MM_Keith
Zu den Kommentaren
11. September 2009, 12:19 Uhr, Geschrieben von Miriam Meckel

Deutscher Politsadomasochismus

Über das gestörte Verhältnis der Deutschen zu ihren Volksvertretern

Das wäre ein Coup: Ulla Schmidt als Gast bei einem Promispezial von „Wer wird Millionär” und sie bekommt die wahnsinnig witzige Spezialfrage: „Wie viel kostet eine Mercedes S-Klasse pro Tag bei einer spanischen Autovermietung?” Sie weiß das nicht? Natürlich weiß sie das! Nichts weiß sie genauer als das. Hat sich die SPD-Bundesgesundheitsministerin doch seit Wochen mit kaum einer Frage intensiver beschäftigt als mit den Kosten für Dienst- und Leihwagen und deren sachlicher und moralischer Rechtfertigung. Das ist ungefähr der Humor, mit dem Politiker in Deutschland inzwischen rechnen müssen, und – ganz ohne Witz – Teil einer Blaupause für die Verfertigung des Politischen beim Regieren ohne Anzuecken.

Man hätte diese Entwicklung erahnen können, als Gerhard Schröder, damals SPD-Bundeskanzler, bei „Wetten dass” seine Steuerungsfähigkeiten beweisen musste, indem er seinen Dienstwagen rückwärts aus dem Studio herausdirigierte. Anecken wäre auch da schlecht gewesen. Auch die wenigen Meter, die das Auto gefahren ist, musste Schröder nicht abrechnen – weder dienstlich noch privat – er saß ja nicht im Wagen. Und hätte der damalige Kanzler einen Satz gesagt wie „das steht mir zu”, man hätte sich wissend lächeln abgewendet, ein wenig irritiert von der Großkotzigkeit, die aber damals bei diesem Mann als Kanzler irgendwie noch im Rahmen des Erwartbaren lag.

Bei Ulla Schmidt ist etwas aus diesem Rahmen gefallen. Vielleicht hat sich aber auch der Rahmen zusammengezogen wie trockenes, rissiges Holz, das keinen Spielraum mehr lässt und bricht, wenn an einer Stelle mal ungehörig gerüttelt wird. Sicher, sie hat ungeschicktes Krisenmanagement betrieben. Die Tatsache, dass Politikern, gar Politikerinnen etwas zustehen könnte, ist in Deutschland weitgehend verpönt. Und wenn es dann sachlich doch so ist, dann hat der Politiker darüber bitte den Mund zu halten.

Die meisten Politiker haben diese Lektion längst gelernt. Deshalb sind die Parlamente voll mit Menschen, die lieber selten den Mund aufmachen und wenn, dann um etwas zu sagen, das andere auch schon gesagt haben. Die etwas mutigere Variante davon perfektioniert der Bundeswirtschaftsminister derzeit blendend. Er sagt zu vielem „ich bin dagegen” und inszeniert sich auf der Bühne des Wahlkampfs als Widerstandskämpfer gegen die politische Kultur der Duckmäuserei. Dabei genügte bei der vermeintlichen Opelrettung schon ein Zwergenaufstand, um sich als Haltungsriese zu inszenieren. Folgen hatte dieser Widerstandskampf keine. Aber um das, was im politischen System der USA als „walk your talk” eingefordert wird, geht es hier auch nicht. Der Wirtschaftsminister wusste zu genau, dass sein angebotener Rücktritt vor der Bundestagswahl für die Union nun wirklich völlig ausgeschlossen ist.

Zu Guttenberg fällt deshalb so auf, weil viele andere so abfallen und hinab gleiten an den feuchten und rutschigen Kanten der politischen Stammtische. Wir lernen von den Repräsentanten der politischen Klasse in diesem Wahlkampf, dass sie Busen und Hintern haben („wir haben mehr zu bieten”), nicht aber wie man den eigenen Kopf einsetzten kann. Wir lernen, dass auch solche Politiker, die sich bis in die feinsten Verästelungen des Gesundheitssystems hinein auskennen, lieber über gesundes Grillen als über den Gesundheitsfonds sprechen. Wir lernen, dass die Regierenden Kraft haben, aber nicht wofür. Und über all der Inhaltsleere liegt der Schleier des Menschlichen. Politiker müssen sich nicht als politikfähig beweisen, sondern als lebensnah. Deshalb misst Karl Lauterbach (SPD) vor der Kamera Patienten den Blutdruck. Deshalb versucht Jürgen Bosbach sich an der Wiedereingliederung von jungen Straftätern in der Jugendstrafanstalt. Deshalb zerrt Renate Künast auf einem Bauernhof ein störrisches Kalb über die Wiese. Deshalb verabreden sich junge Politiker mit ihren potentiellen Wählern zum Speeddating. Sechs Minuten reden, dann muss klar sein, wofür der Politiker steht.

Was zeigt sich da? Diese Form der politischen Repräsentation ist Ausdruck eines Politsadomasochismus, bei dem einem angst und bange werden kann. Offenkundig wird von Politikern in Deutschland gar nicht mehr erwartet, dass sie Vorbilder im Politischen sein könnten, dass sie Themen setzen und anecken könnten, dass sie besser und qualifizierter sind als der Durchschnittsbürger und gerade deshalb in ein politisches Amt gewählt wurden. Die Deutschen scheinen von ihren Politikern zu erwarten, dass sie sich unterdurchschnittlich begabt zeigen und ihnen möglichst oft nach dem Mund reden. Sie wählen sie, weil sie möchten, dass von diesen Politikertypen keine Bedrohung wirklichen Wandels ausgeht. Damit sie auf sie herabsehen und sie niedermachen können, wann immer sich ein Anlass dazu bietet. In der Wirtschaft gibt es dafür einen eingeführten Claim: „First men hire first men. Second men hire third men.” Die Deutschen, ein Volk der Zweitklassigen, die sich nur durch Drittklassigkeit vertreten lassen wollen?

Natürlich spielen die Politiker das Spiel – meistens – mit. Akzeptieren die Kluft zwischen eigentlicher politischer Aufgabe und dem, was das repräsentierte Volk dem Repräsentanten dafür zugesteht. In diese Kluft ist Ulla Schmidt mit ihrer Dienstlimousine in vollem Tempo reingerauscht. Vielleicht weil sie bockig ist. Vielleicht weil sie wusste, dass der Bundesrechnungshof kein Vergehen finden würde. Vielleicht auch weil sie nach acht Jahren Tätigkeit als Abgeordnete und Bundesgesundheitsministerin und ebenso langen Kämpfen mit den mächtigsten Lobbygruppen dieser Republik einfach keinen Bock mehr hatte, die Position als Volksabtreterin zu akzeptieren.

Die meisten tun das aber. Sie sind inzwischen gedrillt auf den Mangel an Respekt, der der politischen Klasse in Deutschland entgegenschlägt. So sehr, dass sie freiwillig durch die sumpfigen Lachen unter den Biertischen kriechen, den Kopf eingezogen, damit kein Fußtritt des pöbelnden Volkes sie trifft, während sie versuchen, ein wenig vorwärts zu kommen. Dieses Spiel der Entwertung des Politischen durch Skandälchen, Neid und Nickeligkeiten, angetrieben auch von den Medien als Verstärker, hat Deutschland perfektioniert. Dagegen hilft nur eine große Portion Zynismus und Unabhängigkeit vom Amt oder ein Adelstitel. Die große Repräsentation scheint in Deutschland eher gesellschaftsfähig, wenn sie mit Herkunft begründet werden kann. Das ist leider ein der Demokratie eher fremdes Kriterium, hält sich aber beharrlich.

Diese Mechanismen erzeugen einen blinden Fleck unserer Gesellschaft. Die Deutschen sehen den Spiegel nicht mehr, der sich da vor ihnen aufgebaut hat. Die Bürgerinnen und Bürger merken nicht einmal, wie sie mit diesem kleingeistigen Artilleriefeuer gegen ihre Repräsentanten auch sich selbst treffen. Es muss doch im Interesse einer aufgeklärten demokratischen Gesellschaft liegen, dass die besten ein politisches Amt ergreifen, um die Geschicke des Landes in Zeiten komplexen Wandels in die richtige Richtung zu steuern. Dass dies Menschen sind, die – ganz im Sinne Max Webers – sich durch drei Eigenschaften aufzeichnen: Leidenschaft, Verantwortungsgefühl und Augenmaß.

