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19. Januar 2014, 19:47 Uhr, Geschrieben von Miriam Meckel

Schein & Haben

 

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Herr Chen ist ein höflicher Mann. Im kurzärmeligen weißen Hemd mit Krawatte geht er im Saal nach vorne, eine beflissene Mitarbeiterin nimmt ihm in gebücktem Laufschritt das Jackett aus dem Arm und verschwindet im Dunkeln. Als amtierender Präsident der „Academy of Management“, der internationalen Vereinigung der Managementforscherinnen und -forscher, muss Ming-Jer Chen zur Eröffnung der Jahrestagung 2013 sprechen. Dazu geht er nicht auf die Bühne, sondern bleibt vor der ersten Stuhlreihe stehen, lächelt gewinnend in den Saal und sagt dann: „Ich habe gehört, man soll jede Rede mit einem kleinen Scherz beginnen, um die Aufmerksamkeit der Zuhörer zu gewinnen und gleichzeitig ins Thema einzuführen.“

Herr Chen steht vor der Bühne des größten Saals im „Dolphin Hotel“ in Walt Disney World, Florida. Die Wissenschaftler haben sich hier versammelt, um drei Tage lang ihre Forschungsergebnisse zu präsentieren, aber auch ein großes Thema zu diskutieren: „Capitalism in question“ prangt als Slogan auf dem dicken Konferenzprogramm. Die beiden Worte kreuzen sich in rot und blau, das gemeinsame „s“ ist zum Dollarzeichen mutiert. Irgendwie sieht das Ganze aus wie die Abstraktion eines Aufklärungssatelliten in Mission Systemkritik. Man kann auf die Idee kommen, den Kapitalismus ausgerechnet in Disney World in Frage zu stellen. Man kann auch fragen, wer eigentlich ausgerechnet auf diese Idee gekommen ist.

Herr Chen erzählt eine Geschichte: In einer kleinen Stadt gibt es einen Ladenbesitzer, dessen Geschäfte gut gehen. Es ist der einzige Laden am Ort, die Menschen kaufen bei ihm alle Dinge fürs alltägliche Leben ein. Eines Tages kommt der Ladenbesitzer zu seinem Geschäft und ist plötzlich sehr aufgeregt. Direkt links neben seinem Laden hat ein zweiter eröffnet, und dort prangt ein großes Schild an der Tür: „best deals“. Am nächsten Morgen, als er wieder zu seinem Geschäft kommt, trifft ihn fast der Schlag. Auch rechts neben ihm hat nun jemand einen weiteren Laden eröffnet und ein großes Schild in die Tür gehängt: „lowest prices“. Der Ladenbesitzer denkt den ganzen Tag fieberhaft nach, was zu tun sei. Dann hängt auch er ein großes Schild über den Eingang seines Geschäfts. Darauf steht: „Main Entrance“.

Herr Chen ist Taiwanese. Er weiß, was es heißt, den anderen das Gesicht wahren zu lassen. Deshalb erwähnt er Walt Disney mit keinem Wort. Und doch ist dieser Anfangsscherz eine Parabel auf diesen Ort. Denn so hat es auch Disney in Orlando gemacht. Er hat ein Schild mit der Aufschrift „Haupteingang“ über seinen Freizeitpark „Magic Kingdom“ gehängt und ihn so zum Eingangstor für ganz Florida gemacht.

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Für ihre Jahreskonferenz haben inzwischen mehr als 8.500 Wissenschaftler das Tor an der Straße zu Disney World durchfahren, rechts und links eine überdimensionierte Mickey und Minnie Mouse. Darüber steht: „Hier werden die Träume wahr“. Wir alle haben nun ausreichend Gelegenheit, live zu erleben, was das heißt, denn die meisten kommen für die Dauer der Konferenz gar nicht mehr aus der Mauswelt heraus. Lediglich eine kleine versprengte Gruppe von Kollegen trifft sich am Samstagnachmittag, um zum Lake Apopka zu fahren und angewandte Forschung zu betreiben. Unter dem Motto „Aussteigen aus Disney World“, treffen sie Vertreter der Landarbeitergewerkschaft, um Umweltschäden zu besichtigen und „Dysfunktionen des Kapitalismus“ zu erörtern. Es ist eine einzige unter 1.600 Veranstaltungen insgesamt.

