MM_Ringelnatz
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21. Juni 2009, 17:41 Uhr, Geschrieben von Miriam Meckel

Nichtschwimmer

Ich gehe eigentlich davon aus, dass auch Menschen, die vornehmlich für das Internet produzieren, auch gelegentlich lesen, in gedruckten Medien oder deren Netzausgaben. In diesem Fall hätte ich es gewünscht oder gar stark erhofft, dass Peter Richter gelesen hätte. Dann hätte er zum Beispiel die kleine Kolumne von Sibylle Berg aus der NZZ am Samstag (20./21.06.2009, S. 39) lesen können: „Keine Meinung“. Die Autorin phantasiert darüber, wie sie berühmt und deshalb alltäglich von Journalisten aller Welt um ihre Meinung gefragt werde. Aber dieses Bild bleibt eine Phantasie, denn „ich habe keine Meinung, auf jeden Fall keine, die den Druck einer Zeitung überstünde“.

Auch andere Menschen haben keine Meinung, die den Druck einer Zeitung übersteht. Aber sie haben eine Meinung. Das reicht heute auch erstmal als Grundansatz aus, um sie irgendwo – unabhängig von ihrer inhaltlichen Qualität oder Begründetheit – zu platzieren. Und manchmal entsteht dann eine „Meinungsvielfalt“, die in sich selbst zum Aberwitz wird.

Seit Tagen berichten alle Zeitungen über die faszinierende Rolle, die soziale Netzwerke, vor allem Twitter, derzeit in Iran spielen. Sie berichten wie die Oppositionellen mit Hilfe von Mobiltelefonen, Internet, Blogs, Facebook und Twitter ihre Situation dokumentieren und sich organisieren, während das Regime mit Gewalt und Repressalien versucht, den Ausgang einer vermeintlich fairen Wahl zu verteidigen und dazu auch gerne mal den Stecker zieht. Vergeblich, denn die virtuelle Organisation läuft dezentral und damit auch diametral gegensätzlich zu zentralistischen Steuerungsversuchen. 

Angesichts dessen ist es schon irre (und das im Wortsinne), wenn Peter Richter sich in seinem aktuellen Videoblog über die „digitale Bohème“ lustig macht, zu der er als besonders geputztes und geschniegeltes Exemplar nicht nur selbst gehört. Er zieht auch über „Communities“ her und möchte, wenn er das Wort schon hört, „beim Verfassungsschutz anrufen“. Schön dass er das kann, ohne verhaftet zu werden. Auf Facebook wollen „eigentlich nur alle rummachen da miteinander“. Und Twitter klingt für Richter „immer wie eine Geschlechtskrankheit. Ich hab Twitter, hoffentlich ist das nicht ansteckend“.

Vor allem hoffe ich, dass diese Form der digitalen Bulimie nicht ansteckend ist, bei der immer etwas rauskommt, egal was man vorher reingesteckt hat. Wie schrieb Sibylle Berg? „Das Akzeptieren neuer, der eigenen Meinung widersprechender Ideen hiesse, zu akzeptieren, dass es im Leben keinen Nichtschwimmerbereich gibt.

Im Leben nicht. Im Netz leider schon.

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123 Reaktionen

  1. 24. Juni 2009, 9:59 Uhr, von Fabian
    0101

    Nö, aber mit Stalking will ich gewiss nichts zu tun haben. Es sollte ein Gag sein. Satire kann eben – manchmal auch unfreiwilliger Weise – schnell in Bashing ausarten, siehe Richter, siehe Will, siehe New Yorker, siehe, siehe… und das ist dann nur schlechter Stil und überhaupt nicht mehr gut, nein!

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  2. 24. Juni 2009, 10:01 Uhr, von Inge
    0102

    Find‘ ich prima von dir, hast eine gute Einstellung, @Fabian. :-)

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  3. 24. Juni 2009, 10:44 Uhr, von Dowanda
    0103

    zur Lage im Iran folgendes Video der BBC von John Simpson.
    Wenigstens einer, der noch weiss warum er den Job macht – ungeachtet der Anweisung des Regimes an ausländische Journalisten. Während offenbar die deutsch-österreichisch-schweizerischen Journalisten mit dem Kitt in der Hose in ihren Hotels sitzen.
    http://www.youtube.com/watch?v=KcHT8-ps64w

    (An diejenigen, die einwenden wollen, das nicht jeder Lust habe sein Leben zu riskieren: Wie hiess es hier unlängst? If you can’t stand the heat, stay out of the kitchen.)

