Es gibt prophetische Sätze, deren Qualität sich erst im nachhinein entpuppt, und zwar anders als gedacht. Alexander Dibelius, Deutschlandchef der Bank Goldman Sachs hat kürzlich in einem Interview einen solchen prophetischen Satz gesagt: Das Wort „Systemrelevanz” möge „das Unwort des Jahres werden”, stellte der Banker fest um hinzuzufügen, es könne nicht sein, dass „Verluste sozialisiert und Gewinne privatisiert werden”.
Das Interview ist einen Monat alt. Dibelius sprach über das Interbankengeschäft, das nach dem Lehman-Crash zusammengebrochen war und für das Wirtschaftssystem tatsächlich existenziell ist. Wenn sich die Banken gegenseitig kein Geld mehr leihen, trocknet das Finanzsystem aus, die Realwirtschaft gerät ins Trudeln und wir müssten irgendwann hypothetisch zum Warentausch zurückkehren. Deshalb ist weitgehend unstreitig, dass den Staaten keine andere Wahl blieb, als einzelne Banken zu retten, so argumentiert auch Dibelius.
In den vergangenen vier Wochen ist „Systemrelevanz” nicht zum Unwort, sondern zum Allwort avanciert. Es muss herhalten zur Begründung der Opel-Rettung ebenso wie für die wuchtige Argumentation zugunsten einer Automobilwirtschaft, die selbst die Börsenzocker bei Porsche als System erhaltend klassifiziert. Es begründete die zwischenzeitlich möglichen Hilfen für den Warenhauskonzern Arcandor, bei dem ja schließlich Frauen arbeiten, die für unsere Gesellschaft auch systemrelevant sind und deshalb bloß nicht arbeitslos werden sollen. Mehr als 1.100 Unternehmen habe in den vergangenen Monaten Gelder aus dem Sonderprogramm des ersten Konjunkturpakets beantragt. Immer lauter werden die Befürchtungen, mit Opel seien nun die Dämme gebrochen und die Bundesregierung sei in einen Rettungsmarathon gestartet, bei dem manche gewinnen, viele aber gewaltig verlieren werden, vor allem die deutschen Steuerzahler.
Die Gründe dafür liegen im Wörtchen „Systemrelevanz” verborgen, das nicht nur in der Finanzwirtschaft eine bedeutsame Rolle spielt, sondern auch in der soziologischen Betrachtung moderner Gesellschaften. Ihre wachsende Komplexität verlangt Ausdifferenzierung, bei der sich spezifische Systeme herausbilden, die jeweils eine spezielle Funktion für die Gesellschaft übernehmen. Deshalb sprechen wir längst von einem Wirtschaftssystem, einem politischen System, einem Wissenschaftssystem, einem Kunstsystem etc. Jedes dieser Systeme bildet sein eigenes symbolisch generalisiertes Kommunikationsmedium aus. Für die Wirtschaft heißt dieses Medium „Geld”, für die Politik heißt es hingegen „Macht”. Dass „Systemrelevanz” zum Tuwort im aktuellen Wettretten wurde, hat mit den unterschiedlichen Leitcodes zu tun, die in Politik und Wirtschaft jeweils exklusiv und relevant sind.
Betrachten wir die Opel-Rettung in der Logik des Wirtschaftssystems, so bleiben viele Fragezeichen. Warum wäre eine Insolvenz schlechter gewesen für das Unternehmen? Warum muss der Staat die frühzeitige Einbindung neuer Investoren subventionieren? Wie groß ist die Freude bei Magna, dass die Bundesregierung dem Unternehmen den Großteil des Risikos abgenommen hat? Nach dem Leitcode des Wirtschaftssystems – „zahlen/nicht zahlen” – ist die nun erzielte Interimslösung kaum überzeugend. Die deutschen Steuerzahler zahlen, aber es ist keinesfalls garantiert, dass die Rettungsaktion gelingt.
Über das symbolisch generalisierte Kommunikationsmedium „Geld” steuert das Wirtschaftssystem ja nicht nur basale praktische Kauf- und Zahlvorgänge, sondern leistet im Falle der gelingenden und nicht durch externe Interventionen gestörten Selbstorganisation die fortwährende Überprüfung und Neuausrichtung auf kostengünstigere Technologien oder marktfähige Innovationen und passt seine Organisationen stetig in Größe und Dynamik an die Anforderungen des Marktes an. All das wird mit der Rettungsentscheidung für Opel ausgehebelt. Und so trifft auf sie das Gleiche zu, was der britische Economist über die US-amerikanische GM-Rettung schreibt: „By trying to keep their car industry big, America’s leaders ended up preventing it from becoming good.”
Das geschieht, wenn ökonomische Sachverhalte nach dem Leitcode des politischen Systems entschieden werden. „Macht haben/keine Macht haben” ist die zentrale Unterscheidung, die für die beiden Volks- und Regierungsparteien und ihre Protagonisten angesichts der bevorstehenden Bundestagswahl ganz besonders relevant ist. Die Gefährdung tausender Arbeitsplätze durch eine Insolvenz passt nicht so gut zum politischen Machterhalt, der ja leider immer noch das quälende gewählt werden voraussetzt (auch wenn man das nach Jahren der großen Koalition gelegentlich aus dem Blick verlieren kann). Wer ist der bessere und volksnähere Retter? Das ist also die Frage, die in ihrer politischen Beantwortung erste Priorität hat. Wie nachrangig die nach dem ökonomisch besten Lösungsansatz ist, zeigt unter anderem, dass der SPD-Kanzlerkandidat in der Opel-Rettungsoper nicht mal die Grundkenntnisse einer Tarifverhandlung in Ansatz brachte. Magna wurde zum Retter erhoben, damit war die Sache klar und kaum mehr verhandelbar.
Es ist den Politikern kaum vorzuwerfen, dass sie in ihren Entscheidungen nach dem Leitcode ihres Systems operieren. Die Komplexität der modernen Gesellschaften bringt diese Kollisionen mit sich, die sich gelegentlich zwischen den Systemen ergeben können. Es ist allerdings durchaus verwunderlich, wie wenig medialen und öffentlichen Protest diese Tatsache noch hervorruft. Denn was bei Opel geschehen ist, kann nun tatsächlich in Serie gehen. Der Journalismus als Beobachtungssystem der modernen Gesellschaft hätte diesen Konflikt der Leitcodes in seinem eigenen der „Aktualität” deutlicher früher als geschehen zum Thema machen können. Wäre das geschehen, hätte allerdings auch Wirtschaftsminister zu Guttenberg noch weniger Freude am Opel-Thema gehabt.
