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25. Juni 2013, 12:36 Uhr, Geschrieben von Miriam Meckel

Das gentrifizierte Netz

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Die kleinste und wichtigste Einheit des Netzes ist der Mensch. Aber auch die labilste und gefährlichste. Er ist der „nodus“, der Knotenpunkt, über den die Kommunikationsströme fließen und an dem sich die Informationen bündeln, der Verbindungs- oder Zielpunkt, auf den immer alles zuläuft. Er ist der Erfinder der Technologien, die uns das Netzwerken heute in verschiedensten Formen möglich machen. Er ist der „early adopter“ oder „laggard“, der frühe Vogel oder der Zauderer, der Technologien zum Durchbruch verhilft oder sie bremst. Und er gestaltet sie nach seinen Bedürfnissen und damit zu seinem Besten. Zum Besten?

Augenblick mal. Spulen wir auf der Zeitleiste der Internetentwicklung einmal ein wenig zurück. Da fällt doch auf: Es hat sich etwas verändert in unserem Netz, das vielleicht gar nicht mehr so ganz unser Netz ist. Es gibt die vielen Ideen der freiheitlichen, dezentralen und demokratischen Kommunikation und Partizipation, die uns seit Mitte der neunziger Jahre elektrisiert und motiviert haben. Doch hinter manchen dieser Versprechen stehen heute dicke Fragezeichen.

Da wurde uns einst das freie Web gegeben, das Tim Berners Lee im CERN entwickelt hat, ohne Patent und Lizenzgebühren. Für alle sollte es da und gestaltbar sein. „Du kannst alles mit allem verlinken“, so schlicht hat Berners-Lee die „Universalität“ des Web beschrieben. Schon das ist heute nicht mehr uneingeschränkt möglich. Vieles, was wir  im Netz tun, findet längst in den digitalen Schrebergärten statt, die uns zum Beispiel die App-Kultur beschert hat. Darin ist es schön sauber und aufgeräumt, und nur wer zahlt, kommt rein. Und wenn er sich nicht benimmt, dann fliegt er wieder raus. Bei Apple heißt das zum Beispiel: Keine Titten, keine Tabubrüche, nicht mal in der Kunst.

Mit der rasanten Entwicklung des Internet hatten wir schnell verstanden, dass „Netzwerken“ eine neue Dimension annimmt. Dass wir nicht mehr bei schlechten Drinks auf Empfängen herumstehen müssen, sondern uns – ganz dezentral – von zuhause aus durch ein paar Klicks mit fast allen Menschen verbinden können. Das geht auch heute noch, aber die meisten Verbindungen werden von einigen wenigen Anbietern ermöglicht: Facebook, LinkedIn, Xing.

Mark Granovetter hat schon 1973 beschrieben, wie wichtig die „weak ties“, die schwachen Verbindungen im Netzwerk sind, die Menschen aus unterschiedlichen sozialen Räumen miteinander verbinden. Sie sorgen dafür, dass Informationen die Grenzen unserer Einbindung in primäre Interessensgruppen überwinden können und damit für neue Chancen und Innovation. Die Plattformen, auf denen wir heute netzwerken, kümmern sich lieber um die „strong ties“, die starken Verbindungen, denn aus denen lässt sich leichter und schneller Kapital schlagen. Wir vernetzen uns dort auch zum eigenen Vorteil, vor allem aber zum Vorteil der Plattformbetreiber. Die können unsere Datenpakete dann als kleinste Werbezielgruppeneinheit an Dritte weiterreichen. Das „freie“ Netz ist nicht frei im Sinne von „freiheitlich“. Es ist manchmal gratis, aber nie kostenlos zu haben.

Gerade mal 18 Monate ist es her, dass die Piratenpartei mit ihrer „liquid democracy“ in aller Munde und auf dem Weg zum politischen Shootingstar war. Und jetzt? Jetzt fragen wir uns, ob es noch vorstellbar ist, dass die Piraten bei der Bundestagswahl wirklich die fünf Prozenthürde nehmen könnten. Davon sind sie in den Umfragen derzeit weit entfernt. Denn manch einer hat längst festgestellt, dass es anstrengend, geradezu mühsam ist, das Netz zu einer echten Plattform für demokratische Beteiligung zu machen. Offenbar reicht vielen Menschen doch die traditionelle Form politischer Partizipation: alle paar Jahr ein Kreuzchen am Wahltag, den Rest sollen andere erledigen.

Was ist da los mit dem Netz? Nichts. Das Internet als primär technisches Netzwerk aus Knotenpunkten, Servern und Routern kann weiterhin das, was es immer konnte: Daten senden, empfangen, verteilen und damit den Austausch von Informationen und sogar Kommunikation ermöglichen. Ob das wirklich stattfindet, liegt am Menschen, also an uns.

