MM_Japanische-Lebensweisheit
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21. Dezember 2009, 11:38 Uhr, Geschrieben von Miriam Meckel

Advent (21) Phantasie

35Mai_o_Konrad

Erich Kästner ist ein wunderbarer Autor, der mit „Fabian“ ein weiteres meiner Lieblingsbücher geschaffen hat: die Geschichte eines Moralisten am Vorabend des ersten Weltkriegs, distanzierter Beobachter und doch gefangen in den Wirrungen des Niedergangs der Weimarer Republik. In dieser Situation überlebt ein Moralist nur als Zyniker. Oder er überlebt gar nicht. Fabian rettet einen Jungen vor dem Ertrinken.

„Der kleine Junge schwamm heulend ans Ufer. Fabian ertrank. Er konnte leider nicht schwimmen.“

Als ich in der fünften Klasse war, entwickelte sich auch bei uns diese schreckliche Kommunikationsform des Austauschs von Poesiealben. Ich habe das nie gemocht. Weil man ordentlich schreiben musste, weil man immer irgendwelche blöden Bildchen einkleben musste. Und weil ich gar keine Lust hatte, jedem etwas in sein Büchlein zu schreiben, nur weil das eben so üblich war. Ich hatte trotzdem ein solches Album (man soll ja dazugehören), braun-orange gestreift. Irgendwo muss das heute noch rumliegen.

Jedenfalls hatte das Album ein Gutes. Ich kam in Kontakt mit den Gedichten Erich Kästners. Weil eine Freundin von mir ebenso faul und schreibunwillig war wie ich selbst, übernahm kurzerhand ihre Mutter den Job (Hauptsache, es steht etwas in dem Album). Sie schrieb diese Zeilen von Kästner:

„Wird’s besser, wird’s schlimmer, fragt man alljährlich.

Seien wir ehrlich: Leben ist immer lebensgefährlich.“

Ich mochte sie gleich und sie fallen mir heute auch gelegentlich wieder ein, wenn es mal wieder einen Anlass dafür gibt.

Als Kind war „Der 35. Mai“ mein Lieblingsbuch. Ein verrücktes Buch. Oder ein normales Buch, in dem verrückte Dinge geschehen – je nachdem, wie man es betrachtet. Der Junge Konrad, sein Apothekeronkel und das leider arbeitslose Pferd Negro Kaballo reisen durch eine Phantasiewelt, zu der ein Dielenschrank des Onkels das Eintrittstor ist. Konrad soll nämlich einen Schulaufsatz über die Südsee schreiben – und was wäre besser als einfach kurz hinzureisen?

Die Drei reisen durch verschiedene Welten. Zum Beispiel das Schlaraffenland, aus dem man ausgewiesen wird, wenn man weniger als 200 Pfund wiegt. Oder die verkehrte Welt, in der Kinder die Aufgaben von Erwachsenen übernehmen und umgekehrt. Und Elektropolis, die vollautomatische Stadt, in der die Maschinen verrückt spielen und aus Milch und Fleisch wieder Kühe machen.

An diese Kuhrekonstruktionsmaschine erinnere ich mich ganz besonders (auch weil sie in meinem Buch so eindrucksvoll illustriert war). Aber ich erinnere mich auch daran, dass die Menschen in Elektropolis einfach Pillen nehmen, statt etwas Richtiges zu essen. Und dass mich der Gedanke, eine ganze Stadt könne automatisiert sein, schon früh fasziniert hat.

Als Konrad wieder zuhause angekommen ist und seinen Aufsatz geschrieben hat, halten ihn seine Eltern für verrückt. Aber er hat ja im Onkel einen Verbündeten … Wie Kinder dieses Buch wohl heute lesen?

Erich Kästner: Der 35. Mai oder Konrad reitet in die Südsee.

Wien: Ueberreuter, 1955.

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27 Reaktionen

  1. 21. Dezember 2009, 11:49 Uhr, von Miranda Gefällt 2 Lesern
    01

    Schöne Beschreibung! Erich Kästner ist einfach nur großartig.
    Diesen Zugang zu Phantasie so liebevoll zu beschreiben ist schon wahre Kunst.

    Ich mochte Poesiealben auch nie, meins war auch so schnell zerfleddert und eine Unart war auch Bravo Sticker hineinzukleben, so habe ich meinen viele Limahl und Boy George Sticker anstatt kitschige Rosenmotive…

    Antworten
    • 21. Dezember 2009, 12:30 Uhr, von Dowanda Gefällt einem Leser
      01.1

      Vom Kitschfaktor war zwischen Limahl, Boy George und Rosenmotiven aber wenig Unterschied :-)))

      Antworten
      • 21. Dezember 2009, 13:08 Uhr, von Miranda Gefällt 3 Lesern
        01.1.1

        Jetzt würde ich Rosen vorziehen,wenn es wenigstens Bowie oder The Clash gewesen wäre…aber 82/83 war musikalisch eine bescheidene Zeit für mich !