Der Wirtschaftsminister hat lange auf einer Insolvenz beharrt und damit eine bedenkenswerte Alternative im Spiel gehalten. Er hat damit signalisiert: Ich bin als Politiker in der Lage, den Leitcode des Wirtschaftssystems anzuwenden. Hätte er das durchgehalten, hätte er die Öffentlichkeit mit mehr Informationen zur Alternative einer Insolvenz versorgt, es hätte ein wahres Gesellenstück werden können.
Zu Guttenberg hat sich so in der Koalition nicht viele Freunde gemacht, aber zumindest schon mal eine schöne Eintrittskarte in die Wirtschaft gestaltet, falls bei der Bundestagswahl etwas schief laufen sollte. Tatsächlich hat zu Guttenberg das Spiel mit den Codedifferenzen zwischen Politik und Wirtschaft perfide perfektioniert. Indem gezielt sein angedeuteter Rücktrittswille an die Öffentlichkeit lanciert wurde, hat er seine Position gefestigt: Sehet her, ich bin doch als Politiker in der Entscheidungslogik des politischen Systems gefangen. Aber wenn sie so sehr der ökonomischen Vernunft zuwiderläuft, dann bin ich bereit, auf meinen Machtanspruch zu verzichten.
Die Bundeskanzlerin hätte sich, knapp vier Monate vor der Bundestagswahl und nach dem Glos-Debakel, niemals leisten können, schon wieder den Wirtschaftsminister auszutauschen. Das weiß zu Guttenberg, auch das gehört zur Logik des Machterhalts. Sein implizites Rücktrittsangebot ist also ein abgekartetes Spiel: Er stellt einen Machtanspruch zur Disposition, der aus der politischen Logik heraus gar nicht verloren gehen kann, und zielt damit allein auf Machterhalt. Durch öffentliche Leugnung des politischen Leitcodes lässt sich das verfestigen, was er repräsentiert: Macht.
„Wer rettet Deutschland vor den Rettern”, hat die Neue Zürcher Zeitung vor einigen Tagen gefragt. Die Antwort bleibt offen. Gerettet werden kann nur wer über genug Informationen verfügt, die Sachlage auch in der Komplexität der derzeitigen Krise angemessen zu beurteilen. Dafür brauchen wir saubere Recherche und Thematisierung in den Medien, damit die Menschen wissen, welche Entscheidungen die Politik für die Wirtschaft trifft. Die Politik stellt diese Informationen so nicht zur Verfügung, die Wirtschaft auch nicht.
Ohne eine aufklärerische Leistung der Medien in diesen schwierigen Zeiten gibt es gute Chancen darauf, dass neben dem Rettungswahn auch die Entkoppelung von Politik, Wirtschaft und Bevölkerung weiter voranschreitet. Und dann darf sich niemand wundern, wenn eine radikalindividualistische Handlungsmaxime wieder Auftrieb erhält, wie sie bei Schiffsunglücken zu Tage tritt, nachdem eine geordnete Rettung nicht mehr möglich scheint. „Now it’s every man for himself”. „Rette sich wer kann.” Das ist dann auch systemrelevant. Für unsere ganze Gesellschaft.








@ petra
a blow; nicht lecker.
Scheint, als seien Führungs- und Leistungsebene 2 Paar Schuhe.
Trotzdem schönen Feierabend. Und… wer weiß, was daraus entsteht…?
nochmal @ petra
was war/ ist eigentlich das Schlimmere: die innere Bruchstelle wahrzunehemn oder das Gesicht nach Außen wahren zu wollen?
Manchmal denk ich, daß das ein Dilemma ist, in dem viele Führungs- und Leistungskräfte stecken: wie stehen wir denn da? Das ist so alt, wie Dorfgemeinschaften und ihre Nachbardörfer. Selbst Nachbarschaften innerhalb von Dörfern. – Nie war mir das so bewußt wie nun hier in NRW. Viel gelernt daraus.
@Malfalda: Beides ist sehr unschön, allerdings ist die Gesichtswahrung immer sowohl eine persönliche Geschichte als auch und eben gerade eine unternehmensbezogene. Wie werden wir nach außen wahr genommen (wie “kommunizieren” wir uns)? Und wie wichtig dieses Thema ist, habe ich in den letzten Jahren bewußt wahrgenommen. Deshalb bin ich auch hier gelandet.
Danke im übrigen für das Mitgefühl!
Zum gender- Aspekt (ironisch von Mafalda am 16. Juni 2009 um 19:01 Uhr) Beim Vergleich des Verhaltens Angela Merkels mit dem ihrer männlichen Kabinettskollegen fällt auf, dass sie sich Optionen eher offenhält und versucht das Ganze zu sehen. Dies ist nicht geschlechtsspezifisch, sondern eher der Position geschuldet, aber nicht nur. Ihre vermeintliche Schwäche ist ebenso ihre Stärke: Gerade dadurch, dass sie ihre Macht nicht herausstreicht, nutzt sie sie. Mittlerweile kann sie auch Angriffe auf ihren deliberativen Führungsstil besser parieren, was ihr Respekt und Anerkennung auch ihrer Gegner verschafft hat. Sie eignet sich weniger zum Feindbild als “der Baron aus Bayern “- richtiger Franken- oder der Hallodri aus München.
Niklas Luhmann wollte mit seiner Systemtheorie eine Wertediskussion bewusst vermeiden, (Miranda am 16. Juni 2009 um 19:39 Uhr) indem er die Mechanismen und Beziehungen mit seinem System der Systeme zu sezieren versuchte.
Ähnlich geht es uns hier auch: Moralische Entrüstung greift irgendwie zu kurz, sucht sich Wege der Analyse und theoretischen Legitimation.
Durch die Anwendung der Systemtheorie wird Verhalten und Beziehung solcher komplexen gebilde wie “Wirtschaft” und “Politik” handhabbar und die Entrüstung kann sich auf die überwiegend negativ besetzten Reizbegriffe Geld und Macht konzentrieren. Damit machen sich auch Enttäuschung und eine gewisse Hilflosigkeit (so geht es mir) Luft, die sich sonst an der Hermetik und Unerreichbarkeit dieser Systeme den Kopf eingerannt hätten. Dieser Weg über eine ironische Distanz, den auch Niklas Luhmann gegangen ist, ist nicht der schlechteste. Er sollte uns dennoch nicht davon abhalten, aus der Betrachtung zur Tat überzugehen. Wie Angela Merkel treffend bemerkte- jede und jeder an ihrem/ seinem Platz.