Wer die als Politiker entwickeln will, sich als politische Persönlichkeit dem Dienst an Volk und Staat verschreiben will, muss die Chance haben, dies hauptberuflich zu tun und dafür vor sich selbst gute Argumente zu finden. Das heißt, er muss – wieder nach Max Weber – für die Politik und von der Politik leben können. Beides ist in Deutschland nicht unbedingt selbstverständlich. Politiker rangieren auf der Liste der meistangesehenen gesellschaftlichen Gruppen regelmäßig am Ende der Reputationsskala. Dabei übernehmen sie eine Aufgabe, die im Sinne von Berufung eben mehr sein soll als ein Job. Die oft sieben Tage Arbeit die Woche bis zu 16 Stunden pro Tag verlangt für ein Gehalt, für das ein Vorstand in der Wirtschaft nicht einmal ein Bein aus dem Bett hebt. Und wehe, es wird dann auch nur eine einzige Dienstfahrt falsch abgerechnet. Oder die Bundeskanzlerin gibt ein Abendessen im Kanzleramt, an dem außer ihr selbst auch einige weitere Führungspersönlichkeiten dieses Landes teil nehmen.

Wir dürfen uns also nicht wundern, dass wir vergeblich nach den kantigen, meinungsfreudigen und durchsetzungsfähigen Politikern suchen, die in die Parlamente und Regierungen strömen. Wenn es keinen reputativen oder materiellen Mehrwert bedeutet, in die Politik zu gehen, dann bleibt nur ein Antrieb übrig: die Macht. Und dann müssen wir uns fragen, welcher Typus Mensch das sein mag, der vor allem die persönliche Macht als Mehrwert schätzt, die ihn in der Politik hält. Sesselkleber und Intriganten dürfen frohlocken.

Wer kürzlich das ZDF-Unterhaltungsformat „Ich kann Kanzler” angeschaut hat, konnte die Selbstselektion des politischen Systems in Deutschland fernsehtauglich beobachten. Da traten smarte junge Menschen gegeneinander an, die in stromlinienförmiger Anpassung an die politischen Floskeln ihrer Parteivorbilder zu den bekannten Themen fast fehlerfrei in die Kamera sprechen konnten. Und befragt wurden sie von dem beliebtesten Deutschen, den das Volk sofort zum Kanzler wählen würde: Günter Jauch. In spießiger Besserwisserhaltung versuchte Jauch, die Jungpolitiker auf ihre Tauglichkeit zu prüfen. Was für einen Politikbegriff er dabei zugrunde legte und ob die Kandidaten nun eher anpassungsfähig oder meinungsfreudig daher kommen sollten, blieb schwankend und weitgehend unklar.

Als Oberfragen- und antwortenverwalter verteilt Jauch das Geld für die, die richtig liegen. Das langt für höchste Popularität. Da sind die Deutschen in ihrer Wertschätzung dann konsequent. Ein Volk, das seine politischen Repräsentanten weitgehend verachtet, wählt am liebsten einen Nichtpolitiker. Hoffen wir nur, dass der niemals mehr als eine Quizfrage beantworten muss. (siehe in Auszügen FAZ v. 9. September 2009)

78 Reaktionen

  1. 11. September 2009, 13:03 Uhr, von Noisa
    01

    Ein guter Text! Er verwundert nicht. In diesem Zusammenhang kann ich nur wieder das recht dünne Buch „Postdemokratie“ von Colin Crouch empfehlen, worin gut strukturiert das Verhältnis Politik/Bürger/Medien dargestellt wird. Es heißt dort beispielsweise: „Der Respekt, den man den Politikern entgegengebracht hat, ist zusammengebrochen, insbesondere im Umgang der Massenmedien mit der politischen Elite; …“ oder „…Die Politiker sind dadurch in den Ruf geraten, nicht länger vertrauenswürdig zu sein: dies gilt als ihr ureigenes Merkmal. …“

    Das Posting dürfte viel Anlass zur Kritik an dem bestehenden System geben und auch gleichzeitig die Möglichkeit eröffnen, einzelne Politiker – wie unsere Bundesgesundheitsministerin, die Lehrerin Ulla Schmidt – zu kritisieren. Als Frau Schavan den Hubschrauber damals nahm, ebbte das Interesse der politischen Gegner und der Medien schnell ab; es war kein Wahlkampf. Natürlich fällt es leicht, einzelne Politiker zu kritisieren. Ich persönlich würde eine Systemdiskussion bevorzugen; unter Einbeziehung der Medien, denn ohne die läuft es nicht so wie es läuft. Wat mut, dat mut? Nee, `mut´ nicht, wir (Politikersprache) wollen uns doch bewegen! :)

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  2. 11. September 2009, 14:53 Uhr, von XCylo7
    02

    Viel Wahres steckt in diesem Text. Selbstverständlich wäre es wünschenswert, wenn Politik-Schaffende ein besseres Ansehen in der Bevölkerung hätten. Dass dies nicht der Fall ist, ist jedoch keineswegs in irgendeinem “typisch deutschen” Verhalten begründet. Kaum ein Politiker vermag heute noch glaubwürdig zu vermitteln, dass er eine klare Linie hat. Was gestern noch aus tiefster Überzeugung abgelehnt wurde, wird morgen, nach einem erzwungenen Kompromiss mit dem Koalitionspartner, schöngeredet. Das ist nicht ehrlich, nicht geradlinig.

    Ein weiterer Faktor ist eine geradezu erbärmliche Streit- und Debattenkultur. Sachthemen stehen viel zu oft hinter Einhalten der Parteilinie und Wahlkampf-Attacken zurück. Was nebenbei dem lächerlichen Umstand geschuldet ist, dass irgendwo immer Wahlkampf ist, weil es aus unerfindlichen Gründen nicht gelingt, alle turnusgleichen Wahlen auf einen Termin zu legen.

    Kurz gesagt: Politiker in Deutschland sind nicht zu beneiden. Wer jedoch einen Mangel an Streitkultur und eigenem Profil aufweist, darf sich nicht über mangelnde Wertschätzung beklagen.

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  3. 11. September 2009, 15:52 Uhr, von Walter
    03

    Politik in der Mediendemokratie.
    Politiker und Politikerinnen werden nach ihrem Erhaltungswert beurteilt und beurteilen sich schließlich selbst danach. Politik als Talkshow.
    Einerseits tragen Regierung und Parlament alles dazu bei, die Dinge und unser Leben durch Gesetze und Verordnungen immer komplizierter und auch undurchschaubarer zu machen- Steuer und Gesundheit sind nur Beispiele- andererseits versuchen sie in ihren öffentlichen Auftritten den Eindruck zu erwecken, in drei Sätzen die Welt erklären zu können, die sie, wenn sie ehrlich sind, selbst nicht verstehen. Politiker heute werden zu Hochstaplern, wenn sie den Regeln der Mediendemokratie unterordnen.
    Bezeichnenderweise gehen die Wirtschafts- und Finanzpolitiker einen eigenen Weg, da sie in allen ihren Erwägungen und Entscheidungen mit der unendlichen, von ihren Vorgängern und ihnen verursachten und damit ganz und gar nicht logisch verständlichen Kompliziertheit der Welt konfrontiert sind. Da stehen sich der Hauptmann der US- Kavallerie und der bayerische Baron in nichts nach. Wer sich über die Komplexität hinweg zu mogeln versucht, gilt schnell als Hasardeur wie einstmals Oskar Lafontaine und immer mal wieder Guido Westerwelle, der, wenn es wirtschaftspolitisch ernst wird, inzwischen andere für sich reden lässt.
    Max Weber hat es als leidenschaftlicher Beobachter und Mitleidender beschrieben, als Mitbegründer der Soziologie und einer der Gründer der Deutschen Demokratischen Partei:
    Wenn Leidenschaft, Verantwortungsgefühl und Augenmaß das emotionale und intellektuelle Koordinatensystem des politischen Menschen aufspannen, dann ist Politik heute furchtbar schief: zuviel gespielte Leidenschaft, vorgetäuschtes und als rhetorische Waffe (Guido Westerwelle und andere) missbrauchtes Verantwortungsgefühl und durch die Verzerrung der medialen Wahrnehmung desorientiertes Augenmaß. Es ist ein Unterschied ob Gedanken vor einem leeren Blatt, vor einem Mikrofon oder vor laufenden Fernsehkameras formuliert werden.
    So sehen sie dann auch aus.

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  4. 11. September 2009, 15:57 Uhr, von Mafalda
    04

    … könnte auch heißen “Das gestörte Verhältnis der VolksvertreterInnen zu ihren WählerInnen”. Wie @ Noisa schon sagt, ist durchaus das System zu hinterfragen. Immerhin haben alle Parteien mittlerweile sowas wie “Parteischulungssysteme” etabliert (um das Wort “Kader” mal zu vermeiden) und es ist offenbar so, daß nur noch der- oder diejenige innerhalb dieser Politorganisationen “was wird”, die sich diesem System anpassen. Und mit jedem weiteren “Politkarriereschritt” vollzieht sich die Sozialisation in einem Milieu, das dann irgendwann doch recht weg ist “vom Volk”. Ich beneide niemanden, der sich dem anheim begibt und ich habe durchaus Respekt vor der komplexen Arbeit, die geleistet wird. Doch es fehlt mittlerweile der “Link” zwischen den gewählten VertreterInnen und denjenigen, die sie wählten. Und- wie @ Noisa dto. richtig bemerkt – Medien, die den Link herstellen könnten wirken offenbar doch meist eher kluftvergrößernd.