Was ist los mit uns, muss also die Frage lauten. Was machen wir mit dem Netz? Wir gentrifizieren es. Oder wir lassen zu, dass andere das tun. Für manchen ist das schlicht der typische Vierschritt der Industrialisierung: Etwas Neues entsteht, einige wenige werden zu Vorreitern der Entwicklung und treiben sie voran, der Massenmarkt wird erschlossen, und dann übernehmen wiederum einige wenige die Kontrolle über das Ganze.

Es lässt sich auch anders sehen: Im Internet passiert gerade das, was wir aus gentrifizierten Stadtteilen kennen: Erst kommen die Bohème, die Künstler und Kreativen, die Subkultur. Sie beanspruchen immer mehr Raum, denn sie werden ja auch älter und anspruchsvoller und etwas bequemer – und damit zur Bourgeoisie. Alles wird schicker, aufgeräumter und vor allem teurer. Dann kommen die Investoren, um das Ganze zu Geld zu machen. Und am Ende ziehen die Kreativen, die Künstler, die weniger gut Betuchten, die Veränderer weg.

Wer die Mieten in New York’s Tribecca oder im Berliner Prenzelberg nicht mehr bezahlen kann, zieht nach Queens oder Kreuzberg, bis es da auch wieder zu teuer wird. Aber was macht, wer im Netz nicht bei Facebook eingemeindet werden will? Wohin ziehen die, die auch in gesetzteren Lebensphasen keine Lust haben, bei Facebooks Farmville glupschäugige ADHS-Hühner zu füttern? Sie gehen in die Diaspora. Im Wortsinne. Das soziale Netzwerk gleichen Namens ist non-profit-orientiert, open source basiert, dezentral und damit beispielsweise auch besser vor der Datenkrake NSA geschützt.

Es gibt also noch Alternativen. Aber: Diaspora hat etwa 400.000 Mitglieder, Facebook eine Milliarde. Das macht einen Unterschied für die Netzwerkeffekte. Bin ich allein im Netz, kann ich mich nur mit mir selbst langweilen. Sind hunderttausende andere da, bekomme ich interessante Informationen. Je mehr Menschen das Netzwerk nutzen, desto besser die Qualität von Suchergebnissen, von Informationen aus der Peer Group, desto mehr Möglichkeiten des Crowdfundings oder der dezentralen Vergabe von Jobs. Netzwerke werden mit der Zahl der eingebundenen Knoten, also Menschen, besser und nützlicher. Aber sie tendieren daher auch häufig zur Monopolbildung. Monopole wiederum verringern die Vielfalt, lassen sich leichter steuern und überwachen.

Vielleicht müssen wir einfach einsehen, dass ein freiheitliches, dezentrales, offenes und universales Netzwerk ein Widerspruch in sich ist. Das wäre dann die Interpretationsformel der Netzbourgeoisie, auf deren Basis man es sich im virtuellen Schrebergarten, frei von Subversionssetzlingen, gemütlich machen.

Vielleicht ist es auch ein ehernes Gesetz der „condition humaine“, dass wir immer bestrebt sind, die Dinge aufgeräumt, übersichtlich und praktisch zu organisieren. Dass wir oft lieber die klare Struktur des Monopols als chaotische Vielfalt im Wettbewerb mögen, weil die schlicht anstrengender ist und mehr Einsatz von uns verlangt. Vielleicht ist es naheliegend, dass wir noch immer lieber in Hierarchien als in Netzwerken denken, dass wir uns für die Entscheidung, wer wann wichtig ist, lieber auf ein Organigramm verlassen als auf die netzwerkanalytische Auswertung des Emailverkehrs, die zeigt, dass der Boss wenig, mancher Mitarbeiter aber sehr viel zum Informationsaustausch und damit zum Erfolg des Unternehmens beiträgt.

Wenn das so ist, dann dürfen wir vom Netz nicht mehr viel erwarten. Dann gilt ab sofort: Die Revolution findet nicht statt. Denn alle gehen zwar hin, um sich dann aber bald am Rand ins Gras zu setzen. Dann wird das Internet tatsächlich sukzessive zum Abbild unserer realen Welt mit ihren Ordnungs- und Strukturprinzipien.

Wir könnten uns aber auch darauf besinnen, dass es neben dem „Netz Bourgeois“ auch noch den „Netz Citoyen“ geben könnte, der den Gedanken der Aufklärung immer wieder ins Gemeinwesen einbringt, auf der realen und virtuellen Agora, auf dem Marktplatz und im Netz. Das bedeutet Unsicherheit, manchmal gar Chaos, ganz sicher viel Einsatz und Anstrengung.

Dieses Engagement nimmt uns niemand ab. Die kleinste und wichtigste Einheit im Netz ist der Mensch. Aber auch die labilste und trägste. Wir können uns auf das freie, dezentrale und demokratische Internet besinnen und es nutzen. Oder wir können einfach zusehen und zulassen, dass das Internet zum gentrifizierten virtuellen Lebensraum wird. Es wird dann sehr ruhig im Netz, sehr ordentlich, sauber und auch sehr kostspielig. Nicht nur in finanzieller Hinsicht.

siehe auch: Handelsblatt vom 21. Juni 2013

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