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18. April 2013, 18:14 Uhr, Geschrieben von Miriam Meckel

Ein trojanisches Sechseläuten

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Hochgeachtete Herr Zouftmeischter, hochgeachteti Herre Alt-Zouftmeischter, sehr verehrti Ehregäscht, liebwerti Witiker-Zoifter, Zouftawärter, Jungzöifter und Gescht.

Ich bedanke mich für d’Iladig zum hüttige Sächselüüte.

Es ist eine Aufgabe hier zu sprechen, allemal an diesem Anlass, erst recht als Zunftunbewanderte, als Immigrantin in unbekannte Traditionsgefilde, als Deutsche und – noch schlimmer – als Frau!

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Wie geht man am besten vor? Nun, ich taste mich langsam heran. Der erste Schritt liegt darin, sich einen Überblick zu verschaffen. Ich hoffe nur, es ergeht mir nicht so wie dem Ausflüglerpaar, das in einem Heissluftballon über fremden Gefilden schwebt. Gestartet bei sonnigem Wetter, das einen sehr guten Überblick und die Terrainsondierung garantiert, zieht sich plötzlich der Himmel zu, es wird dunkel, und eine geschlossene Wolkendecke verstellt den Blick gen Boden – und damit auch jede Orientierung, wo die beiden Reisenden sich befinden könnten. Langsam kommt Panik auf. Auf einmal reisst die Wolkendecke an einer Stelle auf und die beiden Passagiere sehen genau unter sich einen einzelnen Spaziergänger gehen. Es ist Andreas Bihrer, der Zunftmeister. Da formt der eine die Hände zu einem Trichter und ruft: „WO SIND WIR?“ Und der Zunftmeister schaut nach oben und ruft zurück: „Sie sind in einem Ballon!“ Daraufhin schliesst sich die Wolkendecke wieder. Der Rufer sagt zum anderen Passagier: „Der Mann muss Jurist gewesen sein. Seine Antwort war prompt, präzise, völlig richtig und trotzdem zu nichts zu gebrauchen“.

Mit den Juristen kommt man also doch nicht weit. Und mit der Position der Beobachterin von hoch oben auch nicht. Also ein Positions- und Perspektivwechsel, der durch das Motto des diesjährigen Sechseläutens inspiriert wird: „Züri iineh! d St. Galler stönd scho z Rapperswil“, und sie kommen mit einem Pferd, einem Trojanischen Pferd genau genommen. Wo immer ein Trojanisches Pferd sich nähert, nähert sich das Andere, das dort, wo das Pferd hin soll, noch nicht ist, also eingeschleust werden soll. Das muss nicht immer in böser oder kriegerischer Absicht geschehen, so wie die St. Galler ja auch im Vorfeld betont haben, ihr Pferd bringe nur süsse Überraschungen. Nun, meines auch, aber vielleicht nicht nur. Denn nicht alles ist herzig heutzutage.

Der Entscheid über den Familienartikel Anfangs März zeigt: manchmal wird das höchste Zeit! Während der Artikel auf ein sattes Volksmehr von gut 54 Prozent gekommen ist, hat er das Ständemehr verfehlt. Und wieder waren es die kleinen, ländlichen und eher konservativen Kantone, die sich verweigert haben. Vereinbarkeit von Beruf und Familie? Lieber nicht! Lieber bei den traditionellen Modellen bleiben. Aus HSG-Managementperspektive kann ich sagen: Dass die St. Galler sich mit gut 57 Prozent gegen den Artikel entschieden haben, ist ökonomisch klug. Da ein Krippenplatz etwa ein Drittel des Familieneinkommens verschlingt, ist es da doch sinnvoller, lieber erst gar keine Kinder zu bekommen, um so das Geld- und das Werteproblem der arbeitenden Mutter gleich auf einen Schlag zu lösen.

Aber mal ehrlich: Kann es sein, dass ein Appenzeller fast 41 Zürcher wert ist? Bei aller Liebe zum Appenzell, das kann nicht sein. Zürich muss ein Trojanisches Pferd nach Appenzell schicken! Gefüllt mit 40.000 Zürchern und einer gehörigen Portion Liberalismus im Denken und Leben. Und wenn das Pferd mal auf dem Landsgemeindeplatz steht, dann öffnet sich sein Bauch, und heraus tritt – Corine Mauch, in der Hand einen Kaufvertrag für eine Zweitwohnung im schönen Appenzeller Land.

Ach nein, Entschuldigung, das reicht ja nicht. Sie muss schon ganz nach Appenzell ziehen, um dort dann auch stimmberechtigt zu sein. Das ist dann doch schwer vorstellbar. Deshalb schlage ich vor: Zürich kauft einfach die beiden Appenzeller Kantone und noch ein paar andere kleine dazu, dann haben wir das Problem der ungleichen Stimmrepräsentation gelöst. Und zugleich auch ein anderes: so langsam weiss man ja wirklich nicht mehr, für was man sein vieles Geld ausgeben konnte, wenn es denn unbedingt weisses Geld sein muss und man keine Steuern mehr am Fiskus vorbeischleusen kann.

