MM_Lorenz
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22. Dezember 2009, 10:41 Uhr, Geschrieben von Miriam Meckel

Advent (22) Widerstand

roth

Dies ist eine Geschichte darüber, wie aus Anpassung Widerstand entsteht, aus Überbehütung die Gefährdung und aus der Kleinigkeit die Lebensfrage. Marcus Messmer ist ein 19jähriger Student, der bislang nicht allzu viel in seinem Leben erfahren hat. Der paranoide Vater, der vor allem Angst hat, was seinem Sohn geschehen könnte, ist dafür nur ein Grund. Die Lebensverhältnisse im ländlichen Amerika mit seinen Sitten und Gebräuchen, seiner Angst vor der Andersartigkeit und seinem hysterischen Umgang mit Sex und Normen sind andere Gründe.

Marcus geht als jüdischer Student in ein strenges christliches College in Winesburg, Ohio (man kann sich diesen Ort schon vom Namen her vorstellen, ohne weitergelesen zu haben). Dort gerät er nicht nur in die Wirren der ersten Liebe und erotischen Erfahrungen mit der Studentin Olivia. Er gerät auch in die Mühlen der Regeln und Formen des christlich-amerikanischen Collegelebens, das einen Juden zum Besuch eines christlichen Gottesdienstes zwingen will, wenn es der kollektive Normenkontext und der hierarchische Entscheid der Collegeleitung verlangen.

Marcus will nicht. Er verweigert sich dem Gottesdienst. Er verweigert sich dem Gespräch darüber mit dem Dekan. Er verweigert sich der allgemein erwartbaren Verhaltensweisen eines Collegestudenten und kotzt dem Dekan aus Protest (und tatsächlichem physischen Widerwillen gegen das, was er gerade erlebt) auf den Büroteppich. Und so eskaliert eine vermeintliche Kleinigkeit, ein Widerspruch der Werte und Erwartungen zu einem existentiellen Verweigerungskampf, in dem es fast folgerichtig ist, dass Marcus in den Krieg zieht, um damit auch noch gegen seinen überbesorgten Vater zu protestieren.

Der junge Protagonist wird deshalb nicht älter werden. Er liegt von Morphium betäubt in einem Lazarett in Korea und wird sterben. Er erzählt seine Geschichte vom Totenbett rückwärts, eine kurze Lebensgeschichte, von der er hofft, sie möge sich nicht endlos fortsetzen.

„Und wie viel kann ich von meiner Vergangenheit noch ertragen? Körperlos in dieser Grotte der Erinnerung, erzähle ich mir rund um die Uhr in einer uhrenlosen Welt immer wieder meine Geschichte und habe dabei das Gefühl, dies schon seit Millionen Jahren zu tun. Soll das wirklich immer so weitergehen – in Ewigkeit meine mickerigen neunzehn Jahre, während alles andere abwesend ist, meine mickerigen neunzehn Jahre unentrinnbar hier, permanent gegenwärtig, während alles, was diese neunzehn Jahre real gemacht hat, während alles, was einen mitten dort hineingestellt hat, ein unerreichbar fernes Trugbild bleibt?“

Philip Roth: Empörung.

München: Hanser, 2009.

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15 Reaktionen

  1. 22. Dezember 2009, 11:17 Uhr, von Mafalda Gefällt 2 Lesern
    01

    Kontrast zum „35.Mai“. Während Erich Kästner die „unerreichbar fernen Trugbilder“ mit feinem Humor und ebensolcher Beobachtungsgabe skizziert, sie als solche entlarvt und sich damit von ihnen emenzipiert, ist der 19-jährige Marcus durch ebendiese brutal auf sich selbst zurückgeworfen und gefangen in seinem hilflosen Zorn über deren Charakter.

