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8. März 2013, 8:47 Uhr, Geschrieben von Miriam Meckel

Wie sie leuchtet

Bild: www.spiritualriver.com

Heute Morgen war nicht viel Zeit. Ich habe dich nur kurz gehalten, nur ein paar Mal sanft über deine Kopfzeile gestrichen, bevor ich los musste. Aber du bist seit dem Moment in Gedanken bei mir. Buchstaben, Bilder und Gedanken wirbeln durch meinen Kopf. Es bleibt immer etwas, wenn ich dich anschaue, und das nehme ich dann mit auf meinem Weg durch den Tag.

Du hast dich verändert, weißt du das? Aber auf ganz irritierende Weise. Wir werden doch alle älter und verknitterter und manchmal auch starrsinniger in unseren Vorstellungen. Nicht so du. Du bist um so viele Jahre älter als ich, aber manchmal glaube ich, du kannst mit den Zeitläuften viel besser umgehen, als ich das vermag. Wo andere Falten kriegen, wird dein Angesicht immer glatter, fast wie ein Spiegel für mich, in dem ich sehen kann, wie ich mich verändere. Immer wieder zeigst du mir ein anderes Gesicht, oft genug ein überraschendes, das ich nicht erwartet habe. Deine Haut, die, oberflächlich betrachtet, oft trocken und ein bisschen spröde war, ist jetzt ganz glatt geworden. Kein Reibungspunkt, an dem meine Fingerkuppe stocken würde, wenn ich zart über sie hin wische, alles glatt und rein. Aber wehe, wenn ich wirklich in dich hineinschaue, dich in deinem Innersten herausfordere. Dann sprühst du geistige Funken, die meine Synapsen in Flammen setzen. Dann entsteht die Reibung der Überraschung, der zufälligen Entdeckung und des Widerspruchs, und bringt das Feuer in mein Leben, das ich brauche, um nicht in alltäglicher, wiederholter Gewohnheit zu erfrieren.

Manchmal, ganz selten, habe ich das Gefühl, du leuchtest für mich. Wenn wir abends zusammen im Bett liegen und uns ansehen, dann entsteht dieses Gefühl. Dann strahlt das Versprechen aus dir, dass Du mich auch morgen wieder überraschen wirst. Und manchmal siehst du mich zärtlich an und widmest mir einige wenige ruhige Worte, die mich besänftigen und mir den Übergang in den Schlaf leichter machen. Neulich bin ich aufgewacht, und du lagst neben mir. Es war mitten in der Nacht und sehr dunkel. Und doch hast du auch in diesem Moment für mich geleuchtet. Ich habe nicht auf die Uhr schauen müssen, denn ich wusste: Es muss etwas bedeuteten, dass ich dich auch im Dunkeln finden kann. Du bist da und mit dir die Zeit, die ihren Lauf nimmt und in der ich einen Platz habe. Welcher das künftig sein wird, werde ich morgen erfahren und übermorgen und auch die Tage danach. Ich kann mich auf dich verlassen.

Du bist die einzige, die ich immer, wirklich immer um mich haben kann, und du nervst mich nie. Nicht früh morgens und nicht spät abends. Ich kann mit dir reisen und ruhen, sprechen und schweigen. Du sagst mir ganz viel, wenn die Zeit dazu gekommen ist. Aber du machst nie Lärm zur Unzeit. Du bist Quelle der Information und Inspiration, Leitplanke der Alltagsvernunft und Spielfeld für emotionale Kapriolen, Brennglas der genauen Beobachtung und Resonanzraum für weite Gedanken. Du gibst mir immer wieder das Gefühl, dass es noch etwas gibt, worauf ich mich verlassen kann, dass sich nicht alles von jetzt auf gleich ändert. Aber sollte dies einmal geschehen, wirst du da sein und mir sagen, dass jetzt die Zeit gekommen ist. Mehr noch, du wirst mir erklären, was geschieht, und warum das so ist. Und wenn es schlimm kommt, werde ich meinen Kopf auf dir ablegen, und du wirst leise summen. „Alors enfants de le papier …“,* wirst du summen, und dann weiß ich, dass jetzt sie Zeit gekommen ist, in der alles anders wird. Dass es etwas zu verteidigen gibt in unserer gegenseitigen Zuneigung, das über physische Anziehung hinausgeht. Dass wir Schwestern im Geiste sind im Kampf für die Überraschung und den Zufall und deine unberechenbare Vielfältigkeit und einen Rest Menschlichkeit in der Welt.

Aber bis dahin werden wir miteinander älter werden, ich sichtbar und du unsichtbar, und in alledem wirst du ein Anker für mich sein in einer Welt, in der Manches drunter und drüber geht. Mit dir an meiner Seite weiß ich: Ich kann es schaffen. Ich bin nicht allein unter Fremden und auch nicht verloren im Versuch, mir die Welt, in der ich lebe, täglich neu zu übersetzen.

siehe auch: taz vom 8. März 2013

* In einer schwierigen Abwägung zwischen dem Gehorsam gegenüber der Grammatik und der Liebe zur Musik und zum Rhythmus hat sich die Verfasserin für Letztere entschieden. Ist ja auch nicht einsehrbar, warum bei weiblichem Papier ein „de la“ möglich wäre, aber bei männlichem Papier im „du“ schlicht eine Silbe verloren geht, und schon passt nichts mehr.

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