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  4. 24. Juni 2009, 11:36 Uhr, von Siegmund
    0104

    Das sehe ich auch so.
    Ich sehe die Berichte auch ehrlich gesagt mit Skepsis.
    Mir ist da zuviel westliches Denken dabei. Die Opposition ist auch nicht so, wie wir das vielleicht gerne hätten. Die entscheidenden Beteiligten waren schon Träger der „islamischen Revolution“. Und eine westliche Demokratie ist sicher nicht das, was die propagieren.
    Wenn ich dann solche Kommentare einer Fernsehmoderatorin höre: „Es geht inzwischen um die Systemfrage.“
    Deutsche Geschichte wiederholt sich nicht kontinuierlich woanders auf dem Erdball, alles hat seine eigenen Zusammenhänge.
    Es war auch falsch, als Rumsfeld den Sieg über das Saddam-Regime mit dem Fall der Berliner Mauer verglich.
    Ich kann mich nicht erinnern, dass die Leute auf der Berliner Mauer mit Kalaschnikows in der Hand jubelten.
    Berlin ist nicht Bagdad und auch nicht Teheran.
    Obama hat dagegen eine ganz differenzierte Sicht, was auch sehr überdacht ist. Denn man muss notfalls auch mit beiden Optionen leben und verhandeln können.

    Noch ein Wort zu den Verlagen: Ich würde mir wünschen, dass sie selbst mal Vorreiter im Internet würden und zur Weiterentwicklung beitragen. Warum hat twitter nicht ein Zeitungsverlag erfunden. Alle Entwicklungen gehen immer von jungen Informatikern, Technikfreaks eben, aus. Wenn man mitreden will, muss man aber selber neue Wege beschreiten.

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  5. 24. Juni 2009, 12:27 Uhr, von Cate
    0105

    Also, ich weiß überhaupt nicht, wer dieser Peter Richter überhaupt ist. So. Und sich über Social Networks aufzuregen, halte ich für müßig. Man muss zum Henker auch nicht alles immer so ernst nehmen. In der Regel verfügt man als Mensch über ein gewisses Feingefühl für Grenzen und Relevanz. Sollte man zumindest… Man sollte Quatsch von Wichtigem unterscheiden können (nach persönlichem Ermessen natürlich) und dann kann man auch nach Herzenlust herumspielen und experimentieren. Ich verstehe wirklich die ganze Aufregung nicht. Es fehlen wirkliche Probleme… und Schokolade.

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  6. 24. Juni 2009, 12:46 Uhr, von Urs Bürgi Gefällt einem Leser
    0106

    Für mich eine „klassische Formulierung“, die wahrscheinlich untergegangen zu sein scheint,wenn man die Beiträge liest: „..Menschen haben eine Meinung. Das reicht heute auch erstmal als Grundansatz aus, um sie irgendwo – unabhängig von ihrer inhaltlichen Qualität oder Begründetheit – zu platzieren. Und manchmal entsteht dann eine “Meinungsvielfalt?, die in sich selbst zum Aberwitz wird.“ Danke MM. I love this statement.Es ist „au point“.

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  7. 24. Juni 2009, 13:41 Uhr, von Dowanda
    0107

    @Cate
    Also mit Schokolade kann ich dienen … :-)

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  8. 24. Juni 2009, 13:55 Uhr, von Urs Bürgi
    0108

    Ein „Schwimmer“, der es kann und dem ich mich anschliesse: Information als „5. Element“, eigentlich als Grundelement und Ausgangspunkt für Vielheit und Meinungsbildung und deren Verbreitung, bis hin zu den derzeitigen „Tentakeln“ des Informationswesens. Fischer: Ein Kontrapunkt zum „Aberwitz“.
    http://tinyurl.com/moxann

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  9. 24. Juni 2009, 14:01 Uhr, von Siegmund Gefällt einem Leser
    0109

    @ Cate
    Ich kannte den auch nicht. Bzw. dachte, dass „Peter Richter“ eine Figur aus GZSZ ist.
    Das Ganze kann man sowieso unter „Schülerfernsehen“ abtun.
    Was mich generell etwas stört, dass jeder, der etwas witzig rüberkommen will, nun versucht, Harald Schmidt zu imitieren. Das geht von der Sprache über die Betonung bis hin zu zynischen Inhalt. Aber die wenigsten können es eben wie das Original, und dann sollte man lieber seinen eigenen Stil finden.
    In dem Video sieht man auch, dass der Peter Richter immer wieder ins Stocken kommt, weil er selbst nicht weiß, was er anschließend sagen soll.
    Dies wird allein durch den Schnitt gerettet, der etwas Schnelligkeit hineinbringt und gerade in solchen Momenten einen Schnitt ansetzt.
    Überzeugend war´s wirklich nicht, aber zum Aufregen auch kein Anlass, das stimmt.