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  5. 11. September 2009, 16:00 Uhr, von Désirée
    05

    Es kommt nicht oft vor, aber dieses Mal bin ich, zumindest in Teilen, anderer Meinung. Vielleicht weil ich als Mediziner eh nicht so gut auf Frau Schmidt zu sprechen bin. „Gauner muss man Gauner nennen“ und anderen vorzuhalten man müsse sparen um dann selbst Geld zu verschwenden indem sie den besagten Wagen 5000 km von einem Chauffeur durch die Gegend fahren lässt erscheint mir nicht richtig. Wenngleich das Ausmaß der öffentlichen Kritik natürlich etwas ausgeufert ist. Wenn ich möchte, dass meine Patienten sich etwas Gutes tun und aufhören zu rauchen dann werde ich es auch nicht tun.

    Denn anderen Punkten stimme ich zu. Mir fehlen die politischen Vorbilder in der heutigen Zeit. Aber die Repräsentanten werden mir auch zu keinem, wenn sie, anstatt ihre Ideologien zu vertreten, unter Biertische kriechen.

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  6. 11. September 2009, 16:13 Uhr, von Désirée
    06

    Es kommt nicht oft vor, aber dieses Mal bin ich, zumindest in Teilen, anderer Meinung. Vielleicht weil ich als Mediziner eh nicht so gut auf Frau Schmidt zu sprechen bin. „Gauner muss man Gauner nennen“ und anderen vorzuhalten man müsse sparen um dann selbst Geld zu verschwenden indem sie den besagten Wagen 5000 km von einem Chauffeur durch die Gegend fahren lässt erscheint mir nicht richtig. Wenngleich das Ausmaß der öffentlichen Kritik natürlich etwas ausgeufert ist. Wenn ich möchte, dass meine Patienten sich etwas Gutes tun und aufhören zu rauchen dann werde ich es auch nicht tun.

    Den anderen Punkten stimme ich zu. Mir fehlen die politischen Vorbilder in der heutigen Zeit. Aber die Repräsentanten werden mir auch zu keinem, wenn sie, anstatt ihre Ideologien zu vertreten, unter Biertische kriechen.

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  7. 11. September 2009, 16:55 Uhr, von Désirée
    07

    Sorry, Technik die begeistert und meine Unfähigkeit

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  8. 11. September 2009, 17:10 Uhr, von Walter
    08

    PS und mit technisch bedingter Verzögerung:

    Angela Merkel dissimuliert wo es ihr nötig erscheint, sie spielt das Spiel dann einfach nicht mit. Sie liefert den Medien ein Bild und eine Person, lässt sich dann aber nicht vor Kameras und Mikrofonen in die Enge treiben, sondern weicht aus. Dies kann missverstanden und als Unentschlossenheit gegen sie instrumentalisiert werden. Manches publizistische Rad dreht dann auch mal durch. Sie behält aber bei der ganzen Geschichte immerhin ihr Augenmaß, ganz gegen den politischen Mainstream. Dies schätze ich- neben anderem- an ihr.
    Was die Wähler damit machen werden wir sehen.
    Die SPD zeigt immerhin Kante, flüchtet sich in ein Programm für die Zukunft, wenn die Personen schon kein Profil zeigen. Der Kandidat der SPD inszeniert sich selbst wesentlich mehr als Merkel, er lässt sich dabei leider auch vorführen.
    Ich bin trotzdem und gerade auch deswegen gespannt auf das Duell mit Platzpatronen.

    Antworten
  9. 11. September 2009, 17:11 Uhr, von Noisa
    09

    @Désirée, Du musst die Technik aber überlistet haben, denn es wurde keiner der Kommentare ab 15:52 Uhr sofort veröffentlicht und dann gab’s ‘nen Datenbankfehler. Warst wohl in der Warteschleife, nich? ;)

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  10. 11. September 2009, 17:19 Uhr, von Charlotte
    010

    “Die Bürgerinnen und Bürger merken nicht einmal, wie sie mit diesem kleingeistigen Artilleriefeuer gegen ihre Repräsentanten auch sich selbst treffen. Es muss doch im Interesse einer aufgeklärten demokratischen Gesellschaft liegen, dass die besten ein politisches Amt ergreifen, um die Geschicke des Landes in Zeiten komplexen Wandels in die richtige Richtung zu steuern. Dass dies Menschen sind, die – ganz im Sinne Max Webers – sich durch drei Eigenschaften aufzeichnen: Leidenschaft, Verantwortungsgefühl und Augenmaß.” (MM, 11.9.2009)

    Liebe MM, das spricht mir aus der Seele! Politik ist eines der Felder, für die wir die besten Leute brauchen, und wir, Bürgerinnen und Bürger und Medien sind dabei, durch Kleingeistigkeit, Respektlosigkeit und unzureichende Rahmenbedingungen die Negativauslese, die es für dieses Berufsfeld offensichtlich gibt, für die Zukunft festzuschreiben.

    Dieselben verheerend falschen Spielregeln gelten auch auf einem anderen Feld, für das wir die besten Leute bräuchten, die Bildung. Doch auch gegen unsere Lehrerinnen und Lehrer haben Bürger und Politiker ein kleingeistiges Artilleriefeuer eröffnet, das die Richtigen davon abhält, eine Karriere im Lehramt anzustreben.

    Als Wissenschaftlerin an einer deutschen Hochschule kann ich beobachten, welche Studentinnen und Studenten sich für oder gegen das Lehramt entscheiden und aus welchen Motiven heraus sie es tun: Für das Lehramt entscheiden sich in der Regel die, die auf die Sicherheit der (Beamten-)Laufbahn, die bequeme Vereinbarkeit von Familie und Beruf sowie auf die scheinbare Vertrautheit eines aus Schulzeiten bekannten Berufsfeldes setzen, in dem man kein Scheitern fürchten muss und für das man weder Ellenbogen noch konzeptionelle Ideen oder eine Vision zu brauchen scheint. Die Studierenden, die die richtige Motivation für das Lehramtsstudium hätten, wählen andere Felder, weil der schlechte Ruf des Berufs sie abschreckt: Wenn sie ihr Fach lieben, gehen sie Richtung Wissenschaft. Wenn sie es lieben, Inhalte zielgruppengerecht zu vermitteln, gehen sie Richtung Medien. Wenn sie mit Menschen arbeiten möchten, wählen sie einen anderen sozialen Beruf.

    Es ist falsch zu glauben, wir könnten unser Bildungssystem dadurch retten, dass wir auf die PISA-Siegerländer schielen und Elemente aus deren Bildungssystemen in das deutsche exportieren. Der gravierende Unterschied zwischen Deutschland und Finnland liegt nicht in einem gegliederten Schulsystem auf der einen, einem Gesamtschulsystem auf der anderen Seite. Er liegt vor allem darin, dass in Finnland der Lehrberuf ein hohes Ansehen in genießt (Lehrer gelten dort als “Kerzen des Volkes”) und dass er deswegen exzellente, motivierte und engagierte Absolventinnen und Absolventen anzieht, die sich aus den richtigen Motiven heraus für ihren zukünftigen Beruf entscheiden.

    Wenn wir eine zukunftsfähige Gesellschaft wollen, brauchen wir gute PolitikerInnen und LehrerInnen. Wir sollten schleunigst anfangen, die Spielregeln in Bildung und Politik zu verändern!

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  11. 11. September 2009, 18:03 Uhr, von Dowanda
    011

    Genau, Ulla Schmidt als Beispiel für eine Politikerin mit Rückgrat weil sie mit dem Dienstwagen vorfährt und der Rechnungshof nichts anrüchiges daran gefunden hat. Schöne Institutionsgläubigkeit, Frau Meckel.
    Wenns in den Regeln so steht, dann muss es ja so stimmen. Heiliges Blechle …

    Antworten
  12. 11. September 2009, 18:07 Uhr, von Dowanda
    012

    P.S Vielleicht würde es nicht schaden, beim Schreiben mal das linke Auge aufzumachen.

    Antworten
  13. 11. September 2009, 18:28 Uhr, von Siegmund
    013

    “Wer kürzlich das ZDF-Unterhaltungsformat „Ich kann Kanzlerâ€? angeschaut hat, konnte die Selbstselektion des politischen Systems in Deutschland fernsehtauglich beobachten. Da traten smarte junge Menschen gegeneinander an, die in stromlinienförmiger Anpassung an die politischen Floskeln ihrer Parteivorbilder zu den bekannten Themen fast fehlerfrei in die Kamera sprechen konnten.”

    Mir fiel dieses Max Strauß-Double auf, das brav “Entlastung für den Mittelstand” forderte. Das ist also die Politiker-Nachwuchsgeneration …
    Tsts.