Die nächsten Wahlen kommen bestimmt. Da werden sich Politik und Wirtschaft sicher noch einiges einfallen lassen, das es kritisch und auch ironisch zu analysieren gilt.
Gut, dass @ Walter in seinem zeitlich letzten Beitrag die Frage andeutet, die ich gestellt hätte: was ist System, was ist konstitutiv für das “System BRD” und was ist dafür “relevant”? Es wird stets “angenommen”, dass frau/man, weil das Wort einem bekannt vorkommt, alle dasselbe verstehen. Was ist ein System, was ist das besondere dieses Systems BRD, was ist der Massstab, z.B. das Grundgesetz und die Aussagen des Verfassungsgeriichts.(Grundgesetzgericht!!) Und was ist “relevant”? Für wen? Frau/man wäre damit rascher zum Kern der eigentlichen Fragestellung gekommen. – Wo war ich inzwischen? “Save our soul”, rette sich wer kann, indem er/sie sich um ihre Belange kümmern, “Sicherungssysteme”(!) entwickeln, um den rascher aufkommenden Gefahren der geistigen und materiellen Existenz vorbeugend etwas den “Wind aus den Segeln” zu nehmen. (Basel-Kunstmesse).
Mir erscheint “systembezeichnend” zu sein, was in den folgenden Zeitungsausschnitten ein wenig Licht auf die reale Bedeutung der Abstraktion “systemrelevant” wirft: Zum Thema “Subventionstransparenz” des “Systems”: Deutschland hat die Vorgabe der Europäischen Union umgesetzt, die Empfänger von Agrarsubventionen aus Brüssel im Internet zu benennen. Die Rostocker OSTSEE-ZEITUNG kommentiert:
“Das Ergebnis ist – was zu erwarten war – erschreckend: Durchrationalisierte Großbetriebe werden systematisch bevorzugt. Zu Lasten arbeitsintensiver, bäuerlich strukturierter Höfe. Die mit Abstand größten Profiteure jedoch sind Zucker-, Stärkeund Schokoladenhersteller sowie Molkereikonzerne. Dass dieser Unfug öffentlich gemacht wurde, war längst überfällig. Jetzt kommt es darauf an, ihn zu stoppen”, verlangt die OSTSEE-ZEITUNG.
Für die FINANCIAL TIMES DEUTSCHLAND ist es nichts Neues – Zitat:
“dass Brüssel vor allem denen gibt, die schon am meisten haben. Die Direktzahlungen werden pro Hektar Agrarfläche verteilt. Das führt dazu, dass in England die Queen als Großgrundbesitzerin die größte Einzelempfängerin ist. Man kann das pervers finden, und das ist es auch. Es folgt aber aus der Logik des Systems. Dass zu den größten Hilfsempfängern auch große Nahrungsmittelkonzerne zählen, gibt dem Ganzen aber eine besonders bittere Note. Es macht auch deutlich, dass Bayern und Bauernlobby nicht wirklich im Interesse derer handeln, für die sie sich angeblich einsetzen, wenn sie solche Informationen zu unterdrücken versuchen. Die Kleinbauern haben gar nichts zu verbergen, denn aus den EU-Töpfen bekommen sie nur eine Kinderportion”, stellt die FINANCIAL TIMES DEUTSCHLAND heraus.
Die WESTDEUTSCHE ALLGEMEINE ZEITUNG findet:
“Es ist ärgerlich, dass sich Deutschland so lange gegen die Veröffentlichung gewehrt hat. Und es ist schlicht peinlich, dass Bayern immer noch blockt. Das Argument, private Daten müssten geschützt werden, läuft völlig ins Leere: Schließlich geht es um öffentliches Geld. Das ist keine Privatsache, die Vertraulichkeit verlangt. Sondern eine staatliche Ausgabe, die der Kontrolle bedarf”, unterstreicht die WESTDEUTSCHE ALLGEMEINE ZEITUNG aus Essen.
Und in der SÜDDEUTSCHEN ZEITUNG ist zu lesen:
“An den Subventionen für die meisten Landwirte in Deutschland ist wenig auszusetzen. Sie arbeiten nach höheren Standards bei Tier- und Umweltschutz als anderswo in der Welt, dafür überweist ihnen die EU einen Ausgleich. Wer nachhaltig wirtschaftet und ganz nebenbei die Kulturlandschaft erhält, wird zu Recht unterstützt. Anders aber ist es bei den wenigen Agrarfirmen und Großgrundbesitzern, die allein wegen ihren großen Flächen oder der Masse ihrer Exporte Millionen bekommen. An sie fließt der größte Teil des EU-Geldes. Was die Großen kassieren, fehlt den kleinen Bauern, die um ihre Existenz kämpfen. Das Geld sollte besser an echte Landwirte gehen.” Ist diese “Randgruppe” Landwirte “systemrelevant”? Für wen? Wozu?
Nicht ich frage das, sondern “das System”? Surreal, das Ganze, toujours.
Systemrelevant sind Geld und Macht, ganz einfach. Darum dreht sich das Posting. Wenn beide missbraucht, das heißt in Zeiten der Krise zwar systemkonform jedoch gesellschaftsfeindlich verwendet werden, bleibt nur die system- also demokratierelevante Aufklärungsarbeit (Aufklärung im doppelten Sinn) der Medien. Soweit, sogut.
Surreal und da stimme ich Urs Bürgi zu, wird das Ganze, wenn sich die systemrelevanten Einzelfunktionen und Leitcodes entgegenlaufen und nicht ineinem konzertierten gemeinsamen Handeln von Wirtschaft und Politik münden. Beschrieben wird somit eine grundsätzliche Kommunikationsstörung, die sich zurückführen lässt auf die unterschiedliche Zuordnung des Attributs “Systemrelevanz”, nicht nach logischen, sondern nach operationellen und egoistischen Kriterien. In dieser Argumentation werden die Leitcodes zum Vorwand für eigensüchtiges und gesellschaftsschädliches Verhalten und Agieren.
Michel Foucault (http://tinyurl.com/n6766q)
kann zu diesen unterschiedlichen und schwer vereinbaren Dispositiven der Macht die Analyse der Machtbeziehungen beitragen. Damit lassen sich, unter dem Aspekt der Machtausübung, die Handelnden in Wirtschaft, Politik und Medien als Teilnehmer eines gemeinsamen gesellschaftlichen Diskurses betrachten, die das System “Gesellschaft” mit konstituieren. Auf dieser Ebene wird Moralähnlich wie bei Luhmann relativ, und der Begriff der “Leitcodes” tritt im Sinn eines moralischen Pragmatismus an ihre Stelle.
