode ihres Systems folgten.

    Und dagegen, daß der Journalismus als Beobachtungssystem versagt habe.

    Bleibt die Frage von wegen „Propaganda“. Oh, wie mühsam. Herr Döpfner weiß, wie diese Klaviatur zu spielen ist, verlangt er doch nun angesichts der Kurras- Erkenntnisse, daß sich beim Axel-Springer-Verlag entschuldigt wird. Von wem? Wofür?

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  7. 17. Juni 2009, 23:22 Uhr, von Mafalda Gefällt 3 Lesern
    0157

    Was fällt Euch zu selbstreferenziellen Systemen ein?

    Poltik als solches?
    Journalismus als solches?
    Industrie als solches?
    Dienstleistung als solches?

    Gibts das überhaupt?

    Ich sage nein. Doch der Begriff ist in der Welt. Brainstorming?

    Antworten
  8. 17. Juni 2009, 23:34 Uhr, von Noisa Gefällt 4 Lesern
    0158

    „Zankte gegen diesen ersten Satz, daß Politikern kaum vorzuwerfen sei, daß sie dem Leitcode ihres Systems folgten.“ hast Du geschrieben, @Mafalda. An „selbstreferenzielles System“ musste ich prompt denken. Und da ich diesen Gedanken unpassend fand, habe ich nicht reagiert. Witzig, jetzt kommt die passende Frage: „Was fällt Euch zu selbstreferenziellen Systemen ein?“ Ich lese einfach mit. Das ist mir definitiv zu anstrengend um diese Zeit. Puh. :))

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  9. 17. Juni 2009, 23:44 Uhr, von Mafalda Gefällt 4 Lesern
    0159

    Tomorrow´s another day :-)

    Gut´Nacht.

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  10. 17. Juni 2009, 23:46 Uhr, von Seantie Moenes Gefällt 3 Lesern
    0160

    Obama killt Fliege live „on air“:

    http://www.youtube.com/watch?v=gzgOS8dbF64&hl=de

    Wenn der Präsident der Vereingten Staaten vor laufenden Kameras eine Fliege tötet, können wir uns sicher sein:

    1. Sollte Obama jemals behauptet haben, er könne keiner Fliege etwas zu Leide tun, dann Lügen Politker doch.

    2. Fliegen sind nicht systemrelevant.

    Antworten
  11. 18. Juni 2009, 0:01 Uhr, von Mafalda Gefällt 4 Lesern
    0161

    hihi, was für eine nette Gute-Nacht-Geschichte.

    Evtl. 2. diskutabel: immerhin mußte Obama für den Rest der Sendezeit nix mehr sagen ;-)

    Nun aber wirklich

    Gute Nacht allen

    Antworten
  12. 18. Juni 2009, 7:19 Uhr, von Ramona Gefällt 3 Lesern
    0162

    Sagt mal, könnt Ihr alle ausschlafen?:-))
    Da hab ich definitiv den falschen Beruf:-(

    Jetzt lese ich heute auch noch in der Presse: „ Das Mannheimer Institut für Deutsche Sprache und die Uni Mannheim haben heraus gefunden, Sächsisch ist der unbeliebteste Dialekt in Deutschland“.
    Was will uns diese Meldung sagen? Mit was befassen sich eigentlich solche staatlich subventionierten Institutionen? Hätte ich Sprachforscher werden sollen? Was kostet solch ein Schwachsinn unter dem Strich? Ist das systemrelevant?

    Nur so viel: „MIR SINN DAS VOLG“, das muss man nicht mögen, aber erst mal nachmachen!

    Euch einen schönen Tag!

