MM_Brecht
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27. Februar 2012, 12:44 Uhr, Geschrieben von Miriam Meckel

Mehr als Symbolik

Es ist knapp 35 Jahre her, dass die U.S.-amerikanische Soziologin Gaye Tuchman die „symbolische Annihilation“ von Frauen in den Medien analysierte und kritisiert. Ob man „Annihilation“ nun als „Nichtigkeitserklärung“ oder gar „Vernichtung“ übersetzt, ist nur mehr ein gradueller Unterschied. Der wahre Unterschied ist ein existenzieller: Frauen spielen in den Medien – auch 35 Jahre später – rein formal noch immer nicht die Rolle, die ihnen eigentlich zukommt. Sie sind vertreten, stark vertreten sogar, nur leider nicht in Führungspositionen, nicht dort, wo die wesentlichen redaktionellen Entscheidungen getroffen werden, nicht als Intendantinnen, Chefredakteurinnen, Ressortleiterinnen – Ausnahmen bestätigen die Regel. Deshalb fordern 300 Frauen nun eine 30-Prozent-Quote für Frauen in medialen Führungspositionen.

Geht es also darum, Frauen mehr Hierarchiepositionen, mehr Geld, mehr Einfluss zu verschaffen, damit sie – endlich – mit Männern gleichziehen? Ja, denn das ist durchaus ein legitimes Ziel in einer Gesellschaft 2012, die zur Hälfte aus Frauen besteht. Vor diesem Hintergrund ist diese Forderung eine Selbstverständlichkeit.

Doch es geht um mehr: Medien sind zu einem erheblichen Teil an der Entstehung unserer Weltbilder beteiligt. Glauben wir wirklich, die wesentlich durch Männer geprägte Schaffung dieser Weltbilder unterscheide sich nicht von der, an der mehr Frauen beteiligt sind. Glauben wir, es sei egal, ob wir von Männern oder Frauen gemachte Medien nutzen und Themen entdecken? Glauben Medienhäuser und Verlage in Zeiten der schrumpfenden Auflagen und Marktanteile, sie könnten einfach immer weitermachen wie bisher und die Kunden und Kundinnen würden das schon hinnehmen?

Es ist ein demokratisches, ein gesellschaftliches und ein ökonomisches Gebot, Frauen den Weg in die Spitzenpositionen und an die Entscheidungsstellen in den Medien weiter und schneller zu öffnen. Ganz im Sinne Gaye Tuchmans: „Die Medien arbeiten mit Symbolen, aber ihre symbolischen Repräsentationen sind aus der Zeit gefallen.“ [Übersetzung MM]

Wie die praktische Übersetzung dieser „Symbole“ aussieht, belegt regelmäßig das „Global Media Monitoring Project“:  Gegenwärtig sind nur 24 Prozent der Menschen, über die in den Nachricht geredet oder berichtet wird, weiblich. 2005 waren es 21 Prozent, 2000 18 Prozent.“ Manchmal geht es eben um mehr als Symbolik …

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