MM_Thomas
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24. September 2012, 13:44 Uhr, Geschrieben von Miriam Meckel

Glücksbilanzdefizit


Wir müssen diese Geschichte zwei Mal beginnen lassen. Einmal liegt in ihr der Zauber eines warmen Tages, lichtdurchflutet in der frühen Morgenstunde, in der das Auto auf der I-10 Richtung Osten fährt. Die rauen Berge erheben sich in der Ferne und doch im Zentrum des Blickfelds über dem schnurgeraden Asphalt in einem Rotbraun vor hellblauem Himmel. Und eine Armee an Kakteen bildet menschliche Silhouetten, die Ableger auf beiden Seiten wie Arme ausgestreckt und ein Blütenhäubchen oben auf dem Haupttrieb wie den Hut, der zum Gruße gezogen werden soll. Sie winken steif und stumm entlang des Highways, der schließlich über den Superstition Freeway Richtung Apache Junction führt. Dort beginnt der Apache Trail, die frühere Handelsstraße des gleichnamigen Indianerstammes, auf der sie durch die Berge, die Superstition Mountains gezogen sind. Von der flachen Straße des Aberglaubens in die Berge des Aberglaubens, so geht die Reise. Nicht nur geografisch.

Im zweiten Anfang dieser Geschichte gerät ein Kratzer ins Bild, der nicht mehr verschwinden wird. Vielleicht ist die Hitze doch schon morgens groß und der Weg trotz schnurgeraden Highways unklar. Wo ist die “Apache Junction”? An einer Tankstelle halte ich an und steige aus. Auf dem Fenstervorsprung zum Tankstellenladen sitzt ein Mann, vielleicht um die fünfzig, das ist schwer zu sagen. Er sieht aus, als hätte er einiges erlebt. “Kannst du mir helfen?”, frage ich auf der Suche nach Wegbeschreibungen. Pause. “Kannst du mir helfen?”, fragt er zurück. “Wenn ich dir eine Pistole gebe, kannst du mich erschießen?”

Es ist das Echo dieses Schusses, das mir nun folgt. Ein Schuss, der nicht gefallen ist, und doch in meinem Kopf hallt. “Can you shoot me”. Sein Echo durchzieht diese Reise durch die Narben des fast gewaltsamen Strebens nach dem Glück. So auch den Beginn eines glücklichen Tages am Rande von Phoenix, Arizona, im “Valley of the Sun”, auf der Sonnenseite des Lebens. In einer Region der USA, die jahrelang höchste Zuzugsraten aufgewiesen hat. Die Menschen kamen, um zu bleiben, ihren Lebensabend im warmen, sonnigen Klima des Wüstenstaats zu verbringen. Nicht mehr Kalifornien mit seinen Stränden. Arizona, New Mexiko, Nevada wurden populär. Viele Städte in Arizona sind in den vergangenen zehn Jahren aus allen Nähten geplatzt. Fast 30 Prozent hat der Staat insgesamt an Bevölkerung zugelegt. Die Zahlen für die einzelnen Städte reichen von knappen 18 Prozent für das beschauliche Scottsdale und bis zu knapp 600 Prozent für Queen Creek, beides Vororte, die inzwischen zum Großraum Phoenix gehören. Doch die Niederlassungswelle ist längst abgeebbt. Heute kommt kaum jemand mehr.

Was haben sie gesucht, diejenigen, die nach Arizona kamen, um zu bleiben. Sie kamen für das gute und richtige Leben. Ein Leben in Ruhe und Stabilität, und doch auch bezahlbar. Das Regeln hat und verlässliche Bedingungen kennt. Sie kamen, um ihr Glück zu machen mit allen Mitteln. Sie haben dafür gearbeitet. Sie sind umgezogen und haben neu angefangen. Sie haben alles organisiert, was nötig war, um das Glück herzustellen. Aber das Glück lässt sich nicht organisieren, auch wenn die amerikanische Verfassung das nahelegt.