    Antworten
  13. 18. Juni 2009, 7:28 Uhr, von Miranda Gefällt 3 Lesern
    0163

    Ich finde es traurig, dass dass Thema Ausgrenzung und Diskriminierung so wenig Gehör findet und es gleich einen Touch von militant bekommt wenn man dafür einsteht.
    Muss gerade an die Biographie von Harvey Milk denken.
    Werde dieses jahr auf der Parade wieder mitlaufen, nicht als halbnacktes Showevent und kann ich euch mal was sagen?
    Laufe in Frankfurt mit seit 1993 da waren es noch 100 und wir wurden von der Seite bepöbelt, jetzt 16 Jahre später ist dass wie in anderen Städten ein Karnevalsevent geworden aber gerade seit ich eine verantwortliche Rolle als Leitung übernommen habe fällt es mir wieder schwerer so offen mit zu laufen in der Parade.Kenne soviele die noch am Rand stehen, nur dass es die Kollegen/innen nicht mitbekommen…
    Nachdem ich mir gestern anhören mußte wie krank Homosexualität ist und nicht gottgegeben kommt bei mir jetzt erst recht Gefühl auf dafür einstehen zu wollen (ohne in eine Kampfecke gestellt zu werden)

    Antworten
  14. 18. Juni 2009, 10:26 Uhr, von Mafalda Gefällt 4 Lesern
    0164

    @ Miranda

    Bei dem Stichwort „Homosexualität“, ebenso aber auch bei „Feminismus“ ist der erste Reflex vieler „Hast Du was gegen…“. So ist sofort ein Rechtfertigungs“gefälle“ entstanden. Und ich merke auch bei mir selbst, dass, gerade dann wenn ich müde bin, das Wissen um diesen Reflex zu innerer Selbstzensur führen kann, vorweggenommener Rechtfertigung, um nur ja nicht erst in die Ecke zu kommen. Aber da hab ich mich ja dann schon selbst hingestellt.

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  15. 18. Juni 2009, 10:33 Uhr, von Mafalda Gefällt 4 Lesern
    0165

    @ Ramona
    hat Bayrisch an der Dialektkür nicht mehr mitmachen dürfen? ;-)

    Auch Dialekte/Spachfärbungen können Ausgrenzungsgründe darstellen. Meine erste Fremdsprache war Hochdeutsch; in der Grundschule und mehr noch später auf dem Gymnasium galt saarländischsprechen als tumb und bildungsfern.

    Und ich freu mich immer, wenn ich von NRW gen Saarbrücken fahre, wenn etwa ab Trier die zusteigenden Mitreisenden im Zug mehr und mehr die vertraute Sprachfärbung verlauten lassen.

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  16. 18. Juni 2009, 10:56 Uhr, von US Gefällt 2 Lesern
    0166

    Moin, moin.
    Zur Info.:
    Walter, Urs, Noisa und alle andern.
    Heribert Prantl: Was „Systemrelevanz“ wirklich bedeutet.

    http://www.boeckler.de/107_95581.html

    In der Krise muss der Sozialstaat mehr bieten, als einen Schwimmreifen, den man den Leuten zuwirft, um sie vor dem Absaufen zu bewahren. Der Sozialstaat muss ein stabiles Schiff sein im aufgewühlten Ozean.

    Ich wünsche allen einen schönen Tag noch.

    Antworten
  17. 18. Juni 2009, 11:28 Uhr, von Urs Bürgi Gefällt 4 Lesern
    0167

