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18. Oktober 2009, 22:31 Uhr, Geschrieben von Miriam Meckel

Rückblick am Zeitreisestopp

Paper News 2

18. Oktober 2055

Ich habe heute beim Aufräumen im Keller einen Karton gefunden. Mit Papier. Darin waren Bücher, gedruckte Bücher. Könnt Ihr Euch erinnern? Ich hatte sie ganz vergessen über die Jahrzehnte, die ich schon elektronisch-digital lese. Ein Buch habe ich herausgenommen. Es war etwas aufgeweicht durch die Feuchtigkeit im Keller, das Papier, auf das damals noch gedruckt wurde. Aber es roch trotzdem gut. Durch den Geruch habe ich mich erinnert an das, was Bücher waren. Und dann kam vieles zurück.

Es sind „weiße Geister“, von denen das Buch erzählt, das ich in dem Karton gefunden habe. Die „weißen Geister“, zwei junge Mädchen, die als Geschwister mit ihren Eltern in Hongkong leben, der Vater Kriegsfotograf in Vietnam, geschickt von US-Magazinen auf der Jagd nach gute Bildern. Keines der Bilder ist in dem Buch, nur Text. Nichts als gedruckter Text. Doch er lässt alle Bilder entstehen – die Fotos des Vaters und die Erlebnisse der beiden Kinder, von denen die Autorin erzählt, die vielleicht selbst eines der Mädchen war.

Als ich das Buch aus der Kiste nahm, fiel ein kleines Stück Papier heraus. Ein Bordkartenabschnitt. Ich erinnere mich noch daran, dass es die gab. Dass Flugtickets damals auch noch gedruckt wurden auf so ein festes Papier (ich glaube, irgendwann konnte man sie selbst zuhause ausdrucken, bevor wir uns daran gewöhnt haben, einfach den Barcode unserer ID-Card beim check-in vor den Scanner zu halten). Jedenfalls kann ich noch lesen, wohin die Reise damals ging. Ich erinnere mich tatsächlich auch daran, wie ich das Buch auf diesem Flug gelesen habe und wie es mich eine lange Zeit beschäftigt hat. Es ist kaum zu glauben, aber ich kann die Situation wieder vor mir sehen. Wie ich sitze in einem Liegestuhl, wie die Blumen blühen am Ende des Gartens, wie eine große Hummel über mir schwebt, nicht an mir interessiert, sondern an dem Blütenstaub der hängenden Sträucher neben mir. Wie kann es sein, dass ich mich an all das erinnere, wo ich doch die Bücher selbst schon vergessen hatte?

Ich habe früher mehr gelesen. Nicht nur weil meine Augen besser waren (sie wurden ja auch gefordert und gebraucht). Ich erinnere mich plötzlich auch, dass ich immer auf Flugreisen gelesen habe (deshalb lag wohl auch die Bordkarte in dem Buch). Gleich nachdem ich meinen Platz eingenommen hatte, habe ich mein Buch ausgepackt und gelesen, solange bis das Flugzeug wieder gelandet war. Ich glaube, das hat sich geändert, weil wir das E-Book immer beim Start und bei der Landung ausschalten mussten, denn es sind ja keine elektronischen Geräte erlaubt. Und als als das E-Book in Verdacht geriet, als Nachfolger des Mobiltelefons auch zur Fernzündung von Sprengstoff geeignet zu sein, war es ganz vorbei mit dem Lesen im Flugzeug.

Als ich das etwas feuchte, alte Buch durchgeblättert habe, dessen Seiten immer wieder zusammenklebten, habe ich einige feine Bleistiftstriche am Rand gefunden. Da habe ich dann noch einmal genauer gelesen. Und siehe da: Die Bleistiftstriche waren von mir. Ich habe damit die Stellen markiert, die mir besonders aufgefallen waren, die ich mochte oder später einmal zitieren wollte. Und das Schönste ist: Ich kann auch jetzt beim Lesen jeder einzelnen dieser Stellen verstehen und nachempfinden, warum ich damals das kleine Merkzeichen an den Rand gemacht habe. Ich bin ich geblieben auch nach so vielen Jahrzehnten. So wie das Buch das Buch geblieben ist. Die Seiten etwas gelblicher und verblichen, aber noch immer gefüllt mit schönen Texten. Und wir beide, das Buch und ich, wir sind damals im Lesen eine Beziehung eingegangen, die bis heute gehalten hat, obwohl wir uns so lange Jahre nicht gesehen haben.