Kaum etwas steht eindrücklicher für den „American Way of Life“ als das Glück mit Verfassungsrang. Die Präambel der amerikanischen Unabhängigkeitserklärung stellt auch „Happiness“ als unveräußerliches Menschenrecht neben das Leben und die Freiheit. Tatsächlich haben die Väter der Unabhängigkeitserklärung sich etwas dabei gedacht, als sie festschrieben, dass Glück nicht nur erhofft, sondern tatsächlich gelebt werden soll. Ganz so, wie es der irische Philosoph Edmund Burke 1774 in einem Brief an den Herzog von Richmond schrieb: „Euer geistiger Zustand ist derart beschaffen, dass Ihr Euch einem Streben hingeben müsst.“ Aus dem historischen Kontext der vielen Dokumente und Interpretationen zum „pursuit of happiness“ in der amerikanischen Unabhängigkeitserklärung wird deutlich, was damit gemeint ist. Vielleicht würden wir heute vom Einklang mit dem eigenen Leben sprechen, vielleicht auch von der Selbstverortung des Menschen, der das Recht hat, sein Glück im selbstbestimmten Gleichgewicht zu definieren. Der amerikanische Historiker und Sozialkritiker Arthur M. Schlesinger forderte vehement, es gelte, die „emphatische Bedeutung“ dieser drei Worte ernst zu nehmen: „pursuit of happiness“. Heute scheint eben das zum Problem geworden zu sein in dem Land, in dem Glück allumfassend verdeutlicht werden, ja zur Schau gestellt werden muss. Wo Glück machbar ist, gerät es zu einer Zwangsvorstellung. „The pursuit of happiness“ – nicht das Glück, das gefunden werden darf. Das Glück, das hergestellt, dem nachgejagt werden muss.

Vielleicht ist der Apache Trail ein guter Ausgangspunkt für diese Erkundungstour auf den Pfaden des Glücks. Denn auch die Indianer haben hier einst das Ihre gesucht. Ein anderes als es heute Orientierungs- und Zielpunkt für viele Amerikaner ist, und doch immerwährende Triebkraft im Kampf gegen alle Widrigkeiten entlang des Lebenspfades. Im ersten Eindruck scheint es mir leichter, in den klimatisierten Glastürmen von Phoenix das Glück zu suchen als auf dem verstaubten Trail. Es ist heiß hier. So heiß dass der Kreislauf versagt, und das ist erst einmal kein glückliches Zeichen. Nicht einmal ein Viertel der Strecke ist gefahren, und nichts geht mehr. Ich liege auf einer Holzbank in der Eingangshalle des Apache Lake Resort, ein Zweckbau, durch den ab und an ein Mensch hindurchgeht. Die Beine hoch an die Wand gestützt, um das Blut in den Kopf und den Schweiß zu Boden laufen zu lassen, und ich schließe die Augen. Manchmal sind es die bescheidenen Dinge, die Glücksgefühle hervorrufen. Ein kurzer Moment der Erleichterung, die Welt dreht sich nicht mehr, der Magen scheint sich zu beruhigen. „Brauchst du etwas“, fragt die Wirtin. Eine Antwort brauche ich. Was ist Glück für dich? Sie überlegt und weiß keine Antwort. Dann holt sie ihren Sohn. Der Junge ist etwa 16 Jahre alt und hat weißlich blonde Haare und helle, aufgeweckte Augen. Was Glück ist? Er schmunzelt, vielleicht ob der Frage, vielleicht weil sie aus so ungewöhnlicher Position heraus gestellt wird, in der Horizontalen, mit bleichem, feuchtem Gesicht. „Glück heißt, so leben zu können, wie ich will. In einem Tipi in Alaska oder in einem Baumhaus in Hawai, einfach so, wie ich willst.“

Der Junge gefällt mir. Er hat intuitiv verstanden, worum es geht bei der Suche nach Glück. Um das Finden, auch das zufällige Entdecken. Und um das Empfinden des Eigenen, aus dem Glück entstehen kann. Darum dass das Leben, das ein Mensch führt, zu ihm passt. Die Kongruenz von Wunsch und Wirklichkeit, nicht in jeder Kleinigkeit, nicht im Detail. In der großen Linie. „Leben können, wie ich will.“ Für viele Amerikaner ist das eine anstrengende Aufgabe geworden. Glück entsteht nicht mehr dadurch, dass der Mensch den Einklang findet zwischen dem, was in der Welt, und dem, was in ihm selbst ist. Glück entsteht dadurch, wie er die Welt organisiert. Beim Glück darf nichts mehr dem Zufall überlassen werden. Der Weg ins Glück ist steinig, staubig und trocken und führt über die alltäglichen Kleinigkeiten. Keine Atempause, das Glück wird jetzt gemacht, es geht voran!