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  2. 22. Dezember 2009, 11:23 Uhr, von Antje Gefällt 4 Lesern
    02

    Ein Freund, mit dem ich mich regelmäßig über Bücher austausche (wenn wir telefonieren oder mailen gibt es auch immer eine Kurzbeschreibung und Einschätzung des Buches, das wir gerade lesen),hat mir diesen Philip Roth gerade dieser Tage empfohlen.Wir mussten ein wenig schmunzeln, hatte ich ihn doch eines Tages auf Philip Roth gebracht. Da ich Philip Roth so klasse finde, nicht umsonst wird er seit „Jahrzehnten“ (muss man fast schon sagen) für den Literaturnobelpreis gehandelt,sind es schon 6 Bücher, die ich im Laufe der Jahre von ihm gelesen habe. Mein absoluter Favorit: „Amerikanisches Idyll“ (American Pastoral).
    Zuletzt ging mir das so mit Ian McEwan, da sind es jetzt schon 7 Bücher geworden :-)

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  3. 22. Dezember 2009, 11:32 Uhr, von Fabian Gefällt 8 Lesern
    03

    Traurig, wenn man dermaßen in einer Art Enge gefangen ist. Sei es die eigene, seelische und geistige Enge, sei es die von außen auferlegte Enge durch Erwartungen und Konventionen. Dabei bietet das moderne Leben doch eigentlich so viele Möglichkeiten… Aber man muss diese freilich auch erkennen und annehmen und das Glück in anderen Dingen empfinden können. Das finde ich persönlich so tragisch an dem Fall Emke oder Merckle.

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  4. 22. Dezember 2009, 16:00 Uhr, von US Gefällt 2 Lesern
    04

    Vielen jungen Menschen geht es heute ähnlich, die wegen einer Nichtigkeit in einen Krieg ziehen oder sich reinziehen lassen,(ob der bessere Sold lockt oder was auch immer!)der sinnloser nicht sein kann als dieser am Hindukusch!

    Ihnen und allen Usern hier wünsche ich eine erholsame und glückliche Weihnachtszeit und einen guten Start ins Jahr 2010.

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  5. 22. Dezember 2009, 17:17 Uhr, von Walter Gefällt 3 Lesern
    05

    „Wir sollten die Welt mit Intelligenz erobern … und uns nicht nur sklavisch von dem Schrecken, der durch das Leben in der Welt erzeugt wird, unterdrücken lassen.“ (rezensionen.ch/buchbesprechungen/philip_roth_empoerung/3446232788.html)

    Widerstand und Schicksal.

    Beide, Philip Roth und Marcus Messner sind fast ein Jahrgang, die Geschichte des einen hätte die Geschichte des anderen sein können.
    Amerika zur Zeit des Korea- Kriegs, die McCarthy-Ära, Misstrauen und Kommunisten- Verfolgung. Von Freiheit keine Spur.
    Marcus Messner führt der Widerstand gegen die zudringliche Fürsorge seines Vaters nicht in die Freiheit sondern in die Enge des Winesburg-Colleges und von dort in den Tod auf dem Schlachtfeld. Die Zwangsläufigkeit erscheint zufällig, deren Notwendigkeit steht jedoch fest, die Ablehnung des väterlichen Lebensentwurfs, des Tötens (von Tieren ) im blutigen Beruf des Schlachters. Statt in der Metzgerei landet der Sohn im Krieg.

    Wie ergeht es der Maus in Franz Kafkas kleiner Fabel?:
    „Ach“, sagte die Maus, „die Welt wird enger mit jedem Tag. Zuerst war sie so breit, dass ich Angst hatte, ich lief weiter und war glücklich, dass ich endlich rechts und links in der Ferne Mauern sah, aber diese langen Mauern eilen so schnell aufeinander zu, saß ich schon im letzten Zimmer bin, und dort im Winkel steht die Falle, in die ich laufe.“ – „Du musst nur die Laufrichtung ändern“, sagte die Katze und fraß sie.“
    „Wie wäre es, wenn man sich Kafka in Auschwitz vorstellte?“ (philip-roth.de/index.cfm?cont=2&wohin=3446209247)

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  6. 22. Dezember 2009, 20:43 Uhr, von heinzlfrau Gefällt einem Leser
    06

    „Drei Jahre Korea-Krieg kosteten rund drei Millionen Zivilisten, 1.200.000 koreanischen und chinesischen Soldaten sowie 36.000 amerikanischen Soldaten das Leben“……wohin führt schlussendlich Afghanistan??

