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21. November 2011, 20:15 Uhr, Geschrieben von Miriam Meckel

Bring die Zeit zum Stillstand

Eine fiktive Commencement Address (jetzt-magazin v. 21.11.2011)

Vor einigen Tagen hatte ich ein Päckchen in meinem Briefkasten. Eine Freundin aus Berlin hatte es geschickt und drin war ein Kinderbuch über die Gegensätze des menschlichen Lebens: „Freiheit und Notwendigkeit“, „Das Ich und der Andere“, „Ursache und Wirkung“. Oder auch „Sein und Schein“. Ist es nicht etwas früh, so dachte ich erst, schon Kindern zu erklären, dass diese Welt nicht linear, nicht logisch, nicht endlos ist und sich auch nicht nur um einen selbst dreht. Und dann habe ich angefangen zu lesen und gemerkt, es ist andersrum. Denn wer als Kind schon versteht, dass wir alle immer  Mittelpunkt unseres Lebens und Lot unserer Welt sind, dass wir uns selbst verorten müssen zwischen den gegensätzlichen Leitplanken dieser Welt, der hat es als Erwachsener leichter. Und da wusste ich, warum meine Freundin das Buch nicht nur ihrer kleinen Tochter, sondern auch mir gegeben hat.

„Was, wenn es nur so aussieht, als wäre ich da?“ So heißt dieses Kinderbuch. Eine schöne Frage, die wir uns immer wieder stellen können – vor der ersten Partnerschaft, vor der Heirat, vor der Entscheidung für oder gegen einen Karriereschritt. Ja, was wäre dann, wenn es nur so aussähe, als wäre ich da? Nichts wäre. Nichts weil ich nicht da wäre. Aber auch nichts, weil das  niemanden interessieren würde. Die Welt dreht sich ohne uns. Das Leben geht weiter – mit und ohne uns. Gelegentlich kann es helfen, sich das klar zu machen.

Bevor wir jetzt so richtig schön schlechte Laune kriegen, nehmen wir doch die Kurve zum Kern des Buchs. Wie sagt das schöne kleine Büchlein zum Gegensatz von „Zeit und Ewigkeit“: „Wir werden geboren, wir wachsen auf, wir sterben. Unser Leben währt also eine bestimmte Zeitspanne. Doch wenn wir etwas tun, was uns wirklich gefällt, scheint die Zeit stillzustehen.“ Und darum geht es: Bringen Sie die Zeit zum Stillstand! Tun Sie das, was Ihnen wirklich gefällt. Und tun Sie es nicht erst, wenn es fast zu spät ist.

Wenn Ihnen das gelingen soll, müssen Sie die Gegensätze Ihres Lebens ausloten. Es gibt nie nur ein Ziel oder einen Zweck, sondern immer einen Weg dahin. Und dieser Weg macht den größeren und substanzielleren Teil des Ganzen aus. Denn wenn Sie angekommen sind, sind Sie da. Was nun? Es gibt manchmal nichts Schrecklicheres als die Vollendung. Angekommen zu sein in dem Job, der Lebensform, der gesellschaftlichen Anerkennung, die man sich immer gewünscht hat. Der Weg liegt dann hinter uns. Aber was liegt noch vor uns?

Ich habe gut 40 Jahre gebraucht, um das selbst zu begreifen. Um zu begreifen, dass ich in manchem nur eine Rolle spiele, dass ich mein Leben nach den Vorgaben anderer ausrichte, nach der Gesellschaft, in der ich lebe – und das mich das ziemlich unglücklich gemacht hat. Ich habe viel Zeit gebraucht, um zu fühlen, was mich wirklich glücklich macht: intensives Denken und Schreiben. Und zwar außerhalb der Standards, in die uns die Politik, die Wirtschaft, ja leider auch die Wissenschaft zwingt. Ich weiß nicht, ob ich von dieser Leidenschaft hätte leben können, die ein deutsches Finanzamt vermutlich unter „Liebhaberei“ abtun würde. Ich hätte nicht so viel gesellschaftliche Anerkennung genossen wie als Staatssekretärin oder Professorin. Hätte und wäre. Weiß ich das? Ich weiß es nicht. Und ich wäre heute froh, dieser Konjunktiv wäre mir schon früher gleichgültig gewesen. Denn mit intensivem Denken und Schreiben bin ich glücklich.

