MM_Wiener
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24. Januar 2010, 18:21 Uhr, Geschrieben von Miriam Meckel

Entfreundet

unfriend

Genau vor zwei Wochen habe ich morgens im Sessel gesessen und den Tagesspiegel am Sonntag gelesen. Und da fällt mir doch die Kolumne von Elena Senft ins Auge, die ein ziemlich lustiges und treffendes Buch über das Erwachsenwerden geschrieben hat, mit dem man ja Anfang vierzig längst fertig ist, obwohl man das nie so genau weiß und deshalb auch in dem Alter noch gelegentlich denkt, ach guck, nee … stimmt irgendwie. Abgesehen davon ist der Titel so gut, denn bei mir ist sehr häufig plötzlich später jetzt, auch wenn das dann nichts mit dem Erwachsenwerden zu tun hat, sondern vielmehr damit, dass ich mal wieder zu viele Dinge in zu wenig Zeit gepackt oder schlicht und einfach vergessen habe, dass nach dem 23. Januar der 24. Januar kommt und damit ein Abgabetermin, vom den ich dachte, er sei später, aber dann ist er allzu plötzlich jetzt.

Aber was schreibe ich? Ich lese die Kolumne von Elena Senft, in der es um etwas ganz anderes geht, nämlich um den digitalen Frühjahrsputz. Was das ist? Sehr einfach: Das ist wenn man feststellt, dass sich so viel digitaler Müll angesammelt hat in Form von ungenutzten Dateien, ungelesenen herunter geladenen pdfs, unbeantworteten Emails und Facebook-Freundschaftsanfragen, dass man jetzt wirklich mal was tun muss. Aufräumen also, so wie das früher gelegentlich im Kinderzimmer notwendig war, als später wirklich noch lange nicht jetzt war, oder wie es heute manchmal im Büro notwendig ist oder im Wohnzimmer, wenn man auf den gesammelten Ausgaben der Zeit zu zweit Abendessen kann.

Digitales Aufräumen ist gar nicht so schwer, wenn es sich um Dateien handelt. Mit den menschlichen Beziehungen, und seien sie noch so digital, ist das schon komplizierter. Deshalb war ich ja auch so fasziniert von der Kolumne. Denn Elena Senft beschreibt, wie sich sich konsequent von den Menschen „entfreundet“, mit denen sie entweder noch nie etwas zu tun hatte oder schon lange nicht mehr oder eigentlich auch nie etwas zu tun haben wollte, aber aus Mitleid die Freundschaftsanfrage dann doch mit „confirm“ beantwortet hat.

Es gibt sogar eine wissenschaftliche Begründung dafür, dass man so handeln sollte. Bei Freundschaften – analog oder digital – gilt nämlich die Dunbar-Regel, nach der das menschliche Gehirn nicht in der Lage ist, mehr als 150 Kontakte wirklich zu „verwalten“ (irgendwie stellt man sich beim Begriff „Freundschaft“ ja auch noch etwas anderes als das „Verwalten“ von Beziehungen vor).

Jedenfalls fand ich den Ansatz von Elena Senft sehr richtig und mutig und habe mir vorgenommen, es ihr gleich zu tun, um meine Freundesmenge auf Facebook auch mal wieder auf den quantitativ und qualitativ richtigen Stand zu bringen. Diese Idee beflügelte mich solange, bis ich einige Tage später, etwa Ende der auf den Sonntag folgenden Woche, plötzlich einen etwas beunruhigenden Gedanken hatte. Nämlich den, ich könnte der unfreundlichen Entfreundungsaktion ebenfalls zum Opfer gefallen sein. Wer weiß, nach welchen Regeln Elena Senft ihre digitalen Kontakte bereinigt. Es ist ja einige Wochen her, dass wir uns zuletzt bei einem netten Abend gesehen haben. Vielleicht findet sie ja, das müsse digital nun nicht noch weiter fortgesetzt werden.

Diesen Gedanken habe ich nun einige Zeit mit mir herumgetragen, bevor ich mich mutig bei Facebook eingelogged habe, um zu prüfen, ob ich noch Freundin bin oder nicht. Und siehe da: Ich bin es! Offen gestanden ist mir doch ein kleiner Stein vom Herzen gefallen. Vielleicht nicht einmal, weil ich dann gedacht hätte, ich werde nicht mehr gemocht. Nicht weil ich vermutet hätte, es gäbe keine weiteren lustigen Abende im Freundeskreis. Nicht weil ich nicht genug Vernunft und Verstand aufgebracht hätte zu verstehen, warum es irgendwann keinen Sinn mehr hat, sein digitales Freundesnetzwerk immer weiter anwachsen zu lassen, wo doch das Treffen im realen Leben allemal viel schöner ist.

Aber dass ein einziger Klick gereicht hätte, mich loszuwerden, dass hätte mich dann doch ein wenig irritiert.

Meinen digitalen Frühjahrsputz habe ich jetzt mal auf Februar verschoben.

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