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    • 22. Dezember 2009, 22:28 Uhr, von nN Gefällt einem Leser
      06.1

      “Die Beschreibung der Ziele, das könnte auch dabei helfen – glaub ich -, dass man diesen Einsatz besser versteht und es könnte vielleicht auch dabei helfen, dass nicht so viele Deutsche zum Beispiel ihn ablehnen.?

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  7. 22. Dezember 2009, 21:28 Uhr, von Siegmund Gefällt 3 Lesern
    07

    Wie bei jedem Krieg wird auch dieser in der Nachschau sehr kritisch betrachtet werden.
    So zieht es sich durch die Geschichte: Anfänglich breiter Konsens für den Krieg, der mit moralischer Überlegenheit und dramatischen Verfehlungen der Gegenseite begründet wird, dann Kriegsermüdung und Jahre später Verurteilung des militärischen Einsatzes.
    Wenn man diese Systematik kennt, könnte man theoretisch diese mal hinterfragen bzw. die anfängliche „Kriegsbegeisterung“. So aber findet alles immer wieder von vorne statt.

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  8. 23. Dezember 2009, 8:14 Uhr, von Dowanda Gefällt 3 Lesern
    08

    Die christliche Haltung, neben der rechten auch noch die linke Backe hinhalten zu wollen, in Ehren – aber lässt sich Sinn bzw. Unsinn eines Krieges nicht erst im Rückblick annähernd beurteilen? Für die Toten macht es wohl keinen Unterschied, wofür sie gestorben sind. Aber für die Lebenden schon. Schließlich sollten die Toten für die Lebenden da, und nicht umgekehrt.
    Auch Barack Obama, der aus mir unzugänglichen Gründen den Friedensnobelpreis erhielt, hat bei seiner Dankesrede auf die Unvermeidbarkeit kriegerischer Auseinandersetzung hingewiesen.

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    • 23. Dezember 2009, 8:46 Uhr, von Mafalda
      08.1

      Hmmmm. „Objektiv“ ist kein Krieg sinnig oder sinnstiftend. Es sind Menschen, die die Bedeutung und den Eskalationsgrad ihrer Auseinandersetzungen definieren/bestimmen. Und mit „Kain und Abel“ ist das Protoprinzip bereits in der Bibel beschrieben: Kain „gewinnt“ zwar, doch um welchen Preis?

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      • 23. Dezember 2009, 8:54 Uhr, von Mafalda
        08.1.1

        P.S.: Nicht, daß das Wissen um das „Prinzip“ einen Krieg vermeiden würde. Doch manchmal ist das sich- dessen-bewusst-sein vielleicht doch deeskalierend.

      • 23. Dezember 2009, 8:59 Uhr, von Dowanda
        08.1.2

        Aber was, wenn Du auf jemanden triffst, der mit „Lass uns drüber reden“ nichts anfangen kann – sondern zuschlägt?
        Das ist nun einmal Teil unserer Realität. Da können wir noch so lange wünschen, dass es anders wäre.

      • 23. Dezember 2009, 9:19 Uhr, von Mafalda
        08.1.3

        That´s the catch, dear. Dafür weiß auch ich keine Lösung. Ich spreche auch schon lange nicht mehr von „wünschen“ in dem Zusammenhang. Tu halt das meine für Prävention und sehe zu, mich angemessen verteidigen zu können im Fall.

  9. 23. Dezember 2009, 12:41 Uhr, von Siegmund Gefällt 2 Lesern
    09

    Von „Lass uns drüber reden“ war nicht die Rede.
    Aber man muss ja nicht in eine Kriegssolidarität einstimmen a la „Erst kommt das Land, dann die Partei“, wenn man von vornehrein die Sinnlosigkeit erkennt.

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