Wir leben in einer Gesellschaft, die ich als sehr angepasst empfinde. Die von den Gegensätzen des Lebens nur eine Seite sehen will. In der nur der Erfolg zählt, und der Misserfolg ein Schandmal ist, das man verstecken muss. In der nur der Starke, Gesunde vorankommt und Krankheit als Sprache des Körpers nicht mehr gehört und verstanden wird. In der Sie Zielvereinbarungen, aber keine Wegvereinbarungen treffen, immer im Dienst, aber nie privat oder in Entspannung sein sollen, oft multitasken, aber nichts mehr in Ruhe durchdenken dürfen. Damit ignoriert diese Gesellschaft, dass es nicht geradlinig, leicht und eindimensional zugehen kann in dieser Welt, und damit zwingt sie manchen, die Gefühle zu sich selbst und zu dem, was wir sind und tun möchten, hintanzustellen. Und so bleibt nur ein Teil des Satzes aus dem wunderbaren Kinderbuch übrig. „Wir werden geboren, wir wachsen auf, wir sterben.“

Natürlich tun wir so, als wär das anders. Als hätten wir Optionen. Als wäre jede Entscheidung für die Gradlinigkeit, Leichtigkeit und Eindimensionalität frei und selbstbestimmt getroffen. Und dann fügt es sich doch schön, dass die Lebenslinie, die der Erfolgreiche für sich zieht, gerade, direkt und bruchlos ist. Zumindest bis zu einem Punkt. Bis zu dem Bruchpunkt, an dem die Gegensätze ihr Recht einfordern. An dem wir mit unserer Vereinfachung an der Welt in ihrer Komplexität scheitern. Und dann tut es weh. Nicht nur körperlich. Es tut auch in der Seele weh. Weil wir plötzlich sagen müssen: Das bin nicht ich.

Dabei sind die Menschen, die im Wortsinne einmal aus der Rolle gefallen sind, diejenigen, die wirklich faszinieren können. Mit denen man nächtelang reden und sich betrinken kann, weil sie nicht um sechs joggen und um sieben am Schreibtisch sitzen müssen. Weil sie nicht jeden Tag die makrobiotische Diät sklavisch durchziehen. Weil sie nicht mit Ende zwanzig schon im Loft im Prenzelberg wohnen, biologisch kochen, ihre Kinder in den mehrsprachigen Kindergarten schicken, regelmäßig für Amnesty spenden und grün wählen. Damit keine Missverständnisse aufkommen: Ich spende auch für Amnesty. Aber ich habe meine Erfahrungen gemacht mit einem drop out. Ich habe lange ein Leben geführt, das fremdbestimmt war, angepasst an das, was andere richtig fanden, nicht aber ich. Ein Leben auf der Überholspur, in dem alles nur noch an einem vorbeizieht. Und dann gab es die Vollbremsung als Burnout. Ich bin heute froh darüber, auch wenn es schwierige Zeiten waren. An dem Punkt bin ich aufgewacht. Seitdem bin ich wieder wütend über die Glättung der Gegensätze, den Mainstream, der immer alles richtig macht. Auch Wut ist ein Gefühl.