Damit hat sich Gesellschaft über diese Codes der einzelnen Systeme und ihren eigenen Leitcode, den der Gesellschaft zu verständigen. Hier tobt der Kampf, wenn es um die Deutungshoheit von Systemrelevanz geht.
Nach meinem Eindruck führt der Weg der Kanzlerin mit ihren kleinen Schritten zur Zeit am weitesten, wobei ich einer anderen Partei mehr Weitsicht und eine Schippe mehr strategischen Geschicks wünschen würde.
„Damit hat sich Gesellschaft über diese Codes der einzelnen Systeme und ihren eigenen Leitcode, den der Gesellschaft zu verständigen.“ schreibt @Walter. Super!
Der Leitcode der Gesellschaft war um 1955 anders definiert als vor September 2008. Momentan bedarf der Leitcode einer neuen Codierung, nach welcher sich die Codes der einzelnen Systeme ebenfalls neu zu definieren haben.
Das Wort `Systemrelevanz´ müsste HEUTE eine neue Bedeutung zugewiesen bekommen. Es mag falsch gewesen sein, dass das Wort zur Legitimation der Bankenrettung in Milliardenhöhe seit September 2008 verwendet wurde. `Systemrelevanz´ konnte Ende 2008 und Anfang 2009 niemand wirklich schlüssig definieren…
Die Zeitschiene scheint bei der Codierung der Systeme eine wichtige Rolle zu spielen. Und immer die `reflexive Durchdringung´ nach Horkheimer. Jetzt würde ich gerne ein Schaubild malen.
@Walter, chapeau, wobei ich mit der Reduktion auf “Geld und Macht” nicht konform gehe. Mag sein, im Posting ist es so, im, hoffentlich, Verständnis der Bundesrepublik und seiner Bürger ist es mehr, eigentlich. Überdeckt vom Konsum und seiner “zunehmend hohen Bedeutung für die Konjunktur” geht eine derartige Überlegung leicht unter, umso mehr ist es gerade jetzt wichtig, dass das Bewusstsein verschärft wird, genau dieses “Selbsverständnis” von den Parteien einzufordern (BRD ist eine Parteiendemokratie, keine Bürgerdemokratie), vor der Wahl, um die Chance in der Krise nicht zu verpassen, wie damals, als die Mauer gefallen war. So oft ergibt sich die Möglichkeit im Zeitfenster nicht.Wenn aber Gottschalk, B. Becker und Co. die “systemrelevanten” Grössen der Orientierung im Bewusstsein der Bevölkerung sein sollten, dann ist der Niedergang zur “schöpferischen Zerstörung” wohl nur eine Frage der Zeit.
Dem Wort…, sorry.
… werden.
Allen einen schönen Tag! Es ist ein herrlich sonniger Tag. :)
Ein “System”? relevant? Für wen?
http://www.sueddeutsche.de/,tt4m1/jobkarriere/662/472189/text/.
@Noisa: “Es ist ein herrlich sonniger Tag. :)” : 17.06.19… was für ein Tag für das “System”? ;-)
Sidestep für Foucault- Interessierte:
“Der Maskenmann”
von Jan Engelmann auf der Seite der Böll- Stiftung. Im weiteren Sinne auch passend zu unserem Thema.
(http://www.boell.de/bildungkultur/bildung-kultur-6917.html)
Nur so zum Spaß:
Das Unternehmen, bei dem ich gerade arbeite, hat immer schöne Sachen parat, um Mitarbeiter und Kunden bei Laune zu halten:
http://www.designafish.com/
Design a Fish. :o)
Es tut sich was – danke für den Link, @Urs. Hm, vielleicht könnte der Versuch unternommen werden, das Gesellschaftssystem beispielsweise in Westeuropa zum 17.06.2008 zunächst zu definieren, dann sollten die Veränderungen seit diesem Stichtag herausgearbeitet werden, um Schlüsse für ein Jahr später (= heute) zu ziehen… Ich befürchte, dass Deine Frage sich dann aber nur wage beantworten lässt.
Zu Foucault lese ich abends was (@Walter). Ich stelle gerade fest, dass ich mich nicht konzentrieren kann, wenn mein Sohn neben mir Mathe macht. ;)
Danke – auch was für später, @Cate. :))
@Noisa, ja, Konzentration dürfen wir schon einfordern, oder? *ggg* Nein, nicht Westeuropa, eher zwiebelringförmig, zuerst Du, dann Dein “Planetarium” (Du als Sonne, die anderen um Dich herum), dann die Erweiterung Deines Umfeldsystems, wer ist es, wie definiert ihr euch als “Wertegemeinschaft”, also eure Gemeinsamkeiten, (Geld, Macht,(Walter) Kultur (wie ausgestaltet in der Realität),Toleranz (worin erkennbar), Solidarität (Inhalt und Grenzen),Ausbildung für wen, was, wie finanziert, Sanktionsbestimmungen, usw??? ich weiss es nicht, nur beispielhaft, aber so können Elemente aufgebaut werden, die dann via “Regeln des Zusammenwirkens” zu einer Struktur zusammengesetzt werden, und das System bilden; hierbei, weil System dynamisch zu verstehen ist, sind die Schwerpunkte, d.h. die Gewichtung der o.a. Elemente vorzunehmen, und die “Verfallzeit” miteinander zu beschliessen, um den Prozess neu laufen zu lassen, da die Rahmenbedingungen, das Umfeld sich verändert haben/hat. Und wenn der soziale Aspekt der Respektierung von “Akzeptanz, weil anders” als wertvoll und anregend dynamisch gesehen wird, den Schwerpunkt bildet, dann sollte es ein stabiles, veränderbares “System” sein,in welchem eben der Grundwert des Gleichheitsanspruches gegenüber der Gemeinschaft in Pflicht und Recht, Priorität haben soll. Darin ist “relevant” im Sinne von “begründend”, konstutiv, stabilisierend, fördernd enthalten und beide Begriffe, System und System-wesentlich komplementär. Mal Dir als Thesenvorschlag, zum Nachdenken in der Sonne, während Dein Sohn sich mit Mathe beschäftigt. Chacun à son gout.;—))
Tolle Gedanken, @Ursula, die in die Tiefe gehen, zeigen, dass es mit den Systemen gar nicht so einfach ist und jeder irgendwie versucht, aus seiner Sichtweise, seinem persönlichen Umfeld sich dem Thema zu nähern, wenn auch unbewusst. Nein, ich sitze nicht in der Sonne. Bin froh, dass nun die Matheaufgaben erledigt sind. Die Ergebnisse sind richtig. Ich weiß nicht, wie man rechnen und die ganze Zeit dabei singen und summen kann; mir reicht’s. Ich bewundere Erzieher, Lehrer, Menschen, die sich darum bemühen, andere zu bilden. Danke an dieser Stelle! Jetzt aber kurz in die Sonne… :)
@Noisa, bitte, worauf kommt es an? Auf den Weg oder auf das Ergebnis? Wenn “er” zum Ergebnis kommt, singend und summend, ist es doch ok, wenn Du nur rechnen kannst in Stille und Abgeschiedenheit, auch ok.
