MM_Adams
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13. September 2009, 22:18 Uhr, Geschrieben von Miriam Meckel

Taktiktraining

Angela Merkel und Frank-Walter Steinmeier sitzen an einem Tisch in einem kleinen Büro.

M: Frank-Walter?
S: Pssst!
M: Wie? Was ist denn?
S: Der Uli Wilhelm sitzt draußen!
M: Ja und? Der passt auf, dass kein Journalist hier rein kommt.
S: Aber er könnte was hören.
M: Was denn?
S: Dass wir uns duzen, das darf wirklich keiner wissen.
M: Das weiß der schon seit Monaten, ich hab’s ihm gesagt, unter drei natürlich.
S: Der Kloeppel fragt das nachher!
M: Dann sagst Du einfach „Nein, wir duzen uns nicht und ich halte das jetzt auch nicht für notwendig.“
S (seufzt): Also, wie machen wir jetzt den Anfang? Da sollen wir uns selbst was ausdenken.
M: Wie lange denn?
S: Kurz, eine Frage oder so, der Rest steht ja fest.
M: Okay. Du fängst an. Am besten sagst Du erstmal, dass wir gut zusammengearbeitet haben.
S: Aber ich muss mich abgrenzen, sonst ist es nicht glaubwürdig. Außerdem krieg ich sonst Stress mit den Linken in meiner Partei.
M: Du tust so, als ob Du mich angreifst, und dann schiebst Du ganz galant eine Einschränkung hinterher. „Ein Wort zur großen Koalititon: Frau Merkel und ich haben gut zusammen gearbeitet.“
S: Ich mach das, aber nur wenn Du nachlegst.
M: Wie denn das?
S: Du musst dann auch sagen, dass es prima war mit uns.
M (überlegt): Ich mache einen Zweischritt! Ich sage erst „Ich werbe für eine neue Regierung“. Und dann füge ich nach einer kleinen Pause hinzu: „Wobei ich nicht hintanstehe zu sagen, dass wir gut zusammengearbeitet haben“.
S: Gut. Mach die Pause nicht zu lang, sonst grätscht sofort einer der Frager da rein, die sind alle so übermotiviert.
M: Okay. Wie geht’s jetzt weiter.
S: Ich glaube, jetzt fragt Plasberg.
M: Was fragt der denn? Hol doch mal das Drehbuch raus, das wir mit den vier Anstalten abgestimmt haben und in dem die Fragen stehen.
S (sucht in seiner Aktentasche): Hier hab ich’s.
M: Was fragt der Plasberg dich denn?
S: „Wenn nicht jetzt, wann dann?“
M: Wie? Das ist die Frage?
S: „Wenn nicht jetzt, wann dann wollen Sie erklären, warum Angela Merkel demnächst nicht mehr Bundeskanzlerin sein soll.“ Entschuldige, ich hatte das zweite Blatt nicht, auf dem die Frage weitergeht.
M: Der spinnt wohl. Dann machen wir es anders. An dieser Stelle musst Du dann sagen, dass wir gut zusammengearbeitet haben.
S: Aber das hab ich doch gerade vorher gesagt.
M (ungehalten): Dann sagst Du’s eben noch mal. Ist im Fernsehen eh besser.
S: Ich finde den Einstieg bekloppt.
M: Wer hat denn das Drehbuch geschrieben.
S (blättert): Niklas Becker. Kenn ich nicht.
M: Hat der in der Bundespressekonferenz schon mal ne Frage gestellt?
S: Ist mir nicht untergekommen. Wahrscheinlich so ein freier Journalist, der sich was dazu verdienen muss.
M: Jetzt lass uns doch mal machen, wir haben nicht mehr viel Zeit. Wie geht’s denn weiter.
S: Plasberg fragt Dich, „was ein Friseurtermin kostet“ und … (kichert) dass es doch wohl „hoffentlich mehr ist als 8 Euro fünfzig“.
M: Och nee, nicht schon wieder. Vor vier Jahren musste der Schröder wissen, was ne Tüte Milch kostet.
S: Und wusste er es?
M: Nee.
S: Hätte mich auch gewundert.
M: Ich sehe überhaupt nicht ein darauf zu antworten. Ich nehme an dieser Stelle das Schwarzbild. Wir haben doch noch weiterhin jeder eins bei einer unangenehmen Frage, oder?
S: Ja, klar. Okay, also das Schwarzbild nach der Friseurfrage. Müssen wir gleich noch dem Regisseur sagen.
M: Mensch ist das nervig. Nächste Frage?
S: Kloeppel fragt mich, ob Du ne „Marktradikale“ bist.
M (kichert): Der Mann hat keinen Schimmer …
S: Hier muss ich jetzt mal nachlegen. Ich sage: Aber sicher ist sie das, das sehen Sie doch beim Thema Mindestlohn!
M: Nee, Frank-Walter, jetzt wirklich. Das ist zu hart. Du sagst „das kann ich nicht mit letzter Sicherheit beantworten“. Damit suggerierst Du, dass Du es denkst, ohne es zu sagen, und lässt auch noch das Türchen offen, dass Du es gar nicht denkst.
S: Und was krieg ich von Dir dafür?
M: Ich sage: „Die Vergangenheit war gut“.
S: Da denkt jeder Zuschauer, Du meinst die DDR.
M: Himmel, dann sag ich noch irgendwas über uns vorher.
S: Bitte. Und ich verlass mich drauf.
M: Ich sage: „Ich werbe nicht für eine Koalition – vordergründig.“
S: Gut, das ist gut.
M: Gib mal das Drehbuch. (blättert) Hach, siehste da kommt ja noch der Mindestlohn,
S: Da würde ich gerne mal aus unserer Studie zitieren, die mit den „27 europäischen Ländern, von denen 20 einen Mindestlohn haben“.
M: Vorsicht, Frank-Walter, Du weißt, dass die Menschen es gar nicht lieben, wenn wir Zahlen nennen.
S: Das sind zwei Zahlen. Angela, zwei!
M: Du musst wissen, was Du tust …
S (seufzt): Ich überleg’s noch mal. Ich finde, das muss doch …
M: Sag mal, ich fasse es nicht. Jetzt will der Plasberg, dass wir „Schulnoten für das Fach soziale Gerechtigkeit in Deutschland geben“!
S: Soziale Gerechtigkeit? Das gibt’s doch gar nicht als Schulfach. Das heißt doch Sozialkunde.
M: Als ob ich Schulnoten verteilen würde, was denen einfällt …
S (grinst): Da könnte ich mal was Gemeines sagen. Der Limburg sagt danach nämlich, „Stellvertreter sollen nicht am Stuhl der Chefin sägen“.
M: Dann ist ja gut, dass wir stehen.
S: Und die Illner fragt nach der „Tigerentenkoalition“.
M: Bitte?
S: Ich glaube, Sie meint schwarz-gelb.
M (guckt verstört): ….
S: E gibt dieses kleine Janosch-Büchlein mit der Geschichte von der Tigerente, die ist schwarz-gelb gestreift. Ich bring’s Dir morgen mit. Das gab es in der DDR nicht.
M: Was will sie denn mit der Frage?
S: Da musst Du mal was zu CDU-FDP sagen. Am besten wiederholst Du noch mal den Satz, dass Du nicht für Koalitionen wirbst, den haben die Zuschauer inzwischen sowieso vergessen.
M: Sie fragt auch Dich was Nettes: „Herr Steinmeier, haben Sie eine zweite FDP im Koffer?“
S: FDP? Was soll ich denn damit? Ne zweite SPD wär gut, dann könnte ich nen Großteil der jetzigen auswechseln …
M: Ich hab keine Lust mehr.
S: Wir brauchen noch ein Schlussplädoyer.
M: Na gut, also ich sage, wir haben die Krise im Griff, Du sagst, wir sind noch nicht übern Berg.
S: Das war’s?
M: Ich sag dann noch „das Verbindende steht im Vordergrund“ und gucke ernst.
S: Reicht das für neunzig Minuten?
M: Das reicht für vier Jahre.

