
Jetzt wissen wir auch, warum die FDP-Spitze sich derzeit in den Medien so rar macht. Wahrscheinlich sind sie alle beim Englischkurs. Nachdem Guido Westerwelle in seiner ersten Pressekonferenz das traumatische Erlebnis mit dem BBC-Reporter hatte, der nicht nur auf Englisch fragen, sondern auch eine Antwort in Englisch bekommen wollte, hat sich das Thema auch in der öffentlichen Diskussion festgesetzt: Was muss ein Politiker können, vor allem wenn er Außenminister werden will?
Die konkrete Situation der Pressekonferenz am 29. September spielt dabei keine wesentliche Rolle. Vermutlich übermüdet vom Wahlabend hat Westerwelle unglücklich reagiert und wünscht sich wahrscheinlich selbst am meisten, er hätte einfach entspannt und mit einem Witz geantwortet, um die Situation aufzulösen. Hätte das Video der PK auf Youtube dann auch 500.000 Aufrufe in einer Woche erzielt? Vielleicht schon, aber mit einem anderen Effekt. Die Verbindung zwischen Westerwelles Englischkompetenzen und seiner Eignung für das Außenamt wäre womöglich nicht zur Hauptargumentationsachse geworden.
In der Sache gibt es allerdings eine klare Antwort auf diese Frage: Ein Spitzenpolitiker muss in der Lage sein, sich in Englisch mit den Kolleginnen und Kollegen aus anderen Ländern zu verständigen. Dafür gibt es drei gute Argumente: (1) Wer einer Regierung angehört, von dem darf man gewisse Qualifikationen einfach erwarten; (2) Politiker sind Vorbilder, wenn sie außer im Deutschen nur radebrechen, sind sie schlechte Vorbilder; (3) Es macht einen bedeutsamen Unterschied, ob Menschen sich direkt oder nur mit Hilfe eines Dolmetschers unterhalten können.
Das dritte Argument ist das Wesentliche. Auch im politischen Fachgespräch geht es nie nur um Fakten, sondern um Interpretationen, Zwischentöne, Empathie. Kurzum: Wer sich sachlich verstehen will, schafft das notfalls auch mit Hilfe eines Dolmetschers (wer das in China versucht, lernt allerdings schnell, dass es auch von dieser Regel krasse Ausnahmen gibt, weil die Dolmetscher zuweilen nicht übersetzen, sondern politisch korrekt “interpretieren”). Wer sich menschlich und emphatisch verstehen will, muss Dinge selber direkt an- und aussprechen können.
Es ist ein Trauerspiel, wie klein die Gruppe deutscher Spitzenpolitik ist, die das beherrscht. Peer Steinbrück gehört dazu. Wer das Vergnügen erlebt hat, mit ihm international zu reisen, der hat erfahren können, welche Bedeutung es hat, eine Fremdsprache fließend zu sprechen. Über Sprache gelingen Verständigung und Annäherung – selbst unter widrigen Bedingungen. Manchmal wirkt eine Rede in fließendem Englisch Wunder, manchmal auch ein Witz.
Bei einem politischen Abendessen in London erzählte Peer Steinbrück diesen: Winston Churchill sitzt bei einem Dinner neben Lady Astor und zeigt sich mal wieder von der unhöflichsten Seite. Nachdem er tatsächlich im Verlauf des Abends nicht einmal das Wort an sie gerichtet hatte, sagte Lady Astor zu Churchill: “If you were my husband I would poison your drink.” Darauf Churchill: “If I were your husband I would drink it!”
Ein Witz, eine Verneigung vor dem britischen Humor, eine Anspielung auf eine Nichtgesprächssituation bei diesem Abendessen und ein Auslöser für herzhaftes Lachen und den Beginn einer befreiten Diskussion. Dafür muss man eine Sprache beherrschen, nicht jede aber doch zumindest Englisch als Lingua Franca.
