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31. Dezember 2010, 16:03 Uhr, Geschrieben von Miriam Meckel

Endlich egal

Bei Salzburg trug sich in diesen Tagen ein außergewöhnliches Ereignis zu, das bei weitem nicht genügend Aufmerksamkeit in unseren Medien gefunden hat: Ein übereifriges Blitzgerät gerierte sich als egalitäre Radarfalle und blitzte mehrere Stunden lang jeden, wirklich jeden Wagen, der auf der Tauernautobahn an dem Gerät vorbeifuhr, ganz unabhängig von der Geschwindigkeit, mit der das Auto unterwegs war.

Was hier und dort als kleine Randnotiz vermeldet wurde, ist in Wahrheit die Meldung zum Jahreswechsel. In ihr ist der paradigmatische Prozess verdichtet, der sich im Jahr 2010 angedeutet hat und in 2011 zur Vollendung geführt werden wird – der Wandel hin zum Egalitarismus.

Endlich müssen wir uns nicht mehr mit den nervtötenden und anstrengenden Differenzierungen herumschlagen, die in der modernen Gesellschaft ob ihrer Komplexität und moralischen Herausforderungen angeblich so lebenswichtig sind. Endlich ist die Zeit vorbei, in denen es die Unterschiede sind, die Unterschiede machen (Gregory Bateson). Die Aufhebung der Unterschiede im allumfassenden Egalitarismus ist es, die den Unterschied macht! Und in dieser Hinsicht ist der Übergang von 2010 auf 2011 vielversprechend.

Die Bundesregierung gibt bei gleichbleibend beeindruckender volkswirtschaftlicher Leistungsfähigkeit alle wirtschaftspolitischen Unterscheidungen auf und begründet alle Abgabenerhöhungen, politischen Fehlentscheidungen sowie die vorerst gescheiterte 5-Euro-Gabe für Hartz-IV-Regelsatzempfänger endlich mit einem einheitlichen Erklärungsmuster – der Wirtschafts- und Währungskrise.

Die ARD vereinheitlicht ihr Programmschema für 2011 endlich final und mit Günther Jauch kommt der Fernseherlöser, der die längst anachronistische Unterscheidung zwischen Information und Unterhaltung aufhebt und gleich auch noch die dualistische Systemkonkurrenz zwischen dem öffentlich-rechtlichen und dem kommerziellen Fernsehen. Der Höhenpunkt des neuen Egalitarismus wird der letzte Sonntagabend im Jahr 2011 sein, an dem Günther Jauch gegen sich selbst sendet, mit Talk in der ARD und dem Jahresrückblick bei RTL. Dann wissen wir: Das Jahr ist geglückt. Ohne Alternativoption wissen wir, dass wir nichts verpassen können und doch immer dabei sind.

Bundeskanzlerin Angela Merkel hat ihr Volk längst mit dem überhöhten Anspruch versöhnt, ein Bundeskanzlerinnenwort, gar eines der mittelfristigen politischen Verdammnis, müsse aus belesenem Munde quellen oder politisches Entscheiden setze Verstehen voraus. Sie hat uns alle von der Notwendigkeit des differenzierten Sacharguments befreit und auch von der Überlast der Lektüre allzu zahlreicher neu erscheinender Bücher, die womöglich gar mehrere hundert Seiten lang sind. Nicht mehr als ein positives Apercu ist dabei die offizielle Versöhnung einer vermeintlichen Unabhängigkeit der Deutschen Bundesbank mit notwendiger politischer Steuerung sowie die neue Vereinbarkeit des unmittelbaren Wechsels von einem exekutiven Regierungsamt ins Bundespräsidialamt oder zu Bilfinger & Berger (fängt auch mit B an).

Es ist der Sport, der als einziger starrsinnig auch nach 2010 an der “Tatsachenentscheidung” festhalten will. Nur sie hat es ermöglich, dass die Deutsche Nationalelf mit einem 4:1 aus der Achtenfinalbegegnung gegen England als Sieger hervorgegangen ist. Wer will hier weiter differenzieren und per Videobeweis nachvollziehen, wann ein Ball vor oder hinter der Torlinie war? Und was hätte es gebracht? Das 4:2. Sag ich doch.

Im Grunde wissen wir doch allemal immer von Beginn an, was herauskommen wird. Aber Demokratie ist, wenn man trotzdem verhandelt, so wie Heiner Geißler es stilbildend in seinem Schlichtungsverfahren zwischen den Befürwortern und Gegenern von “Stuttgart 21″ bewiesen hat. Am Ende des Verfahrens, das als “Demokratie-Experiment” in die Geschichte eingehen soll, steht der Entscheid, der schon vorher bestand: Stuttgart 21 soll gebaut werden. Demokratie darf in diesen Zeiten nicht zuviel Volatilität zulassen, sonst wird sie bald eins tiefer gelegt.

Eine der schönsten und herzerwärmendsten Entdifferenzierungen aber hat der Bundesverteidigungsminister uns im Jahr 2010 präsentiert. Er hat endlich die Mode mit der Politik versöhnt. Der Mann sieht einfach immer gut aus, ob kriegerisch-casual im afghanischen Wüstensand oder in demselben Outfit bei der Wohltätigkeitsgala “Ein Herz für Kinder”. Und er hat noch eine Integrationsleistung vollbracht – die des formalen (und nebensächlich auch politisch legitimierten) Amtes mit den WAGs (wives and girlfriends), die es bislang nur im Fußball zu angemessener Popularität gebracht haben.

Ach ja, eines dann doch: Der neue Konformismus des Andersseins ist natürlich undogmatisch und lässt Ausnahmen zu. Zum Beispiel das Wiederaufleben des Adelskults. Wenn wir ihm alle wieder zu huldigen beginnen, ist das doch eine schöne Versöhnung mit Teilen der deutschen Geschichte und unser aller Wunsch nach dem Lebensglück des Märchenprinzen oder der Märchenprinzessin.

Und manchmal liegt dieses Glück einfach am Straßenrand. Ich bin sicher, wäre zu Guttenberg vorbeigefahren, der Blitzer wäre dunkel geblieben und die Egalitarismusfalle hätte nicht zugeschnappt. Weil er in Wahrheit aber nicht vorbeikam, musste schliesslich ein Sack helfen. Der Radarfalle übergestülpt gibt es von seinem Inneren nun sehr viele gleichförmige Bilder.

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