Darin liegt doch der Freiheitsgrad, situativ festzulegen, was angemessen ist und passt. Es ist die Aufgabe der Lehrkraft, zu verdeutlichen, dass in Gemeinschaft das Singen und Summen nicht zum Erfolg im Rechnen in toto führt, weil Teilnehmer gestört sein können. Darin liegt doch der Lerneffekt, zu erleben, dass unterschiedliche Situationen mit gleicher Aufgabenstellung nicht gleiches Verhalten nach sich ziehen kann. Es zeigt auch auf, dass Toleranz eben Grenzen haben muss, weil es ein übergeordnetes Ganzes gibt, das eben mehr ist, als die Summe von summenden, singenden und rechnenden Kindern zusammen. Das transparent und bewusst zu machen (auch sich selbst), darüber zu kommunizieren, das ist der hauptsächliche “Nebeneffekt” in der Erlernung von Sachverhalten wie Mathe, Geografie, Englisch, etc. Unverständnis (wie kann man nur….?) ist da, aus meiner Sicht, nicht ergebniswirksam und zielausgerichtet. Wieder nur als These, bitte, zu verstehen.;–))
@Urs, stimmt völlig, was Du schreibst. Ja! Ich bin nur als kleines Individuum nicht perfekt (Was ist das schon?), erzeuge Protest, Unverständnis, wenn ich versuche, einem kleinen Jungen mal eben zu erklären, dass ich was Kompliziertes schreiben muss (meine damit ausnahmsweise nicht das Blog) und dabei Kindersingsang nicht vertragen kann, so nett dies ja sonst durchaus ist….. Ich schätze gute Pädagogen, die passende Verhaltensweisen dem Gegenüber vermitteln, nicht nur Lerninhalte. Wirklich. Ich finde es auch praktisch, dass Hausaufgaben in Grundschulen gemacht werden können. Wir Eltern vermitteln andere Inhalte, unpädagogisch laienhaft – mit Herz.
In diesem Zusammenhang fällt mir ein, dass Wunsch (= Ideal) und Wirklichkeit gelegentlich – wenn nicht sogar häufig – voneinander entfernt sind. Auch das macht es schwierig, Systeme, auch die kleinsten persönlichen, zu definieren.
@Noisa:Weil’s grade so gut passt: aus Spiegel online, über Stichlinge, fast wie bei Cate: “Oxford – Soziales Lernen gilt als Grundvoraussetzung für die Entstehung von Kultur: Die Fähigkeit, aus eigenen Erfahrungen und denen anderer zu lernen und so nach und nach Wissen anzuhäufen, wurde bisher nahezu ausschließlich dem Menschen zugebilligt. Nur selten wurden Ausnahmen beobachtet – etwa Delfine, die ihrem Nachwuchs beibringen, Schwämme zur Nahrungssuche zu verwenden, oder Orcas, die ihren Artgenossen eine sehr spezielle Technik der Robbenjagd vermitteln. Auch Schimpansen schauen sich gerne Dinge ab, die sie zum eigenen Vorteil verwenden können”. Wen’s interessiert:http://tinyurl.com/n9r9fn
Vielleicht geht e so besser:
http://preview.tinyurl.com/n9r9fn
@Urs, ein interessanter Artikel, danke. Über den Satz: „Je mehr Futter der Feeder hergab, desto eher waren die Tiere bereit, das Verhalten ihrer Artgenossen zu imitieren.“ muss ich mir Gedanken machen. *grübel*
Wobei fau/man sich die Frage stellen muss, ob Imitieren immer sinnvoll ist. Wir leben auch nicht in Schwärmen. Gruppenverhalten/Gruppenintelligenz spielt bei der Erziehung durch Eltern weniger eine Rolle, im Kindergarten, in der Schule hingegen schon.
Persönlich bin ich für Ganztagesschulen, auch ab der 5. Klasse. Das Ganztagesangebot zu erweitern, wird regelmäßig immer wieder diskutiert…
… und momentan höre ich, dass der Kleine und ein Freund von ihm – ausstaffiert mit Rollern – auf dem Bürgersteig rumfahren. Das gefällt mir schon viel besser. :)
@Noisa, danke, ich tat es gerne, Dir was aktuelles zu zeigen. Es ist so: die Nutzenkomponente treibt uns an, wir sind eben nicht so weit von der “Tierwelt” weg, wir haben in der Evolution nur einen anderen Weg zugewiesen bekommen. Doch ich finde den zitierten Satz so schön, “soziales Lernen gilt als Voraussetzung für die Entstehung von Kultur”!!! Das ist es, worauf es ankommt. Und wenn Lernen durch, nicht nur, aber hauptsächlich durch Imitation erfolgt, was müssen wir dann tun? Eben, dort liegt das Problem, bei sich anzufangen, um “Vorbild” zu sein, sie sind “nur” unser Spiegelbild. Ich sage nun nichts zum Singen und Summen, hihihi, sonder frage nur: wen hast Du da beschrieben in seinem Verhalten? Wobei es ja eine Abwandlung ist, keine unmittelbare Adaption. Ich habe von Kindern wenig Ahnung, aber es ist festzustellen, dass Erwachsene meist nur “altgewordene Kinder” sind. Das ist das Problem und die Aufgabe, wenn frau/man Gesellschaft verändern, im kulturellen Niveau anheben will. Und es genügt eben nicht, den “Erziehungsprozess” der Schule und deren Kräften zu überantworten. Es beginnt bekanntlich sehr, sehr früh, so dass die Chinesen die ersten 9 Monate bereits als Lebensjahr rechnen, das Kind also mit 1 Jahr auf die Welt kommt, weil es bereits “sozialisert” wurde im Leib der Mutter, von deren Gewohnheiten, Verhaltensweisen, deren Optimismus oder Gegenteil erlebte, Musik, Geräusche, Ärger und Zufriedenheit spürte, memorierte, ohne es bewerten oder sich wehren zu können.
OT:
@Mafalda, kurz zu Deiner Bitte.
Habe mir extra!!!!! das ‚Spiegelchen‘ gekauft und naja………… .