Guido Westerwelle hatte Recht, als er auf der Pressekonferenz sagte: “Hier ist Deutschland.” Aber da draußen ist die Welt. Und sie ruft zurück.







“Please go away often” – Arbeitsplatzbeschreibung für Außenminister ;-)
Auch wenn Guido wohl noch ein wenig an seinen Englischkenntnissen wird feilen müssen, so schein Frau Meckel nachhaltigen Eindruck in den USA hinterlassen zu haben:
THE WHITE HOUSE
Office of the Press Secretary
___________________________________________________________________
For Immediate Release October 1, 2009
NATIONAL INFORMATION LITERACY AWARENESS MONTH, 2009
- – - – - – -
BY THE PRESIDENT OF THE UNITED STATES OF AMERICA
A PROCLAMATION
Every day, we are inundated with vast amounts of information. A 24-hour news cycle and thousands of global television and radio networks, coupled with an immense array of online resources, have challenged our long-held perceptions of information management. Rather than merely possessing data, we must also learn the skills necessary to acquire, collate, and evaluate information for any situation. This new type of literacy also requires competency with communication
technologies, including computers and mobile devices that can help in our day-to-day decisionmaking. National Information Literacy Awareness Month highlights the need for all Americans to be adept in the skills necessary to effectively navigate the Information Age.
Though we may know how to find the information we need, we must also know how to evaluate it. Over the past decade, we have seen a crisis of authenticity emerge. We now live in a world where anyone can publish an opinion or perspective, whether true or not, and have that opinion amplified within the information marketplace. At the same time, Americans have unprecedented access to the diverse and independent sources of information, as well as institutions such as libraries and universities, that can help separate truth from fiction and signal from noise.
Our Nation’s educators and institutions of learning must be aware of — and adjust to — these new realities. In addition to the basic skills of reading, writing, and arithmetic, it is equally important that our students are given the tools required to take advantage of the information available to them. The ability to seek, find, and decipher information can be applied to countless life decisions, whether financial, medical, educational, or technical.
This month, we dedicate ourselves to increasing information literacy awareness so that all citizens understand its vital importance. An informed and educated citizenry is essential to the functioning of our modern democratic society, and I encourage educational and community institutions across the country to help Americans find and evaluate the information they seek, in all its forms.
NOW, THEREFORE, I, BARACK OBAMA, President of the United States of America, by virtue of the authority vested in me by the Constitution and the laws of the United States, do hereby proclaim October 2009 as National Information Literacy Awareness Month. I call upon the people of the United States to recognize the important role information plays in our daily lives, and appreciate the need for a greater understanding of its impact.
IN WITNESS WHEREOF, I have hereunto set my hand this first day of October, in the year of our Lord two thousand nine, and of the Independence of the United States of America the two hundred and thirty-fourth.
BARACK OBAMA
(http://www.whitehouse.gov/the_press_office/Presidential-Proclamation-National-Information-Literacy-Awareness-Month/)
Sage nicht immer, was Du weißt, aber wisse immer, was Du sagst.
Matthias Claudius
Ein weiterer hoher Vorsatz, anzustreben, doch nicht zu verwirklichen.
Wenn Guido Westerwelle gelobt wird, dann zumeist wegen seiner Rhetorik, die er auch als Anwalt gut nutzen kann.
Problematisch wird es, wenn er- und andere- das Parlament zum Tribunal macht und gegen Volksvertreter zu Felde zieht, sie quasi vor sein persönliches Gericht zerrt. Vielleicht kommen daher, mit Verlaub, diese Spuren von Hochmut und Besserwisserei?
Die interessante Frage dahinter lautet: Welche Qualifikation benötigt ein Minister? Ist ein gefürchteter Debattenredner damit auch geeignet, einen bürokratischen Apparat zu führen? Einmal abgesehen vom Sachverstand, dem sich mit geschichtlichen und sprachlichen Studien nachhelfen ließe.
So mancher und manche haben im Ministeramt Schiffbruch erlitten.