    Antworten
  14. 11. September 2009, 18:29 Uhr, von Walter
    014

    Rechts und links oder mehrdimensional? Wo es keine Lager mehr gibt, zählen Programme. Die CDU ist mit ihrer Chefin noch einen Schritt weiter gegangen: die Kandidatin ist das Programm, alles auf einem Punkt, in der Mitte.
    Was ist links, was ist rechts gegen die Mitte?

    Antworten
  15. 11. September 2009, 18:29 Uhr, von Walter
    015

    Der Gütige lässt die Art, wie er einen geliebten Menschen behandelt, auch den Ungeliebten zuteil werden.
    Mengzi

    Antworten
  16. 11. September 2009, 19:06 Uhr, von Noisa
    016

    Wenn das mit dem Dienstwagen nicht gewesen wäre, hätten die Journalisten gar nicht so viel im Wahlkampf zu schreiben gehabt (Beispiel: FAZ-Artikel von Frau Meckel s.o. (@Dowanda, sie provoziert vermutlich.)). Schön, dass unsere Politiker weiterhin so wenig Feingefühl haben, wenn es um das eigene Ausgabeverhalten auf Kosten der Steuerzahler geht, sonst wären die Blätter leer. ;) Und Sixt hätte nicht die Möglichkeit gehabt, Mietfahrzeuge uns in dieser Form mit ziemlich wenig Aufwand anzubieten. Ist doch alles prima. ;)

    Genauso bescheuert finde ich es, ein Kanzlerduell „Duell“ zu nennen, denn es ist keins. Aber wenn es noch oft genug wiederholt wird – auch von der Talkmasterin am Sonntag, Frau Will, dann glauben wir es vielleicht noch. Mehr als gegen so einen Hirnstuss anzuschreiben, verbleibt einfachen Bürgern (wie mir) nicht. Und ich halte mich noch zurück, in echt. :)

    Hat sich eine Unkultur im journalistischen Bereich breit gemacht? Hier soll sich bitte niemand persönlich angesprochen fühlen. Aber wenn ich mir die Artikel zu Opel anschaue, wird mir schlecht…

    Nun, da die Technik wieder funktioniert (komisch auch) verbleibe ich mit den besten Wünschen fürs Wochenende! :))

    Antworten
  17. 11. September 2009, 19:17 Uhr, von Mafalda
    017

    Ich kann “Mitte” nicht mehr hören, lesen und vor allem SEHE ich sie nicht. “Mitte” was ist das? Du gehörst dazu, darfst mitspielen? Bist nicht randständig – wo immer der Rand sein mag. Wir treffen uns alle da? Um Himmels Willen, mir wird klaustrophobisch.

    Die MITTE, das große schwarze Loch, aus dem irgendwann dann ein Big Bang entsteht.

    Antworten
  18. 11. September 2009, 19:26 Uhr, von Dowanda
    018

    Was sagt wikipedia zur Mitte? Unter anderem, dass sie eine unumstössliche geometrische Grösse ist:

    Bei einer Strecke, einem Kreis, einer Kugel oder allgemein bei einer n-dimensionalen Sphäre ist der Mittelpunkt der Punkt, der von allen Punkten dieser Sphäre den gleichen (minimalen) Abstand besitzt.

    So einfach ist es Gott sei Dank in der Politik nicht.

    Antworten
  19. 11. September 2009, 19:32 Uhr, von Anja
    019

    „Offenkundig wird von Politikern in Deutschland gar nicht mehr erwartet, dass sie Vorbilder im Politischen sein könnten, dass sie Themen setzen und anecken könnten, dass sie besser und qualifizierter sind als der Durchschnittsbürger und gerade deshalb in ein politisches Amt gewählt wurden.“

    Oh doch, ich glaube, das interpretieren Sie falsch. Man kann aber durchaus besser, qualifizierter und klüger sein, als der Durchschnittsbürger und trotzdem ein Kalb über die Wiese schieben. Erfolg, Macht und Volksnähe schließen sich nämlich nicht aus.

    Mein oberster Firmenchef ist eben mit seinem Privatflugzeug ins Wochenende geflogen. Es klingt recht abgehoben, teuer, maßlos und übertrieben, vor allem in Zeiten, in denen wir hart arbeiten und Sparmaßnahmen mittlerweile selbst in den hintersten Ecken angelangt sind. Aber kein einziger Mitarbeiter würde sich an solch einer Wochenendaktion stören, da jeder weiß, wie hart er arbeitet und dass er ab Montag wieder in den „Fußvolk“ Meetings anzutreffen ist und sich mit Basisarbeit beschäftigt, die er benötigt, um richtige Entscheidungen zu treffen.

    Und deshalb halte ich es für absolut notwendig, dass Politiker Volksnähe verkörpern. Und nicht nur im Wahlkampf, wenn sie versuchen, einem bunte Kugelschreiber auf dem Marktplatz anzudrehen. (Erwarten sie etwa, dass jemand ruft: „Hey, ich habe zwar gerade meinen Job verloren, die Augendruckmessung beim Arzt kann ich mir auch nicht mehr leisten, aber dieser tolle Kugelschreiber wird mich durch die harte Zeit bringen!“ ;-))
    Der Hype um Ulla Schmidts Dienstwagenaffäre war mit Sicherheit überzogen. Natürlich darf sie mit ihrem Dienstwagen in Urlaub fahren, selbst wenn sie keine Vorträge in Altenheimen hält. So soll sie es bitte auch kommunizieren und basta!
    Eine Rechtfertigung allerdings darin zu sehen, dass sie viel arbeitet, vielleicht auch 7 Tage die Woche, ist in der heutigen Zeit zynisch. Kevins Eltern aus Buxtehude tun dies vermutlich auch, aber bei Ihnen reicht das Geld vielleicht gerade für den Monatsunterhalt, aber mit Sicherheit nicht für einen Familienurlaub. Und hier ist der Punkt, an dem die Synapsen nicht mehr zusammenpassen. Das Volk hätte so gerne politische Vorbilder, aber notfalls tut es auch Michael Ballack…

    Die Bürgerinnen und Bürger möchten ihre Politiker zu sich runterziehen, weil sie dadurch Aufmerksamkeit erhoffen. „Seht her, hier sind unsere Probleme, Fragen, Ideen, Zukunftsvisionen“ Mit Respektlosigkeit hat das meiner Meinung nach nicht viel zu tun, eher noch mit Resignation, was ich allerdings für schlimmer halte!

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  20. 11. September 2009, 20:04 Uhr, von Mafalda
    020

    @ Anja

    Politikerinnen und Politiker sollen nicht “verkörpern” sondern SEIN. Und, nein, “runterziehen” wollte ich niemanden, denn dann akzeptierte ich die Einteilung von Menschen in Kategorien von “Oben” und “Unten”.

    Ich bin dabei bei der Feststellung von den nicht zusammen passenden Synapsen. Und auch bei der Konstatierung von Resignation darüber, die ich ebenso fatal finde.

    Antworten
  21. 11. September 2009, 20:19 Uhr, von Mafalda
    021

    Da ich gerade dabei bin:

    Von Politikerinnen und Politikern erwarte ich als Kernkompetenz nicht unbedingt “besser” und “qualifizierter” (worin?woran macht sich das fest?). Sondern Engagement, Haltung und “Weitwinkelblick”.

    So, für heute genug gewettert. Allen einen schönen Freitagabend, den einzigen in dieser Woche ;-))

    Antworten
  22. 11. September 2009, 20:31 Uhr, von Anja
    022

    Das mit dem besser und qualifizierter sehe ich ein wenig anders, Mafalda, aber das ist ja durchaus legitim.
    Muss jetzt für meinen Wochenendausflug packen und wünsche ein schönes WE!

    Antworten
  23. 11. September 2009, 20:47 Uhr, von Seantie Moenes
    023

    Das wäre auch eine Frage für Ulla Schmidt beim Promispezial gewesen:

    Welche dieser Wahlvereinigungen erreichte 2009 bei den Gemeinderatswahlen in Thüringen weniger als 10% der Stimmen?

    A Grillverein Wingerode
    B Pro Bockwurst (richtige Antwort)
    C TTC Schnelle Kelle
    D Verlorenes Fähnlein

    Für alle, die schon immer wissen wollten, was man in Israel als Niagara bezeichnet oder was passiert, wenn man die 004311507 anruft, gehts hier zur Antwort:

    http://kommunikation.rtl.de/de/pub/aktuell/i9772_1.cfm

    Antworten
  24. 11. September 2009, 21:03 Uhr, von Miranda
    024

    Den Artikel kannten wir doch schon…dank Seantie Moentes…

    ich äußere mich später dazu aber bin noch heißer im Kopf vom Singen….