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  10. 24. Juni 2009, 14:53 Uhr, von Seantie Moenes
    0110

    @ Urs Bürgi: Der Satz ist wirklich untergegangen.

    Ich finde es schon seit längerem recht befremdlich, dass jeder für-irgendwas-bekannte Promi sein Meinung zu jeden Thema äußern darf und sogar soll. Es heißt ständig, „wir haben die Promis befragt“ und dann reicht es einem Gesicht, ein Kamera hinzuhalten, in die es nett lächeln darf und schon kann es losgehen. Auf fundierte Kenntnisse wird kein Wert gelegt. Wenn der XYZ das so sagt, muss es wichtig sein, denn der XYZ ist ein Berühmter was-auch-immer. Da soll zum Beispiel ein Ex-Fussballstar, den Boxstil Klitschkos einschätzen und kann nicht mal mit Sicherheit sagen, welches die Führungshand Klitschkos ist. So etwas würde normalerweise nie gesendet werden, schließlich findet eine Selektion zu informativen und produktiven Inhalten statt. Aber wenn der Meiner jemand ist, dann kann es schonmal vernächlästigt werden. So kommt es den zu dieser „aberwitzigen“ Menge an Meinungen. Dies ist auch das Problem einer Gesellschaft die sich über Aufmerksamkeit definiert. Die Aufmerksamkeit haben eben nicht nur jene, die Themenkenntnis besitzen, sondern auch alle anderen, die in der Öffentlichkeit stehen und sich einbilden eine fundierte Meinung zu haben.

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  11. 24. Juni 2009, 15:20 Uhr, von Urs Bürgi
    0111

    @ Seantie Moenes, danke für die Zustimmung und damit verbunden der Hinweis auf das „Übel“, das sich charakterisieren lässt mit: weniger ist mehr, oder: hättest du nur geschwiegen… Das macht ja das heutige Leben im Netz ein wenig schwierig, Schrott- und nachhaltige Informationen zu trennen, oder anders: stets abzugleichen an seinen eigenen Zielen, was ist brauchbar, was ist wertvoll und was kann in den Müll. Leider reichen die Müllsäcke nicht aus, bei den Müllmengen mit Spamcharakter.

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  12. 24. Juni 2009, 15:29 Uhr, von Noisa
    0112

    „Die Aufmerksamkeit haben eben nicht nur jene, die Themenkenntnis besitzen…“ Haben diejenigen die Aufmerksamkeit, @Seantie Moenes? Doch grundsätzlich nur, wenn sie in der Öffentlichkeit stehen oder über ein Lobbynetzwerk, über Connections in die Medien gelangen. Mir werden viel zu wenig wirkliche Fachleute von den Medienleuten befragt. Ich sehe meist dieselben Gesichter oder lese über die.

    By the way noch was zur Fabian-Satire: Die hat Frau Meckel offenbar dazu bewogen, Herrn Lobo zu folgen – oder gar der Schnauz? Wenn ich gelegentlich über Twitter mitbekomme, wer ihr alles niveauvolle Fragen stellt und keine Antwort bekommt, dann finde ich das Mitschwimmen der Blogbetreiberin bei einem Web-2.0-Freak, der für mich jetzt nicht so überragend toll rüber kommt, schlichtweg ungeschickt – ganz höflich ausdrückt. Alles eine Sache der Form/Einstellung und Höflichkeit?

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  13. 24. Juni 2009, 16:18 Uhr, von Seantie Moenes
    0113

    @ Noisa:

    Ich meinte mit „jenen, die Fachkenntnisse haben“ auch die Experten, die in der Öffentlichkeit stehen und regelmäßig als Kommentatoren oder Interviewpartner zu sehen sind. Zweifellos richtig ist aber, dass zu wenig Fachleute befragt werden, die wirklich über genug Wissen verfügen, um Aussagen treffen zu können, die auch in der Gesellschaft kursieren sollten. Genau betrachtet ist es doch so, es wird meist ein Fachexpert gehört und danach fünf mehr oder weniger „Promi“Experten, deren Meinung (dadurch) oft auch noch länger hängen bleibt. Wie wäre es einmal umgekehrt – offensichtlich unvorstellbar? Fragt sich auch noch, was Redakteure damit bezwecken wollen. Den Zuschaurer nicht nur unterhaltend zu Informieren, sondern auch bildend, scheint nicht die Prämisse zu sein. Tatsächlich wirkt es so, als wäre dieses trübe Geblänkel um ein Thema wichtiger als die Aufklärung des Themas an sich.