Ich möchte Guido Westerwelle nicht die außenministerielle Kompetenz absprechen, doch empfohlen hat er sich für dieses Amt bisher noch nicht.
Auch KT aus Franken hat außer guten Umfragewerten, Fotos bei Rockkonzerten, auf dem Times Square (sueddeutsche.de/leben/460/462080/text/) und im Bierzelt bislang noch nicht allzu viel vorzuweisen. Seinen Ministerialen scheint er nicht besonders viel zuzutrauen, so scheint es. Wünschen wir ihm eine steile Lernkurve, zum Nutzen unseres Landes. Statt eines Dienstwagens könnte er auch ein Pferd nehmen, meint die Süddeutsche.
Damit wären wir fast wieder bei der Kavallerie…
Nervend ist auch die Angewohnheit, mit falsch eingedeutschtem Englisch um sich zu werfen. Auf den sehr fragwürdigen Satz im Posting: “Politiker sind Vorbilder” möchte ich also antworten: *nicht wirklich*.
;-> ich erinnere noch gut den Tag, als das noch keinen Sinn machte…
Die Unfähigkeit zum flüssigen Englisch hin oder her, mir fiel da oben ein Zitat ins Auge, das sich Westerwelle hinter die Ohren schreiben könnte:
“Die Dinge wachsen dir nie über den Kopf, wenn du ihn nicht zu hoch trägst.”
Vielleicht war sein Verhalten aber nur eine reaktive Überforderung auf die emotionale Überhitzung des Tages. Aber seine Arroganz ist nicht bloß ein einmaliges Tagesgeschäft, oder wie seht ihr das?
Die Zeit fragt: Was macht die Macht mit einem, der lange auf sie warten musste?
Ich hab ein mulmiges Gefühl..
Ich kann Westerwelle nicht wirklich einordnen, hinter ihm könnte ein machthungriger Monsterradikaler stecken oder ein verträumter Schnulzi oder oder oder…
Ich habe ein mulmiges Gefühl wenn ich an die Bildungspolitik denke.Die ist doch nicht nur Ländersache?Vielleicht mag mich jemand aufklären, wie genau die Kompetenzen verteilt sind.
Hoffentlich werden die paar Studenten(z.B. in Köln), die überhaupt was verändern möchten, mit der neuen Regierung nicht noch demotivierter.
PS: Schicke neue Seite. Vorallem der Elfentanz, ha…
ähm, vielleicht müsste es auch “überforderte Reaktion auf”…heißen- wohl nur halb klug daher geschwätzt, entschuldigung.
Hmhmm, Isabell, Ländersache. Auch das “Hochschulfreiheitsgesetz” eher etwas, was “Bund” aus der Verantwortung befreit.(Abgesehen von ein paar Exzellenzsternchen, die verteilt werden)
Hm, okay, dann ändert die neue Regierung an der Hochschulsituation wohl wenig. Es klingt eig. nach einem schönen Gesetz, dabei liegt hier ein klarer Fall von Begriffsmissbrauch vor:(
Der Rahmen hier würde gesprengt, und ich hab auch polemisch geantwortet. Googlen von Hochschulfreiheitsgesetz gibt mehr Info.
Inzwischen beklagen die Hochschulen, daß ein Großteil von Ressourcen gebunden sind in der neuen Form der Selbstverwaltung. Ressourcen, die insbesondere bei der Lehre abgezwackt werden. Es wird versucht, in den nun neuen Systemen von “Bachelor” und “Master” mit studentischen Mentoren aufzufangen…eine Medaille mit – klassisch – 2 Seiten.
“Wer mit dem Zeigefinger auf andere Leute zeigt, sollte nie vergessen, dass drei Finger seiner Hand auf ihn selbst zeigen (Gustav Heinemann)”
Ich weiß ja nicht was (fast) alle hier haben.
Diejenigen die behaupten, dass Hr. Westerwelle arrogant antwortete, denen muss ich sagen… finde ich nicht!