    So sehen Sieger (innen) aus…schalalala, als We are the Champions lief kam mir eine Gänsehaut…

    Antworten
  25. 11. September 2009, 21:31 Uhr, von Heiko
    025

    Bravo! Illustrierende Analyse, die Spaß macht. Selten so einen guten Grund gehabt, den Musil für das Notebook aus der Hand zu legen.

    Schade nur, dass man nie richtig verbinden kann, solange der Finger noch auf der Wunde liegt …

    Antworten
  26. 11. September 2009, 21:48 Uhr, von Antje
    026

    In dem Artikel ist reichlich Diskussionsstoff.
    Ich stimme zu, dass die Erwartungshaltungen – auch die “moralischen” – an Politikerinnen und Politiker sehr hoch sind, auch wenn die “Normalbürgerin/der Normalbürger sich selbst daran nicht immer messen lassen mag.
    Da kommt zum einen die erwartete Vorbildfunktion zum Tragen, zum anderen aber auch der Gedanke, dass sie (die Politiker) es ja entscheiden können.
    Letzteres ist der relevante “Schlüssel”. Die Entscheidungen der Regierenden sind für die Bürgerinnen und Bürger nicht mehr nachvollziehbar. Sie fühlen, dass sie nicht mehr teilhaben. Sie sind jedweden Entscheidungen scheinbar ausgeliefert. Das einzig Greifbare sind dann solche Handlungen, wie “Dienstwagenaffäre” und “Ackermanns Geburtstagsfest”, was er zudem noch sehr medienwirksam (“Ich soll mal so 30 Freunde einladen”) und sehr unsensibel kommuniziert hat. Der Protest gegen diese greifbaren Realhandlungen ist die letzte “Bastion” der Bürgerinnen und Bürger ihren Protest auszudrücken.
    Natürlich geht es eigentlich darum nicht. Die Bürgerinnen und Bürger sind nicht so naiv, dass sie solche “Notwendigkeiten”, wenn richtig vermittelt, nicht akzeptieren würden.
    Der Protest dagegen ist nur ein “Substitut” für die Ohnmacht, die sie im politischen Alltag empfinden.
    Fatalerweise schadet und nutzt dies den Politikerinnen und Politikern gleichermaßen. Es ist, bei der sowieso schlechten Reputation, ein weiterer “Reputationskiller”, aber (insofern nutzt es) es vertreibt Zeit und blockiert damit die eigentliche Diskussion zur Sache.
    Ich glaube, dass viele Bürgerinnen und Bürger – z.B. der Kanzlerin – für ihren Einsatz und ihren Mangel an Privatsphäre, den sie durch die Bekleidung dieses Amtes auf sich nimmt (7 Tage die Woche, 16 Stunden) ein viel höheres Gehalt zugestehen würden, weil das menschlich einfach sehr nachvollziehbar ist und nur sehr wenige tatsächlich, um diesen Preis, mit ihr tauschen wollten.
    Das entbindet sie aber nicht der Verpflichtung – als Dienerin des Volkes, wie sie es selbst formuliert hat – sich dem Volk auch zu erklären.
    Ich erwarte da mehr Offenheit, mehr Mut und viel mehr Transparenz.
    Ich kann Bürgerinnen und Bürger nur zum Mitmachen, zum Anpacken, zum …. animieren, wenn ich sie an meinen Gedanken teilhaben lasse.
    Die Kluft zwischen Politikerinnen/Politikern ist schlichtweg zu groß geworden.
    Beide Seiten müssen hier wahrscheinlich aufeinander zugehen.
    Trotzdem, weil sie eben die durch die Bürgerinnen und Bürger legitimierte Entscheidungsgewalt haben, ist es an den Politikerinnen und Politikern sich dahingehend zu öffnen.
    Natürlich sind damit Risiken verbunden. Aber es gibt soooo viele andere Berufsgruppen, die mit diesen Risiken auch leben müssen und die haben nicht eine solche Lobby und Machtfülle.

    Der Norddeutsche “Schnak” dazu heißt: Wer das eine will, muss das andere mögen”. Wie wahr!

    Antworten
  27. 11. September 2009, 22:27 Uhr, von Sybilla Newman
    027

    Sehr geehrte Frau Meckel,
    ich nehme diesen Artikel zum Anlass, den Erfindern des Internets auf Knien zu danken.
    Die FAZ hätte ich mir nie gekauft.
    (Nicht dass ich nicht willens wäre, für guten Journalismus Geld auszugeben, aber leider bringt mich bereits der wöchentliche Erwerb des Spiegels an meine finanziellen Grenzen. Und da ich als anstrebender Akademiker wohl erst mit 30 die nötige Liquidität erreicht haben werde, um mir beim Kauf von Drucksachen die Maßlosigkeit erlauben zu dürfen, von der ich insgeheim träume, wird das wohl noch eine Weile so bleiben.)
    Deshalb: Danke.
    In meinem jugendlichen Pathos nehme ich mir die Freiheit Ihnen zu sagen, dass Sie eine Inspiration sind.

    Antworten
  28. 11. September 2009, 23:55 Uhr, von Regina
    028

    Dieser Artikel von MM stimmt nachdenklich, in die eine und andere Richtung. Tun wir Deutsche uns nicht allgemein schwer mit Wertschätzung? Dieses in dem Artikel beschriebene geringschätzige Verhalten des Volkes rührt ja auch von mangelnder Wertschätzung der eigenen Person her, warum wären sonst Neid und Missgunst so notwendig? Was haben wir eigentlich in unserer Kultur über Selbstwertschätzung gelernt? Wann ist man etwas “wert”?
    Inwieweit wertschätzen wir denn die Menschen, die die eintönigen Arbeiten, wie Aldikassiererinnen, die Dreckarbeiten, wie Gebäudereiniger, Müllabfahrer, die emotional stapazierenden Arbeiten, wie Alten- und Krankenpfleger, die körperlich anstrengenden Arbeiten, wie Bauarbeiter erledigen? Ich habe in meinem Leben viel Einblick auch in diese “unteren” Jobkategorien bekommen und war immer entsetzt, wie sehr die Tatkraft dieser Menschen regelrecht ausgebeutet wurde, damit sie in möglichst kurzer Zeit möglichst viel schaffen und dann, nachdem der letzte Tropfen Kraft aus ihnen herausgewrungen war, sie mit äusserst (!!!) wenig Gehalt (dafür würde ein Manager noch nicht einmal pupsen) entlohnt werden. Respekt und Ansehen, wofür materielle Vergütung ja steht, bekommen sie kaum und von Reputation brauchen wir hier ja wohl nicht zu reden. Welche Wertschätzung bekommen Menschen, die krankheitsbedingt nicht arbeiten können und deshalb auf diese magere Grundsicherung angewiesen sind, die ihnen ein würdiges Leben nicht ermöglicht? Obwohl sie sehr viel Kraft aufwenden müssen, um mit ihrem Leben und der schlechten Reputation klar zu kommen? Oder die Menschen, die sich aus unserer Gesellschaft zurückziehen, weil ihre Lebensideen für die Masse noch zu utopisch sind? Die sich hie und da künstlerisch betätigen, um ihren Ideen Ausdruck zu verleihen, aber kaum gesehen werden, weil sie nicht mainstreamig genug sind?
    Warum steht in unserer Gesellschaft das Intellektuelle so sehr über allem anderen?
    Ich bin mit MM einer Meinung, dass man die Leistung der Politiker würdigen sollte, aber für mich hört es sich elitär an, dass sie generell überdurchschnittlich begabt sein sollen. Sicherlich sind viele das in einigen Punkten, die einen Politiker auszeichnen, wie z.B. Intelligenz, Belastbarkeit, Redegewandheit, Führungsqualitäten usw., aber ich möchte mich mit den Begabungen, die ich z.B. habe, die teilweise woanders liegen, nicht unterdurchschnittlich fühlen. Und nur, wenn ich mich selbst hochachte, nicht wegen äusserer Anhäge, wie Geld, gesellschaftlicher Position, Leistung, sondern um meiner selbst willen, kann ich auch andere Menschen wertschätzen, auch wenn sie in einigen Dingen “besser” sind als ich.

    Antworten
  29. 12. September 2009, 9:20 Uhr, von Steffi
    029

    @Regina: Ich stimme Dir zu! Ein sehr anspruchsvoller Artikel.
    Es wird nicht nur von MM sehr hohe Ansprüche an Politiker/innen gestellt. Aus meiner Sicht, selbst als Kommunalpolitikerin, schlucke ich da schon heftig bzgl. der auch hier geschriebenen Erwartungen. Ja, und das gebe ich unumwunden zu, es sollten alle, die hier Ihre Erwartungen an die Politiker formulieren selbst auch mal politisch als Mandatsträger/innen tätig sein – da sieht dann vieles anders aus.

    Antworten
  30. 12. September 2009, 9:49 Uhr, von Yolande Langendijk
    030

    Ah; Super Beitrag wieder!