Ich schätze Frau Maron als Schriftstellerin, obgleich ich nicht alle Bücher von ihr gelesen habe. Aber mit Ihren Äußerungen bin ich nicht immer einverstanden, die sind mir manchmal zu kryptisch. Auch fehlt mir bei ihr immer noch die eigene Auseinandersetzung mir ihrer STASI-Vergangenheit. Das hat sie nie wirklich getan und das kreide ich ihr an!
Bei diesem Interview kann ich ihre Meinung beinahe teilen. Aber irgendwie kommt bei ihr immer wieder, die Menschen in den Neuen Ländern sind antriebslos, jammern und üben sich in Demokratie- und Politikverdrossenheit.
Ich glaube die Zukunftsängste der Menschen, egal ob Ost oder West, sind die gleichen. Und wenn die Bürger die Politik nicht mehr verstehen, ziehen sie sich zurück. Die Wahlverdrossenheit in den Neuen und den ‚Gebrauchten‘ Ländern, ist doch eine anschauliches Beispiel.
Den von Dir zitierten Satz finde ich auch klasse, @Urs. Und dann käme man vielleicht zu dem Verhältnis Kultur/Natur.
„hihihi, sondern frage nur: wen hast Du da beschrieben in seinem Verhalten?“ Hihi, frag mich nicht! :))) Stimmt, der Erziehungsprozess darf nicht der Schule überlassen bleiben, bloß nicht. Und die Vorstellungen der Schulpädagogen über diesen Prozess harmonieren auch nicht immer mit den eigenen Vorstellungen. Die Gruppenerziehung fördert nicht hinreichend die individuelle Entwicklung des Kindes, jedenfalls nicht, wenn die Klassen zu voll sind etc.
@ noisa
musik und mathe sind nicht so weit voneinander entfernt :-); und der Bub scheint doch ähnlich wach wie seine Mutter.
@cate
hui, wird “Finding Nemo II” pilotiert, projektiert, persifliert?
Les grad ein Buch von einem Thomas R.P.Mielke “Colonia – Roman einer Stadt” ; 200 Jahre Köln spannend erzählt (Verlagsbackcover).
Nun in Anlehnung an “Orlando” v. V.Woolf oder “Alle Menschen sind sterblich” (S.de Beauvoir) erlebt da ein unsterblicher Rheinhold [kein Rechtschreibfehler]die Stadtentwicklung Kölns von der germanischen Ansiedlung an über 2000 Jahre.
Zeigt, daß “sauve qui peut” immer schon menschenimmanent, fraglich manchmal die Mittel, und “Anfüttern” nicht allein marketingspezifische Erfindung sondern auch grundlegende Austauschstrategie war und ist.
Cate: Design a Fish.
Mit etwas Geduld lässt sich aus einem Fisch etwas Menschenähnliches basteln. Beschleunigte Evolution.
ups, eine Null vergessen; die 200 sollen 2000 sein.
@ ramona
danke für Deine Mühe! Mein noch stets vages Unbehagen, seit ich das erste von ihr las hat ein Echo.
Na, und nun wurd sie ausgezeichnet mit dem Deutschen Nationalpreis für Ost-Westvermittler, gemeinsam mit Erich Loest und Uwe Tellkamp. Die beiden kenn ich nun gar nicht, noch nicht mal die Namen. Las es heute auf der Kulturseite meines Lokalblättchens im westlichen Münsterland.
MIR haben da andere, unbekannte Menschen mehr vermittelt.
Danke, @Mafalda. :) Köln! (Einfach klasse die Stadt, war am Samstag noch da…) Ich sag mal tschüss für heute und wünsche einen angenehmen Abend! :)
Die Schuhe und die Hose auf dem Bild müssten die gleichen sein, wie beim “wer-ist-alice”-Posting.
Ist zwar keine Information die diese Welt braucht, aber naja …
Bei zunehmender Beschleunigung infolge fortschreitender Vernetzung nehmen die Zentrifugalkräfte zu, wir landen am Rand und fliegen darüber hinaus ins Leere, Einsame.
Welche Kräfte einer Gesellschaft sind zur Mitte hin gerichtet und imstande, sie wieder zusammen zu bringen?
Kultur, Zivilisation- dazu gehört auch die Sprache- und Geschichte können es schaffen und die Dinge, Systeme und Menschen wieder systemkonform kommunizieren lassen.
Diese Systeme sind die wirklich systemrelevanten.
Und sie sind in uns, fix und fertig.
Uwe Tellkamp ist ein junger Schriftsteller aus Dresden. Sein Buch ‘Der Turm’ kann ich empfehlen, darin habe ich mich auch wiedergefunden. Ist aber ein riesen ‚Wummer‘.
Löst ist ein Leipziger Schriftsteller, war immer unangepasst und seine Bücher waren in der DDR verboten. In seinen Romanen hat er fast immer die Deutsch-Deutsche Geschichte zum Thema und er legt immer die Finger in die Wunde. Einige seiner Romane wurde auch verfilmt, zu letzt sein Roman ‘Nikolaikirche’.
War für @Mafalda!
@Mafalda, übrigens das Thema Preisverleihung und dessen Wertigkeit hatten wie unlängst:-))
Euch einen schönen abend!
Danke @ ramona
bekam grad “Der Turm” von meinen Eltern (jew.68). Nächstes Buch, was ich lese.
@ all
Ein Wort, einen Schubs, was ich aus “Colonia” behalte: Gedankenstaub.
Der Einfluß hat auf Entwicklung. Auch dieser Blog ist “Gedankenstaub”. Wie schön das Bild!
Wenn sich aufgrund der GesamtKomplexität unseres Systems( = Gesellschaft), viele einzelne Systeme herausbildenden, die spezielle Funktionen einnehmen, um das Gesamtsystem in seiner funktionsweise am Leben zu erhalten, dann kann die systemrelevants nicht mehr Entscheidungsgrund sein. Schließlich ist dann “jeder” und “jedes” in einem bestimmten System relevant, damit es funktioniert, und die daraufaufbauenden Systeme weiter existieren. D.h. bezogen auf das `Subsidiaritätsprinzip`, ein übergeordnetes System greift erst dann in ein Untergeordnetes ein, wenn dessen eigenständige Selbstkontrolle nicht mehr funktional ist. Fraglich ist dabei, ab welcher Systemgröße ein Eingriff durch die Überordnung stattfinden muss? Im Moment geschieht das nur bei den vermeintlich Großen, gar bisher “Übermachtigen”. Die unscheinbaren, kleineren Systeme werden ihrer “Selbst” -Überforderung überlassen. Wenn eine Regierung nun den systemrelevanten Automobilkonzern rettet und gleichzeitig tausendfach kleine Unternehmen sterben lässt, dann stirbt letztlich das systemrelante System der mittelständischen Unternehmen. Folglich will die Bundesregierung das Gesamtsystem schützen, indem es die Spitze, angefangen bei Automobilkonzernen, Banken etc. rettet, auf denen sich das Wirtschaftssystem aufbaut, das wiederum mit poltischen System, Bildungssystem etc. das Gesellschaftssytem bildetet. Das Fundament dieser Spitzenssysteme aber bleibt außer acht und seiner Selbsterhaltung überlassen – bricht es weg, stürzt auch die Spitze ein.