Auf dem Flug von San Francisco nach Phoenix blättere ich im Bordmagazin „SkyMall. Es ist ein sehr spezielles Glück, das auf diesen Seiten gegenwärtig wird. Eines, das nur die richtigen Bausätze und Strategien braucht, bei Mensch und Tier. Zum Glück gehört der richtige Partner? Dann organisieren wir das doch. „Selective Search“ geht mit Methoden des HeadHunting an die ewig glücksrelevante Frage der großen Liebe heran: „Executive Search meets Matchmaking“. Das mag nicht sehr romantisch klingen, aber es klingt verdammt effizient. Wer nicht gleich mit dem Partner beginnen will, fängt beim Haustier an. Auch das muss zum Glück gezwungen werden, nicht zu seinem eigenen, zum Glück des Halters. Das liegt, ganz simple, im unbefleckten Teppich. Und für den sorgt „Litter Kwitter“, das Klodeckelset, mit dem man eine Katze sukzessive daran gewöhnen oder auch zwingen kann, die menschliche Toilette zu benutzen. Eine DVD, die jeden Schritt anleitet und dokumentiert, wird mitgeliefert. Wem jetzt „Katzenklo“ von Helge Schneider in den Sinn kommt, sei gesagt: Es geht um Ernsthafteres.

Das wird schon beim ersten Whisky im Mammoth Saloon klar, als Barkeeper Daniel das Telefon jedes Mal mit „God bless America“ abnimmt. In dem großen Saloon sitzen nur wenige Menschen an Theke und Tischen. Einer davon ist ein etwas verwahrloster Mann Mitte 50, der vor einem Schachbrett hockt. Zwischen zwei servierten Drinks sprintet Daniel jeweils ans Brett, macht seinen Zug unterstützt mit Anfeuerungsrufen an den stillen Gegner – „make my day!“. Er ist immer in Bewegung, obwohl im selben Alter wie sein Spielpartner, und kommentiert den eigenen Einsatz in einem Fort. „Wer zur Arbeit laufen kann, soll laufen“, ruft er den Gästen zu. „Die Sozialhilfe ruiniert Amerika!“ An der Wand seitlich der Theke sieht man ihn im Anzug auf einem Foto von 1998. Er steht zwischen Georg Bush jr. und John McCain. Daneben hängt ein Riesengemälde von Dallas-Superstars Larry Hagman. Daniel ist besorgt um sein Land, das nicht immer seines war. Seine griechische Abstammung hält ihn nicht davon ab, Griechenland und den ganzen Rest des „verkommenen Europa“ laut zu beschimpfen. Er ist 1975 aus der Türkei endgültig in die USA eingewandert und hat an diesem Punkt alle Zweifel abgelegt. „Ich liebe dieses Land und ich würde dafür sterben“, sagt er, während er den nächsten Drink mixt.

Für Daniel ist die große amerikanischer Erzählung vom Glück, das jedem offensteht, wenn er nur sein Bestes gibt, wahr geworden. Er lebt mit Frau und Kindern in Scottsdale, einem beschaulichen, wohlhabenderen Vorort von Phoenix, der wegen seiner „Altstadt“ bekannt ist. Die ist gerade mal 50 Jahre alt und umfasst kaum mehr als zwei Straßen mit Holzhäusern, in denen Läden Schmuck und Modeaccessoires mit indianischem Flair feilbieten. Aber Scottsdale gilt als Luxuswohngegend. Und wann Daniel hier angekommen ist, dann hat er es geschafft. Dann hat er sein Glück gemacht.