Alle anderen können allerdings auch vor Ort ganz leicht die Dysfunktionen des Kapitalismus studieren, die doch ganz eng verbunden sind mit dem, was Disney so erfolgreich macht. Die Walt Disney Company ist in zahlreichen Fallstudien als Beispiel für eine brilliante Diversifizierungsstrategie analysiert worden: die Industrialisierung der Unterhaltung entlang der Wertschöpfungskette, so kann man das beschreiben. Man kann auch sagen: es gibt kein Entkommen mehr, weder physisch noch psychisch.

Meine erste magische Mauserfahrung mache ich beim Einchecken ins Hotel. Der Rezeptionist zeigt mir die Zimmerkarte, auf der ein kleines Mickey Mouse Konterfei zu sehen ist, und führt sie an das Kartenlesegerät, auf dem ebenfalls eine Mickey Mouse prangt. Dann sagt er: Einfach immer die kleine Mickey an die große Mickey halten, und schon wird alles möglich. Es muss an meiner verderbten europäischen Sozialisation liegen, dass mir dabei ganz seltsame Assoziationen in den Sinn kommen, denn all das hat rein gar kein Sexappeal. Eigentlich geht es nur um Eines: Geld verdienen, und zwar möglichst mit jeder Bewegung, die der Gast macht.

Je länger ich in Disney World bin, desto eher neige ich dazu, den Veranstalter der Konferenz einen schrägen subversiven Ansatz zu unterstellen. Dass wir hier sind, um den Kapitalismus in Frage zu stellen, hat seinen Grund. Denn jenseits der allumfassenden Gewinnorientierung ist hier nichts kapitalistisch. Disney World ist ein Monopolbetrieb im umfassenden Kontrollmodus des Gastes. Disney sorgt für Unterkunft, Verpflegung, Transport und Unterhaltung. Noch Wünsche? Auf dem ganzen Areal, etwa so groß wie die Stadt San Francisco, gibt es vor allem eine Marke: Disney.

Ein kanadischer Kollege hat vor Ort „deja vues“ eines früheren Besuchs in der DDR. Eine Kollegin aus Rumänen sagt, sie fühle sich in ihrem Hotelbadezimmer akut an den Kommunismus erinnert. Ein Kollege aus Deutschland findet das Schlange stehen als umfassenden Existenzzustand in Disney World zeitgeschichtlich überholt, vor weil die Disney App „My Disney Experience“ die Wartezeit von einer Stunde für eine einzelne Attraktion in einem einzelnen Themenparks als „moderat“ anpreist.

Überbordende Sicherheitsvorkehrungen und Verbotstafeln an jeder Ecke, sich einreihen, Geduld haben, all das hat eine Anmutung von Gehirnwäsche zu Unterhaltungszwecken. Ich fühle mich an die „Truman Show“ erinnert, nur dass hier alle wissen, was gespielt wird. Im See darf man nicht schwimmen, auf der Straße nicht laufen und im Bus nicht essen und trinken. Und tatsächlich ließe sich bei der Bronzestatue von Walt Disney mit Mickey Mouse an der Hand im „Magic Kingdom“ Themenpark durchaus der Trugschluss ziehen, Nordkoreas Kim Il Sung sei auch schon mal hier gewesen, schiene nicht im Hintergrund das Schloss von Cinderella auf, das nun doch etwas zu verspielt ist für nordkoreanische Verhältnisse.

Als einer von Disneys Erfolgsfaktoren gilt: „offer a promise, not a product“. Das hat perfekt funktioniert. Disney offeriert das Versprechen einer heilen, familienorientierten Unterhaltungswelt, in der die Charaktere nie Probleme machen, weil sie ausgedacht sind. Cinderella wird nie hässlich, Mickey Mouse nie alt, und wenn Donald Duck wie immer kein Geld mehr hat, kann immer noch sein reicher Onkel einspringen. Und so ziehen seit 1971 Millionen Menschen jährlich gen Lake Buena Vista, an die 70 Millionen waren es 2012, um das Versprechen einzulösen, das ihnen gegeben wurde. Sie alle wollen ihren Anteil der „Lifetime of Memories“, die Disney bietet.

In brütender Hitze schieben sich an diesem Nachmittag hunderte von Menschen die Promenade im Zentrum von Disney-Stadt entlang, Unterhaltungsamphibien, die irgendwann in einem der Parks von einer Geister- oder Achterbahn aufgesogen und dann auch irgendwann wieder zu Land oder zu Wasser gelassen werden. Es ist ein nicht endender Strom träger, zum Teil klar adipöser, Besucher, die meisten einen Liter Cola in der Hand, die Frauen gehäuft mit Minnie-Mouse-Haarreif. Ich sitze auf einem Stuhl und schaue auf den Durchzug durchs gelobte Land der Unterhaltung und frage mich: warum machen die das?

