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12. Mai 2010, 17:02 Uhr, Geschrieben von Miriam Meckel

Devise me

KindleMe

Ich habe mir auch eins gekauft. Ich wollte das nicht. Aber der ganze Medienhype um Apple, Apps und die Revolution aller Mediennutzung hat mir irgendwann keine andere Wahl gelassen. Ich dachte, ich muss jetzt einen Schritt in die Zukunft machen, muss wissen, wie es ist, ein solches Gerät zu benutzen. Ich muss verstehen, was sich dadurch für mich ändert und wie ich damit umgehe. Also habe ich es bestellt. Und wenige Tage später schon war es bei mir. Das Kindle von Amazon.

Ach so, jetzt sind Sie kurz verwirrt. Sie dachten, es ginge um das iPad. Nein, so einfach ist das nicht. Seit sich alles um das iPad dreht und manche sonst zu vernünftigem Denken befähigte Menschen in einen vollkommenen Wahn geraten sind, verspüre ich einen Widerstand gegen das iPad. Es ist zu cool, zu sehr gehyped und zu sehr Ausdruck eines monopolistischen Bestrebens, das Internet zu einem ganzheitlichen Apple-Geschäftsmodell zu machen. Aber es hat bei mir etwas bewirkt, das Steve Jobs vermutlich nie intendiert hat – die Freude daran, das Kindle auszuprobieren und mich damit in die Welt der eBooks zu begeben.

Über das Kindle ist viel gesagt und geschrieben worden, das hier nicht wiederholt werden muss. Nur soviel: Es ist ein ästhetisch schönes Gerät, das ich gerne in die Hand nehme. Und die Benutzerführung ist so einfach, das wirklich nichts schiefgehen kann. Soweit so gut.

Am Morgen habe beim Tee ein bisschen in Susan Sontags Tagebüchern gelesen. „Reborn“ bin auch ich als digitale Leserin. Ich habe das Kindle in der Hand, drücke vorsichtig auf das Display, um zu erforschen, wie empfindlich es ist. Habe bereits mit USB-Kabel einige Dokumente als pdfs auf mein Kindle geladen, die ich am Wochenende noch zur Vorbereitung eines Workshops lesen muss, und bin begeistert, wie einfach und praktisch das alles ist.

Aber jetzt sitze ich hier in meinem Sessel und lese in dem gedruckten Buch. Susan Sontag schreibt am 25. Mai 1949: „There is nothing, nothing that stopps me from doing anything except myself.“ So ist es. Allein ich bin es, die mich selbst davon abhält, im Kindle zu lesen statt in diesem auf billigem Papier gedruckten Buch. Offenbar sind meine Lesegewohnheiten hartnäckig und ich bin in Sachen Mediennutzung konservativer oder mehr Gewohnheitstier, als ich selbst gedacht habe.

Beim Reisen ist das anders. Ich kann auf meinen Tagesausflügen nur dieses leichte kleine Gerät mitnehmen, dann habe ich alles, was ich brauche. Ein paar wissenschaftliche Studien, die neue Obama-Biographie von David Remnick zum Schmökern, die gesammelten Gedichte von Robert Frost und die Kurzgeschichten über misslingendes Lieben von Richard Ford.

Unter einer „Vielzahl von Sünden“ schien mir eine besonders verführerisch und verdammenswert zugleich – die der Abkehr von gedruckten Büchern. Im Moment habe ich nicht das Gefühl, dass ich wirklich gefährdet bin, obwohl die eBooks deutlich günstiger Sind. Mit meinen drei ersten Käufen habe ich zwanzig Dollar gegenüber den gedruckten Ausgaben gespart. Robert Frosts Gedichte kosten 99 Cent und ich kann sie mir sogar vorlesen lassen. Genug Gründe für die endgültige Einwanderung ins digitale Leseland?

In meinem Forschungs- und Schreibexil hier in Cambridge an der Harvard University habe ich viel Zeit zum Lesen. Insofern müssen sich gedruckte und digitale Bücher nicht in die Quere kommen, es gibt genug Raum und Zeit für beide. Aber es gibt, wie ich im Folgenden bemerke, auch stärkere oder weniger starke Neigungen zur einen oder anderen Leseform, je nach Lesestoff.