Plädiert man also für Staatshilfen, dann müssen andere Argumente als der Systemrelevansts genannt werden, denn in einem Kartenhaus ist jede Karte relevant.
@ Seantie Moenes
das trifft sich mit Urs Bürgis Ausführungen von 09:06 Uhr.
Es gibt da einen Punkt:
das “Subsidiaritätssystem” – gemäß der katholischen Soziallehre und soziallegal so ausgelegt – ist systematisch bei SOZIALEN HILFEN/ Hilfesystemen von “unten” nach “oben” dynamisch, d.h. erst wenn Klein nicht mehr kann, greift Größer ein. Und auch nur “almosenhaft”(Hartz IV) und erst wenn Haus, Hof und Auto eingesetzt worden sind und weg.
Bei wirtschaftlichen SUBVENTIONEN ist es umgekehrt, wie aus Urs Bürgis Zusammentragung exemplarisch an der Landwirtschaft ersichtlich: Größer kriegt erst mal per se mehr an Subventionen. Wenn das nicht mehr trägt, kommt mit dem Totschlagargument “Systemrelevanz” Kleiner in die Pflicht. Größer können selbst – wieder Beispiel Landwirtschaft – nicht nur die PRODUZIERENDEN kleineren Bauern sein, eher die WEITERVERARBEITENDEN, mehrwertschaffenden, aber auch abschöpfenden Betriebe. Die wiederum – s. Milchbauern – nicht bereit sind, den Ur-Produzenten den wirklichen Wert des Grundstoffs zu zahlen.
Die Begründung von Wirtschaft auf Subventionen, seien sie EU-, Bundes- oder Kommunallegal begründet, ist ein zweischneidiges Schwert. Auch die Steuergesetzgebung beinhaltet indirekte Subventionen. So daß es- auch wieder polemisch – sein kann, daß in der Relation die Arbeiterin mehr Steuer- und Abgabenlast hat als ihre Managerin, die sich über deren Lohnkosten beklagt.
Das ist ein wenig plakativ. Zugegeben.
p.s.:
fällt mir grad auf: vielleicht ist ja gerade die bislang erbrachte Subventionshöhe, offen oder verdeckt, die “Systemrelevanz” ausmacht. S. HRE-Diskussion. Und wer eh nicht ganz normal legal im Subventionssystem berücksichtigt ist – ist nicht relevant.
p.p.s.:
und da treff ich mich mit Dir, Seantie Moenes, beim finden anderer Kriterien als “Systemrelevanz” (mein Vorschlag zum Unwort des Jahres). Kriterien näher am realen, individuellen, distinguierenden was z.B. ein Unternehmen ausmacht – egal wie klein oder groß.
@Seantie Moenes, interessante Gedanken, die doch noch mal zum Schreiben veranlassen: Die aus der Sicht der jetzigen Bundesregierung genannten Spitzensysteme, bestehend aus Banken und der Automobilbrache (Förderung über die Abwrackprämie, aber nicht die Opel-Maßnahmen; hier argumentierte die Kanzlerin mit der Besonderheit des Konzernsitzes in den USA und der Unabsehbarkeit von Entscheidungen der US-amerikanischen Regierung) wurden mit Milliardenbeträgen unterstützt.
Mittelständigen Unternehmen wurden bislang Kredite im Volumen vom 716 Millionen € zugesagt (Quelle: tagesschau.de/wirtschaft/kreditprogramme100.html). 3,25% der Mittel wurden erst verbraucht.
Der Mittelstand wird durchaus unterstützt. Diese Hilfsangebote sind nur kaum bekannt. Das liegt vermutlich daran, dass jedes Land eigene Programme aufgelegt hat und hierüber in den Medien kaum berichtet wird. Da besteht erheblicher Aufklärungsbedarf.
Die Kommunen versuchen, Gelder für die Bauwirtschaft locker zu machen. Auch das dauert. In der Baubranche sind die Maßnahmen aus dem Konjunkturpaket II noch gar nicht richtig angekommen.
Ich persönliche finde die Maßnahmen der Konjunkturpakte I und II im Detail eher nicht gelungen.
Und wie hier schon geschrieben wurde, die Banken- und Konzernpolitik ist in den vergangenen Jahren alles andere als löblich gewesen. Eine kurzfristige Rendite war wichtiger als vorsichtiges und nachhaltiges Wirtschaften, um einen langfristigen Erfolg zu erzielen. Es wurden lieber ein paar Tausend Arbeitnehmer in Tochtergesellschaften outgesourct oder direkt mit Zeitarbeitsunternehmen zusammen gearbeitet. Auftragnehmer, insbesondere mittelständische Unternehmen wurden an die Wand gedrückt. Wer da nähere Branchenkenntnisse hat, könnte zahlreiche Beispiele nennen.
Politik muss von unten nach oben verlaufen. Genauso wenig wie Politiker uns Dinge nicht aufs Auge drücken dürfen, die wir nicht wollen, dürfen Konzerne Preise den Auftragnehmern diktieren als auch untereinander Preisabsprachen treffen. Das widerspricht marktwirtschaftlichen Grundsätzen. Das verbietet sich zudem in einer grundrechtlich geschützten sozialen Marktwirtschaft. Ich bin für viele kleinere Einheiten und nicht für wenige große. Insoweit ist für mich der Mittelstand viel systemrelevanter, wenn wir schon bei diesem eigentlich einer ausführlichen Definition bedürfenden Begriff sind, als Spitzensysteme. Der Mittelstand dürfte auch eher geeignet sein, die Binnennachfrage zu bedienen.
Natürlich darf der Geldverkehr (komisches Wort) nicht unterbrochen werden. Hier hatten sich Fachleute aus der Wirtschaft (z.B. Herr Prof. Homburg) für einen Anlegerschutz stark gemacht.