Es gibt sie immer seltener, diese Aufstiege aus dem Nichts in den siebten Himmel des Wohlstands. Seltener sogar als in Europa. Das ist ein zweifacher Schlag für viele Amerikaner. Schlimm genug, dass es so ist. Noch schlimmer, dass Amerika ausgerechnet hinter Europa zurückgefallen ist. Europa. Das ganz und gar unglückliche Vergleichsobjekt. „Mit Obama wird Amerika wie eine dieser europäischen sozialistischen Gesellschaften werden“, hat Newt Gingrich im Juni in einem Interview mit Bloomberg TV gesagt. Ein Kompliment war das nicht. Mitt Romney greift diesen Satz gerne auf. Ohne ihn würden die USA zu einem Europa mit höherem Staatsdefizit. Wenn Amerika wie Europa wird, dann geht es bergab mit dem Land. So sehen das viele Amerikaner. Schuld daran ist meistens die Obama-Regierung.

Es ist wahr, dass Obamas Wahlspruch aus 2008, „yes we can“ für viele inzwischen zu einer Worthülse geworden ist. Es ist auch wahr, dass vieles, was Obama versprochen hat, nicht umgesetzt worden ist. Aber daran hat nicht Europa Schuld, sondern eine wachsende konfrontative Polarisierung der politischen Landschaft in den USA, die auch auf die Menschen überspringt. Die dafür sorgt, dass es kaum ein großes politisches Vorhaben aus dem rhetorischen Schlachtraum in die Umsetzungsphase schafft, dass die Fakten hinter den Vorurteilen verschwinden. So hat die zu Dow Jones gehörige Website Marketwatch kürzlich Wachstumsraten in der Ausgabenpolitik unter den vergangenen Präsidenten veröffentlicht. Mit 1.4 Prozent verzeichnete die Obama-Regierung den geringsten Zuwachs seit Ende des Koreakrieges unter Eisenhower. Irgendwie will das niemand wissen. Darauf angesprochen verzieht Daniel hinter der Theke das Gesicht. „Ich bin wirklich glücklich hier“, sagt er. „Aber ich wäre noch glücklicher, wenn Präsident Obama sich nicht überall für Amerika entschuldigen würde. Wenn du dich für dieses Land entschuldigen musst, dann geh doch einfach.“

Die Väter der amerikanischen Unabhängigkeitserklärung waren davon überzeugt, „the happiness of society is the end of government“, wie es der amerikanische Präsident John Adams im 18. Jahrhundert in seinen „Thoughts on Goverment“ schrieb. Glück als Regierungsziel. Vielleicht war das immer ein Missverständnis, dass Glück politisches Programm sein kann. Für viele Amerikaner ist dieser Anspruch jedenfalls zu einem leeren Versprechen geworden. Vielleicht hängt es auch damit zusammen, dass in Arizona viele Menschen glauben, ihr Glück mit Waffengewalt gegen die Bedrohung durch andere verteidigen zu müssen. Auch Dan trägt eine Waffe am Gürtel, einen Colt. Auf die Frage, ob er davon Gebrauch machen würde, lächelt er nur milde. Arizona gilt als das Waffenmekka der USA. Hier wurde 2011 die Abgeordnete Gabrielle Giffords von einem psychisch labilen Attentäter in den Kopf geschossen. Fünf Menschen starben, sie selbst ist seither in der Rehabilitation und musste ihr politisches Amt aufgegeben. Die Plädoyers nach dem Attentat lauteten mehrheitlich auf eine weitere Lockerung der Waffengesetze. Als „vergiftet“ hat der Polizeichef von Tuscon, der Stadt des Attentats, das politische Klima im Land beschrieben. Da ist es wieder, das Echo. „Wenn ich dir eine Pistole gebe, kannst du mich erschießen?“ Warum hat der Mann keine eigene Waffe, wo doch alle eine haben?

Wo ist er hin, dieser Mythos des „alles geht, wenn du nur willst“, der Amerika so lange ausgezeichnet hat? Er hat sich als Aberglaube entlarvt, der Glaube an die unbegrenzte Machbarkeit des Glücks. Er ist zerrieben worden zwischen den Fronten der konservativen Hardliner und veränderungswilligen Liberalen. Er ist untergespült worden von den schnell aufeinander folgenden Wellen der Krise auf den Finanzmärkten. Er hat sich aufgelöst wie die klare Abgrenzung zwischen dem ‚wir’ und dem ‚ihr’. Die USA waren in so vielem Weltmacht, Anführernation, Wettbewerber Nummer eins. Aber das ist längst nicht mehr so. Die Insel der Glückseligen ist zu einem Landstück in einem Archipel geworden, innerhalb dessen die Abhängigkeiten untereinander wachsen. Auf der Suche nach dem Glück hat es immer weniger Sinn, abgeschottet auf der eigenen Insel hocken zu bleiben. Schauen, was auf den anderen passiert, sich für den Wechsel parat machen, das ist die Losung der Zeit.