    Antworten
  14. 24. Juni 2009, 16:19 Uhr, von Ramona
    0114

    Die Microkommunikation, die Kommunikation der Zukunft?
    Nicole Simon, die Autorin des ersten
    deutschsprachigen Twitter-Buches im Interview:

    http://tinyurl.com/mxlvtv

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  15. 24. Juni 2009, 16:25 Uhr, von Noisa Gefällt 2 Lesern
    0115

    twitter.com/NicoleSimon als Beispiel für Twitter-Netikette.
    http://de.wikipedia.org/wiki/Netiquette

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  16. 24. Juni 2009, 16:32 Uhr, von Noisa
    0116

    „Tatsächlich wirkt es so, als wäre dieses trübe Geblänkel um ein Thema wichtiger als die Aufklärung des Themas an sich.“
    Deinen Ausführungen kann ich mich nur anschließen, @Seantie Moenes.

    Das Web bringt ein bisschen Schwung in die inhaltliche Aufbereitung von Themen (@Siegmund). Die Schreib-Amateure mit Praxiserfahrung und besonderen Kenntnissen können einen kleinen Beitrag leisten. Das wird die Schreib-Profis fordern müssen…

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  17. 24. Juni 2009, 16:38 Uhr, von Antje
    0117

    @Noisa
    Wer seit Monaten meint seine Mitkommentierer ver*****
    zu müssen, dadurch viele Mitkommentierer, die auch wirklich etwas zu sagen haben, vertreibt, der sollte sich bei den Begriffen Höflichkeit und Netiquette mal ganz gepflegt zurückhalten!
    Oder hätte ich jetzt @Inge schreiben sollen?

    Antworten
  18. 24. Juni 2009, 16:46 Uhr, von Noisa
    0118

    @Antje mit den besonders vielen Namen: Das ist kein Geheimnis. Und die 1-2 Inge-Anmerkungen – wenn überhaupt – seien, wenn es allzu schräg wird, erlaubt.

    Schönen Abend noch! Es wird nun gegrillt, solange es noch Fleisch von ungeklonten Tieren gibt. ;)

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  19. 24. Juni 2009, 17:13 Uhr, von Fabian
    0119

    Siegmund. Sehr treffend. Aber sein Buch „Deutsches Haus“ ist schon ziemlich gut.

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  20. 24. Juni 2009, 20:15 Uhr, von Mafalda
    0120

    @ Dowanda 7:55

    „und wer sehr groß ist und wenig zu fürchten hat (z.B. Konkurrenz) weil er entsprechenden Marktanteil plus die finanziellen Mittel hat, wird faul und bequem.“

    Da widerspreche ich und postuliere: der macht Meinung. Und zwar sehr fleissig. Zu Flat-Rate Konditionen. E.g. Mr. Murdoch oder Sig. Berlusconi.

    Allerdings machen auch die, die Mikromedia sind und viel zu fürchten haben im Zusammenspiel auch Meinung – as to be noiced in Iran.

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  21. 24. Juni 2009, 20:23 Uhr, von Mafalda Gefällt 2 Lesern
    0121

    P.s.: die Meinungsmache der „Großen“ geschieht auf einer Orgel (tut mir leid, dieses großartige Instrument als Bild heranziehen zu müssen). Unterschiedlich große Pfeifen. Viele Manuale.

    Das Zusammenspiel der Mikromedia erfolgt eher jazzartig.

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  22. 24. Juni 2009, 20:24 Uhr, von Mafalda Gefällt einem Leser
    0122

    Und der Jazz ist oft genug nicht minder großartig als das eine Instrument.

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  23. 25. Juni 2009, 9:39 Uhr, von Anni Gefällt 2 Lesern
    0123

    Auch wenn ich ein großer Fan von Wortspielen bin – auch in den Titeln von Blogs, Kolumnen o.ä. -, finde ich „Richterspruch“ für diesen Videoblog sehr anmaßend. Muss dazu sagen, dass ich mich nach dieser einen Folge aus Selbstschutz nicht getraut habe, weitere anzuschauen…

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