    Die Grippe Impfung Werbung die US im AW Show machte letztes Saison, ich grüble mich darüber (ob sie die selber auch nimmt würde sie nicht gefragt).
    Eben deswegen dass die Behörden sich herumschlagen müssen mit Mächtige Lobbygruppen und auch oft die verdacht bestätigt wird, ob oder anscheinend wenigstens sie werden oder sind davon eingepackt worden und arbeiten, in US’s fall, für die Pharmazeutische Industrie.

    Aber; Anscheinend; Mit den Lärm über die ‚Dienstwagen Affäre’: Wenn sie die auf diese weise versuchen fertig zu machen (alles dumme Luft, Ablenkung und Chaosmacherei) dann hat sie wahrscheinlich was gut gemacht, sich die mächtige Lobbygruppen relativ auch gut entgegen gesetzt in ihre Funktion, die wünschen sich also jetzt lieber nach den Wahlen ein Frisches neu ein zu packen Opfer dort im Amt?! *gg*

    ‚Hüte dich, sei wach und munter, – - .’

    Antworten
  31. 12. September 2009, 10:01 Uhr, von Miranda
    031

    @Regina

    hat mich sehr beeindruckt was du geschrieben hast, ganz klar gibt es bei den Intellektuellen eine elitäre Arroganz, aber was ist Intellektualität, angelesenes Wissen ist oft nicht Herzenswissen, ich finde geistige Klugheit kommt nicht alleine von der Universität…
    Man hat hier es in Deutschland schwerer wenn man nicht mit dem Strom schwimmt, wenn ich denke wieviel gute Künstler/innen und Musiker/innen es gibt die nie die Chance haben verstanden zu werden..mir geht dass Intellektuelle oft zu sehr auch ins Konventionelle die FAZ ist allein vom Format einfach immer nur schwer, manchmal würde ich mir auf dem Titelblatt mal eine große Wasserfarben Sonne wünschen die den Leuten sagt, auch wenn ihr nicht Bild Zeitung liest…dürft ihr leicht sein…denn Leichtheit bedeutet nicht gleichzeitig Dummheit…

    Antworten
  32. 12. September 2009, 10:05 Uhr, von Walter
    032

    Den größten Fehler, den man im Leben machen kann, ist, immer Angst zu haben, einen Fehler zu machen.
    Dietrich Bonhoeffer

    Politsadomasochismus- Sadomasochismus in der Politik oder im Politiker?
    Die Unterscheidung ist nicht trivial.
    Die Argumentation zielt auf die persönliche Beschaffenheit der Menschen ab, die sich in den Politikbetrieb begeben und sich unterschiedlich intensiv dessen vermeintlichen Regeln und Gesetzen ausliefern. Die Politik wäre damit eine Selektionsstätte für Charakter- und Persönlichkeitsdeformierte, die sich in diesem Haifischbecken als Hai unter Haien ansammeln.

    Mein Eindruck ist ein anderer, der eher dieser Formulierung entspricht:

    “Offenkundig wird von Politikern in Deutschland gar nicht mehr erwartet, dass sie Vorbilder im Politischen sein könnten, dass sie Themen setzen und anecken könnten, dass sie besser und qualifizierter sind als der Durchschnittsbürger und gerade deshalb in ein politisches Amt gewählt wurden.”
    Was lockt Menschen in die Politik? Interesse? Aussicht auf Macht? Idealismus? Karriere? (Kreissaal, Hörsaal, Plenarsaal) Zufall?
    Gibt es den homo politicus überhaupt?
    Pragmatisch lässt sich vereinfachend nach dem politischen Eintrittsalter und der beruflichen Entwicklung differenzieren zwischen dem direkten Weg und dem Seiten- oder Quereinstieg. Meine These: Politik konditioniert umso stärker, je jünger ein Mensch ist und je weniger allgemeine Lebenserfahrung sie oder er hat. – Beides ist nicht synonym.
    Die masochistische Komponente kommt dann in einer Art Auslieferung an die wahrgenommene und als solche internalisierte politische Verfasstheit, an das öffentliche und mediale Bild des Politikers, etwas unterschiedlich- und in dieser Unterschiedlichkeit auch interessant- der Politikerin zum Ausdruck. Der Grad dieser “Auslieferung” korreliert mit Anpassung, Konturverlust, Deformierbarkeit und der immer wieder zitierten Unkenntlichkeit als fehlender Übereinstimmung zwischen Mensch und Programm. Resistenter und schwerer handhabbar sind Menschen, die andere als politische Erfahrungen gesammelt haben und sich ein Leben außerhalb der Käseglocke vorstellen können. Sie changieren, wechseln die Identität, gegen sie allerdings nicht ganz auf, um später wieder darauf zurück zu kommen. Gerhard Schröder könnte in diese Kategorie passen, auch Joschka Fischer, der dem Ruf des Geldes ebenso folgt wie sein ehemaliger Koalitionär.
    Frank- Walter Steinmeier kam direkter zur Politik, hat weniger Distanz und Profil. Als Mann im Hintergrund, der er lange und erfolgreich war, kam ihm diese Eigenschaft zugute, jetzt stigmatisiert sie ihn.
    Angela Merkel wurde in der DDR sozialisiert, sie hat die innere Distanz zum politischen System erlebt und erlernt, diese ist ihr jetzt noch gegenwärtig. Außerdem hat sie als Naturwissenschaftlerin einen anderen Zugang zur Wirklichkeit und weiß um die Vorläufigkeit von Erkenntnis. Daher ihre Flucht aus der politischen Ideologie zum Pragmatismus.
    Was sie in Politik sieht ist nicht das Spiel mit der Macht, sondern das Lösen von Problemen. (sueddeutsche.de/politik/972/487380/text/)

    Dass die CDU sich vor den Wahlen so vollständig auf Angela Merkel einlässt, sie an Stelle eines Programms propagiert, zeigt wie programmatisch orientierungslos diese Partei inzwischen geworden ist: “Wer nach allen Seiten offen ist, kann nicht richtig dicht sein.”
    Der Sadismus liegt oft- nicht nur- bei den Medien, verdeckt und offen. Dies ist ein eigenes Kapitel. Die Medien gefallen sich zunehmend darin, die Politik vorzuführen, genau dann, wenn sich diese an den Regeln des Politikbetriebs orientiert, die von der Mediendemokratie aufgestellt sind.
    Nur wenige Politiker haben den Mut und die Konsequenz, diese regeln zu thematisieren und mit ihnen auch zu brechen, wenn es nötig ist. Peer Steinbrück übt sich in dieser Rolle Der Baron zu Guttenberg spielt damit und riskiert, dass aus dem Spiel Ernst wird, der freie Fall.

    Antworten
  33. 12. September 2009, 10:22 Uhr, von Anja
    033

    Letztendlich sind wir doch alle auch nur Politiker und Fußballer. Wer von uns kann denn nicht schönere Tore erzielen als Klose oder bessere Paraden als Adler?
    …und die Finanzkrise haben wir doch auch eher kommen sehen und überhaupt…;-)
    Wir können Kanzler und Bundesjogi!

    Antworten
  34. 12. September 2009, 11:00 Uhr, von Antje
    034

    Lesenswert:
    http://bit.ly/ovwfe

    Antworten
  35. 12. September 2009, 11:02 Uhr, von Noisa
    035

    Rumnörgeln bringt nichts – egal, ob mit viel Intellekt oder wenig. Wo tut sich denn mal Positives in unserer Demokratie auf? Der Bundespräsident hatte im Mai 2009 angegeben, die Rechte der Bürger stärken zu wollen: http://www.dw-world.de/dw/episode/0,,4202863,00.html
    Weder der Presse, noch der Seite von Herrn Köhler kann entnommen werden, dass an diesem Vorhaben gearbeitet wird. Jetzt könnte ich rumnörgeln. Nein, freuen wir uns auf ein grandioses Kanzlerduell!

    (Ich persönlich würde eine konstruktive „Systemdiskussion“ auf hohem Niveau unter Einbeziehung der Medien begrüßen. Das geht aber wahrscheinlich nicht in einem Journalistinnen-Blog, bei welchem die eine oder andere Spitze ausgeteilt werden könnte. These: „Deutscher Politsadomasochismus“ kann nur konstruktiv diskutiert werden, wenn die Rolle der Medien kritisch unter die Lupe genommen wird. In der „Sphäre der Medien“ kann über Medien nicht diskutiert werden, so hart es klingen mag, Beispiele schenke ich mir.)

    Danke für den Link, @Antje.