  2. 21. Dezember 2009, 11:58 Uhr, von Miranda Gefällt 3 Lesern
    02

    Kinder sind auch heute zugänglich für alle Nuancen der „verkehrten Welt“

    Antworten
  3. 21. Dezember 2009, 12:41 Uhr, von Urs Bürgi Gefällt 9 Lesern
    03

    Ja, das Kind in der Frau. Und Sie meinte, es sei verwandelt worden, in eine Erwachsene? Die meisten Erwachsenen sind altgewordene Kinder, und wissen es nicht. Nun gilt es, das Kind in Ihnen zu hegen und zu pflegen, wie ehedem, ihm etwas zu Weihnachten zu schenken, es zu verstehen, ihm zuhören, ihm abends etwas vorzulesen,(Bücher haben sie ja genügend) es neugierig sein zu lassen und all‘ seine Fragen beantworten, auch wenn sie manchmal unverständlich klingen, sie sind sooo phantasievoll, mit ihm spielen, es spielen lassen, es in Ruhe lassen, am Meer, im Flugzeug, wo es gerade für sich sein will, muss, um all‘ die vielen Eindrücke,heute Infos, zu verarbeiten, in seine eigene Welt zu integrieren, um daraus eine bessere, ihm entprechende Welt zu kreieren. Seien Sie daher sehr achtsam, behüten Sie es, es ist stets bei Ihnen und sie beide brauchen sich. Und last but not least, vergessen Sie nie die Liebe, die liebevolle Art, es im Arm zu halten, zu wiegen, sanft, behutsam, es wird Ihnen gut tun, wie ihm auch.

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  4. 21. Dezember 2009, 13:29 Uhr, von Maria Gefällt 3 Lesern
    04

    „Phantasie ist wichtiger als Wissen,denn Wissen ist begrenzt.“

    Albert Einstein

    Antworten
  5. 21. Dezember 2009, 13:48 Uhr, von Dowanda Gefällt 4 Lesern
    05

    Zu den Kindern in uns:
    Bitte achtet einmal auf den Weihnachtsmärkten auf die Gesichter der Menschen, die mit dem Karusell fahren. Die der Kinder sind meistens relativ angespannt bis teilnahmslos. Während die Erwachsenen über beide Backen grinsen. Ich übrigens auch immer :-)

    Antworten
  6. 21. Dezember 2009, 13:50 Uhr, von irgendeine Userin Gefällt 2 Lesern
    06

    Ui.
    Das erinnert mich dran, dass ich immer mal wieder überlegte, den 35. Mai als Comic zu erwerben…
    Ich überlege nun wieder… ;-)

    Antworten
    • 21. Dezember 2009, 14:20 Uhr, von urs bürgi
      06.1

      Und wenn Du schon dabei bist, zu bestellen, vergiss das nicht, a little bit expansive, aber es lohnt sich, Du hast es bis ans Ende der Zeit:
      Verlag: Kein & Aber AG (!!)
      ATAK und FIL,
      DER STRUWWELPETER
      Lustige Geschichten und drollige Bilder
      frei nach Heinrich Hoffmann, als Comic,
      gebunden, 96 Seiten
      ISBN 978-3-0369-5260-4
      Liebe Grüsse von Mariechen und den Katzen ;-)))
      29.90 € | 49.90 CHF

      Antworten
      • 21. Dezember 2009, 15:41 Uhr, von irgendeine Userin Gefällt einem Leser
        06.1.1

        Naja, von Herrn Hoffmann bin ich nicht so wirklich überzeugt.
        Und auch mit dem Comic bin ich ja schon seit geraumer Zeit immer mal wieder am Überlegen. ;-)

    • 21. Dezember 2009, 18:24 Uhr, von Ramona Gefällt einem Leser
      06.2

      @Irgendeine Userin, was gibt es zu überlegen?
      Ich finde Isabel Kreitz, die auch Kästners „Pünktchen und Anton“ zu einem kunstvollen Comic gemacht hat, ist eine wunderbare Zeichnerin.
      Danke für Deinen Link, er hat bei mir die Neugier geweckt.:-)

      Antworten
      • 22. Dezember 2009, 7:54 Uhr, von irgendeine Userin Gefällt einem Leser
        06.2.1

        Wenn du wüsstest, wieviele Comics hier darauf harren, endlich gelesen zu werden.