Vielleicht ist es eine Art hypnotischer Verbannung aus der Wirklichkeit des Alltags, die hier für einen Tag oder gar mehrere stattfindet. Vielleicht in der Wirkung wie die Chips, die im Gehen und Stehen in rauen Mengen verzehrt werden. Man fühlt sich nicht besser nachher, aber man kann es nicht lassen. Folge den Illusionen, sie sind es, was dir bleibt, auch wenn du weißt, dass du sie – wie bei Achilles und der Schildkröte – nie einholen wirst. Die Illusion verschwindet immer dann, wenn der Mensch ihr zu nahe kommt. Die industrielle Illusion verschwindet manchmal schon, bevor der Mensch ihr nahe kommen kann.

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Es gibt einen Ort in Florida, an dem es seit mehr als 65 Jahren gelingt, die menschliche Fantasie in Handarbeit zu bewirtschaften. 80 Meilen westlich von Disney World fahre ich auf den Parkplatz des Weeki Wachee Spring State Park, um die letzten lebendigen Meerjungfrauen zu sehen. Seit 1947 unterhält der Park seine Besucher mit einer Unterwassershow, in der Meerjungfrauen kleine Abenteuer erleben. Gespeist aus Floridas größter Quelle, die den Weeki Wachee Fluss bildet, bietet der Park ein Naturschwimmbad, in dem sich in der Hitze dieses Morgens etwa hundert Kinder tummeln. Die meisten erklimmen die Wasserrutsche, die gemessen an den Disney Maßstäben fast niedliche Ausmaße hat, um sich dann unter Johlen und Geschrei ins klare Wasser zu stürzen. In dem Park sitzen Familien an Holztischen im Schatten der Bäume und verzehren ihre mitgebrachten Snacks. Auf einem kleinen, etwas altertümlichen Spielplatz klettern Fünfjährige auf Gerüsten herum. Irgendwie ist hier die Zeit stehen geblieben. Ich fühle mich an meine Kindheit erinnert.

Vor dem Eingang zum Unterwassertheater hat sich eine kleine Schlange gebildet. Vielleicht 30 Menschen warten auf den Einlass zu den Meerjungfrauen. Hinter mir steht ein Mann, Ende 40, ein kleines Mädchen an der Hand. Er sei als Kind bereits hier gewesen, erzählt er, „vor 45 Jahren schon!“, seitdem habe sich wenig verändert. Nur leerer sei es geworden. Warum, frage ich. „Es ist zu mühsam“, sagt er. „Die Leute müssen erst umständlich herfahren, das kostet Zeit. Und der Park ist zu klein, hat zu wenig zu bieten.“ Im Vergleich zu Disney World, frage ich, und er sieht mich an, als spräche ich aus, was man hier nun wirklich nicht mehr benennen muss. „Disney hat alles an sich gerissen“, sagt er. Die bequeme all-inclusive Illusion hat gewonnen.

Im Theater hocken wir auf schlichten Holzbänken, im Halbrund um die Fensterfront angeordnet, die noch von blaugrünen Vorhängen verdeckt ist. Dahinter ahnt man das Wasser, noch geschieht nichts. Links neben mir sitzt ein dreijähriges Mädchen, wobei sitzen zu viel gesagt ist. Sie hampelt auf der Bank herum, wirft dabei meinen Rucksack um und fegt meinen Pullover auf den Boden, um in derselben Bewegung ihrer älteren Schwester um den Hals zu fallen. Dann fragt sie mich zum ersten Mal, wie spät es ist. „15 Minuten vor zwölf“, sage ich, „noch 15 Minuten bis es los geht.“ Von da an kommt in immer kürzeren Abständen dieselbe Frage: „wie lange noch?“ Ich antworte geduldig. Die Kleine wird mit jedem Mal ungeduldiger. Rechts neben mir sitzt auch ein Mädchen, etwas älter, wie in Trance. Sie hockt auf ihren Unterschenkeln und rührt sich nicht. Ihre Mutter versucht gelegentlich Kontakt aufzunehmen, doch das Mädchen starrt auf den Vorhang, ohne zu reagieren. Als kurz vor zwölf ein Schwall Luftblasen mit hörbarem Blubbern hinter dem Vorhang aufsteigt, sagt sie einmal leise und langgezogen „ohhhh …“ und seufzt.