Angesicht der Bleistiftmarkierung ist mir wieder eingefallen, dass ich etwas Ähnliches anfangs auch bei den digitalen Büchern gemacht habe. Ich glaube, die ersten Versionen elektronischer Bücher konnten das nicht, aber später dann konnte man Textstellen markieren. Ich war immer ein Anstreicher im Geiste und so habe ich es auch bei den digitalen Texten gehalten. Aber nach dem Millenium-Bug in der Silvesternacht 2033/34, der alle Einstellungen unserer sämtlichen vernetzten Geräte auf default zurückgestellt hat, habe ich damit aufgehört. Ich weiß, dass ich damals sehr traurig war. Die Texte in den E-Books waren zwar noch da. Aber alles, was sie zu meinen, zu von mir gelesenen Texten gemacht hatte, war gelöscht. Es gab keine Wegmarken mehr auf meiner Strecke des Lesens. Ich war damals auch schon 66 Jahre alt und hatte einfach keine Lust mehr, wieder von vorne zu beginnen.

Wenn ich es genau überlege, dann käme heute kein Mensch mehr auf die Idee, in einem Text etwas anzustreichen. So wie ich das noch gelernt und gemacht habe, geht das heute ja auch gar nicht mehr. Aber wozu auch? Wenn ich heute einen Text über mein Implantat lade und mich dann hinlege um mit geschlossenen Augen zu lesen, dann weiß ich: Wann immer ich etwas suche, wird mein Gehirn es schnell googlen und dann habe ich die Stelle. Das ist schon sehr praktisch, denn ich muss kein E-Book mehr mit mir herumschleppen. Ja, und natürlich kein Papier. Meine Güte, waren das Zeiten als ich all dieses Papier mit mir herumgetragen habe.

Als ich kürzlich in Paris war, da habe ich all die schönen Plätze wiedergesehen, an denen ich schon so oft gewesen bin. Und ich habe im Café Les Deux Magots gesessen, wo ich schon so oft einen Tee getrunken habe. Ich habe sogar die alte Antiquitätenhandlung auf dem Montmartre wiedergefunden, in der ich die beiden großen Spiegel gekauft habe, die seit Jahren in meiner Wohnung hängen. Nichts habe ich dafür mitnehmen müssen. Alles ist ja in meinem Kopf gespeichert und bei Bedarf dort oder aus dem globalen Netz abrufbar. Ich war dann aber doch froh, nach zwei Tagen wieder zuhause zu sein. Irgendwie beginne ich heute schneller mich zu langweilen. Das muss am Alter liegen.

Heute ist ein besonders schöner Tag. Dass ich diese Kiste im Keller gefunden habe, ist eine wunderbare Überraschung. Sie ist voll mit altem Plunder, den ich völlig vergessen hatte. Darunter auch dieses Buch. Zwei weiße Geister, die plötzlich durch das Dunkel meiner Erinnerung toben.

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98 Reaktionen

  1. 22. Oktober 2009, 16:26 Uhr, von Walter Gefällt einem Leser
    051

    Die meisten leben in den Ruinen ihrer Gewohnheiten.
    Jean Cocteau
    Die Frage nach Sinn und Bedeutung von Büchern sei erlaubt.
    Sie sind real, doch ihr Inhalt ist virtuell, phantastisch und entsteht im Kopf.
    Das Bild des Bücherwurms ist ein Indiz, dass Bücher auch früher- schon immer?- Fluchtorte waren, Rückzugsgebiete von der Welt.
    Wenn es in MMs Dystopie keinen Rückzugsort mehr gibt, weil auch die Welt im Kopf über ein „Implantat“ an das weltweite Netz angeschlossen ist?
    Der eigentliche Horror: Das Wir im Ich, die Welt im Kopf, dann nicht mehr virtuell sondern real.

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  2. 22. Oktober 2009, 17:58 Uhr, von Walter
    052

    und heute?

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  3. 23. Oktober 2009, 9:44 Uhr, von Walter Gefällt einem Leser
    053

    Fremdbestimmtheit und Kontrollverlust gehören zu den auf das Alter projizierten Ängsten . Dabei sind wir nie ganz frei und souverän, auch nicht, wenn wir es unbedingt wollen.
    Wie vielfältig werden wir manipuliert und lassen uns manipulieren, meist freiwillig?

    Das Lesen nutzt einen inneren Raum durch Öffnung und Konfrontation mit fremden Gedanken und Gefühlen, die durch phantasievolle Assimilation (http://beat.doebe.li/bibliothek/w00118.html) zu eigenen werden.
    Bücher können zum Denken zwingen aber auch davon abhalten, auch ihre Funktion ist ambivalent.