Eben habe ich mir eine New York Times zu gekauft. Nachdem ich recht viel Zeit mit der Überlegung vertan habe, ob ich sie nicht für mein Kindle abonnieren soll, musste etwas Reales her. Ich sitze hier und versuche zu lesen. Aber statt mich auf die Artikel zu konzentrieren, schweifen meine Gedanken immer wieder ab zu der Frage, warum ich die Zeitung nun doch in der Hand halten will. Ich glaube, es hat etwas mit gewissen Ritualen rund ums Lesen zu tun. Natürlich ist es schön, wenn ich das knisternde Papier zwischen den Fingern spüre. Es ist gut, dass ich meine überschwappende Teetasse auf der „Arts-Section“ abstellen kann, die sogleich alles aufsaugt. Aber das US-Format ist unpraktisch, die Druckqualität ist schlecht und ich muss den ganzen Papierstapel wieder loswerden.

Das ist es. Als ich im Laden war, habe ich Menschen getroffen. Ich habe mit dem Mann an der Kasse ein kleines Schätzchen gehalten. Gleiches gilt für meine Streifzüge durch den Harvard Bookstore. Hier eine Frage, dort ein Gespräch, da eine zufällige Begegnung. Die Suche nach Lesestoff hat auch soziale Dimensionen. Ich muss rausgehen, um die Zeitung oder das Buch zu bekommen.  Mit dem Kindle kann ich hier in meinem Apartment sitzen bleiben, so lange bis der Kühlschrank leer ist.

Nach Tagen, in denen ich mich mit dem Kindle vertraut machen konnte, möchte ich das Gerät nicht mehr missen. Vor allem auf Reisen ist es ein wunderbarer Begleiter, der alles für mich mitnimmt, was ich lesen möchte, und nur einige hundert Gramm zu wiegt. Es steckt inzwischen in einer Lederhülle, so dass es aussieht, als würde ich in einem großen Moleskine-Notizbuch schmökern. Und ich stelle fest, dass ich mit dem Kindle ebenso konzentriert lesen kann, wie mit einem gedruckten Buch in der Hand.

Auch wenn es ein modernes technisches Gerät mit digitalem Inhalt ist, kann das Kindle   etwas, was in der vernetzten digitalen Welt selten geworden ist. Es kann mich als Leserin entwerfen und auf diese Tätigkeit festlegen. Damit ist das Kindle kein Alles-Ermöglicher, sondern ein reduktionistisches Gerät. Und genau dafür liebe ich es. Als ich vor einigen Tagen im Zug saß, habe ich Stunden lang nur gelesen. Keine Mails abgefragt, kein Spiel gemacht, nicht meinen Status auf Facebook aktualisiert, nicht getwittert. Ich habe einfach nur gelesen. Ich mag damit falsch liegen, aber ich glaube, das wird mir mit dem iPad nie gelingen. Das iPad ist das ideale Zerstreuungsmedium unserer Zeit. Ich möchte aber gar nicht zerstreut werden. Ich möchte mich auf die Geschichte, die ich lese, konzentrieren, mich auf etwas einlassen, was mich über Stunden fesseln kann, wenn ich es zulasse und das Gerät mir dabei hilft.

Ich hoffe, Amazon wird niemals auf die Idee verfallen, das Kindle zu einem sozialen Medium weiterzuentwickeln. Dann wird es nämlich kein eBook mehr sein, kein digitales Lesegerät, sondern ein multimediales buntes Spielzeug, mit dem zur Not auch lesen kann. Das Kindle soll das bleiben, was es ist, ein digitales Buch, das mir auf einen Klick ganze Bücherregale zur Auswahl stellt, das mich Lesezeichen setzen, Notizen machen und exzerpieren lässt und ein bisschen so aussieht, als hätte ich die Seite eines gedruckten Buchs vor mir.

Wenn es das bleibt, wird es mein Metabuch werden – nicht die gedruckten Bücher in meinem Regal verdrängen, mich nicht davon abhalten, im Harvard Bookstore zu stöbern. Inzwischen habe ich auch die New York Times auf meinem Kindle abonniert, trotzdem kaufe ich gelegentlich die gedruckte Ausgabe. Mein Metabuch wird meine Lieblingsbücher, -gedichte und -texte enthalten, die ich immer bei mir haben möchte. Es wird Platz in meinem kleinen Ledertornister finden, der immer mit mir reist. Es wird meine individuelle Tür zwischen der analogen und der digitalen Lesewelt sein. Und es wird mich davon abhalten, mit dem iPad zu lesen. Wie schrieb Robert Frost in „The road not taken“? „I took the one less traveled by and that made all the difference.“ Zugegeben: Als ich heute Nachmittag am Harvard Square auf einer Bank neben einem Studenten mit iPad saß, hätte ich gerne mitgelesen. Leider habe ich nichts erkennen können. Die Sonne schien.

siehe auch: Tagesspiegel, 12. Mai 2010

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