„Was, wenn es nur so aussieht, als wär ich da?“ Eine gute Frage. Was, wenn es nur so aussieht, als wär alles so? Noch bessere Frage. Sie kann einen aus der Bahn werfen. Und das kann heilsam sein. Ist ein geplatzter Luftballon noch ein Luftballon? Natürlich ist er das, wenn wir das so wollen. Das ist unsere Macht über die Wirklichkeit: Wir können sie denken, kreativ entwerfen, handeln nach unseren Gefühlen und Gedanken, etwas machen aus unserem Leben. Das kann anstrengend sein. Das fordert die Menschen. Das provoziert Gegenwind und Widerstand. Aber wenn mir der Wind ins Gesicht weht und ich spüre, dass mich jemand an den Schultern packt und in eine Richtung schieben will, in die ich nicht will, dann spüre ich, dass ich lebe. Dann merke ich, warum ich mich widersetze. Dann weiß ich, wo ich hin will und wo nicht. Ganz im Sinne des von mir verehrten Anthropologen Gregory Bateson: „Es sind Unterschiede, die den Unterschied machen.“

Machen Sie einen Unterschied – für ihr Leben, das vor Ihnen liegt, für sich selbst, nur dann können sie auch für die Gesellschaft, in der Sie leben, einen Unterschied machen. Lassen Sie die Gegensätze zu, die unser Leben bestimmen und lebenswert machen. Lassen Sie sich nicht funktionalisieren für das, was angeblich unser aller Ziel ist. Was ist unser aller Ziel? Mehr Arbeitsplätze? Wirtschaftswachstum? Die Rettung des Euro? Weltfrieden? Machen Sie einen Unterschied da, wo sie sind, wo sie leben, bei den Menschen, die mit ihnen leben. Und auch bei sich selbst. Sie leben das ganze Leben mit sich! Sie können sich nicht von sich trennen, scheiden lassen, sich verlassen und ein neues Ich suchen. Und an welchen entferntesten Ort dieser Welt Sie auch fliegen: Sie holen sich immer selbst am Flughafen ab. In so einem Moment kann es sehr schön sein, zu sich zu sagen: ich mag, wer da kommt. Weil Sie nicht nur tun, was Ihnen gefällt, und die Zeit bleibt stehen. Sie sind sogar, was Ihnen gefällt. Sie sind sie selbst. Wenn das so ist, dann ist das Leben mehr als der Zeitabstand zwischen geboren werden und sterben.

Stellen Sie sich vor – in Anlehnung der Geschichte, die der Philosoph Amartya Sen in seinem Buch „Die Identitätsfalle“ zu Beginn erzählt – Sie wären ein Land, in das Sie selbst einreisen würden. Ein Herr an der Passkontrolle fragt Sie, ob Ihnen das Land, in das Sie da gerade einreisen, sehr vertraut ist und ob Sie es mögen. Dann wäre es schön, wenn Sie sagen könnten: Ja, das ist so. Trotz aller Wirrnisse, durch die das Land gegangen ist, komme ich immer gerne zurück. Trotz aller Dürrezeiten weiß ich, dass ich noch immer eine neue Quelle finden werde, um mich daran zu laben. Trotz der unwirtlichen Landschaften, erinnere ich, dass ich gerne auf Höhenzügen gewandert, aber auch gerne in den Tälern gezeltet habe, weil jeder Ort seinen eigenen Reiz und seine eigenen Erfahrungen dargeboten hat.

Wenn Sie also in dieses Land, das Sie selbst sind, eingereist sind, dann spüren Sie doch der Frage nochmal nach: „Was, wenn es nur so aussieht, als wäre ich da?“ Es wäre doch schön, wenn Sie dann sagen könnten: Das sieht nicht nur so aus, ich bin da. Und das bin ich! Ich habe Spuren hinterlassen auf diesem Land. Solche, die nicht nur den ausgetrampelten Pfaden gefolgt sind, sondern die vieles erkundet haben, auch das Unwegsame und Steinige. Und die Reisen, die ich durch dieses Land gemacht habe, sind mir in Erinnerung geblieben und fühlen sich gut und richtig an.

Steve Jobs hat einmal gesagt, was er hinterlassen wolle, sei ein „ding in the universe“, ein Kratzer im Universum. Es muss nicht das Universum sein. Es reicht, wenn es Ihnen gelingt, gelegentlich einen Kratzer in Ihrem eigenen Universum zuzulassen. Schon damit machen Sie einen Unterschied.

 

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