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  4. 23. Oktober 2009, 10:08 Uhr, von Bette Gefällt 7 Lesern
    054

    Ich möchte vorschlagen, von 2055 langsam mal wieder zurück ins Heute zu kommen. Denn es gibt tatsächlich auch mal gute Nachrichten: http://www.sueddeutsche.de/politik/608/491970/text/
    Gestern (bzw. am 7. Juli) war ein besonders schöner Tag!

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  5. 23. Oktober 2009, 11:06 Uhr, von Walter Gefällt 6 Lesern
    055

    Ehe, wem Ehe gebührt:
    „Der Gesetzgeber ist gefordert: Er muss nun entweder allen Homo-Partnern die Vorteile des Ehegattensplittings gewähren – oder das System umstellen, also aus dem Ehegatten- ein Familiensplitting machen. Dann werden, und das wäre richtig, die Gemeinschaften gefördert, die Kinder erziehen – und nicht die, in denen zwei Menschen zusammen leben.“

    Recht hat er.

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  6. 23. Oktober 2009, 12:29 Uhr, von Maya Gefällt einem Leser
    056

    Da stehen dann 2055 hoffentlich in vielen Kellern Kisten mit eBook Lesegeraeten…

    http://www.boerse.ard.de/content.jsp?key=dokument_389354

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  7. 23. Oktober 2009, 21:45 Uhr, von Dowanda
    057

    OT Nachtrag zu Sarrazin
    Nun mischt sich auch Peter Sloterdijk ein:
    http://nachrichten.rp-online.de/article/politik/Sloterdijk-Lauter-Feiglinge/55716

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  8. 23. Oktober 2009, 23:03 Uhr, von Miranda Gefällt 6 Lesern
    058

    und jetzt wäre es doch fein wenn zu dem Urteil malendlich eine Diskussionsrunde laufen würde, wenn Frau Will nicht will, da auf dem Betroffenensofa, verstehe ich es nicht das Illner es nicht aufgreift…warum immer noch 2009 mit soviel Ängsten verbunden, die Gleichstellung nicht mal nur für 45 Minuten ind en politischen Mittelpunkt zu rücken…es wäre so wichtig!!! Diese Haltung, „Ich bin es zwar“, hänge es aber nicht an die große Glocke, da es niemanden was angeht, mal kurz mal zu vergessen bis wir endlich in der Gleichstellung einigermassen angekommen sind!!!

    Die Diskriminierung nimmt wieder zu, auf Schulhöfen ist Schwuchtel und Iiiih Lesben geflügelter verbaler Umgang…

    Gehöre wirklich nicht in die ideologische Feministinnen Ecke aber auch als offen feminin lebende Frau ohne Karo Hemd finde ich dass so wichtig Farbe zu bekennen, bis wir angekommen sind..

    mag sein dass das für manche die Zweierbeziehung sein mag…aber ich will auch sonst die gleichen Rechte!!!!

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    • 23. Oktober 2009, 23:25 Uhr, von Martina Gefällt einem Leser
      058.1

      mi piace!

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    • 24. Oktober 2009, 7:50 Uhr, von irgendeine Userin Gefällt 5 Lesern
      058.2

      Ja, es wäre schön, wenn mehr Frauen in den Medien zu ihrer Lebensweise stehen würden.
      Aber auch sie leben in dieser homophoben männerzentrierten Gesellschaft.

      Während der Buchmesse erlebte ich Hella von Sinnen, als sie den von ihr editierten Comic-Band „Ducks von Sinnen“ promotete. Viel Sympathie schlug ihr vom Publikum entgegen. Sie hat es geschafft! Sie steht dazu, dass sie lesbisch und eine dicke Frau ist!

      Abends switchte ich kurioserweise in die Timmousine auf Timm rein. Sie war Interviewpartnerin in der Timmousine und sprach natürlich auch über den Comic-Band.
      Dann kam eine Stelle, die sie mir sehr sympathisch und sehr menschlich machte, nämlich, dass sie diesen Rückzucksort der Comics, das Füttern ihres inneren Kindes braucht, um Kraft und Widerstandsfähigkeit zu erhalten, um da draußen mitzuteilen, dass sie dick und lesbisch sei.

      Manche Menschen können nicht anders und sind offen, respektive politisch. Mir wurde es regelmäßig bescheinigt, wenn ich während meiner Studienzeit davon berichtete, welche Veranstaltungen ich besuchte, mitgestaltete als Lesbe.
      Aber es bleibt ein tägliches Coming Out: Jeden Tag den Mut finden, sich nicht zu verstecken.
      Und ich habe dabei das Glück, eine Nobody zu sein. Heißt, ich bin klein und unauffällig. Ich verschwinde in der Bevölkerungsmenge, falle nicht auf und wenn ich mal keinen Mut oder die Kraft habe, brauche ich nicht schreibe: Hey, Welt, ich bin lesbisch.