Ich habe inzwischen gefühlte 50 Mal gesagt, wie viele Minuten es noch bis zwölf sind, da hebt sich der Vorhang. Sofort kommt Bewegung ins Auditorium. Und als dann eine Meerjungfrau mit langem schwarzem Haar und noch längerem roten, gitzernden Seidenschwanz direkt vor der rundgezogenen Scheibe vorbeischwimmt und winkt, bricht sich die Anspannung und kippt in laute Begeisterung. Wir sehen die Adaption von Hans Christian Andersens „Die kleine Meerjungfrau“ mit der Hauptdarstellerin, ihren zwei Freundinnen, Frosch, Meereshexe und Prinz. Die Unterwasserdamen wirbeln durch die Fluten, machen kleine Kunststückchen alleine oder zu dritt, tanzen, drehen Pirouetten, und zwischendurch saugen sie an den unter Wasser ausgelegten Schläuchen am Sauerstoff.

Irgendwann fällt ein Anker ins Wasser, dann ein Prinz, der aber leider wieder zurück auf sein Schiff muss. Die kleine Meerjungfrau hätte jetzt auch gerne Beine statt des Meerjungfrauenschwanzes und fragt den Frosch, wie sie das machen soll. Der verweist sie an die Meereshexe, die natürlich böses im Schilde führt und gegen Ende der Vorstellung plötzlich oberhalb der Scheibe aus einem runden Fenster hervorspringt und in den Zuschauerraum faucht. Jetzt ist es endgültig vorbei mit der Zurückhaltung, die Kinder kreischen, manche vor Angst, andere vor Begeisterung. Aber alle, ausnahmslos alle, sind gebannt konzentriert auf das Geschehen. Es sind vierzig Minuten einer wunderbaren Entführung in die Welt der Illusionen.

Weeki Wachee hat Tradition. „Das hier war immer ein sicherer Arbeitsplatz“, sagt eine ältere Dame, die mit ihren beiden Nichten vor mir in der Schlange aus dem Theater hinausschiebt. „Unsere dienstälteste Meerjungfrau ist gerade in Rente gegangen, sie war 32 Jahre dabei.“ Sie hat auch bei der Aktion „Save Our Tails“ mitgewirkt, mit der die Meerjungfrauen von 2003 an gegen die Insolvenz des Parks angekämpft haben. 2008 wurde Weeki Wachee staatlicher Park und damit vor dem Aus gerettet. „Hier wäre wirklich ein Stück Geschichte Floridas kaputt gegangen“, sagt die Frau. Das ist nicht geschehen. Die Meerjungfrauen schwimmen noch immer. Aber Weeki Wachee zeigt, wie schwer es geworden ist, Menschen zu den Nebeneingängen handgemachter Fantasiewelten zu locken.

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Ich bewege mich geografisch immer weiter weg von Disney World, Richtung Süden, entlang dem Lake Okeechobee, Floridas größtem See, der zu Recht „Big O“ genannt wird. An seinem südlichen Ufer reihen sich kleine Städte aneinander, die alle auf die Zuckerindustrie ausgerichtet sind. In der Region um Cleviston und Belle Glade wächst etwa die Hälfte des Zuckerrohrs der USA. Aber die Städtchen haben noch andere Rekorde gebrochen. Mitte der achtziger verzeichnete Belle Glade die höchste HIV-Infektionsrate der USA, Anfang des neuen Jahrtausends war sie in der US-Kriminalstatistik für Gewaltverbrechen auf Platz zwei.  An den Rändern der Stadt hausen die zumeist haitianischen Gastarbeiter in Wellblechhütten und Trailern, viele ohne Scheiben, die Fenster mit Sperrholz oder Folie abgedichtet. Die Fantasie der Menschen erschöpft sich hier in der Frage, wie die Familie die nächste Woche überleben kann. Das ist eine der ärmsten Regionen einer Stadt, die Besucher an der Stadtgrenze mit den Worten „her soil is her fortune“ begrüßt.

