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3. März 2013, 20:11 Uhr, Geschrieben von Miriam Meckel

Für Transparenz statt Generalverdacht

Willkommen zurück in der Vergangenheit der ideologischen Konfrontation von Wissenschaft und Wirtschaft: Während meines Studiums an der Universität habe ich gelernt, dass sogenannte Drittmittelforschung böse ist, und dass diejenigen, die sich vorstellen können, in der Wirtschaft zu arbeiten, eigentlich schon Ausgeschlossene aus dem wahrhaftigen ideologischen Interpretationsraum sind. In den Jahren nach meinem Studium habe ich dazu und durchaus auch umgelernt.

Deshalb finde ich es schade, dass der in dieser Woche veröffentlichte „Appell für die Wahrung der wissenschaftlichen Unabhängigkeit“ Gefahr läuft, die immer wieder neu notwendige gesellschaftliche Vergewisserung über die Unabhängigkeit von Wissenschaft und Forschung als ein richtiges und wichtiges Anliegen im ideologischen Keim zu ersticken: bist du nicht gegen Wirtschaftssponsoring für Universitäten, so bist du gegen Unabhängigkeit.

Der Appell macht einen tatsächlich problematischen Fall zur Grundlage des Urteils über Kooperationen zwischen Wirtschaft und Wissenschaft generell. 100 Millionen eines einzigen Unternehmens, in diesem Fall der UBS, für eine einzige Universität? In der Sprache der Wettbewerbshüter ähnelt das einef „marktbeherrschende Stellung“ im Wissenschaftssponsoring. Dort gilt wie überall: Wettbewerb und Vielfalt sind Garanten der Qualitätssicherung. Wenn ein Unternehmen einen zu grossen Einfluss gewinnt, ist Vorsicht geboten. Selbst wenn die Universität Zürich transparent gehandelt und kommuniziert hätte, so bleibt doch immer der Verdacht, es könne ungerechtfertigte Beeinflussungsmechanismen geben. Das ist schlecht für die Reputation der Universität und schwierig für die unter diesen Bedingungen arbeitenden Forscher.

Ein grosser Teil von Wissenschaftssponsoring durch die Wirtschaft findet aber auf anderen Wegen statt, zum Beispiel durch Stellenfinanzierung für Doktorandinnen und Doktoranden, in der Projektfinanzierung für Forschungsprojekte oder auch darin, den Forschern finanzielle, personelle oder infrastrukturelle Ressourcen für ihre Arbeit in einem innovativen Themengebiet zur Verfügung zu stellen. Die Tücke liegt in den Details. Solche Forschungskooperationen müssen vertraglich sauber abgesichert, also Einflussnahmen auf die Resultate ausgeschlossen und die Verwendung der Forschungsergebnisse für wissenschaftliche Publikationen zugesichert sein. Die Doktoranden müssen am Lehrstuhl und nicht beim Unternehmen angebunden sein. Wenn das nicht gelingt, lässt man als Forscher besser die Finger vom Projekt.

Wenn es aber gelingt, können Kooperationen zwischen Wissenschaft und Wirtschaft spannende Resultate hervorbringen. Im Idealfall gelingt es mit solchen Ergebnissen drei Ziele zu verbinden: sie in akademischen Journals ebenso wie in Publikumsmedien zu publizieren und gleichzeitig auch Anregung und Hilfestellung für Probleme der Praxis zu geben.

So wie wir von Unternehmen verlangen, dass sie gesellschaftliche Verantwortung übernehmen, so dürfen wir das auch von der Wissenschaft verlangen. Forschung ist nicht nur gut, wenn sie dem akademischen Selbstzweck dient. Sie kann auch gut sein, wenn sie der Gesellschaft dient, konkrete Fragen und Probleme zu adressieren. Das kann in Kooperationsprojekten zuweilen sehr gut gelingen. Auch weil klar ist, dass nur ein minimaler Anteil der an der Universität ausgebildeten Studierenden in der Wissenschaft bleiben wird. Der weitaus grösste Teil wendet sich anderen Aufgaben in Wirtschaft, Kultur und Gesellschaft zu. Auch deshalb braucht es mannigfaltige Links zwischen den Systemen.

Vielleicht führt der neue Appell dazu, dass diese Diskussion ehrlich, aufgeschlossen, vor allem aber differenziert geführt wird. Ansonsten wird wohl das Kind mit dem Bade ausgeschüttet. Das Schmutzwasser ist dann aus unserem Blickfeld verschwunden, aber das, was noch im Guten wachsend und gedeihen könnte, leider auch. Und dann stehen wir alle um die Wanne und starren betreten auf die letzten Tropfen im Wannengrund, in denen man sich nicht mehr baden, aber auch nicht richtig trocken werden kann.

siehe auch: Sonntagszeitung v. 3. März 2013

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