Die Juni-Ausgabe des „Oprah Magazine mit der Schlagzeile „You, Happier Than Ever!“ legt dar, wie einfach das sein kann. Es bedarf lediglich einiger strategischer Übungen in Selbstanalyse und Repositionierung, um sein Glück zu machen. Dazu ist es nötig, eine „Insel der Erleuchtung“ zu erschaffen, auf der man seine Unzulänglichkeiten ablädt, und eine „Insel der Anreicherung“, auf der die Dinge stattfinden, die man bislang nicht aus den eigenen Träumen heraus in Wirklichkeit hat verwandeln können. Träumst du von Peru? Dann klebe Bilder des Machu Pichu auf deine Insel der Anreicherung, esse Mango und Guave, trainiere auf dem Stepper für das Bergsteigen und trage Papageienfedern in deinem Haar. Und wenn du das tust, dann kannst du von der Insel der Unglücksselige auf die der Glücksseeligen übersetzen. So einfach und praktisch geht das bei Oprah. Wer über die Papageienfedern im Haar hinauskommen will, hat mehr Mühe. Im Jahr 2010 gingen 93 Prozent aller Einkommenszuwächse auf das Konto von einem Prozent an Höchstverdienern im Land. Das waren knapp 300 Milliarden Dollar. Für die „restlichen“ 99 Prozent gab es durchschnittlich 88 Dollar mehr auf dem Konto.

Nein, Geld allein macht nicht glücklich. Der Satz muss kommen, denn er steht irgendwann irgendwo auch in allen Studien der Glücksforschung. Aber Geld gehört zur Prosperität eines Landes, von der auch die Bewohner profitieren. Wohlstand, Gesundheit und ein gutes soziales Umfeld sind drei wichtige Bestandteile, die über Glück wesentlich mitentscheiden. Das sagt, unter anderen, der „Life Satisfaction Index“ der OECD. Wenn Glück ein Ergebnis der richtigen Kalibrierung dieser Faktoren ist, wenn Glück also organisierbar ist, dann müssten die USA die glücksseligste Insel im Archipel der umfassenden Glückskonkurrenz sein. Sind sie aber nicht. „Wieder einmal haben die USA den Einzug in die Top-Ten der glücklichsten Nationen der Welt verfehlt“, klagt der Informationsdienst „24/7 Wall St.“ an. Während überall das Glück gemessen und erforscht wird, leiden die USA unter einem Glücksbilanzdefizit.

Neben mir an der Bar sitzt Monika, die noch mehr Whisky getrunken hat als ich. Monika ist Künstlerin und lebt mit ihrem schizophrenen 40jährigen Sohn in Goldfield Ghost Town. Sie sitzt oft an der Theke von Mammoth Saloon. Viel mehr Möglichkeiten hat sie nicht, wenn sie mal raus will unter Menschen. Monika hat eine kleine Galerie in Goldfield Ghost Town, in der sie selbst gemalte Bilder verkauft. Ölgemälde und Aquarelle der Landschaft, in der sie nun seit 1987 lebt. Sie sagt Sätze wie „Wenn jeder beim Staat am Tropf hängt, ist das nicht finanzierbar“. Oder: „Du bist für dich selbst verantwortlich, nicht der Scheißstaat.“ Währenddessen traktiert sie fast pausenlos ihr Smartphone und checkt, wer etwas auf Facebook gepostet haben könnte.