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Auch vor diesem Hintergrund ist der Zweitwohnungsentscheid sehr kurzsichtig. Und er kann sich noch als trojanisches Pferd entpuppen, das doch so ganz friedlich und herzig auf den grünen Weiden des Wallis oder des Bündnerlandes zu grasen schien, anstatt in Betonlandschaften, umgeben von kalten Betten nach dem letzten Fleckchen Grün zu suchen. Was geschieht, wenn doch noch jemandem ein Gesetz einfällt, um Bestehendes neu zu regeln? Dann springt Etwas aus dem Bauch des friedlichen Pferdchens, das uns die Fratze der Enteignung entgegenstreckt. Sie glauben das nicht: Schauen Sie südostwärts, und Ihr Blick geht nach Zypern. Dann wissen Sie, was heute möglich ist. Ich frage Sie: Alle diese Walliser, die keine Zweitwohnungen mehr verkaufen können, alle diese Russen, deren schlecht gewaschenes Geld jetzt verschwunden ist: wo sollen sie heute eigentlich noch ordentliche Geschäfte betreiben?

Werte Witiker-Zoifter, Sie müssen die Augen offen halten! In diesen Zeiten wimmelt es von Trojanischen Pferden. Und sie trampeln manchmal direkt vor unsere Füsse, aber wir sehen nichts. Denken Sie an den Volksentscheid zur Abzocker-Initiative. Da ist das Trojanische Pferd in Gestalt von Daniel Vasella mitten in den Kreis der Vorstände von Economiesuisse hineingeritten, für alle sichtbar. Der Bauch tat sich auf und heraus fielen 72 Millionen Schweizer Franken, die sich einfach nicht wieder einfangen liessen. Und jetzt? Das Pferd ist in die USA geflohen, und alle, die hierbleiben mussten, schauen traurig auf die umherwehenden Frankenscheine, wissend: Es wird das letzte Mal gewesen sein, dass sie so viel Geld gesehen haben.

Es ist ein schleichender Prozess, der hier stattfindet, manchmal sehr sichtbar, manchmal fast unsichtbar. Kriegerisch geht es zu bei der Infiltration des Schweizerlandes mit modernem, zeitgeistigem Gedankengut. „Im Westen ist es rot“, titelte die NZZ kürzlich, um zu präzisieren: „In urbanen Gebieten kann das rot-grüne Lager seine Stellung in den Städten festigen.“ Und in diesen Tagen kommt die erste Warnung vor dem „aufflackernden Klassenkampf“ (ich höre zwischen den Zeilen schon die Internationale klingen, die mein Mitehrengast Mario Fehr (SP) hier links neben mir leise summend anstimmt …) Aufgepasst alle Konservative und Traditionsliebhaber! Hier zieht das moderne Leben ohne jede Maske einfach gewaltsam in die Städte ein. In sieben der zehn Städte mit mehr als 50.000 Einwohnern regieren längst das Staatsdenken und das Laster. Sodom und Gomorrah in den Farben rot und grün. Gut dass St. Gallen standhaft bleibt gegen den Sittenverfall und das Laissez-faire des Lebens.

Richtig schlimm wird es, wenn man jetzt auch noch die Frauen nach vorne und oben kommen lässt. Vieles habe ich mir ja für den heutigen Tag vorstellen können, aber ganz sicher nicht, dass der Regierungspräsident und mein Mitehrengast, Markus Kägi (SVP), hier und heute die „werten Zoifterinnen“ begrüsst. Ich sage Ihnen, meine Herren, Sie müssen Ihr Revier markieren, sonst nimmt das einen unguten Ausgang. Als ich eben die Damentoilette gesucht habe, habe ich gesehen: Sie haben verstanden. Denn die war kurzerhand zur Herrentoilette umdeklariert. Nur solche klaren Zeichen werden Sie noch retten können.

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Wer die nicht setzt, erlebt Ähnliches wie die FDP derzeit. Die Stadtzürcher liberalen Frauen wollen sich vom „Altherrenclub“ emanzipieren und überlegen, ihre Mitgliedsbeiträge künftig direkt an die FDP Frauen Schweiz weiterzuleiten. Die werden dann auch den letzten gesicherten Rückzugsräumen der Frauen an Herd, Waschmaschine und Kinderbett den Garaus machen. Frauen hören nicht nur auf zu kochen, sie werden zu Feministinnen! Ja, geht’s denn noch? Da bin ich doch sehr froh, dass die SVP sich ein Beispiel an der CDU/CSU in Deutschland nimmt und nun auch eine Herdprämie will.