        Und so rein Kinder-Comic-Bücher lese ich eigentlich nicht. Außer, sie sind schwarzhumorig wie Lenore

        Und selbst Coraline von einem Autor, den ich sehr gerne lese, Neil Gaiman, hatte so seine merkwürdige Momente.

        Bei Film-Adaptionen wäre das was anderes. ;-)

        Okay, ich bin schwierig, in der Auswahl meiner Comics. :-p

  7. 21. Dezember 2009, 14:40 Uhr, von heike Gefällt 2 Lesern
    07

    kästnner scheint mir der richtige autor zu sein um mich kurz „sichtbar“ zu machen und euch allen ein entspanntes jahresende und frohes fest zu wünschen.
    die gedanken schweifen zum jahresende zurück und lassen mich auch an euch denken, an diesen blog welcher mich im vergangenen oft zum nachdenken, ganz oft zum andersdenken bewegte – ich danke euch für den oft so geistreichen input.
    und dass es an der menschlichen komponente dabei nie fehlte, dafür danke ich euch ganz besonders.

    euch allen die herzlichsten gedanken für ein gutes 2010 mit viel neuem geist und altem schwung,
    heike

    Antworten
  8. 21. Dezember 2009, 17:53 Uhr, von Larah
    08

    Ist ja witzig, ich habe heute schon von einem Geschäftspartner ein Buch von Erich Kästner geschenkt bekommen (das trägt allerdings den Titel „als ich ein kleiner Junge war“). Ich liebe diese Bücher und werde die auch an meine Neffen und Nichten weitergeben.

    Antworten
  9. 21. Dezember 2009, 20:15 Uhr, von Walter Gefällt 3 Lesern
    09

    Ich weiß nicht, wer Schloß Blutenburg
    kennt.
    Phantasie und Subversion vereinigen sich in der Feder Erich Kästners. Er hat die Nazizeit überlebt, ohne Verbittert zu werden, mit Ironie, Phanasie und Mut, der wird leicht vergessen. Mit Humor lassen sich unbequeme Dinge leichter sagen. Sie wirken verdaulicher und sind dabei so subversiv, im Reich der Phantasie:

    Jahrgang 1899

    Wir haben die Frauen zu Bett gebracht,
    als die Männer in Frankreich standen.
    Wir hatten uns das viel schöner gedacht.
    Wir waren nur Konfirmanden.

    Dann holte man uns zum Militär,
    bloß so als Kanonenfutter.
    In der Schule wurden die Bänke leer,
    zu Hause weinte die Mutter.

    Dann gab es ein bißchen Revolution
    und schneite Kartoffelflocken;
    dann kamen die Frauen, wie früher schon,
    und dann kamen die Gonokokken.

    Inzwischen verlor der Alte sein Geld,
    da wurden wir Nachtstudenten.
    Bei Tag waren wir bureau-angestellt
    und rechneten mit Prozenten.

    Dann hätte sie fast ein Kind gehabt
    ob von dir, ob von mir – was weiß ich!
    Das hat ihr ein Freund von uns ausgeschabt,
    Und nächstens werden wir Dreißig.

    Wir haben sogar ein Examen gemacht
    und das meiste schon wieder vergessen.
    Jetzt sind wir allein bei Tag und bei Nacht
    und haben nichts Rechtes zu fressen!

    Wir haben der Welt in die Schnauze geguckt,
    anstatt mit Puppen zu spielen.
    Wir haben der Welt auf die Weste gespuckt,
    soweit wir vor Ypern nicht fielen.

    Man hat unsern Körper und hat unsern Geist
    ein wenig zu wenig gekräftigt.
    Man hat uns zu lange, zu früh und zumeist
    in der Weltgeschichte beschäftigt!

    Die Alten behaupten, es würde nun Zeit
    für uns zum Säen und Ernten.
    Noch einen Moment. Bald sind wir bereit.
    Noch einen Moment. Bald ist es so weit!
    Dann zeigen wir euch, was wir lernten!

    Warum schreibt so einer Kinderbücher?
    Vielleicht um die Kinder stark zu machen, kritisch und unempfindlich gegenüber den Parolen von Gewalt und Dummheit?
    Ja!

    Antworten
  10. 21. Dezember 2009, 23:27 Uhr, von Anja Gefällt 3 Lesern
    010

    Morgen, Kinder, wird’s nichts geben!
    Nur wer hat, kriegt noch geschenkt.
    Mutter schenkte Euch das Leben.
    Das genügt, wenn man’s bedenkt.
    Einmal kommt auch Eure Zeit.
    Morgen ist’s noch nicht so weit.
    Doch ihr dürft nicht traurig werden.
    Reiche haben Armut gern.
    Gänsebraten macht Beschwerden.
    Puppen sind nicht mehr modern.
    Morgen kommt der Weihnachtsmann.
    Allerdings nur nebenan.

