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6. Mai 2011, 16:14 Uhr, Geschrieben von Miriam Meckel

Angstallergie

Es muss tatsächlich eine allergische Reaktion gewesen sein, die Hillary Clinton im Zusammenhang mit dem Foto befallen hat, das sie zeigt, wie sie inmitten des Regierungsstabs im „Situation Room“ etwas sieht. Was auch immer das war. Es kann gar nichts anderes gewesen sein. Ein Schnupfen, ein Husten, ein Beinbruch wenn notwendig, nur bloß kein Gefühl.

Frauen, die in Machtpositionen sind oder dort hin wollen, haben das über Jahrzehnte trainiert: sich gegen Gefühle zu immunisieren. Härte und Durchsetzungsfähigkeit sind angesagt. Sie haben es den Männern abgeguckt. Denn Weicheier haben in der Politik nichts zu suchen.

Das Schlimme an diesem nur der Ratio verpflichteten Entwurf politischer Macht liegt nicht nur darin, dass er viele Politiker – Männer wie Frauen – zu Verstellungskünstlern macht. Dass er sie langfristig zu Automaten des Machterhalts degenerieren lässt, die funktionieren – Operation ausgeführt, Ergebnis erzielt. Ihnen ist dann nicht einmal mehr befremdlich,  lauthals „Freude“ über den Tod eines Menschen zu bekunden.

Freude ist auch ein Gefühl. Ist sie echt, so ist sie in diesem Fall fehl am Platz. Ist sie nicht echt, handelt es sich um den getarnten Ausdruck einer strategisch-politischen Anpassungsleistung an die Erwartungen eines Verbündeten, den man zuvor mit befremdlichem Abstimmungsverhalten im UN-Sicherheitsrat verprellt hat. Dann ist sie kein Gefühl, sondern eine Spielart der rationalen Aushandlung von politischer Macht. Das Schlimme an diesem Entwurf liegt vielmehr auch in den Folgen für die politische Kultur.

Tatsächlich sticht Hillary Clinton auf dem Foto aus dem Weißen Hauses heraus. Das mag daran liegen, dass der Fotograf, sicher nicht zufällig, das Bild um sie herum gebaut hat. Sie ist im Fokus eines Geschehens, das die Beobachter nur mit ihrer inneren Vorstellungskraft sehen. Was immer die im Raum Anwesenden in diesem Moment gerade betrachtet haben, wir wissen es nicht. Die Anspannung in den meisten Gesichtern spiegelt einen Moment besonderer Intensität.

Hillary Clintons Gesicht zeigt mehr. Die mediale Kommentierung sieht „Angst“ in ihrem Gesicht, eine Schockstarre des Grauens, die sie kaum noch hinsehen lässt. Bei genauerem Hinschauen wirkt Clinton eher, als würde sie in einem Moment äußerster Anspannung den Atem anhalten, gefroren im Entsetzen darüber, was sie gerade zu sehen bekommt, in der Sorge darum, ob es richtig ist und gut gehen wird. Ob das tatsächlich die Tötung Bin Ladens ist, ob es eine Situation ist, die die Männer der Navy Seals in Lebensgefahr bringt, oder ob es einer von Bin Laden’s Männern ist, der eine Frau wie ein Schutzschild vor sich hält, wie es zwischenzeitlich hieß – das ist nicht der Punkt. Er entsteht daraus, dass Hillary Clinton stärkere Emotionen zu zeigen scheint, als alle anderen Anwesenden. Es ist ein wunder Punkt.

In den sozialen Netzwerken wird spekuliert, mit diesem Foto habe die US-Außenministerin sich für das nächste Rennen um die US-Präsidentschaft disqualifiziert. Längst wird Hohn und Spott über Clinton und ihre erkennbare „Angst“ ausgegossen.

Hillary Clinton hat mit Gefühlen schlechte Erfahrungen gemacht. Im Kampf um die Präsidentschaft ließ sie im Januar 2008 in einem Café in New Hampshire einen Moment wahren Empfindens zu. Sie ließ auch zu, dass dieses Empfinden sichtbar wurde. Tränen stiegen ihr in die Augen, sie musste im Sprechen innehalten. Dieser Moment hat auch damals auf Youtube Karriere gemacht und ist umfassend kritisch kommentiert worden. „Kann sich Hillary ins Weiße Haus zurückheulen?“, fragte damals Maureen Dowd, Kolumnistin der New York Times. Nimmt man die Kommentare auf Twitter zum Maßstab, hat sie sich jetzt offenbar beinahe aus dem Amt geängstigt.

Tatsächlich würde alles, was Hillary gesehen haben könnte, einen Moment des Innehaltens, des Entsetzens und Zweifelns rechtfertigen. Mehr als nur rechtfertigen. Die gezielte Tötung von Menschen verlangt, bei allem Verständnis für den Kampf gegen den Terrorismus, Momente des Zweifels, des Innehaltens, der Bedenken und der Frage danach: ist es richtig, was wir tun, was wir zu verantworten haben, und wie fühlt sich das eigentlich an?

Wo kommen wir hin in unserem Politikverständnis, wenn nicht mal die gezielte Tötung von Menschen mehr dazu gereicht, auch einem Amtsträger Gefühle zu gestattet. Wir kommen genau dahin, wo wir zum Teil längst sind: in den Zustand der formalen Machtverwaltung.

Sollten die Anwesenden im „Situation Room“ keine Gefühle spüren – egal ob offensichtlich oder versteckt, egal ob Männer oder Frauen – dann müsste sich beim Betrachter bald eines einstellen: die Angst vor dem Politiker, der jede Entscheidung ohne Zweifel und Skrupel trifft.

Befremdlich an dem Foto sind also nicht die Gefühle, die Hillary Clinton zeigt. Befremdlich sind die Reaktionen darauf. Die der Öffentlichkeit und die von Clinton selbst. „Irgendwie fürchte ich, dass mich mein allergischer Husten gepackt hatte. Den bekomme ich im Frühjahr manchmal. Die Geste hat also nicht so viel zu bedeuten“, sagte sie zur Erklärung des Fotos. Es muss die Angstallergie darauf sein, ein sichtbarer Moment wahren Empfindens könne das Amt gefährden.

Spiegel Online, 6. Mai 2011

 

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