MM_Wiener
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2. April 2011, 10:36 Uhr, Geschrieben von Miriam Meckel

Kein Unterbruch

 

Der Mensch lebt aus der Vorfreude. Das gilt ganz besonders hinsichtlich der schönsten Zeit im Jahr, zu der wir einige Tage oder gar Wochen fern von der Arbeit, von Büro und Kollegen, der gewohnten Umgebung und allem, was uns im Alltag prägt, verbringen dürfen. In dieser Ausnahmezeit entfernen wir uns von den Regeln, die das normale Leben bestimmen. Für einen Lesemenschen wir mich bedeutet das, ich höre zwar nicht auf zu lesen, aber ich lese anders und auch Anderes als im Alltag, der durch viel aktuelle Lektüre, Zeitungen, Zeitschriften, Websites, Blogs und wissenschaftliche Publikationen geprägt ist. Meine Ferienvorfreude besteht zu einem erheblichen Teil darin, mir über Wochen die Bücher auszusuchen, die ich in eben jenen Tagen des Ausnahmezustands vom Alltäglichen lesen darf.

Dieser Zustand ist nun vorbei. Es hätte mir längst klar werden müssen. Mir, die ich zum Beispiel die NZZ abonniert habe und natürlich auch auf dem iPad lesen kann, wenn ich unterwegs bin. Aber es war mir nicht klar. Ich habe noch immer gewissenhaft meine Abwesenheitsphasen unter „Abo Services“ für einen „Unterbruch“ vermerkt. Die Zeitung soll ja nicht den Briefkasten verstopfen, wenn ich sie allemal nicht lesen kann. In den  Ferien soll sie nicht mein Hirn verstopfen, das sich doch endlich in Musse der vollkommen zweckfreien Prosalektüre widmen darf. Ach, ich hätte es längst begreifen müssen.

Klar wurde es mir jedoch erst, als ich die Email des New York Times Herausgebers, Arthur Sulzberger Jr. las, in der er den „verehrten Lesern“ seiner Zeitung das neue digitale Subskriptionsmodell erklärt. Seit dem 28. März fällt für Nichtabonnenten nach 20 Artikeln im Monat die Bezahlschranke. Wer sie überwinden will, muss zwischen 15 und 35 US-Dollar im Monat berappen, um Zugang zur Website und zu den verschiedene Apps für Smartphones oder das iPad zu erlangen. Ich bin überzeugte Verfechterin der These, dass guter Journalismus nicht umsonst zu haben ist, also Geld kosten muss. Nach ersten Gehversuchen, die andere Verlage in diesem verminten Feld der bezahlten Webinhalte gemacht haben, tut nun die New York Times diesen Schritt. Das könnte beispielgebend für weitere grosse Verlage sein.

Ich schaue also genauer nach, mit welchen Bedingungen das digitale Subskriptionssystem des Verlags antritt. Ein ganzer Katalog von „häufigen Fragen“ ist auf der Website der Zeitung aufgeführt, damit die Kunden sich informieren können. Ich lese gespannt und zugeneigt, bis ich bei Thema 19 angekommen bin. „Kann ich mein digitales Abonnement für die Dauer meiner Ferien aussetzen?“ lautet die Frage. Die Antwort: ein schnödes „nein“. „Die digitalen Inhalte der New York Times sind überall dort zugänglich, wo es eine Internetverbindung gibt, also bieten wir keinen Ferienunterbruch an.“

Das ist der Moment der krisenhaften Erkenntnis. Er hat sich lange angebahnt. Vielleicht war das Wissen schon da und ich habe es nur unbewusst ignoriert. Vielleicht hatte ich wirklich nicht verstanden. Aber jetzt verstehe ich. Ich bin nicht mehr nur im Alltag Abonnentin und Leserin einer Zeitung, ich bin es immer und überall, an jedem Ort, zu jeder Zeit. Auch in den Ferien, wenn ich doch strukturelle Hilfestellungen brauche, um mich  in meinen Alltagsgewohnheiten zu überlisten. Natürlich bin ich es letztlich selbst, die darüber entscheidet, ob, wann und wie ich die Zeitung lese. Aber ich weiss doch, wie es ist. Wenn ich in der Strandliege döse, das iPad in der Badetasche, dann werde ich mal nachschauen, was die Zeitung sagt. Dann werde ich lesen. Nicht nur die Bücher, die ich sorgsam ausgewählt habe. Ich werde Zeit auf die Zeitung verwenden, die ich doch bislang in gedanklicher Musse allein dem zweckfreien, von aller Aktualität gelöseten Lesen angedeihen lassen konnte.

Die Zeit ist vorbei. Wir beklagen so oft, dass die neuen Netzwerke und das Internet unsere Institutionen ablösen, und denken dabei an die grossen Dinge, die Unternehmen, Parteien, Kirchen, Medieninstitutionen. Denken wir doch mal an die kleinen. Der digitale Ferienunterbruch ist eine solche Institution. Ihre Abschaffung bringt dem Verlag wenig, aber mich um meine Lesemusse. Bitte rette sie wer kann!

(NZZ, 2. April 2011)

 

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