    Lauft ein bißchen durch die Straßen!
    Dort gibt’s Weihnachtsfest genug.
    Christentum, vom Turm geblasen,
    Macht die kleinsten Kinder klug.
    Kopf gut schütteln vor Gebrauch!
    Ohne Christbaum geht es auch.

    Tannengrün mit Osrambirnen –
    Lernt drauf pfeifen! Werdet stolz!
    Reißt die Bretter von den Stirnen,
    Denn im Ofen fehlt’s an Holz!
    Stille Nacht und heil’ge Nacht –
    Weint, wenn’s geht, nicht! Sondern lacht!

    Morgen, Kinder, wird’s nichts geben!
    Wer nichts kriegt, der kriegt Geduld!
    Morgen, Kinder, lernt für’s Leben!
    Gott ist nicht allein dran schuld.
    Gottes Güte reicht so weit . . . .
    Ach, du liebe Weihnachtszeit!

    Erich Kästner, 1928

    …passt „leider“ auch noch zu gut in unsere heutige Zeit…

    Antworten
  11. 22. Dezember 2009, 8:09 Uhr, von Dowanda Gefällt einem Leser
    011

    OT
    Lesenswerter Kommentar von Henryk Broder zum Klimagipfel bzw. zum Umgang mit dem aktuellen Wintereinbruch, der es sich herausgenommen hat im Winter stattzufinden:
    http://www.achgut.com/dadgdx/index.php/dadgd/article/nachspiel_am_kamener_kreuz/

    Antworten
  12. 22. Dezember 2009, 9:00 Uhr, von Petra Gefällt 3 Lesern
    012

    Zur 09.1.2 / Irgendeine Userin:

    Also zur Klarstellung: Eltern sind selbstverständlich perfekt (Bei uns gelten die berühmten zwei Gesetze: §1. Die Eltern haben IMMER Recht und §2. Bei allen anderen Fällen tritt automatisch §1 in Kraft). Manchmal verändern sich Umstände, so dass Eltern ihre Meinung anpassen müssen. (*sehe-im-Geist-meine-Kinder-grinsen*).

    Antworten
  13. 22. Dezember 2009, 11:25 Uhr, von Petra Gefällt 3 Lesern
    013

    @Urs / 22.12. 10:21 Uhr

    Liebe Urs, es betrübt mich zutiefst, dass ich dir so einen Kummer bereite. Weihnachten sollst du frohen Mutes und frei jeder schweren Last genießen können! So will ich versuchen, dir auf deinen Fragen so gut es geht zu antworten:
    Ich glaube nicht, dass es derartige Knöpfe bei mir gibt, bin mit meinen Recherchen aber noch nicht am Ende. Vielleicht geschieht Charakter – Tunning so fein, dass wir es nicht spüren (aus biologisch / psychologischer Sicht habe ich ja hier einiges in den letzten Monaten gelesen – Dank genialer Buchtipps). Falls es einen Berufsänderungsknopf gibt, so ist dieser – glaube ich – eingerostet. Aber den einen oder anderen Spielraum gibt es vielleicht noch.

    Was hältst du von diesem Bild: Jeder Mensch ist eine Farbkomposition. Sobald er – in welcher Weise auch immer – mit anderen Menschen in Kontakt kommt, wird er ein wenig eingefärbt – entweder nimmt ein wenig die Farbe des anderen an oder bildet eine Kontrastfarbe. Und so ist der Mensch im steten Farb – Wandel.

    Ja, liebe Urs, auch du hast schon auf mich „abgefärbt“. Immer schön, etwas von dir zu lesen, es hat immer emotionalen Tiefgang. Auch wenn Datenleitungen dazwischen sind, so schwappt das eine oder andere doch auf meine Seite des PCs.

    Ich hoffe, du kannst Weihnachten jetzt ganz entspannt mit deinen Lieben verbringen! Merry Christmas.

    Antworten
    • 22. Dezember 2009, 12:00 Uhr, von urs bürgi Gefällt 3 Lesern
      013.1

      Danke, Petra, liebe Worte, schönes Bild, das mit der Färbung, assoziiert Farbenspektrum bei mir, Vielfalt, Malerei, all‘ die Künstler, die ich sooo mag, in allen Epochen, und in der Natur, dieses Jahr war die Herbstmalerei besonders schön, und so unterschiedlich nach Gegend und Höhe. Danke, jetzt haben wir Gesprächsstoff zur Gans, beim après-ski am warmen Ofen, auf der Hütte, beim Fondue, anywhere. Dir auch eine gute Zeit, ruhig, besinnlich und beschaulich.

      Antworten


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