Ausgerechnet in einem Chinaimbiss lande ich für eine kleine Pause. Ein chinesischer Familienbetrieb von zwei Brüdern, den Eltern und einigen Kindern, die vor einigen Jahren aus der Gegend von Wuhan hierher gekommen sind. Der 17jährige Junge, der mir das Essen über die Theke schiebt, spricht gebrochen Englisch. „Ich will seit langem hier weg“, sagt er, „aber die Eltern wollen nicht.“ Hat er irgendetwas anderes von den USA gesehen als diese kleine Stadt? Nein, nichts. Also auch nie in Disney World gewesen? „Oh doch“, die Augen blitzen, und sein kleiner, siebenjähriger Bruder kommt bei dem Wort Disney angelaufen. „Zwei Mal sogar!“ Vier Stunden sind sie hingefahren, morgens um fünf Uhr los, und vier Stunden zurück, um nach Mitternacht wieder in Belle Glade zu sein. „Das war toll!“ kreischt der kleine Bruder

Auf der ganzen Reise durch Florida ist tatsächlich nicht ein einziger Mensch zu treffen, der noch nicht in Disney World war. Ein Besuch ist für viele der Hauptgewinn. Einmal dort gewesen sein. Dabei sein. Sich auf Bahnen mit programmatischen Namen wie „small world“ durch eine Welt schieben lassen, zu der man nicht gehört, um für einige Minuten und Stunden das Gefühl zu haben, man sei doch dabei. Wie singt Conor Oberst in seiner Hymne auf Florida: „You taught me victory is sweet even deep in the cheap seats.“ Süß mag der kurze Sieg über das alltägliche Leben sein, billig ist er nicht. 95 US$ kostet der Eintritt für „Magic Kingdom“ pro Person, Kinder unter zehn Jahren sechs Dollar weniger. Ist das nicht ganz schön teuer für euch gewesen, frage ich den jungen Mann im Chinaimbiss. Keine Antwort, er muss jetzt weiterarbeiten.

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Es gibt einen wahren magischen Ort in Florida, und das sind die Sümpfe. Eines der ältesten Gebiete Floridas ist der Hammock State Park in Sebring, knapp hundert Meilen südlich von Orlando. Mit dem Auto fahre ich die Straße entlang, die in den Park führt und in einen Rundweg mündet, von dem zahlreiche Pfade in den Sumpf voller alter Zypressenbäume abgehen. Manche ziehen sich über den Boden, andere verlaufen auf Holzstegen direkt in das Sumpfgebiet hinein. Ich bin da um zu sehen, was man hier laut Parkinfo „fast sicher“ sehen kann, nämlich Alligatoren.

Über die glitschigen Holzstege arbeite ich mich ins Dickicht des Sumpfes vor, tastenden Schrittes, denn es gibt eine sehr unmagische Vorstellung: vom Steg in das brackige Wasser zu fallen und einem Alligator direkt in die Augen zu schauen. Die Luft ist feucht, und ich schwitze, umgeben von einem Schirm aus Moskitos, die ich hören, aber nicht sehen kann. Nur gelegentlich werde ich durch das T-Shirt gestochen, die Haut ist mit „Anti-Brumm“ geschützt. Je tiefer ich in den Sumpf hineinkomme, desto dunkler wird es. Außer mir ist hier niemand, und es scheint, als sei auch seit Wochen niemand hier gewesen. Davon zeugen die Spinnennetze quer über dem Holzsteg mit handtellergroßen Spinnen, die ich schwitzend mit einem Stock beseitigen muss, bevor ich weitergehen kann.

Zwischen dem Sumpf und meiner Fantasie entwickelt sich ein inniger Dialog. Baumwurzeln werden zu Gesichtern und Gestalten, verschiedentlich zücke ich die Kamera, um einen Alligator zu fotografieren, der sich bei näherer Betrachtung als Treibholz entpuppt. Jemand scheint immer wieder das Licht zu dimmen, so fühlt es sich jedenfalls an. Alle paar Meter verschwindet etwas mit einem lauten Glucks im Wasser, und nie kann ich sehen, was das ist. Ich starre auf das Wasser nahe und fern, immer auf der Suche nach den Alligatoren. Und dann höre ich ein seltsames, lautest Brunftgeräusch hinter mir, und das Herz schlägt mir zum Hals. Was ist denn das für ein Tier? Ich schaue mich hektisch um, aber da ist nichts. Also weitergehen und nach rechts abbiegen. Das Geräusch wird leiser, dann ist es plötzlich wieder hinter mir. Das Spiel machen wir mehrmals, immer wieder nähert sich das Geräusch und fällt dann wieder zurück. Nach etwa vier Stunden spuckt mich der Sumpf wieder auf die Ringstraße. Ich fühle mich wie nach einem Trip, glücklich überlebt zu haben, aber auch irgendwie erschöpft und leer. Nicht einen Alligator habe ich gesehen.