    Antworten
  36. 12. September 2009, 11:16 Uhr, von Noisa
    036

    Zum Link von @Antje: Dass die FAZ diesen kritischen Artikel zu Opel jetzt erst bringt, begreife ich nicht. Natürlich war/ist dieses Bieterverfahren „Blendwerk“ und Opel wird/wurde politisch für die Wahlen ausgeschlachtet. Das hätte man vor Monaten schon erkennen können. Warum wurde nicht vorher von Wirtschaftsjournalisten recherchiert? Ich begreife sowas nicht. Stattdessen haben in den vergangenen Tagen die Medien gebracht, dass nun „schnell“ an Magna zu verkaufen sei. Vor einiger Zeit hieß es in den Medien sogar, Opel habe sich von GM gelöst. Ich verstehe nicht, dass recht einfache wirtschaftliche Zusammenhänge nicht vernünftig ermittelt werden.

    Antworten
  37. 12. September 2009, 11:39 Uhr, von Antje
    037

    “Das heißt, die Staatsschulden in Deutschland wären genauso groß wie der Wert aller Dienstleistungen und Güter, die in einem Jahr hierzulande produziert werden.”

    http://bit.ly/vLtb4

    Ich will ja hier nicht unken, aber wenn ich die Zahlen so verfolge, dann kann ich das Wort “Inflation” einfach nicht mehr ausblenden.

    Antworten
  38. 12. September 2009, 13:19 Uhr, von Walter
    038

    Checks and balances, Macht und Kontrolle verfassungsmäßig auch Aufgabe der öffentlichen Medien.
    In Deutschland artet Kritik nicht selten zur Nörgelei aus, der Maßstab, das Augenmaß gehen verloren.
    Als Bestandteil des politisch medialen Systems lassen sich Max Webers Forderungen ebenso wie auf Politiker auch auf Medienmenschen anwenden: Leidenschaft, Verantwortungsgefühl und Augenmaß- wo sind sie denn? Wie oft regiert in den Medien die Anbiederung an den Stammtisch, nicht nur auf dem Boulevard? Und die Journalisten? Sind sie moralisch wirklich erhaben über die Menschen, mit denen sie ihr Brot verdienen?

    Bleibt das Selbstmitleid in der Politik, das sich als Abgeklärtheit, Resignation oder auch Zynismus verkleidet. Wie gehen Menschen in der Politik damit um? Nehmen sie auf sich selbst genügend Rücksicht? Was sind die Spuren von persönlicher Vernachlässigung? Wer 16 Stunden am Tag und fünf bis sechs Tage in der Woche arbeitet, womöglich noch als Autodidakt und Dilettant, führt kein normales Leben, verliert soziale Kontakte oder hat erst gar keine.
    Wir sollten mehr auf die geistige, soziale und körperliche Gesundheit unserer Volksvertreter achten, nicht nur aus Nächstenliebe, sondern auch aus Eigeninteresse.

    Natürlich verdienen Manager von Banken und Unternehmen weitaus mehr, doch wofür? Die Krise, die sie produziert haben bedroht die Menschheit mehr als ein schlampig gestricktes Gesetz oder eine neben das Ziel gesetzte Rede im Parlament, auch mehr als ein großzügig genutzter Dienstwagen. Macht hat eben zwei Seiten, auf jeder Seite.

    Antworten
  39. 12. September 2009, 14:08 Uhr, von Siegmund
    039

    @ Yolande Ja, das ist genau der Hintergrund. Es ist kein Zufall, warum ausgerechnet Ulla Schmidt angegriffen wird. Die Lobbygruppen im Gesundheitssystem haben noch so manche Rechnung offen. Das wäre tatsächlich noch ein Grund, die Gesundheitsministerin gut zu finden.

    Antworten
  40. 12. September 2009, 14:17 Uhr, von Noisa
    040

    Zitate von @Walter: „… Macht und Kontrolle verfassungsmäßig auch Aufgabe der öffentlichen Medien. … Als Bestandteil des politisch medialen Systems lassen sich Max Webers Forderungen ebenso wie auf Politiker auch auf Medienmenschen anwenden: Leidenschaft, Verantwortungsgefühl und Augenmaß- wo sind sie denn?“

    In der Präambel des Pressekodex heißt es eingangs: „Die im Grundgesetz der Bundesrepublik verbürgte Pressefreiheit schließt die Unabhängigkeit und Freiheit der Information, der Meinungsäußerung und der Kritik ein. Verleger, Herausgeber und Journalisten müssen sich bei ihrer Arbeit der Verantwortung gegenüber der Öffentlichkeit und ihrer Verpflichtung für das Ansehen der Presse bewusst sein…“

    Ich vermute, dass sich die Medienmacher nicht hinreichend trauen, „Kontrolle“ über die Meinungsäußerung und Kritik gegenüber der Politik auszuüben.

    Das Informationsfreiheitsgesetz (http://de.wikipedia.org/wiki/Informationsfreiheitsgesetz) ermöglicht einen Zugang zu Informationen von Behörden. Es wäre für die Presse möglich gewesen, beispielsweise die Opel-Aktivitäten der Bundesregierung vor Monaten zu durchleuchten, um anhand der ermittelten Fakten sich hierzu kritisch zu äußern. Das ist kaum geschehen. In Frontal21 wurde mal ein kritischer Bericht gesendet. Bei Opel agierte die Presse im Wesentlichen als Sprachrohr der Politik.

    Zeitungen wie „Der Freitag“, welche politisch geprägt sind, klären mitunter auf. Ist es den etablierten Verlegern nicht möglich, Artikel zu bringen, die politische Maßnahmen stärker durchleuchten? Was kann passieren, wenn SZ, FAZ, Spiegel mehr kontroverse Meinungen bringen? Es würde eine öffentliche, themenbezogene – weniger personenbezogene – Debatte geführt werden. Die Politiker hätten sich mit Gegenmeinungen auseinander zu setzen, würden vielleicht ihre Vorhaben überdenken, einen besseren Weg finden. Darum geht’s doch. Niemand will den Politikern was, die hart arbeiten und dafür dürftig bezahlt werden.

    Die zentrale Frage könnte lauten: Wie kann die Politik in unserer repräsentativen Demokratie optimiert werden?

    Die Medien können, wenn sie nur wollen hierbei ganz wesentlich helfen. Die Macher müssen nur den Mumm dazu haben. Ich denke, wenn es ein paar Vorbilder geben würde, würden andere mitziehen. Stattdessen bringen etablierte Verleger Nachrichtenportale, bei denen ein Algorithmus entscheidet, was erscheint und was nicht. Und noch was: Warum schreibt niemand jetzt etwas über die ehrenwerten Ziele des Bundespräsidenten?

    Antworten
  41. 12. September 2009, 14:52 Uhr, von Noisa
    041

    (Nachtrag:
    Entsprechendes gilt für TV, Radio.

    § 9 a des Rundfunkstaatsvertrags regelt die Auskunftsrechte der Rundfunkveranstalter gegenüber Behörden.

    Zum Auftrag der öffentlich-rechtlichen Sender:
    http://www.lmk-online.de/service/rechtsgrundlagen/rundfunkstaatsvertrag/#c2465 )

    Antworten
  42. 12. September 2009, 14:55 Uhr, von Noisa
    042

    “§ 10 – Berichterstattung, Informationssendungen, Meinungsumfragen

    (1) Berichterstattung und Informationssendungen haben den anerkannten journalistischen Grundsätzen, auch beim Einsatz virtueller Elemente, zu entsprechen. Sie müssen unabhängig und sachlich sein. Nachrichten sind vor ihrer Verbreitung mit der nach den Umständen gebotenen Sorgfalt auf Wahrheit und Herkunft zu prüfen. Kommentare sind von der Berichterstattung deutlich zu trennen und unter Nennung des Verfassers als solche zu kennzeichnen.

    (2) Bei der Wiedergabe von Meinungsumfragen, die von Rundfunkveranstaltern durchgeführt werden, ist ausdrücklich anzugeben, ob sie repräsentativ sind.”

    Antworten
  43. 12. September 2009, 15:01 Uhr, von Noisa
    043

    Eigentlich haben wir oft ganz gute Gesetze, auch das GG ist gelungen. Komisch, dass Gesetz und Handeln häufig auseinanderdriften. Es hat nicht mal was mit Mumm zu tun, Vorschriften einzuhalten.