Banken haben zunächst ihr Vermögen einzusetzen. Und wenn schlecht gewirtschaftet wurde, dann gibt es vertretbare Gehaltskürzungen; das ist im Mittelstand nicht selten. (Bei Arcandor haben aufgrund des Sanierungstarifvertrags die Angestellten und Arbeiter Kürzungen akzeptiert, aber wohl nicht das Management. Ich will jetzt nicht mit dem unschönen K-Wort für Kotzen kommen.)
Die Bundesregierung hat durch die Förderung der Spitzensysteme nicht vorhandende Steuergelder auf Kosten der nachfolgenden Generationen teilweise verschleudert. Ich finde das wirklich schlimm, was gemacht wurde und erwarte von den Medien, dass sie recherchieren und aufklären, nachdem sie schon nicht aufgepasst haben als die Entscheidungen – gleich welcher Art, ob Gesetzesentwurf, Vergabe über den SoFFin, Zahlenwerke der Begünstigten, Lobbyismus – gefällt wurden. Mit ihren Versäumnissen/Schlechtleistungen bauen sie sich zudem indirekt selbst ihre Arbeitsplätze ab. Und wenn Herr Prantl die Zeitungen für systemrelevant hält, dann aber bitte nur diejenigen, die in die Tiefe gehen, politisch unabhängig sind, die Zukunft unserer Gesellschaft nicht aus dem Blick verlieren und die vor allem früh mit der Berichterstattung anfangen, nicht erst, wenn die Karre im Dreck steckt. Wenn dann noch Zeitungen übrig bleiben, dann können die sich von mir aus auch systemrelevant nennen.
Übrigens, ich finde Euch als nicht sichtbare, unbekannte Personen – ob echt oder unecht – systemrelevant für ein Blog, ein intellektuell angehauchtes Blogsystem. ;))
Hab grad nochmal über die Wörter “Subsidiär” und “Subvention” unter zu Hilfenahme des Fremdwörterdudens nachgedacht. Es entstand folgendes Bild:
Subsidiär ist die Hilfe, die kommt, wenn keine Flügel zum fliegen mehr da sind.
Subvention ist der Wind, der unter Flügel gepustet wird; je größer die Flügel, je stärker.
Nochmal, ps., sorry:
was aber, wenn Luft lediglich unter Illusionen von Flügeln gepustet wird – es entsteht kein Auftrieb…
@Mafalda, gute Bilder! :)
(Sorry, diese Vertipper waren nicht beabsichtigt: „Automobilbrache“, „Konjunkturpakte“)
@ noisa
war Frau Freud mal wieder schneller? :-)
Finde beide Vertipper passend zu dem was ist.
:)
“Ich bin für viele kleinere Einheiten und nicht für wenige große. Insoweit ist für mich der Mittelstand viel systemrelevanter…”
Ist auch meine Meinung, insofern hielt ich es für angebrachter Millarden in ein lebendiges System zu speißen, statt in einen Konzern wie Opel, bei dem bis heute eine Insolvenz nicht ausgeschlossen werden kann. Also lieber in die Stärkung des gesamten BIP investieren, denn wenn im letzten Quartal, laut AW, fast 8000 Unternehmen Insolvenz anmelden, sehe ich ein nächste Systemkrise – die Nachragekrise im Mittelstand. Schließlich ist jeder der verloren gegangen Arbeitsplätze relevant für ein Familiensystem. Das entspricht in Deutschland durchschnittlich zwei Elternteilen und 1,8 Kindern, : ) besser, zwei Kindern – vier Nachfrager die nun ihren Konsum einschränken werden. Selbst wenn 8000 Unternehmen, neben den ca. 2 Mio in Deutschland nicht als wesentlich angesehen werden, bleibt doch die Stimmung, die sie in der Bevölkerung auslösen. Und jemand der sich um seinen Arbeitsplatz sorgt, wird sich keinen neuen Opel kaufen. Folglich sollte viele kleine Einheiten subventioniert werden, auch von Bundeswegen (durch ein effektives Konjunkturpaket), statt einzelne Großsysteme zu retten. Zugegeben, ohne Staatshilfen, könnte man in naher Zukunft auch keinen Opel mehr kaufen, aber es gibt noch andere Marken – das ist Marktwirtschaft! Hinzukommt das diese Gezetere um Opel und GM nicht neu ist. Seit Jahren ist bekannt, dass die Marke Opel ohne den Mutterkonzern GM profitabler wäre, bisher pochte die Bundesregierung auch auf keine Produktivität deutscher Standorte. Und das Argument eine Insolvenz hätte den Steuerzahler, aufgrund der mehrfälligen Unterstützungszahlungen, auch stark belastet – angenohmen: jedes insolvente Unternehmen hatte im Durchschnitt 50 Angestellte – von diesen 400.000 Arbeitslosen die das Sozialsystem finanzieren muss, spricht kaum einer. Wenn neben all dem Unglück nun noch Pech hinzukommt, hat der Steuerzahler Opel ein schöne Beerdigung finanziert und muss dann auch noch für die Folgekosten aufkommen. Es ist mir sowieso unverständlich, wie Bürgervertreter, keine Wirtschaftsvertreter, großzügig Steuergelder in eine Sache investieren, die zwar konzeptioniert ist aber noch nicht beschlossen ist, wie im Fall Opel. Und wenn der Magna-Chef eine Tag nach Beschluss des Ganzen, öffentlich sagt, es sei nichts verbindlich und sein Konzern werde kein unnötiges Risiko eingehen, dann kommen sich nicht nur meine Steuergelder verarscht vor.
Muß jetzt gerade in eigener Sache bloggen, komme gerade von ein langem Elternabend heim, müde nach 13 Stunden
habe Plasberg angemacht, sehe meine OB streiten zum Thema Abschottung zur Unterschicht…arbeite nach langen Jahren in Elite Kitas im Brennpunkt und bin manchmal müde vom Arbeiten mit dem Klientel…
wir hatten Rassismus der durchaus bei uns im Schulhof Thema ist, nicht nur Ausländerfeindlichkeit (ist Thema besonders bei Migranten untereinander) auch immer mehr ist Homophobie spürbar, habe dass mit den Kindern zum Thema gemacht, dass schwul und lesbisch kein Schimpfwort ist und mit Ihnen das im Kontext zur Ausgrenzung untereinader besprochen.
Sehe da leider so gar kein Potiental an die Eltern zu appellieren da dort teilweise so diskriminierende Ansichten grassieren, mußte heute abend all meine Professionalität spielen lassen um nicht laut zu werden bei soviel Dummheit die da grassiert, dass ich mir gerade heute abend wieder mehr geistige Reife gewünscht hätte…finde dass ist systemrelevant…