Hr. Westerwelle hat sehr wohl und zwar ganz genau verstanden, was der Herr der BBC gefragt hatte – ganz im Gegensatz zu jenem.
Ich finde es viel mehr “arm”, dass ein Nachrichtensender wie die BBC einen Reporter nach Deutschland schickt, der ganz offensichtlich kein deutsch spricht.
DAS finde ich arrogant, wenn die Briten oder Amis meinen, dass nur ihre Sprache zählt und einfach jeder sich fügen muss…
Aber eine Dolmetscherin war ja im Gepäck dabei (bei der BBC versteht sich)
Noch ärmer als arm finde ich das Auftreten Hr. Czem Özdemirs (man verzeihe mir, falls ich den Namen falsch geschrieben habe) in seiner anschließenden “Videobotschaft” an die “englische Bevölkerung”. Auch einen vorsitzenden Türken haben den Grünen nicht den insgeheim erhofften Bonus gebracht…
In einem hatte Hr. Özdemir allerdings recht, nämlich dass 2013 wieder Wahl ist – nur befürchte ich, dass er sich an die “falschen Wähler” wendete. Er würde lieber auch deutsch sprechen, als “Chairman” der Grünen.
einen guten Abend @all
Erfolg ist eher von Dauer, wenn man ihn erreicht, ohne die eigenen Prinzipien zu untergraben.
Walter Cronkite
Wir dürfen gespannt sein, ob der Genuss schwarz-gelb verpackter Tigerentenschokolade auch zu einer schwarz- gelben Koalition führt, die hält, was sie versprochen hat.
Es darf auch bezweifelt werden.
Hoffentlich verbringen die drei Parteien nicht allzu viel Zeit mit der Namenssuche für die Verpackung, der Inhalt ist mir wichtiger.
Ich bin gespannt ob es Herren-, Edelbitter-, Zartbitter- oder schwarze Schokolade wird.
Vorher gilt es aber die roten Fehler zu eliminieren…
Ich frag mich grad, ob wir hier wirklich so kräftig austeilen sollten.
Nur so zum Beispiel:
Ingo verwechselt Steinbrück und Steinmeier.
Fabian schreibt “Loose” statt “lose” und Yolande macht es gleich nach.
Und ich hab hier sicher auch schon jede Menge Blödsinn verzapft!
Wespe oder Tigerente…. die Koalitionsgespräche haben begonnen, sicherlich auf deutsch: http://newsticker.sueddeutsche.de/list/id/732717
Also, schau ma mal, oder?
Wir überbrücken die Zeit bis wir es wissen, mit Interpretationen von Details.
Verraten nicht scheinbare Kleinigkeiten mehr über Menschen als Koalitionsverträge und Wahlkampfreden?
Sogar über die rote Jacke Angela Merkels am Wahlabend wurde spekuliert, sogar ziemlich hartnäckig. Da ist Guido Westerwelles Auftreten bei der Pressekonferenz schon richtig substantiell dagegen.
Ja. Vielleicht ist das wirklich einfach was scheinbar Handfestes und Greifbares, während die politischen Botschaften und Wahlkampfreden oft als abgehoben und inhaltsleer wahrgenommen werden. Zeige mir deine Jacke und ich sage dir, wie du regierst. ;-)
…hätte sie (Angela) jetzt rote Socken getragen, dann hätte ich mich mehr Gedanken gemacht.
Tzzz, rote Socken. ;-))
Tzzzzzzz, rote Socken. ;-))
liebe mafalda,
ich habe deinen kommentar polemisch aufgefasst:), leider weiß ich gut genug, was das hochschulfreiheitsgesetz bedeutet.wollte nur anmerken, dass das gesetz generell schön klingt (siehe freiheit)..freie bildung ist übrigens auch schöner als freie märkte, klingt aber gleichermaßen gut.
Yep. Lesen ist – trotz interpretierbarer Nuancen – nicht, wie miteinander sprechen. ;-)