(Originalzitate in Anführungszeichen)

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105 Reaktionen

  1. 17. September 2009, 0:25 Uhr, von karin
    0101

    @mm- : ) Sehr treffend,Respekt und Achtung.

    @ alle,have a good time. Verantwortung zu übernehmen ist nie leicht und gilt auch für jeden von uns, oder?Jeden Tag aufs Neue! Wir sitzten alle im selben Boot! mlg : ) karin – sternenstäubchen

    Antworten
  2. 17. September 2009, 0:45 Uhr, von Anja
    0102

    Inspiriert von einem Vortrag von Professor Malik heute Abend ein interessantes Interview mit ihm.
    http://tinyurl.com/pll7hk
    So wichtig ist Bildung und Weiterbildung in der heutigen Zeit und es wird so wenig gefördert! Ich verstehe es nicht. ( übrigens rät er von einem BWL Studium ab;-))

    Antworten
  3. 17. September 2009, 8:57 Uhr, von Noisa
    0103
    Antworten
  4. 17. September 2009, 10:41 Uhr, von Walter
    0104

    Frauen führen anders als Männer, tendenziell und mit Überschneidungen. Über die Mischungen von weiblichen und männlichen Eigenschaften in einem Menschen und den Vorteil der Mischung der Geschlechter in Führungsgremien haben wir mehrfach hier geschrieben.

    Angela Merkel und Frank- Walter Steinmeier arbeiten immer noch relativ effektiv zusammen, weil beide auf Führungsgehabe und Hahnenkämpfe verzichten (können). Bei dem sogenannten Duell war beiden eine Einigkeit in der Sache und eine gegenseitige Wertschätzung anzumerken, der die wacker und unerschrocken angreifende journalistische Vierergruppe nicht beikommen konnte. Beide, Merkel wie Steinmeier nutzen ihr gutes Gedächtnis auch zum Schaden ihrer Gegner, wie beider Wege an die Spitze gezeigt haben.
    Es wäre ein großer Fehler, Angela Merkel und Frank- Walter Steinmeier zu unterschätzen.

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  5. 17. September 2009, 11:07 Uhr, von Walter
    0105

    PS:
    Mit einem gemeinsamen Alter von 107 Jahren liegt das Duo Merkel- Steinmeier zwar deutlich über dem von Henkel, jedoch um zwei Jahre unter dem der Telekom.

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