      ABER: Eine Berühmtheit, die regelmäßig erkannt wird, kann das nicht. Von daher kann ich es verstehen, wenn gesagt wird: Ja, ist so und gut is.

      Und ob die Homo-Ehe uns mehr Anerkennung bringt, weiß ich nicht. Solange der Gedanke immer noch vorherrscht: Mann und Frau -> Ehe -> Kinder -> schützenswert, verkürzt auf Mann und Frau -> Kinder? -> schützenswert, statt Kinder -> ? + ? -> schützenswert, solange wird es kein Umdenken geben.
      Wir leben in einer Gesellschaft, die eher die potentiellen Kinder schützen will, als die tatsächlich vorhandenen.
      Und es überfordert die meisten sich vorzustellen, dass es tatsächlich auch andere Varianten den Lebens gibt, die nicht dem eigenen Weltbild entsprechen.

      Naja. So ist es halt. *soifz*

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      • 24. Oktober 2009, 8:14 Uhr, von Larah Gefällt 2 Lesern
        058.2.1

        Warum interessiert sich die Gesellschaft immer so sehr für das Leben der anderen? Ich finde das Privatleben sollte privat sein und man sollte das auch respektieren. Wenn zwei Frauen oder zwei Männer sich lieben ist das doch deren Sache und deshalb sind sie keine anderen Menschen und die Gefühle sind sicher die gleichen. Ist leider immer so, dass die Gesellschaft einem vorschreibt, wie die Welt sein soll. Selbst hertero Singles werden dumm angeschaut, weil es heute nunmal üblich ist, dass man zu zweit auftritt … Mir ist das egal, sollen die Leute doch denken, was sie wollen.

      • 24. Oktober 2009, 9:19 Uhr, von Mafalda Gefällt 3 Lesern
        058.2.2

        Schließe mich Deinem Seufzer an.
        Lesbisch und schwul zu sein ist noch stets eine „Abweichung“ von der „Norm“. Und leider dann auch gerne benutztes Adjektiv (ähnlich wie „jüdisch“), was den Blick von den X anderen persönlichen Facetten/Kompetenzen ablenkt bzw. den Blick bei vielen Menschen dann verzerrt und verstellt.

        Da helfen auch keine Fernsehsendungen. Allein jede/r in seinem eigenen, „kleinen“ Leben, die offen leben und so ein Stück „Normalität“ im Umfeld mitkreieren: bei der Bäckerei umme Ecke, in der Stammkneipe, am Arbeitsplatz…

        Denn letztendlich lebe ich MEIN Leben und „berühmte“ Referenzen können hilfreich sein, nützen aber nix, wenn ich SELBST nicht authentisch bin.

  9. 24. Oktober 2009, 10:21 Uhr, von Miranda Gefällt 2 Lesern
    059

    Klar helfen keine berühmten Referenzen aber ich finde es wichtig dass die Wahrnehmung entzerrt wird.
    Fakt ist , wir werden immer damit leben müssen zu einer Minderheit gehören, deshalb wahrscheinlich auch diese starke Einigelungstendenz bestimmter Gruppen die immer nur in ihrem eigener kleinen Welt Bewegungsfreiheit empfinden.
    Finde die Welt zu groß, zu spannend als mich darauf zu beschränken ( und finde die künstliche Welt der Frauenkonzentrierten Welt schnell einengend und Beklemmend).
    Finde auch Männer zu spannend als bereichernde Gesprächspartner, als sie, nur weil ich mit einer Frau leben will aus meinem Leben auszublenden…
    Erwarte gar nicht viel, ich will aber die gleichen Rechte !
    Und nicht gleichzeitig dass Gefühl zu haben, dass wenn man es anspricht ich mich dafür entschuldigen muss.
    Aber bin gleichzeitig auch glücklich dass ich in einem Land leben kann, wo ich nicht strafrechtlich verfolgt werde und zwar noch unter ³175 geboren worden bin aber die Abschaffung dann kam als ich es gerade in der Pubertät bemerkte dass was anders ist…
    Ja Authenzität ist ungemein wichtig!
    in diesem Sinne schönes Wochenende!

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  10. 9. November 2009, 10:42 Uhr, von irgendeine Userin
    060

    Huch!
    War das Bild schon immer da?
    Interessant.
    Irgendwie fühle ich mich grad so ein bisschen Orwell-angehaucht: Natürlich, was das schon immer da!

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