    Da ich angesprochen bin: zu kurz gesprungen, oder ungenau gelesen, sorry es sagen zu müssen. Meine Fragestellung lief genau darauf hinaus, eben nicht von Prantl dessen Formulierungen zu übernehmen, das nenne ich „Gedankenkonsum“ , sondern, in der Folge unscharfer Aussagen unter Verwendung dieser beiden Begriffe, System und Relevanzgrössen, selber mal die grauen Zellen anzuwerfen. Was ich indirekt wollte, und in Teilen ist es ja gelungen, den Focus auf das „wenig demokratische System“ und dessen konkrete Erscheinungsform in seinen Taten, in seinem Tun (Tu-Wort, MM) aufzuzeigen. Wie meist, wird über die Symptome geredet, die eigentliche Ursache liegt doch ganz woanders. Und weil dies mühsam ist, weil es aufwendig ist, verschwurbelt man bestimmte Sachverhalte und mit Grauschleier versehene und im Backstage getroffene Entscheidungen mit „System“ (what is it) und „relevant“ (nobody knows). Und die Reduktion von Prantl auf den Sozialstaat genügt nicht, aber wir wollen es ja short and easy. Komplexität, Strukturen, Elemente, wie sie sich in den vergangenen 60 Jahren herausgebildet haben, nein wurden, von Menschen, sind eben nicht, weil in der wirtschaftlichen Krise nunmehr erkennbar, in wenigen Sätzen abzutun. „Die Krise als Chance“, ich deutete es oben an, jetzt die Gelegenheit zu ergreifen, das „System“ fundamental in seiner heutigen Art infrage zu stellen und die Elemente neu zu strukturieren und die Spielregeln, die das System als lebendige Organisation bestimmen, neu zu definieren. Obama schrammt gerade an dieser von ihm erklärten Notwendigkeit ein wenig vorbei, aber ich traue es ihm immer noch zu (change), weil er ja noch nicht genügend Zeit hatte, die Verwerfungen aus 10 Präsidialepochen, von Bush zu Bush inkl. Carter, Clinton usw. grundlegend zu revidieren. Er hat es erkannt, er steht dafür ein, ihm traue ich es zu und wir sind gehalten, es in Europa ebenso zu tun, sonst werden wir, ich zitiere noch einmal, gezwungen werden zur „kreativen Zerstörung“. Ich weiss, es ist hier kein Proseminar, aber wenn man bestimmte Themen anreisst, dann erfordert es auch eine gewisse Tiefe der gedanklichen Bemühungen, um zu besseren Lösungen einerseits und Handlungsbeschlüssen (Konsequenzen) andererseits für sich zu kommen. Sonst bleibt alles l’art pour l’art. Ich widerspreche ja Prantl nicht, nur ist es nicht hinreichend, sondern ein Interview, ein Standpunkt, eine Aufgabenerledigung als Redakteur und eine Teilausschnittsbetrachtung, zwar richtig, aber nicht umfassend genug.

    Antworten
  18. 18. Juni 2009, 11:37 Uhr, von Mafalda Gefällt 3 Lesern
    0168

    o.t.: In Memoriam

    Hörte es grad im Radio: Lord Dahrendorf ist tot.

    Antworten
  19. 18. Juni 2009, 11:57 Uhr, von Walter Gefällt 3 Lesern
    0169

    Jürgen Habermas ist 80 und Ralf Dahrendorf alisa Wieland Europa ist tot. Beide sind und waren systemrelevant für den Liberalismus, verstanden als Freiheit der Gedanken und des Denkens und für die Demokratie.

    Genau deswegen sind auch andere Deutungen möglich:
    „1. Sollte Obama jemals behauptet haben, er könne keiner Fliege etwas zu Leide tun, dann lügen Politiker doch.“

    – Hat er nicht und würde er auch nicht tun, wenn er Al Qaida besiegen will.

    „2. Fliegen sind nicht systemrelevant.“

    – Für das System der Fliegen schon, für Obamas Mediencode auch, sonst hätte er es nicht getan. Ganz nebenbei und zufällig konnte er demonstrieren, wie gezielt und effektiv er zuschlagen kann.
    Die Fliege war nicht Jeff Goldblum, dann hätte Hollywood einen Film daraus gemacht: „Der Präsident und Ich“oder auch „Die Fliege und der Präsident“.

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  20. 18. Juni 2009, 11:58 Uhr, von Walter Gefällt 4 Lesern
    0170

    alias.

    Antworten
  21. 18. Juni 2009, 11:59 Uhr, von Urs Bürgi Gefällt 3 Lesern
    0171

    An @Noisa et al mit Kindern: „Rette sich wer kann“.
    Spiegel online: „Bund macht bis 2013 mehr als 300 Milliarden Euro Schulden“. Zusätzlich zu den 1,… Billionen!!! „Frauen und Kinder zuerst“ zitierte @Walter. Warum eigentlich? Und wohin? Und wie weiter? Und wozu?
    Dahrendorf in Ehren, las ein paar Aufsätze und seine Grundzüge zur Soziologie, etwas oldfashioned, heute, aber er hat’s hinter sich, wir noch vor uns. Das ist das Problem, dem wir uns stellen müssen. Und es ist sehr „relevant“ für jeden von uns, das Leben.