Facebook, das ist die neue Insel des Glücks, die für viele auf Platz Null landet, vor allen OECD-Statistiken. Dort findet sich immer ein Ankerpunkt im Archipel der Glücksseligen, eine soziale Andockstelle. Nach einer Untersuchung der AARP, der Organisation amerikanische Rentner, sind 35 Prozent aller Erwachsenen über 45 in den USA chronisch einsam. Vor zehn Jahren waren das noch 20 Prozent. Monika sagt auch Sätze wie „Du suchst dir eine Blase und steckst deinen Kopf rein. Die Wahrheit, wie du hier lebst, kennt niemand in Europa.“ Vielleicht ist Facebook die Blase, in die Monika ihren Kopf gesteckt hat, weil es dort angenehmer, freundlicher und zugewandter zugeht, als in dieser Kurve des Apache Trail. Weil sie dann nicht über ihren kranken Sohn nachdenken muss, mit dem sie in die Notaufnahme gehen muss, wenn sie etwas braucht, weil keine Versicherung zahlt. Vielleicht ist das ein viel größeres Problem als alle ökonometrischen Maße angeben können: der dramatische Sinkflug sozialer Bindungen in den USA, den der Politologe Robert D. Putnam schon 2000 diagnostiziert hat. Wer nicht mehr durch starke Verbindungen sozialer Netzwerke gehalten ist, flieht in die virtuellen Netzwerke der Communities, in denen der Nachbar zehntausende Kilometer weit weg wohnen und niemals das Salz rüberreichen kann. Wer alleine bowlen muss, verliert die Freude an der Sache, die Leben ist, und doch eigentlich die wichtigste Hauptsache der Welt sein sollte. „Wenn ich dir eine Pistole gebe, kannst du mich erschießen?“

An der Bar in Mammoth Saloon hat eine kleine Gruppe Platz genommen, Touristen aus anderen Teilen der USA. „Wem gehört der Laden hier?“, fragt ein dicker Mann in geblümtem Hemd. Daniel schaut ihn an. „Jesus owns this place“, antwortet er. Die Reisenden starren in die Luft, niemand reagiert. Daniel wendet sich mir zu. „Mein Leben gehört mir nicht“, sagt er. „Ich habe es von Gott geliehen. Wir leben alle von geborgter Zeit.“ Das könnte ein schöner Satz sein, wäre er nicht so tief eingefräst in das Zusammenspiel von Glücksenttäuschung des Diesseits und Glücksversprechen des Jenseits. Der religiöse Wahn nimmt seinen ungehinderten Lauf dort, wo ein verbindendes Wertegerüst im sozialen Alltagsleben immer instabiler wird. Auf dem Apache Trail höre ich „familiyliferadio“, die Radiostation, die sich in Wort und Musik ganz der christlich-religiösen Vergewisserung verschrieben hat. Das Bedrückende an dieser Hörerfahrung ist, dass der christliche Glaube hier weniger Ermutigung ist, das eigene Glück gelassen zu finden, als die Mahnung daran, dass es dieses Glück nicht gibt. „Wenn du glaubst, dein Durst sei gestillt, dann lautet die schlechte Nachricht: So wird es nie sein. Aber es gibt Wege, damit umzugehen.“

Es ist vielleicht die größte Herausforderung, über große Veränderungen und Verluste im Leben hinweg zu kommen, das Scheitern zu akzeptieren, ohne zynisch zu werden. Das gilt für einzelne Dinge und Menschen in einem einzelnen Leben ebenso wie für ganze Lebensträume und -konzepte einer Zeit. Wie das möglich oder unmöglich sein kann, beschreibt Richard Ford in seinem neuen Roman „Canada“. Darin muss das amerikanische Zwillingspaar Berner und Dell nicht nur schon im Kindesalter lernen, mit existenziellen Verlusten von Respekt, Familienbindung und Freiheit umzugehen. Es muss auch lernen, dass Glück nichts Gegebenes ist. „Life’s passed along to us empty. We have to make up the happiness part.“ Am Ende liegt das größte Glück des Lebens vielleicht darin, dass es tatsächlich gelingen kann, über Verluste hinweg zu kommen und doch weiter zu leben. „We try. All of us. We try.“

Was das heißt, wenn es um den Verlust des Versprechens auf machbares Glück geht, lässt sich schwer ahnen. Vielleicht bleibt dann doch nur Zynismus als Überlebensstrategie. Oder eine Waffe, die es erlaubt, dem zynischen Spiel ein Ende zu machen.

Cicero 10/2012

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