    Antworten
  44. 13. September 2009, 1:53 Uhr, von Regina
    044

    “Wenn es keinen reputativen oder materiellen Mehrwert bedeutet, in die Politik zu gehen, dann bleibt nur ein Antrieb übrig: die Macht.” (Auszug aus dem obigen Artikel von MM) Das ist sehr sehr schade! Und widerspricht sich mit der zuvor geäusserten Aussage, dass laut Max Weber einen Politiker ausser Verantwortungsgefühl und Augenmaß auch Leidenschaft auszeichnet.
    Seine Arbeit mit Leidenschaft ausüben zu können ist ein Privileg, dass hauptsächlich nur denjenigen zu Gute kommt, die es sich in ihrem Leben aussuchen können, welchen Beruf sie ausüben wollen und an welcher Stelle sie dies tun wollen. Das sind nur diejenigen, die aufgrund ihrer Begabung und den Umständen, in die sie hineigeboren wurden, sich aus einer großen Auswahl das herauspicken können, was ihnen am meisten Spaß macht, ihnen am meisten liegt, das meiste Geld, das höchstmögliche Ansehen bringt etc. Es gibt so etwas wie eine Berufung. Das ist, wenn die Begabungen mit der Leidenschaft übereinstimmen. Wer mit diesen Attributen seine Arbeit machen kann, ist wirklich begnadet. Da ja bekanntlich der liebe Gott immer auf den selben Haufen scheisst, ist es so, das meistens die so begnadeten auch noch das meiste Geld und das höchste Ansehen bekommen. Menschen, die aufgrund ihrer geringeren Begabung und Bildung oder auch anderen Gründen nur aus einem kleinen Radius auswählen können, womit sie ihr Brot verdienen müssen, haben dieses Privileg nicht oder nur sehr selten. Würden wir mit Leidenschaft acht Stunden hintereinander fünf Tage die Woche im Raketentempo Krankenhausflure wischen können? Woher soll die Leidenschaft bei Kurierfahrern kommen, die ihr Frachtgut in der Hälfte der Zeit verteilen müssen, als es noch vor einigen Jahren üblich war? Wo sollen Altenpfleger ihre Leidenschaft noch hernehmen, wenn sie den Bedürnissen der zu Pflegenden nicht mehr gerecht werden können? Mit welcher Leidenschaft sollen Verwaltungsangestellte ihre Arbeit erledigen, für die früher zwei oder gar drei Menwchen verantwortlich waren? Hier heisst es nur noch ‘reinklotzen, Augen zu und durch, die eigenen Bedüfnisse missachtend, um es irgendwie zu schaffen, um den Arbeitsplatz und auch sein Gesicht nicht zu verlieren. Freude? Ach was, hier wird geschafft! Würde? Die gibt es schon lange nicht mehr. Und zu all diesem Übel kann man noch nicht einmal mehr von seiner Arbeit leben, der Arbeit, in der man sowieso von vorneherein völlig fremdbestimmt ist. Ich frage hier noch einmal nach der Wertschätzung für diese Arbeiter! Wo werden denn hier “Menschen”wirklich geachtet? Wie können wir von Menschen , die so wenig Wertschätzung bekommen, erwarten, dass sie diejenigen, die in ihren Augen ja privilegiert sind und dies ja auch wirklich sind, hoch achten? Politiker, die sich im Prinzip immer im selben Denksystem bewegen, den Menschen zu “Leistungsträgern” degradieren, ihn instrumentalisieren, um dieses Gesellschaftssystem aufrecht erhalten zu können, welches es noch nicht einmal schafft, vor lauter materieller Gier und anderer Blindheiten ein würdevolles Leben und würdevolles Tätigsein (Arbeiten) für alle zu ermöglichen? Ja, es wäre möglich, auch “einfache” Arbeiten mit Leidenschaft und Hingabe zu verrichten, wenn die Arbeitsbedingungen dies zuliessen! Fast jede Tätigkeit kann in bestimmten Lebensphasen eine Berufung sein.

    Schon in der Schule geht das los mit den Leistungsträgern. Schon da werden wir gedrillt, das, was wir tun, für einen anderen Zweck zu tun, also nicht Lernen aus Freude am Lernen, damit der “Mensch” sich entwickele, sondern, um möglichst niedrige Zahlen (gute Noten) zu bekommen. Bildung nicht zur Selbstverwirklichung, sondern, weil die Wirtschaft das so braucht.
    Vielleicht fühlen sich die Menschen unbewusst als Menschen in ihrer Würde im Stich gelassen, und zwar von unserem gesamten Zeitgeist, dessen Vertreter unsere Politiker ja nun sind, und somit von uns allen. Die heutigen Krisen und Probleme fordern zu einem radikalen Umdenken, vor allem in der Sinnfrage auf, was denn nun der Mensch sei, was denn das Leben sei, worum es denn eigentlich überhaupt gehe in diesem Leben in dieser Welt, die immer mehr zusammen wächst. Wir werden uns wohl noch lange im Kreise drehen und versuchen, Flicken auf die bröckelnden, brechenden, zerreissenden Stellen zu pappen, bevor wir den Mut aufbringen, wirklich so tief ins Leben, die Welt und das Sein, ja, in uns selbst zu blicken, bis wie endlich schmerzhaft beginnen, zu verstehen, und zwar wir alle, jeder von uns.

    Antworten
  45. 13. September 2009, 9:14 Uhr, von Dowanda
    045

    @noisa 12.9.09 um 11.16 Uhr
    Dazu ein Erlebnis aus meiner Beobachtung zur Verstärkung Deiner Ausagen:
    Freitag in der Radiowelt auf Bayern 2 auf dem Weg zur Arbeit war Opel innerhalb von 2 Minuten mal in einer Treuhandgesellschaft, dann wieder bei GM. Kein Wort von Mehrheitsverhältnissen, kein Wort von Sperrminoritäten, kein Wort von Vetomöglichkeiten. Und das in einem hochsubventionierten Staatssender, der von Zwangsabgeben und Steuern lebt.
    Dagegen müssen sich die Gratisangebote im www wirklich nicht verstecken.

    Antworten
  46. 13. September 2009, 10:48 Uhr, von Ramona
    046

    Dem Artikel hab ich nichts hinzuzufügen, er ist eine hervorragende Zustandsbeschreibung.
    Und es wird leider nicht besser. Schaut man in Bundes- und Landtage, überwiegend aalglatte Opportunisten ohne erkennbares politisches Profil.

    Hier eine Ergänzung:
    http://www.sueddeutsche.de/politik/75/476586/text/

    Antworten
  47. 13. September 2009, 11:05 Uhr, von Noisa
    047

    @Dowanda, die fahrigen Infos aus Bayern verwundern nicht.
    Bayern gehört beispielsweise zu den wenigen Ländern, welche auf Landesebene den Bürgern keine Auskunftsrechte einräumen (http://p22576.typo3server.info/589.html).

    @Regina, ein schöner Beitrag. Du hattest geschrieben: „Seine Arbeit mit Leidenschaft ausüben zu können ist ein Privileg, dass hauptsächlich nur denjenigen zu Gute kommt, die es sich in ihrem Leben aussuchen können, welchen Beruf sie ausüben wollen und an welcher Stelle sie dies tun wollen.“
    Meine persönlichen Beobachtungen sind andere: Gerade Menschen, die nicht alles von zuhause aus vorgesetzt bekommen haben, Ziele hatten, an diesen gearbeitet haben, sich hochgearbeitet haben, sind oft viel leidenschaftlicher und erfolgreicher in ihrem Beruf als diejenigen, die aufgrund der starken Prägung im Elternhaus keine eigene Persönlichkeit entwickelt haben. Glücklicherweise gibt es noch sowas wie BAföG. Die Mitgliedschaft in irgendwelchen Vereinigungen oder politisches Engagement mag zudem karrierefördernd sein.

    Antworten
  48. 13. September 2009, 11:23 Uhr, von Noisa
    048

    @Ramona, danke für den Link.

    (Unsere Demokratie kann mit einer zerrissenen, ihren eigenen Grundsätzen untreu gewordenen Partei, der SPD, welche seit elf (!) Jahren regiert, nicht wirklich funktionieren. Viele prominente SPD- Politiker haben sich schamlos die lukrativsten Jobs in der Wirtschaft raugespickt. Dazu aber vielleicht mehr, wenn es ein Posting zur SPD hier irgendwann geben sollte.

    Noch was, leicht OT:
    Im ZDF wird beim Kanzlerduell immerhin gefragt, ob es nicht ein Duett ist.

    Duett,
    wie nett!

    Und zuallerletzt:
    Hm, ehrlich, als ich gestern einen Werbefilm zum „Kanzlerduell“ sah, erkannte ich Frau Illner, die ich gut finde, Herrn Plasberg, Herrn Kloeppel, den ich seit bestimmt fünf Jahren nicht mehr im TV gesehen habe; vom vierten im Moderatoren-Team kenne ich nicht mal den Namen. Diesen Hype, wer darf moderieren, finde ich übertrieben. Ich denke, dass – das Thema wurde hier im Blog mal angesprochen – Frau Will vor und nach dem Duett im Ergebnis einen günstigeren Stand haben wird.)

    Antworten
  49. 13. September 2009, 11:45 Uhr, von Noisa
    049

    “rausgepickt”, sorry.

    Antworten
  50. 13. September 2009, 11:50 Uhr, von Miranda
    050

    @Regina

    gefällt mir wss du schreibst, sehr wahre Worte

    @Noisa..

    das Duell ist letzlich eine große Farce und mit Frank Plasberg noch schwerer zu ertragen als wenn die bezaubernde Frau Will dabei wäre

    Antworten


© Miriam Meckel 2002 bis 2012