Die Frauen wollten den Familienartikel, die Männer nicht. Wir müssen uns vergegenwärtigen: liberal heisst keineswegs, dass jeder Bürger das gleiche Recht auf freie Gestaltung und Entfaltung seines Lebens hat. Wie George Orwell schon wusste: Manche sind eben gleicher als andere.

Aber ich sage Ihnen: Frauen können hartnäckig sein, das weiss ich aus eigener Erfahrung. Vielleicht packen Sie einfach alle FDP-Frauen in das Trojanische Pferd, das ja schon auf dem Weg ins Appenzell ist, und das Problem ist gelöst. Ich fürchte nur: Das gibt nicht nur noch mehr kalte Betten, sondern Krieg, denken Sie an Troja! Und was, wenn die Frauen dann siegreich von Landsgemeindeplatz und -schlacht zurückkommen, im Gepäck, wahrscheinlich reicht hier das Handgepäck, all die besiegten Appenzeller.

Da empfehle ich doch eher auch Ihnen die trojanische Taktik: Geben Sie hier und da ein Zückerli, mal einen VR-Posten für eine prominente Frau, mal eine Stadtpräsidentin in ZH, und immer an die Symbolfrau auf jedem Podium denken.

Es soll doch schön bleiben hier. Die Schweiz ist nicht ein Gefängnis, wie Friedrich Dürrenmatt einst im Winter des Missvergnügens 1990 sagte. Die Schweiz ist ein Trojanisches Pferd. Aber ein ganz besonderes, denn wann immer sein Bauch sich auftut, springt nur eines heraus: die Schweiz selbst. Und sie liegt sich manchmal schwer im Magen. Denn kommt das Pferd im Gewand des Liberalismus, steckt im Bauch doch noch immer eine unverdaute Portion Bewahrertum. Kommt es im Gewand des multikulturellen globalisierten Zugpferdes, so bläst es doch plötzlich die Ventiklausel aus den Nüstern. Und kommt es im Gewande des deregulierten Springgauls, so liest man auf seinen Hinterbacken die Vorschrift, das Joghurt in einer Schweizer Kindertagesstätte 1.8% Fettanteil haben und nie wärmer als 7 Grad sein darf. Und das Beste ist: die Mitarbeiter müssen regelmässig nachmessen und schauen, ob die Temperatur im Joghurt wirklich die ist, die das Kühlschrankthermometer anzeigt. Da wissen wir doch: Wir Frauen werden noch gebraucht!

Werte Witiker Zoifter, auch ich bin hier heute ein trojanisches Pferd. Und ich komme als Dreiergespann: als ein Mensch, der für moderne Lebensweisen sehr aufgeschlossen ist und für sie eintritt, als Deutsche und als Frau. Da haben Sie drei Baumnüsse zu knacken, aber ich sage Ihnen: die sind gesund, enthalten viel Omega 3 und helfen, die harten Anforderungen des Wandels gut zu überstehen.

Das Bewerbungskriterium als Gästin habe ich in einer statistischen Vollerhebung der bisherigen weiblichen Ehrengäste, es sind genau drei, schnell ermittelt und erfülle es voll: lange blonde Haare. Das, lieber Herr Zunftmeister, wäre ein schönes Posting auf Ihrer Facebookseite: Andreas likes „weiblich, blond, langhaarig, jung …“.

Denn auf Facebook wartet noch Arbeit auf Sie. Derzeit sehe ich: Sie wurden geboren, Sie sind am 7. Dezember 2007 Mitglied bei Facebook geworden, das ist ihr Leben. Und das ist sehr übersichtlich. Aber ich war doch überrascht, als ich am Nachmittag des 20. März eine Freundschaftsanfrage über Facebook an Sie geschickt habe. Noch am selben Tag, wenige Stunden später, haben Sie sie angenommen. Das nenne ich reaktionsschnell. Ich bin allerdings bislang Ihre einzige Freundin. Nicht dass das zu Missverständnissen führt.

Sie haben meine elektronische Freundschaftsanfrage angenommen, dafür danke ich. Vielmehr noch aber für die Einladung zum heutigen Sechseläuten, die ich sehr gerne angenommen habe. Es ist ein Ausweis von Gastfreundschaft und Offenheit, dass ich dabei sein darf.

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Ich danke Ihnen dafür mit einem kleinen symbolischen Geschenk. Es zeigt, dass man die Anforderungen des Wandels spielerisch bewältigen kann. Nehmen Sie diese Playmobilreiterin als Vorreiterin für die Modernisierung. Notfalls gibt es in dem Paket noch einen Stall, wenn es allzu schlimm werden sollte. Aber die Warnung gilt: Die Frauen kommen, sie lassen sich nicht einfrieden. Und deshalb ist es gut, wenn Sie diese mit dieser Vorreiterin das Spiel der gedanklichen Mobilität schon mal üben können.

Herzlichen Dank für die Aufmerksamkeit und die freundliche Einladung!

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Finis.

 

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