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Vielleicht ist die Natur schon deshalb magisch, weil wir sie kaum mehr gewöhnt sind. Weil wir viele Pflanzen und Tiere, ihre Geräusche, Gerüche und Verhaltensweisen gar nie mehr kennenlernen. Vielleicht ist sie deshalb manchmal auch ein wenig bedrohlich. Und vielleicht ist es daher ein entlastendes Gefühl, wieder in die Zivilisation, das Menschengemachte zurückzukehren.

Diese Rückkehr ist dennoch ein Kulturschock. Er vollzieht sich im Ortswechsel von den Sümpfen nach Celebration, die Kunststadt wenige Meilen südlich von Orlando. Ich bin jetzt wieder zurück bei Disney. Die Walt Disney Company hat hier geschätzte 2.5 Milliarden US$ investiert, um das Ideal einer Kleinstadt zu schaffen, „das Ziel, nach dem deine Seele gesucht hat“, wie Celebration auf großen Plakaten vermarktet wurde.

Die Seele sucht, und dann wird sie verschlungen von einem Ort, der selbst keine hat. Celebration erinnert bei der Einfahrt in die Stadt an die „Wisteria Lane“ aus der Fernsehserie „Desperate Housewives“, nur dass die gegen Celebration ein ziemlich heißes Pflaster ist. Nichts durchbricht hier die Ordnung und Stille. Die Stadt wirkt wie tot. Im Ortskern mit einigen Restaurants, Cafés und einem Hotel, alles um einen kleinen See gruppiert, sitzen immerhin einige Menschen in Schaukelstühlen und trinken Kaffee.

Ron, der Barkeeper, der das Bier vor mich auf den Tresen stellt, ist begeistert. Er hat soeben ein kleines Häuschen für seine Familie gekauft. Nein, in Orlando, nicht in Celebration. „Ich hätte liebend gerne hier gewohnt, aber dann hätte das Haus das Dreifache gekostet“, er zuckt mit den Schultern. Was ist so toll an dieser Stadt? „Das hier ist das Modell für die perfekte Kleinstadt“, sagt Ron, „die haben hier wirklich einen super Job gemacht.“ Er sagt „das ist das Modell“, er sagt nicht, „das ist die perfekte Stadt“.

Ein Modell vereinfacht die Wirklichkeit, um sie besser darstellen und erklären zu können. Ein Modell bringt die Vorstellung von Wirklichkeit in Form und lässt Kompliziertes weg. Am frühen Morgen sind in Celebration Armadas von Grünpflegern unterwegs, die meisten schwarz, um Rasenkanten zu schneiden, Wege abzuspritzen und Laub aufzukehren. Aus Lausprechern in den Pflanzen entlang der Wege tönt Disney Musik. Und auch hier klären einen überall Schilder auf, dass man den „Einwohnerausweis“ braucht, um Zugang zu haben, welche Kleidung man beim Baseballspielen tragen soll und dass es verboten ist, die Alligatoren zu belästigen. Humor haben sie.

Am Nachmittag mache ich einen Spaziergang um den See. Träumend schlendere ich über saubere Wege und gebürstete Holzstege und setze mich auf der ruhigen Seite des Sees auf eine Bank. Da ist nun gar niemand mehr unterwegs. Oder doch. Ich glaube, meinen Augen nicht trauen zu können, als plötzlich, wenige Meter entfernt, ein Alligator lautlos durch das Wasser pflügt. Er sinkt etwas tiefer, als ich hektisch meine Kamera zücke, aber eindeutig ist das ein Alligator. Da krauche ich stundenlang in einer kontraphobischen Übung durch die Sümpfe, und nicht ein Alligator zeigt sich. Aber hier, in dieser Kunststadt, kurz vor Wiedereintritt in die Mickeysphäre, da schwimmt er. Das ist es also, was Disney geschafft hat. Das Künstliche wird natürlicher, als es die Wirklichkeit je sein kann. Das Modell hat von der Wirklichkeit übernommen.

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Am Abend belebt sich die Stadt. Menschen sitzen schwatzend in Restaurants und laufen am See entlang. Das Leben scheint zurückgekehrt an diesen artifiziellen Ort. Nur eines bleibt in Celebration leer, und das ist das Kino. Es wurde Ende 2010 wegen mangelnder Auslastung geschlossen. Inmitten der perfekten Illusion braucht es keinen speziellen Ort mehr für die Projektion von Fantasien. Am Eingang des Kinos klebt übrigens ein Schild. Darauf steht: „no entrance“.

siehe auch: Cicero 1/2014

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