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  22. 18. Juni 2009, 12:20 Uhr, von Urs Bürgi Gefällt 4 Lesern
    0172

    Nachtrag zu Dahrendorf:
    „Man muss die Menschen bei ihrer Geburt beweinen, nicht bei ihrem Tode.“ – Charles de Montesquieu, Persische Briefe, Nr. 40

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  23. 18. Juni 2009, 12:24 Uhr, von Mafalda Gefällt 4 Lesern
    0173

    @ urs

    das ist richtig. Doch Vergangenes ist nicht aus dem Auge zu verlieren auf der Suche nach der sozialen Zukunft. Kann lehren. Es ist noch nie gelungen, mit einem Handstreich einen völlig neuen Gesellschaftsentwurf 1:1 zu implementieren. „Alles hängt mit allem zusammen“, auch Vergangenheit, Gegenwart und Zukunftsentwürfe.

    Das enthebt uns sicher nicht, wie Du anmahnst, Gedanken auch in die Tiefe zu denken, im Gegenteil. Manchmal kann es jedoch der zunächst spielerische, jonglierende Umgang mit Ideen sein, der unverhofft zu Tiefgang führt.

    Für mich ist dieser Blog ein Beitrag, Inspiration, auch anderes zu beachten und nicht allein in meinem Gedankensüppchen rumzuplanschen. Und das hat Wirkung wiederum wenn ich mit anderen spreche, diskutiere, streite oder rumalbere.

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  24. 18. Juni 2009, 12:25 Uhr, von Urs Bürgi Gefällt 3 Lesern
    0174

    Ein schönes Beispiel für „Das System“, wie es „spielt“: manus manum lavat, oder so ähnlich. http://www.sueddeutsche.de/kultur/935/472460/text/

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  25. 18. Juni 2009, 14:41 Uhr, von Yolande Langendijk Gefällt 4 Lesern
    0175

    @Seantie Moenes am 13. Juni, Genau, Und auch glücklicherweise gar keine störend platzierte Kommas mehr, im ganzen Beitrag nicht; Super!
    Super Photo: „Die Schokolade (worauf oder -in dem wir alle stehen) fangt an zu fehlen“ natürlich was sonst, soll es auch.
    Was ist die Relevanz von Macht, Geld, Kunst, wenn nicht geschickt für die Gesellschaft also für uns Menschen. Der Basis von Wirtschaft ist eher Kreativität. Jeder größere Wertung oder Macht gegeben an Geld und Macht, anders als das ermöglichen von Wirtschaft kehrt sich letztendlich gegen diese Wirtschaft.
    Ich fürchte das Wort Systemrelevanz wird eher uns als Sand durch Sandmännchen wie immer auch gutgemeint oder? in die Augen gestreut.
    Jonathan May erzählt uns was die Welt Banken vor haben:
    Jonathan May arbeitete für das Internationale Monetaire Fonds (IMF) in England. Im frühe achtziger Jahren kam er nach der VS mit ein Plan um die Amerikanern zu befreien von ihre Schulen an dem Bankensystem durch dasselbe ‚kreditschaffende’ System zu benützen als die welche durch die internationale Banken benützt wurde. Das Gesetz das dieses System regelt ist die Uniform Commercial Code (UCC). Im anfang hatte May succes, aber letztendlich wurde er durch Bankensystem angeklagt und im Gefängnis gesetzt. Jetzt sitzt er im Föderale Gefängnis im Midwesten wo er telefonisch sprach mit Lindsey Williams: Jonathan May tells the secrets of world bankers: http://www.vinesbranch.com/view/?pageID=60862

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  26. 25. Juni 2009, 8:01 Uhr, von Miriam Meckel Gefällt 3 Lesern
    0176

    @alle: der schokoladenspruch ist natürlich von goethe und findet sich – neben anderen – auf dem boden eines restaurants in weimar (wo übrigens auch die kaufhäuser „goethe-kaufhaus“ und „schiller-kaufhaus“ heißen, puh). und die schuhe sollen so sein (wurde ich von einer entsetzten verkäuferin bei macy’s in chicago auf anfrage beschieden)

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